Vision / Leitbild / Kulturveränderung: Wenn sich die "Sitten und Gebräuche" ändern sollen
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Zu den schwierigsten Veränderungsvorhaben zählt, den
Mitarbeitern eine neue Art, zu denken und zu handeln, nahe zu bringen.
Sie weisen vermutlich eine noch höhere Misserfolgsquote auf
als Fusionen, über die ja wahre Horrorzahlen kolportiert werden.
Ganze Berge von Visionen, Leitbildern und Führungsgrundsätzen
haben kaum mehr bewegt als die Schreibtischschubladen, in denen
sie verschwunden sind.
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Das liegt daran, dass die Schwierigkeit einer Kulturveränderung
("Cultural Change") fast immer unterschätzt wird
am Anfang geht ja alles so einfach: Man beauftragt eine Projektgruppe,
möglicherweise unter Anleitung eines externen Beraters, ein
neues Leitbild zu definieren. Nach einiger Zeit kommt die Gruppe
mit einem Vorschlag zurück, über den sie nach heftigen
Diskussionen zu einem Konsens durchgekämpft hat. Dieser Vorschlag
wird im Vorstand diskutiert; man nimmt noch einige Änderungen
vor ("Duftmarken") und verabschiedet ihn dann. Und schon
ist das Leitbild fertig es muss nur noch gedruckt werden.
Im günstigsten Falle wird es noch auf der nächsten Führungstagung
vorgestellt und in Arbeitsgruppen diskutiert. Darüber berichtet
die Werkszeitung mit einigen Bildern ("Heiß ging es her
...") und einem Interview des Vorstandsvorsitzenden. Anschließend
wird das neue Leitbild mit einem Begleitschreiben des Vorstands
an alle Mitarbeiter verschickt.
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Schwierigkeits-
grad unterschätzt
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"Gelesen, gelacht, gelocht" |
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Und dann? Frei nach Karl Valentin darf man vorhersagen:
"Und urplötzlich geschah überhaupt nichts."Zufrieden mit dem vollbrachten Werk wendet sich der Vorstand anderen Themen
zu. Mitarbeiter wie Vorgesetzte legen das Leitbild in jene unterste
Schreibtischschublade, wo auch all jener andere Kram lagert, der zwar keinen
praktischen Nutzen hat, den man andererseits aber auch schlecht
wegwerfen kann, wie Leitbilder, Führungsgrundsätze, Imagebroschüren
und andere Lyrik. Dort bleibt es bis zum nächsten Umzug. Die
Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit versendet das Leitbild
auf Anfrage an Schulklassen, Doktoranden der Betriebswirtschaft
und andere naive Menschen. Und das Leben im Unternehmen geht weiter,
als ob es nie ein Leitbild gegeben hätte.
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Folgenlosigkeit garantiert
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Fast so jedenfalls. Denn etwas bleibt doch zurück: ein schaler
Nachgeschmack. Etliche Mitarbeiter bedauern doch, dass aus den guten Thesen
nicht mehr geworden ist. Das Projektteam ist enttäuscht, dass
seine Arbeit vom Vorstand nicht genügend aufgegriffen und weitergeführt
worden ist. Der Vorstand hat ein bisschen an Respekt und an Einfluss
verloren, weil seine hoch aufgehängte Aktion am Ende nur ein
Schlag ins Wasser war. Nur die Zyniker sind glücklich, liefert
es doch Wasser auf ihre Gebetsmühlen und beweist ein weiteres
Mal, welche Widersprüche zwischen Worten und Taten des Managements
bestehen. Alles in allem keine Katastrophe, aber doch ein Schaden:
Die Auswirkungen auf das Klima im Unternehmen sind negativ, weil
durch diese Erfahrung Engagement entmutigt und Distanz und Zynismus gefördert wird.
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Aber was ist eigentlich schiefgegangen? Der entscheidende Fehler liegt ganz am Anfang, nämlich darin,
einen solchen Veränderungsprozess in völliger Fehleinschätzung
seines Verlaufs und des erforderlichen Aufwands zu starten. Denn
Einstellungen und Verhaltensweisen ändern sich nicht durch
das Verteilen von Papier und auch nicht durch moralische Appelle,
sondern nur durch eine groß angelegte, geduldige und beharrliche
Auseinandersetzung.
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Großer Aufwand erforderlich
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Kulturveränderung ist schwieriger als sie aussieht |
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Als Faustregel kann man sagen: Wer nicht bereit ist, eine Veränderung
der Kultur, je nach Größe des Unternehmens, für
6 bis 24 Monate zum dominierenden Gegenstand der internen Debatten
zu machen, möge eine Kulturveränderung besser gar nicht beginnen.
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Und selbst mit diesem Aufwand ist keine völlige Veränderung
der Kultur zu erreichen, sondern nur die gezielte Weiterentwicklung
an bestimmten kritischen Stellen. Denn "Kultur" ist ja
nichts anderes als die Menge der Gewohnheiten, in denen sich ein
Unternehmen von seiner Umgebung unterscheidet. Und Gewohnheiten
sind sehr schwer zu verändern gemeinsame noch schwieriger
als individuelle.
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Keine
Generallösung
anstreben
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Was daher überhaupt keinen Sinn macht, ist, sich sämtliche Gewohnheiten auf einmal vorzunehmen, wie man es ja mit einem Leitbild oder mit Führungsgrundsätzen unausgesprochen tut. Das ist ähnlich wirkungslos wie der Neujahrsvorsatz, ab dem 1.1. ein besserer Mensch zu werden. Wenn Kulturveränderung überhaupt eine Chance haben soll, muss alle Kraft und Aufmerksamkeit auf einige wenige Gewohnheiten konzentriert werden, die für einen Durchbruch im Markt oder in den internen Abläufen kritisch sind. Und selbst dann wird es schwer werden, denn nach den ersten Anfangserfolgen wird sich die "Macht der Gewohnheit" machtvoll gegen ihre Veränderung zur Wehr setzen.
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Angesichts dieses beträchtlichen Aufwands muss natürlich
die Frage beantwortet werden und zwar zweckmäßigerweise
vor Beginn des Projekts! –, ob das Ziel solche Mühen und Kosten
wirklich wert ist. Wenn als Resultat nur eine nette Broschüre
zu erwarten ist, wird man ins Grübeln kommen. Andererseits
kann sich der Aufwand sehr wohl lohnen, wenn man der Überzeugung
ist, dass zum Beispiel der Abbau interner Reibungsverluste oder
die Verbesserung der externen und internen Kundenorientierung Voraussetzung
für die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ist.
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Lohnt sich die Mühe wirklich?
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Falls man sich positiv entscheidet, müssen gerade bei solch
"weichen" Themen nachprüfbare Ziele formuliert werden,
gemäß dem schnoddrigen, aber treffenden Satz: "Mal
angenommen, wir wären erfolgreich, woran würden wir es
eigentlich bemerken?" Erst dann macht es Sinn, eine Veränderungsstrategie
zu entwickeln. (Wobei eine Projektgruppe, die ein Leitbild ausarbeitet,
mit großer Wahrscheinlichkeit nicht am Beginn des Prozesses
stehen wird.)
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Messbare Ziele – gerade bei "weichen Themen"
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Zu diesem Thema steht ein Artikel zum Download bereit:
"Praktische Strategien zur Veränderung der Unternehmenskultur"; (pdf, 502KB)
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© 2001 Winfried Berner - vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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