Machtmissbrauch: Von destruktiver und von konstruktiver Macht
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Beim Thema Macht denken viele Menschen
zuerst an Machtmissbrauch – manche mit Beispielen aus Politik und
Geschichte im Hinterkopf, manche in Erinnerung an eigene schlechte
Erfahrungen. In der Tat kann Macht benutzt werden, um sich ungerechtfertigte
Vorteile zu verschaffen, um hemmungslose Ego-Trips auszuleben, um
Gegner zu vernichten und Kritik und unerwünschte Meinungen zu unterdrücken.
Dennoch ist Macht – gleich ob in Unternehmen oder in der Politik
– erforderlich, um Veränderungen voranzutreiben, die im übergeordneten
Interesse notwendig sind, aber nicht den Beifall aller Betroffenen
und Interessengruppen finden.
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Je wirkungsvoller ein Instrument, desto größer ist auch die potenzielle
Gefahr, die von ihm ausgeht. Eine Motorsäge ist gefährlicher als
ein Fuchsschwanz, ein Bagger gefährlicher als eine Schaufel, ein
Computer gefährlicher als ein Rechenschieber. Doch sind es nicht
die Instrumente, von denen die Gefahr ausgeht, sondern die Menschen,
die sich ihrer bedienen – genauer, die Einstellung ("Gesinnung"),
aus der heraus sie handeln, und die Absichten und Ziele, die sie verfolgen.
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Macht und Persönlichkeit
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Unbestreitbar zieht Macht bestimmte Persönlichkeitsstrukturen besonders
an. Wie Alfred Adler (1870 – 1937), der Begründer der Individualpsychologie,
vor rund 80 Jahren erkannt hat, eignet sich Macht hervorragend,
um Minderwertigkeitsgefühle zu kompensieren (bzw. sie überzukompensieren).
Je mehr sich jemand unterlegen, "klein" und minderwertig fühlt,
desto größer sein Bedürfnis nach Überlegenheit. Dieses Bedürfnis
kann auf verschiedene Arten ausgelebt werden: zum Beispiel durch
Besserwisserei, durch "moralische Überlegenheit" oder eben durch
Macht.
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Minderwertig-keitsgefühle
und Kompensation
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Kennzeichen für solche neurotischen Muster ist, dass sie immer
eine gegen andere Menschen gerichtete "Beweisführung" enthalten:
Sie zielen darauf, sich selbst zu erhöhen, indem sie andere erniedrigen,
sei es auf intellektuellem, moralischem oder praktischem Gebiet,
also durch Zwang. Letzteres ist für andere Menschen besonders bedrohlich,
deshalb ist die Angst vor Machtmissbrauch größer als die vor Klugscheißerei
und Bigotterie.
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Doch in der Geschichte der Menschheit gibt es keine Beispiele dafür,
dass wegen der bestehenden oder befürchteten Risiken auf Möglichkeiten
verzichtet worden ist. Ebenso wenig ist Machtmissbrauch durch eine
Dämonisierung der Macht zu verhindern oder wenigstens einzudämmen.
Vieles spricht im Gegenteil dafür, dass die Dämonisierung und Tabuisierung
zusätzliche Freiräume für Missbrauch schafft – und genau die falschen
Leute anzieht.
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Dämonisierung nützt
nichts
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Kontrolle der Macht
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Deshalb ist es notwendig, dass wir uns dem "Phänomen Macht" stellen.
Wir sollten es zu verstehen und nutzbar zu machen versuchen; zugleich
müssen wir uns bemühen, seinem Missbrauch oder exzessivem Gebrauch
durch wirksame Regeln einen Riegel vorzuschieben.
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In der Politik erfolgt dieses "Zähmen" der Macht durch regelmäßige
Wahlen. Alle paar Jahre haben die Wähler die Möglichkeit zu beurteilen,
ob sie den Umgang der Regierenden mit der Macht insgesamt angemessen
und konstruktiv finden oder nicht. (Ob und in welchem Umfang sie
davon Gebrauch machen, steht auf einem anderen Blatt.)
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In Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen existiert diese Form
der Kontrolle nicht. Die vorhandenen Aufsichtsgremien üben zwar
eine gewisse Kontrolle der Macht aus, allerdings primär aus Sicht
der Anteilseigner. Eine wichtige zusätzliche Kontrolle ergibt sich
de facto aus der Freiheit der Mitarbeiter, das Unternehmen zu verlassen.
Denn der Macht eines Unternehmens kann man sich sehr viel leichter
entziehen als der des Staates. Dieses Korrektiv ist auch dann wirksam,
wenn aufgrund der Arbeitsmarktlage, des Alters und der persönlichen
Wettbewerbsfähigkeit längst nicht alle Mitarbeiter die Möglichkeit
haben zu gehen. Zumindest die besten und leistungsstärksten Mitarbeiter
haben allemal genügend Alternativen. Wenn aber die Leistungsträger
abwandern,
weil sie unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht länger arbeiten
wollen, hat das einen erheblichen Einfluss auf die Wettbewerbsfähigkeit
des Unternehmens – und damit auf die "Überlebenschancen" der Unternehmensleitung.
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Unternehmen: "Bleiben
oder Gehen"
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Konstruktive Machtausübung
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Ob Macht konstruktiv oder destruktiv wirkt, hängt entscheidend
davon ab, ob sie, wie der Individualpsychologen Fritz Künkel (1889
– 1956) unterschieden hat, "sachbezogen" oder "ichhaft" eingesetzt
wird. "Sachbezogen" ist der Einsatz von Macht dann, wenn die dahinter
stehende Intention gemeinschaftsfördernd ist, also etwa, wenn es
darum geht, etwas aufzubauen, Entwicklungen voranzubringen, Ideen
zu verwirklichen, aber auch, etwas Wertvolles zu verteidigen. Dagegen
ist er "ichhaft", wenn die Intention gegen die Gemeinschaft gerichtet
ist – also etwa, wenn sie benutzt wird, um sich über andere zu stellen,
andere klein zu machen, Wertvolles zu zerstören. Rupert Lay spricht
in diesem Zusammenhang von "biophilem" bzw. "nekrophilem" Handeln:
Ist das Handeln darauf gerichtet, menschliches Leben und Wachstum
zu mehren oder es zu mindern?
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Die Umgebung spürt diesen Unterschied sofort und reagiert darauf.
Konstruktive Machtausübung wird oftmals kaum wahrgenommen, oder
sie wird als eine "wohlwollend ordnende Hand" empfunden und begrüßt.
Der entwertende Charakter der ichhaften Machtausübung hingegen polarisiert
Unternehmen. Manche wandern früher oder später ab, manche wählen
die Rolle des Opfers und leiden, ohne Konsequenzen zu ziehen, (mehr
oder weniger) still vor sich hin; wieder andere machen sich lustvoll
und oft mit Zügen von Sadismus zu Schergen des Systems oder des
willkürlichen Herrschers. (Was Anna Freud "Identifikation mit dem
Aggressor" genannt hat.)
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Dieser große Unterschied rührt daher, dass konstruktive Machtausübung
ohne Demütigungen und (weitestgehend) ohne spektakuläre Siege auskommt
– und damit ohne Niederlagen für andere. Da das innere Ziel nicht
ist, die eigene Überlegenheit zu beweisen, sondern Dinge zu bewegen,
genügt es ihr völlig, die Weichen richtig zu stellen und Energie
in die richtige Richtung zu mobilisieren. Der spektakuläre "Show-Down" bleibt die krasse Ausnahme; im Normalfall läuft
die Durchsetzung unspektakulär beinahe unauffällig ab. Da wird in Gesprächen, Diskussionen
und Reden Überzeugungsarbeit
geleistet; Kompromissbereitschaft im Detail paart sich mit Klarheit
der großen Linie, und nach einer Weile steht ein breiter Zielkonsens,
dem sich diejenigen, denen das Alles eigentlich gar nicht so recht
ist, kaum noch entziehen können.
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Keine Demütigungen,
kaum Kämpfe
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Die Gestaltungsarbeit läuft hier so unauffällig ab, dass ungeübte
Beobachter den Einsatz von Macht kaum bemerken. Der leise Zwang
resultiert letztlich aus der stillen Einsicht der "Andersgläubigen",
dass die Sache gelaufen ist und es keinen großen Sinn mehr hat,
dagegen anzukämpfen. Weil das ohne Kampf geschieht, erleidet auch
niemand eine Niederlage; stattdessen entsteht ein Konsens, der sicher
noch brüchig und von einigen stillen Vorbehalten geprägt ist. Machtbewusst
zu denken, heißt diese Vorbehalte zu erkennen, auch ohne dass sie
ausgesprochen wurden, und zu versuchen, sie durch Kommunikation,
Einbindung und durch Fordern, also durch das Abverlangen eigener
Beiträge, aufzulösen.
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Machtbewusst zu denken, heißt in solch einem Fall auch, sich bewusst
zu sein, dass die Zeit der "Gegenreformation" und damit der Widerstand
erst bei der ersten Krise
kommen wird, und sich darauf in doppelter Weise vorzubereiten: Zum
einen dadurch, dass man frühzeitig für greifbare Resultate sorgt, zum anderen
dadurch, dass man in der Krise deutlich macht, dass das Projekt
nach wie vor die volle Unterstützung des Top Managements hat und
dass ein Nachlassen, geschweige denn ein "Abschuss"
des Projekts überhaupt nicht zur Diskussion steht. Auch hier findet
die "Machtpolitik" nicht durch spektakuläre Kämpfe statt, sondern
durch kluges Gestalten von Prozessen und durch das frühzeitige Setzen
von Signalen – also letztlich durch Konfliktprävention.
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Und auch hier merken naive Beobachter gar nicht, dass Macht ausgeübt
wurde, weil das so "unblutig" und vermeintlich konfliktfrei geschieht.
Nur die Betroffenen und einige Insider spüren die eiserne Entschlossenheit,
die zuweilen hinter der "weichen Schale" durchblitzt. Dennoch sind
diese Freundlichkeit und Verbindlichkeit nicht, wie es zuweilen
missverstanden wird, eine Maske, die mühsam die dahinter liegende
stählerne Härte kaschieren soll, sondern Ausdruck einer Grundhaltung,
die nicht auf Besiegen, sondern auf Gestaltung durch Zusammenführung
und Integration zielt.
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Trotzdem knirscht dabei natürlich der eine oder andere Betroffene
mit den Zähnen, weil auch die sanfteste Form der Machtausübung nichts
daran ändert, dass er ursprünglich etwas ganz anderes im Sinn hatte
und sich nun "mit sanfter Gewalt" auf einen ungeliebten Weg gezwungen
sieht. Selbstverständlich macht dies den Betroffenen keine Freude,
vielmehr reagieren sie mit mehr oder weniger ausgeprägtem Missvergnügen
auf den erzwungenen Kurswechsel. Auch in solchen Fällen wird hinter
den Kulissen zuweilen recht wütend und verstimmt über den ausgeübten
Zwang gesprochen – gezwungen zu sein, macht nun einmal keinen Spaß.
Dennoch ist dies, verglichen mit einer persönlichen Demütigung oder
einer öffentlichen Niederlage, ein relativ harmloses Problem.
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Nicht keine, aber
weniger Frustration
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Mit solchen vorübergehenden Verstimmung muss man leben können,
wenn man Macht als notwendiges Instrument
des Change Management anerkennt und es konsequenterweise auch persönlich
als Gestaltungschance nutzt. Zwar ist es natürlich besser, wenn
nicht (mehr oder weniger) sanfter Zwang zum Erfolg führt, sondern
wirkliche Überzeugung. Die Frage ist nur, was Sie tun, wenn manche
Menschen nicht zu überzeugen sind, weil dem gegenläufige Überzeugungen,
Ängste oder Eigeninteressen
im Weg stehen. Am Ende bleiben Ihnen dann nur drei Möglichkeiten:
Entweder die langwierige Suche nach Kompromissen, oder der Verzicht
auf das Vorhaben – oder der Mut zur Macht.
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© 2001 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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