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Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
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Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Machtquellen: Position, Persönlichkeit und Beziehungen
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Wie kommt es überhaupt dazu, dass der eine mehr Macht hat als
der andere? Woraus leitet sich Macht ab? Die sprichwörtlichen "Gewehrläufe"
(Marx) oder "Bataillone" (Napoleon) sind in der Wirtschaft weniger
gebräuchlich. Dennoch lässt sich das Bild übertragen: Macht ergibt
sich aus der Glaubwürdigkeit von Drohungen oder Verheißungen.
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Das heißt, wer Macht ausüben will, muss erstens dazu in der Lage
sein, dem anderen ernstliche Nachteile (oder Vorteile) zuzufügen,
ohne dass sich der andere mit einer glaubhaften Gegendrohung wehren
kann, und er muss zweitens als ein Mensch angesehen werden, der
dies gegebenenfalls auch tun wird. Denn wenn man jemanden die nötige
Härte nicht zutraut, nützt ihm die theoretische Sanktionsmöglichkeit
wenig – dies ist das machtpolitische Handicap von gutmütigen und
harmoniebedürftigen Menschen.
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Positionsmacht und ihre Grenzen |
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Bei genauerer Betrachtung gibt es drei Quellen von Macht: (1) die
hierarchische Position, (2) Netzwerke / Beziehungen und (3) Persönlichkeit.
Die Positionsmacht ist am einfachsten zu durchschauen: Der Vorgesetzte
besitzt Macht "kraft Amtes", das heißt, er hat durch seinen Arbeitsvertrag
und den seiner Mitarbeiter, und unabhängig von seiner Qualifikation
und Persönlichkeit, gegenüber den Mitarbeitern bestimmte Möglichkeiten
der Einflussnahme und des (verdeckten oder offenen) Zwangs, die
die Mitarbeiter gegenüber dem Vorgesetzten nicht haben.
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Allerdings heißt das durchaus nicht, dass es Macht nur von oben
nach unten verläuft und dass der Mitarbeiter gegenüber dem Vorgesetzten
machtlos oder gar ohnmächtig wäre. Denn auch der Vorgesetzte ist
vom Mitarbeiter abhängig: Wenn der Mitarbeiter "schwierig ist",
nicht verlässlich "funktioniert" oder "immer gleich zum Betriebsrat
läuft", hat der Vorgesetzte ein Problem. (Wobei sich diese Macht
interessanterweise nicht aus dem Arbeitsvertrag ergibt, sondern
aus der – persönlichkeitsbedingten – Bereitschaft des Mitarbeiters,
sich diesem in gewissen Grenzen zu entziehen. Und natürlich aus
der – ebenfalls persönlichkeitsbedingten – Schwierigkeit des Vorgesetzten,
sich dagegen durchzusetzen.)
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Viele Mitarbeiter spüren das "instinktiv" und spielen diese Karte
lustvoll und zielsicher aus: Sie sind launisch, unberechenbar, ungeschickt,
hilflos, anstrengend – alles Verhaltensmuster, die den Vorgesetzten
"zwingen", Dinge zu tun, die er/sie/es sonst nicht getan hätte und
eigentlich auch nicht tun wollte, gleich ob es darum geht, Arbeiten
selbst zu erledigen, strenger zu kontrollieren oder was auch immer.
Diese Art der Machtausübung nennt man die "Macht der Schwäche",
und viele Menschen, vor allem aber Männer tun sich schwerer, ihr
zu widerstehen als aggressivem Druck. Da hat sich etwas mit der
Macht von Hierarchie und Status – mancher Vorgesetze wäre froh,
wenn ihm "seine" Mitarbeiter zumindest gewisse Mitspracherechte
zugestehen würden.
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Machtquelle Persönlichkeit
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Damit sind wir bereits bei der Machtquelle Persönlichkeit. Ihr
sind wir oben schon einmal kurz begegnet: Sie besteht unter anderem
darin, dass die anderen einem zutrauen, angekündigte oder unangekündigte
Sanktionen tatsächlich zu setzen – also beispielsweise Führungskräfte,
die das Projekt nicht ausreichend unterstützen, zu konfrontieren,
einen ständigen Quertreiber zu feuern oder einen tapferen Projektleiter zu befördern.
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Eine wichtige Rolle spielt auch das persönliche Auftreten. Was
aber durchaus nicht mit autoritärem Gebaren gleichzusetzen ist,
sondern in erster Linie mit Entschiedenheit, Festigkeit und einer
gewissen Konfliktbereitschaft. Es gibt keinen typisches Auftreten
der Macht – die persönlichen Stile mächtiger Wirtschaftsführer sind
sehr unterschiedlich; sie reichen vordergründig von extremer Dominanz
(Helmut Kohl) über ein nüchtern-analytisches Auftreten (Gerhard
Cromme) über Primadonnen-Gehabe (Ferdinand Piech) bis hin zu unauffälligem
Charme (Joachim Milberg). Was sie aber alle gemeinsam haben, ist
die Bereitschaft, sehr schnell und ohne lange Vorwarnungen Entscheidungen
zu treffen, die negative (oder positive) Konsequenzen für andere
haben.
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Auftreten allein macht keine Macht. Viele, die besonders markig
auftreten, werden hinter ihrem Rücken als "Papiertiger", "Operettentenöre"
oder "Heldenmaskenträger" verhöhnt. Wie so oft, zählen am Ende nicht
die Worte, sondern die Taten. Insbesondere dann, wenn sie nicht
den Charakter einer Beweisführung ("Seht mal, wie entschlossen ich
bin!") haben, sondern der erkennbare Ausdruck einer von innen kommenden
Entschiedenheit sind.
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Machtquelle Netzwerk / Beziehungen
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Der Machtfaktor Netzwerk / Beziehungen schließlich ist das Bindeglied
zwischen Position und Persönlichkeit. Er bezieht sich darauf, wie
weit die eigene Einflusssphäre reicht – ob man ein isolierter Einzelkämpfer
ist oder bei Bedarf zahlreiche Verbündete mobilisieren und auf die
Unterstützung von Kollegen, Vorgesetzten und anderen direkt oder
indirekt Beteiligten zählen kann. Dabei geht es nicht nur die Frage,
wie groß die eigene "Hausmacht" ist (also die Zahl und Macht der
Leute, die einem mit großer Wahrscheinlichkeit folgen werden), sondern
auch um die Fähigkeit, Koalitionen zu schmieden und Mehrheiten zusammenzuführen.
Denn in der Wirtschaft geht es zwar so gut wie nie um (Abstimmungs-)Mehrheiten;
für die meisten Entscheidungen spielt aber eine wichtige Rolle,
wohin sich die Stimmung bei den "Fürsten" entwickelt hat. Ob eine
Idee realisiert wird, hängt daher auch ohne formale Abstimmung stark
davon ab, mit wie viel Engagement die einen für sie kämpfen und
auf wie viel Widerstand
sie bei den anderen trifft.
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Unterstützung durch
andere
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Der Machtfaktor Netzwerk / Beziehungen hat mit den zuvor erwähnten
Machtquellen zu tun, geht aber über sie hinaus. Mit der Position
hängt es insofern zusammen, als die Frage, wem man Unterstützung
gewährt, natürlich auch davon abhängt, wie einflussreich dessen
Position ist und wie viel Nutzen er einem in Zukunft bringen kann.
Mit der Persönlichkeit hängt es insofern zusammen, als es sowohl
damit zusammenhängt, inwieweit man der betreffenden Person vertraut,
als auch, was man ihr zutraut. Und dennoch geht es über beide hinaus,
weil es maßgeblich davon abhängt, wie viel ein Mensch in seinem
bisherigen Leben in den Aufbau von Beziehungsnetzwerken investiert
hat, welches Ansehen er sich aufgebaut, ob es Leute gibt, die sich
ihm – aus welchen Gründen auch immer – verpflichtet fühlen, und
vor allem, wie viele Hoffnungen, Erwartungen und Befürchtungen andere
mit ihm verbinden.
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Die Ernte der Beziehungs-investitionen
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Nur wenige Menschen sind in einer so mächtigen Position, dass sie
es sich leisten können, die Machtquellen Persönlichkeit und Beziehungsnetz
zu ignorieren. Außerdem: Wer in eine solche Machtposition nicht
geboren wurde, kam dorthin in der Regel nur deshalb, weil er die
Machtquellen Persönlichkeit und Beziehungsnetz auf ein überdurchschnittliches
Niveau entwickelt hat.
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Berater und Projektleiter haben "geborgte Macht"
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Eine machtpolitisch interessante Besonderheit ist die Rolle von Projektleitern und externen Beratern:
Sie haben oftmals sehr viel mehr Macht als
es ihrem formalen Status entspricht. Eine formale Weisungsbefugnis
gegenüber denen, auf deren Unterstützung sie angewiesen sind, besitzen
sie ja nicht – meistens nicht einmal gegenüber den Mitgliedern des Projektteams. Dass sie meistens dennoch
einige Macht besitzen, liegt nicht (nur) daran, dass es sich bei
ihnen um so eindrucksvolle Persönlichkeit handelte, und es erklärt
sich auch nicht aus ihrem Beziehungsnetzwerk. Vielmehr besitzen
sie "geborgte Macht": Sie wurde ihnen unausgesprochen von der Person
verliehen, die das Projekt in Auftrag gegeben hat und an seiner
erfolgreichen Realisierung interessiert ist.
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Projektleiter und
Berater
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Geborgte Macht hat ihre Tücken. Das beginnt damit, dass Projektleiter und Berater durch sie sehr schnell sehr viel Macht bekommen – oftmals
mehr, als sie verantwortlich handhaben können. Das kann sich auf
zwei Arten auswirken: Entweder darin, dass sie diese Macht nicht
annehmen (bzw. gar nicht erkennen) und damit zum Nachteil des Projekts
einen Teil ihrer Gestaltungsmöglichkeiten verschenken. Oder darin,
dass sie diesen Machtzuwachs persönlich nehmen und beginnen, die
Macht ichhaft und selbstherrlich einzusetzen, was auf eine milde,
aber dennoch kontraproduktive Form von Machtmissbrauch
hinausläuft.
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Zweitens ist geborgte Macht immer eine sehr viel wackeligere Angelegenheit
als originäre. Denn sie ist nur so viel wert, wie der Auftraggeber
fest und unerschütterlich hinter dem Projekt steht. Schon bei den
ersten Signalen von Unbehagen oder Abrücken schrumpft die geborgte
Macht erheblich: Auf einmal ziehen die um Unterstützung angegangenen
Mitarbeiter und Führungskräfte nicht mehr mit, alles geht sehr viel
zäher, und auch die Projektmitglieder verlieren an Zuversicht und
Engagement. Wenn die Rückendeckung nicht schnell und deutlich wieder
hergestellt wird, droht ein Projektabbruch
oder, noch fataler, das allmähliche Versanden des Projekts.
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Abhängig von Rückendeckung
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Macht entwickeln
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Wenn Sie erfolgreiches Change Management betreiben wollen, sollten
– nein: müssen Sie Interesse an Macht entwickeln. In diesem Fall
sollten Sie zwei scheinbar gegenläufige Fähigkeiten kultivieren:
Einerseits den Aufbau und die Pflege eines auf gegenseitigem Nutzen
basierenden Beziehungsnetzwerks; andererseits hohe Konfliktfähigkeit und die Fähigkeit,
Spannungen und Disharmonie zu ertragen. Michael Löhner hat das
vereinfachend, aber in unnachahmlicher Bildhaftigkeit bezeichnet als
"die Fähigkeit, sowohl Charmebolzen als auch Kotzbrocken zu sein".
Gut, wenn der Wechsel zwischen beidem nicht von Launen, sondern
von geschäftsstrategischen Überlegungen getrieben ist.
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Nutzen und Konflikt-bereitschaft
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Dafür ist wichtig, dass Sie Ihr Verhältnis zur Macht reflektieren
und kultivieren. Dazu gehört, dass Sie sich systematisch bemühen,
destruktive und ichhafte Züge, wie sie in jedem Menschen vorhanden
sind, aber auch Konfliktvermeidungstendenzen, bei sich selbst kennen
zu lernen und sie, so weit es geht, abzubauen. Am besten eignet
sich dafür die Supervision durch einen hierfür qualifizierten
Coach, wobei das regelmäßige Arbeiten in einer Gruppe in aller Regel
noch besser geeignet (und zudem deutlich preisgünstiger) ist als
Einzelsitzungen.
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© 2001 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen
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