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Neu von Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"

Bleiben oder Gehen

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Rede: Das älteste und wirksamste Führungsinstrument

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Um die Herzen der Mitarbeiter zu erreichen, sind die meisten gängigen Kommunikationsinstrumente denkbar ungeeignet: zu nüchtern, zu sachorientiert, zu unpersönlich. Sie sind in erster Linie dazu da, Fakten zu übermitteln, Entscheidungen vorzubereiten und zu begründen. Typisch eine Präsentation: Der Sprecher tritt hinter dem Inhalt zurück – er ist im Grunde nur Instrument, um die Folien zu erläutern und durch Überleitungen zu verbinden. So etwas mag beeindrucken – begeistern oder gar mitreißen wird es nicht.

  • Kaum emotionale Ansprache

Um Menschen persönlich in Bewegung zu bringen, und genau darum geht es ja im Change Management, bedarf es eines Menschen – und zwar eines solchen, der für die Sache steht, mit voller Überzeugung und vollem Risiko für sie eintritt, der dafür kämpft, sie durchzusetzen. Eine so engagierte Vermittlung von Ideen und dem Willen, sie umzusetzen, ist auch über kunstvoll animierte Beamer-Präsentationen nicht erreichbar, weil die entscheidende Frage offen bleibt, nämlich: Mit wie viel Entschiedenheit und persönlicher Risikobereitschaft steht unser Chef bzw. unser Top Management dahinter?

  • Engagement und Entschiedenheit

Das Bedürfnis nach wirklicher Führung

 

Für die Entscheidung von Menschen, sich einem Führer – ich verwende dieses "verbotene Wort" ganz bewusst – anzuschließen, ist die sachliche Plausibilität seiner Ideen notwendig, aber nicht hinreichend. Entscheidend ist, ob sie darauf vertrauen, dass er sein volles Gewicht und seinen vollen Einsatz in die Waagschale werfen wird, um diese Ideen zu realisieren. Dieser Entschlossenheit können sich die Leute aber nur dann vergewissern, wenn sie die Person, den Menschen hinter der Idee spüren.

  • Vertrauen und Zutrauen

Viele Menschen möchten gerne Teil von etwas Großem sein; sie sehnen sich danach, mit ihrer Arbeit an einem großen Erfolg teilzuhaben und einen Beitrag dazu zu leisten. (Was politische und religiöse Demagogen zu allen Zeiten ausgenutzt haben.) Sie sehen, dass sie selbst zu klein, zu schwach und zu mutlos sind, um solch eine große Idee zu entwickeln und die erforderliche Energie zu ihrer Realisierung aufzubringen. Genau deshalb sehnen sie nach Führern, die ihnen eine Plattform zur Realisierung dieser Träume bieten.

  • Teil von etwas Größerem sein

Natürlich liegen darin auch Gefahren – als gebrannte Kinder zucken wir Deutschen immer noch zusammen, wenn das Wort "Führer" ohne entwarnenden Vorsatz wie "Lokomotiv-" oder "Reise-" fällt. Dennoch ist es falsch und verschleiernd, sich hier hinter dem englischen Wort "Leader" zu verstecken. Die Sehnsucht nach wirklicher Führung – im Gegensatz zu bloßem Management oder Vorgesetztentum – können wir nicht dadurch entschärfen, dass wir sie ignorieren – damit würden wir genau das Vakuum schaffen, das Demagogen beliebigen Raum lässt. Deshalb ist dieses Bedürfnis sehr viel besser aufgehoben, wenn wir ihn eine konstruktive Aufgabe bieten, statt es zu ignorieren.

  • Sehnsucht nach Führung

Rede zielt auf Gefolgschaft

 

Ein ganz zentrales Element dieser Art von Führung ist die Rede. Nicht die von Adjutanten vorbereitete Folien-Präsentation, nicht das mehr oder weniger flüssige Ablesen eines vorbereiteten Manuskripts (die sogenannte "Vorlesung", die spätestens seit Erfindung der Buchdruckerkunst obsolet ist), auch nicht die von Werbe– und PR-Agenturen inszenierte Show (obwohl die dazu gehören kann), sondern ein sorgfältig vorbereites, aber in freier Rede stattfindendes Ringen um die Herzen der Zuhörer, das zwei klare Ziele hat: Zustimmung und aktive Unterstützung – oder, wenn Sie so wollen: Gefolgschaft.

  • Ringen um Gefolgschaft

Natürlich haben wir mit dem Wort "Gefolgschaft" schwungvoll das nächste Fettnäpfchen betreten. Doch was hier gemeint ist, ist nicht blinde Hörigkeit unter freudiger Aufgabe jeder Eigenverantwortung, sondern Identifikation mit der Sache, Parteinahme und Engagement. Und zwar ein Engagement, das nicht auf den eigenen Nutzen schielt, sondern aus dem Glauben an die Sache heraus manche Anstrengungen und auch mögliche Nachteile auf sich nimmt.

  • Verantwortete Identifikation

Ob diese Art von Gefolgschaft ethisch unbedenklich ist oder fragwürdig, hängt von zwei Dingen ab: Zum einen von der Qualität der Ziele, gegen die so lange nichts einzuwenden ist, wie sie nicht menschen– bzw. lebensfeindlich sind. Zum anderen von dem Grad von Eigenverantwortlichkeit und Verantwortungsbewusstsein, den sowohl der "Führer" als auch die, die sich seiner Führung anvertrauen, besitzen und bewahren.

  • Ethische Maßstäbe

Verantwortung von Führer und Geführten

 

Das Verantwortungsbewusstsein eines Führers beginnt damit, dass er Mitarbeiter nur für Ziele begeistert, an die er wirklich glaubt und vor allem: die er auch durchzuhalten bereit ist. Es gibt immer wieder Top Manager (und Politiker), die sich selbst leichtfertig in eine Begeisterung hineinreden und dann von der eigenen Stimmung mitreißen lassen. Am Ende stehen die Mitarbeiter dann "wie ein Mann" hinter den verkündeten Zielen und Ideen und brennen darauf, sie umzusetzen. Doch nach den ersten Schritten entweicht zunehmend die Luft aus dem ganzen Unterfangen, und der vermeintliche Führer gibt seine Ziele und Ideen ebenso schnell auf wie er sie verkündet hat. Mit der Folge, dass sich gerade die engagiertesten Mitarbeiter von ihm verraten und verkauft fühlen – ein Totalschaden sowohl in Sachen Motivation als auch in Sachen Glaubwürdigkeit.

  • Ernsthaftigkeit

Solche Irre-Führer erkennt man als Außenstehender daran, dass im Unternehmen überwiegend mit zynischem Unterton von ihnen gesprochen wird. Doch Irre-Führung ist kein Versagen der Rede, sondern ein Versagen des Redners – er ist gescheitert wie Goethes Zauberlehrling, der die Geister, die er gerufen hat, nun nicht mehr los wird. Was beweist, dass der Möchtegern-Führer seinem Instrument nur handwerklich, aber nicht moralisch gewachsen war. Und es zeigt, dass die Rede ein sehr wirkungsvolles und gerade deshalb auch gefährliches Instrument ist, das man nicht nur technisch, sondern auch von seiner sozialen Tragweite her beherrschen muss.

  • Irre-Führer

Die Rede als Test des Führungswillens

 

Aber was macht eigentlich diese besondere Führungspotenz der Rede aus? Weshalb hebt sie sich so signifikant sowohl von der "Vorlesung" als auch von einer Folien-Präsentation ab – obwohl doch angeblich ein Bild mehr sagt als tausend Worte?

  • Wesentlicher Unterschied

Sowohl bei der Vorlesung als auch bei der Präsentation steht die Vermittlung von Inhalten im Mittelpunkt; sie zielen auf Akzeptanz, auf Zustimmung. Bei der Rede hingegen steht ein Mensch im Mittelpunkt, der einen Führungsanspruch erhebt. Er will nicht nur Zustimmung, er will, dass die Leute ihm folgen, und dafür kämpft er. Diesen Kampf kann er gewinnen, aber auch verlieren. Die Zuhörer spüren diesen Führungsanspruch: seine Überzeugung und seinen Willen (noch so ein gefährliches Wort). Und sie entscheiden im Laufe der Rede sehr intuitiv, ob sie ihm folgen.

 

Infolgedessen lauten meine Tipps für eine gute Rede auch anders, als es in den meisten Rhetorik-Büchern steht:

  • Praktische Tipps

1.

Prüfen Sie, bevor Sie mit einer Rede einen Führungsanspruch erheben, sehr genau, ob Ihre Vision und Ihre Ziele so wichtig sind, dass sie nicht nur einen "großen Aufbruch" hergeben, sondern auch für das Durchstehen von Durststrecken und Krisen reichen.

2.

Denken Sie mit dem Kopf der Zuhörer: Aus welchen Gründen sollten sich Ihre Mitarbeiter für Ihre Vision und Ihre Ziele begeistern und sich für sie einsetzen? Und vor allem: Weshalb sollten sie bereit sein, einen Preis dafür zu bezahlen?

3.

Reden Sie nicht nur über das Angenehme, sondern auch über das Unangenehme: Welche Anstrengungen und Entbehrungen kommen auf die Leute zu, wenn sie sich auf dieses Unterfangen einlassen? Und warum ist es diesen Preis wert?

4.

Machen Sie sich keine Gedanken darüber, wie Sie wirken und ob sie eine formal gute Rede halten, sondern kämpfen Sie für Ihre Sache!

5.

Kämpfen Sie nicht nur um den Verstand der Zuhörer, sondern vor allem um ihre Herzen!

 

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