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Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
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Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Kontrollverlust: Wenn man nicht mehr Herr des eigenen Schicksals
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Auch für psychisch stabile Menschen bedeutet es extremen Stress,
wenn ihnen plötzlich die Kontrolle über ihr Schicksal aus der Hand
genommen wird und sie zum Spielball der Ereignisse werden. Genau
das ist es jedoch, was Übernahmen,
Fusionen und Umstrukturierungen
oftmals für Mitarbeiter und Führungskräfte bedeuten: Vom einen Moment
auf den anderen liegt der weitere Verlauf ihres (Berufs-)Lebens
nicht mehr in den eigenen Händen, sondern wird durch die Entscheidungen
Dritter bestimmt. Ein solcher Kontrollverlust löst zunächst Angst,
Wut und Widerstand aus; wenn es nicht
gelingt, die Kontrolle zurückzugewinnen, schlägt die Frustration
in Hilflosigkeit und Resignation um. |
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Kontrollverlust und
die Folgen |
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Was ist unter den Begriffen Kontrolle und Kontrollverlust genau
zu verstehen? Kontrolle zu haben, bedeutet, dass es einen erkenn-
und vorhersagbaren Zusammenhang zwischen dem eigenen Handeln und
den darauf folgenden Konsequenzen gibt. Nach der wissenschaftlichen
Definition von Herkner (2001) ist Kontrolle die Differenz zwischen
zwei Wahrscheinlichkeiten: Einerseits der Wahrscheinlichkeit, dass
ein erwünschtes Ergebnis ohne eigenes Zutun eintritt, andererseits
der Wahrscheinlichkeit, dass dieses Ereignis durch eigenes Handeln
herbeigeführt werden kann. Je größer diese Differenz, desto mehr
Kontrolle (oder Einfluss) hat man. Umgekehrt liegt Unkontrollierbarkeit
(bzw. ein Kontrollverlust) dann vor, wenn die Differenz dieser beiden
Wahrscheinlichkeiten gegen Null geht. In diesem Fall macht es für
das Ergebnis keinen Unterschied, ob man überhaupt etwas tut oder
nicht. |
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Emotionale Reaktionen auf Kontrollverlust |
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Wer plötzlich feststellen muss, dass er keinen Einfluss mehr auf
den Gang der Ereignisse hat, bekommt Angst
bis hin zur Panik. Die erste Reaktion nach Überwinden der Schrecksekunde
ist hektisches Bemühen, die verloren gegangene Kontrolle wieder
herzustellen. Der Autofahrer, der auf plötzlichem Glatteis die Kontrolle
über seinen Wagen verloren hat, tritt mit aller Kraft auf die Bremse
und kurbelt zugleich heftig am Lenkrad. Der stecken gebliebene Liftbenutzer
drückt immer wieder sämtliche Knöpfe und klopft heftig auf das Steuerpanel.
Die Mitarbeiter, zu denen gerade Gerüchte
von einer bevorstehenden Fusion durchgesickert sind, diskutieren
aufgeregt, alarmieren den Betriebsrat
und ergehen sich in Spekulationen darüber, was dies wohl für sie
bedeutet und was man dagegen tun könne (
Reaktanz). |
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Versuche, die Kontrolle
wieder herzustellen |
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Wenn all diese hektische Betriebsamkeit nichts bewirkt, setzt Frustration
und eine erste Resignation ein: Der
Autofahrer gibt auf. Statt weiter zu versuchen, das schleudernde
Auto unter Kontrolle zu bringen, zieht er nur noch den Kopf ein.
Der Liftinsasse hört mit dem nutzlosen Knöpfedrücken auf und malt
sich voller Schreck aus, was das
für seinen weiteren Tagesablauf bedeuten wird. Die Mitarbeiter gehen
benommen ("wie vor den Kopf gestoßen") in ihre Büros zurück und
nehmen unkonzentriert ihre Arbeit wieder auf. In dieser Phase dominieren
Gefühle von Hilflosigkeit und Ohnmacht. |
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Danach kehrt eine scheinbar Ruhe ein: Der Autofahrer klettert,
wenn er noch kann, aus seinem zerknautschten Auto und sortiert seine
Knochen; der plötzlich vom Liftbenutzer zum Liftgefangenen Gewordene
hofft, dass jemand auf seine Signale reagiert; Mitarbeiter wie auch
Betriebsrat warten ungeduldig auf eine Erklärung der Geschäftsführung.
Doch schon nach einer kurzen Weile stehen sie, falls ihnen nicht
äußere Ereignisse – wie die Polizei, der Hausmeister oder das Top
Management – die Initiative abnehmen, erneut vor der Frage, was
sie nun weiter tun können und sollen. |
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Bei sich abzeichnenden Veränderungen in Unternehmen entschließen
sich erfahrungsgemäß die meisten Mitarbeiter erst einmal zum Abwarten.
Wobei diese Entscheidung meistens nicht bewusst getroffen wird,
sondern indirekt, nämlich durch Unterlassen gezielter und planmäßiger
Aktivitäten. Nur wenige Mitarbeiter und Führungskräfte beginnen
bereits zu diesem Zeitpunkt, ihre beruflichen Alternativen zu sondieren
– was im eigenen Interesse durchaus sinnvoll sein könnte. Stattdessen
schauen sie mal, wie die Dinge sich entwickeln und welche konkreten
Veränderungen auf sie zu kommen. Über massenpsychologische
Phänomene kommt es manchmal sogar dazu, dass die bevorstehenden
Veränderungen nach einer Phase der Aufregung wieder verdrängt oder
verleugnet werden. |
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Bedürfnis nach Wiederherstellung der Kontrolle |
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Je nach Typus der Veränderung
und gewähltem Vorgehen kann es relativ schnell gehen, bis wieder
klare Verhältnisse herrschen; die Ungewissheit kann sich aber auch
über lange Zeit hinziehen. So geht die Implementierung einer neuen
Organisationsstruktur
in der Regel ziemlich schnell; dagegen kann es mehrere Monate dauern,
bis zum Beispiel nach einer Fusion alle Stellenbesetzungen
endlich unter Dach und Fach sind. Je länger die Zeit des Wartens
dauert, desto höher ist die Belastung für die Betroffenen, denn
um so länger dauert der Zustand an, dass sie keine Kontrolle über
das eigene berufliche Schicksal haben und dem Gang der Dinge mehr
oder weniger hilflos ausgeliefert sind. |
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In solchen Fällen steht jeder Einzelne vor einer schwer wiegenden
Entscheidung: Entweder fügt er sich in sein Schicksal und wartet
ab, oder er entscheidet sich, die Initiative zu ergreifen. Erstaunlich
viele wählen erfahrungsgemäß den ersteren Weg: Sie lassen die Entwicklung
leidend über sich ergehen. Diese "Change Victims" machen in der
Regel etwa die Hälfte bis drei Viertel der Belegschaft aus. Eine
Minderheit dagegen – und das sind in der Regel nicht die schlechtesten
Leute – entschließt sich, ihr Schicksal in die eigenen Hände zu
nehmen. Manche bemühen sich aktiv um die Mitarbeit in Projekt- oder
Integrationsteams, um so Einblick in die Veränderungen und Einfluss
auf sie zu bekommen; manche machen sich aktiv auf die Suche nach
beruflichen Alternativen außerhalb des Unternehmens; etliche tun
auch beides. |
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Das heißt, je länger die Ungewissheit andauert, desto größer wird
die Wahrscheinlichkeit, dass gute Mitarbeiter abwandern.
Und zwar, wie die Erfahrung zeigt, nicht nur solche, die vernachlässigt
und mit ihren Sorgen alleine gelassen wurden,
sondern oftmals auch solche, die in die laufende Projektarbeit eingebunden
waren und denen man klar signalisiert hatte, dass das Unternehmen
für die Zukunft auf sie setze. |
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Fragt man solche Mitarbeiter nach ihrer Kündigung, weshalb sie
sich trotz klarer Signale zu einem Wechsel entschlossen haben, kommt
fast immer die gleiche Begründung: Man habe ihnen zwar manches in
Aussicht gestellt, aber eben keine definitive Zusage gemacht. Dies
klingt sehr rational und vernünftig; die Betreffenden haben offenbar
die Sicherheit eines festen Vertrags höher gewichtet als die guten
Worte des Managements. Nicht selten jedoch steht dieses Sicherheitsargument
im Widerspruch zu der Art von Jobs, die die Betreffenden angenommen
haben – ganz abgesehen davon, dass ja jeder Stellenwechsel mit einem
Risiko verbunden ist. Vieles spricht dafür, dass ein wesentlicher
Grund für die Entscheidung zu einem Wechsel das (häufig unbewusste)
Motiv ist, auf diese Weise durch eigenes aktives Handeln die Kontrolle
zurückzugewinnen. Konkurrenten wie Headhunter wissen das und
kreisen in allen Höhen um Unternehmen, die sich in einer Umbruchsphase
befinden. |
Aktive Wieder-
herstellung der Kontrolle |
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Gelernte Hilflosigkeit |
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Doch auch an den "Change Victims", die den Gang der Dinge mehr
oder weniger passiv abwarten, geht die Erfahrung des Kontrollverlusts
nicht spurlos vorbei. Je öfter und intensiver Menschen die Erfahrung
machen, dass "man ohnehin nichts machen kann", desto stärker entwickelt
sich bei ihnen ein Syndrom, für das der Sozialpsychologe Martin
Seligman den Begriff "Gelernte Hilflosigkeit"
geprägt hat. Nach vielfach bestätigten Forschungsbefunden hat Gelernte
Hilflosigkeit drei Hauptfolgen (vergl. Herkner 2001): |
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- Motivation: Gelernte Hilflosigkeit führt
zu Passivität und Apathie. Wer zu der Überzeugung gelangt ist, dass
sein Handeln keinen Einfluss auf das hat, was mit ihm geschieht,
hat keinen Grund mehr, überhaupt noch etwas zu unternehmen.
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- Lernen: Wer sich damit abgefunden hat, ohnmächtig
zu sein, ist durch nachfolgende Erfahrungen kaum noch davon zu überzeugen,
dass er doch etwas bewirken kann.
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- Gefühle: "Gelernte Hilflosigkeit führt zu Traurigkeit
und depressiven Verstimmungen. Man ist traurig, weil man nichts
ändern kann und der Welt hilflos ausgeliefert ist." (Herkner 2001).
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Das sind dramatische Folgen, schon wenn sie nur eine einzelne Person
betreffen. Doch man kann sich ausmalen, welche Konsequenzen es erst
hat, wenn weite Teile der Belegschaft eines ganzen Unternehmens
von Gelernter Hilflosigkeit geprägt
sind. Solch ein Unternehmen ist in Markt und Wettbewerb kaum noch
handlungsfähig, es reagiert kaum noch auf Führungsimpulse, sondern
lässt, was auch immer geschieht, apathisch und teilnahmslos an sich
vorbeiziehen. Ein solches Unternehmen wiederzubeleben, zählt zu
den schwierigsten Aufgaben der Kulturveränderung. |
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| © 2002 Winfried Berner - vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen. |
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