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Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
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Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Vorleben: Weshalb den Vorbildern nur wenige "nachleben"
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Zu den verbreitetsten Mythen in Führung und Change Management zählt, dass
Veränderungen der Unternehmenskultur
durch "Vorleben" zu erreichen wären. Wer bei passender Gelegenheit
mit Pathos fordert, das Top Management dürfe Veränderungen nicht
nur von den Mitarbeitern verlangen, sondern müsse sie auch selbst
vorleben, kann sich des allgemeinen Beifalls sicher sein. Wenn die Manager
dies aber versuchen, müssen sie früher oder später enttäuscht feststellen, dass die
meisten Mitarbeiter ihr "Vorleben", sofern sie es überhaupt bemerken,
zwar durchaus begrüßen, aber keinerlei Anstalten machen, es "nachzuleben".
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Der Mythos vom "Vorleben"
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Dieser ebenso befremdliche wie chronische Mangel an "Nachleben"
führt bei den Vorlebenden verständlicherweise zu einer gewissen
Irritation. Irgendetwas stimmt da nicht – aber was?
Liegt es daran, dass sie das erwünschte Verhalten trotz aller Anstrengungen noch nicht heftig
genug vorgelebt haben? Oder haben es die Vorstandskollegen trotz
aller Lippenbekenntnisse mal wieder an der Ernsthaftigkeit bei der Umsetzung
mangeln lassen, sodass die Mitarbeiter durch widersprüchliche Signale aus dem Management verwirrt wurden? Oder liegt es an den Mitarbeitern, die dafür einfach zu
dumm, zu faul oder zu verwöhnt sind?
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An alledem mag etwas dran sein, aber der eigentliche Grund ist
ein anderer: Hinter der Forderung
nach Vorleben steht ja die implizite Theorie, dass Vorleben, wenn es nur konsequent genug praktiziert werde, ganz automatisch zu "Nachleben"
führe. Und diese Theorie ist schlicht und einfach falsch. Die stillschweigende Annahme
dabei ja, dass ein gutes Beispiel fast zwangsläufig nachgeahmt werde. Deshalb müssten
die Mitarbeiter das positive Vorbild ihrer Chefs früher oder später übernehmen. Doch gegen diese Annahme
eines "positiven Leithammel-Effekts" lassen sich sowohl theoretisch
als auch praktisch schwerwiegende Einwände erheben.
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"Vorleben" ist nicht sehr ansteckend
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Der wichtigste praktische Einwand ist, dass es nicht funktioniert – oder
nur eingeschränkt. In der Regel sind es nur die
ehrgeizigen Nachwuchskräfte sowie einige treue Gefolgsleute, die
ihren Chefs "nachleben". Beim ambitionierten Führungsnachwuchs
funktioniert das Vorleben tatsächlich: Viele von ihnen orientieren
sich in ihrem Verhalten tatsächlich sehr stark am Vorbild der Vorgesetzten,
denen sie nacheifern – zuweilen bis zur unfreiwilligen Karikatur.
Doch eine Massenbewegung wird daraus selten.
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Die Gründe, weshalb die Mehrzahl der Mitarbeiter dem Vorbild ihrer Vorgesetzten nicht so ohne Weiteres nacheifert, ist unspektakulär: Es liegt es nicht
daran, dass die Mitarbeiter die Vorgesetzten ablehnen – sie sehen
lediglich (und mit gewissem Recht) bei den Vorgesetzten andere Aufgaben
und Verantwortlichkeiten als bei sich selbst. So stellen zum Beispiel
die meisten Mitarbeiter hohe Anforderungen an die Gerechtigkeit
ihrer Chefs. Das heißt aber noch lange nicht, dass sie sich, wenn
ihr Chef Gerechtigkeit "vorlebt", sich selber in gleicher Weise
zur Gerechtigkeit verpflichtet fühlten. Auch wenn der Chef seine
Tasse persönlich in die Teeküche trägt, bedeutet das noch lange nicht,
dass alsbald eine Prozession in die "vorgelebte" Richtung entsteht. Klar, wenn er aufsteht, seine Tasse in die Hand nimmt und sagt: "Jetzt tragen wir mal alle unsere Tassen in die Küche!", wird es wenige geben, die so cool sind, sitzenzubleiben oder gar, ihm ihre Tasse zu reichen: "Sie haben doch noch eine Hand frei!" Aber daraus sollte man keine übereilten Schlüsse für den Tag danach ziehen, schon gar nicht, wenn der Chef an diesem Tag nicht im Hause ist.
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Eingeschränkte Vorbild-Wirkung
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Deshalb ist es eine Illusion zu glauben, man könne die Menschheit
– oder auch nur seine engsten Mitarbeiter – alleine durch heldenhaftes
Vorleben auf den Pfad der Tugend führen. Zwar werden die Leute Ihren mustergültigen Lebenswandel
lobenswert finden – aber zu Ihrem vorhersagbaren Kummer werden
sich nur wenige berufen fühlen, Ihnen auf diesem entsagungsvollen
Weg zu folgen.
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Am besten funktioniert das Vorleben ausgerechnet beim Überschreiten
von Hemmschwellen: Bei den Portionsgrößen am Büffet, beim Vordrängen, aber auch
bei ernsteren Regelverstößen. Gleich ob bei Geschwindigkeitsüberschreitungen,
dem Mitgehen-Lassen von Büromaterial oder Steuervergehen, überall dort trägt
das schlechte Beispiel Einzelner dazu bei, auch die Hemmschwellen
der Übrigen herabzusetzen: "Wenn der das darf, darf ich es auch!" Was aber weniger mit einem "Lernen am
Modell" zu tun hat, als damit, dass einem das Verhalten einen willkommenen
Vorwand liefert, es mit den Regeln nicht so streng zu nehmen und
lieber den eigenen egoistischen Tendenzen nachzugeben. Was sich
dann auch sehr "rational" und mit trotzigem (Selbst-)Gerechtigkeitsgefühl
begründen lässt: "Das tut doch jeder!" Oder, etwas intellektueller:
"Der Ehrliche ist der Dumme!"
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Schlechtes Beispiel wirkt besser als gutes
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Worauf es wirklich ankommt
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Trotzdem hat die Forderung nach dem Vorleben
einen wahren Kern – wenn auch einen relativ kleinen. In der Tat
ist es kontraproduktiv, wenn das Handeln des Managements in krassem
Widerspruch zu den eigenen Forderungen oder den gemeinsam getroffenen
Vereinbarungen steht. Wenn der Vorstand allgemeine Sparsamkeit
predigt, Betriebsvereinbarungen nach unten verhandelt und parallel
für teures Geld die Vorstandsetage renovieren lässt, dann kommt
natürlich der Vorwurf auf, dass die Oberen Wasser predigen und Wein
trinken. Das hat jedoch nichts mit mangelndem Vorleben zu tun, sondern
mit dem sichtbaren Vorleben des genauen Gegenteils, mit massiven Verstößen
gegen die selbstgesetzten Regeln – und damit mit Widersprüchen zwischen
Worten und Taten, die der Glaubwürdigkeit
generell abträglich sind. Fazit: Das Vorleben von Regelverstößen sollte man
in der Tat bleiben lassen, falls man wirklich die Regeln durchsetzen
will und nicht deren Missachtung.
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Konsistenz von Worten
und Taten
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Doch ansonsten ist die Übereinstimmung zwischen Worten und Taten allenfalls
eine nützliche Bedingung für die Verhaltensveränderung, ganz sicher aber keine
hinreichende. "Walking the Talk" muss sich weniger auf das eigene
Vorbild beziehen als auf klare Führung,
zu der insbesondere zwei Dinge gehören: Erstens Klarheit der
Erwartungen, zweitens Konfliktbereitschaft in der Auseinandersetzung mit Widerständen.
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So banal es klingt: Wenn wir von anderen eine Änderung ihres Verhaltens
wünschen, ist es hilfreich, wenn sie das wissen – und zwar
nicht nur auf der Ebene wohlklingender Leitsätze ("Wir gehen offen und
vertrauensvoll miteinander um"), sondern möglichst konkret. Es muss
auf der Ebene beobachtbarer Aussagen klar werden, welches
Tun oder Unterlassen gewünscht ist und welches nicht. Dabei sollten
die Betroffene nicht bloß die Erwartungen kennen, sondern auch deren
Hintergründe und Intentionen verstehen. Denn wenn sie verstehen, dass es sich dabei nicht um willkürliche Anordnungen handelt,
sondern um begründete und schlüssige Forderungen, werden die
Verhaltensänderungen für die Betroffenen leichter annehmbar.
Das räumt Reaktanz und Widerstände
zwar nicht aus, aber es reduziert sie.
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Erstens: Klare Erwartungen
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Das zweite zentrale Element ist die Auseinandersetzung mit Trotzreaktionen und
Widerständen, die jede Veränderungsforderung
unweigerlich auslöst. Die wichtigste Führungsleistung ist hier Beharrlichkeit und Konsequenz. Denn häufig äußert sich der Widerstand nicht
in sofortiger Gegenwehr, sondern es macht sich der "Schläfer-Effekt"
der Reaktanz bemerkbar: Wo direkter Widerstand
nicht ratsam erscheint, kommt er mit Zeitverzug und schleichend:
Die vermeintlich schon überwundenen alten Gewohnheiten reißen nach
einer Weile wieder ein – die geforderten Veränderungen "rutschen
allmählich weg" und der Alltag kehrt in kleinen Schritten zu seiner
alten Normalität zurück.
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Zweitens: Auflösen
von Widerständen
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Dabei zeigt sich, dass Führungskräfte oftmals keinen sehr
langen Atem haben: Nach einigen Anläufen, ihre Vorstellungen durchzusetzen,
wird es ihnen zu dumm (d.h. zu anstrengend), und sie lassen die
Sache laufen – und finden sich zähneknirschend damit ab, dass das
"Beharrungsvermögen" der Mitarbeiter (wieder einmal) nicht zu überwinden
war. Genau auf diesen langen Atem käme es aber an: auf die Beharrlichkeit,
"Rückfälle" nötigenfalls auch beim zehnten, zwanzigsten und fünfzigsten Mal wieder
anzusprechen und die betreffenden Mitarbeiter mit Nachdruck an die getroffenen
Vereinbarungen (bzw. an die festgelegten Regeln) zu erinnern. Dafür
ist eine konstruktive Konfliktbereitschaft wichtig: Einerseits das
Akzeptieren von Widerständen als Grundmuster
menschlichen Verhaltens, andererseits die Entschlossenheit, diesen
Widerständen nicht nachzugeben und
auf der festgelegten Veränderung zu bestehen.
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Beharrlichkeit und
Konsequenz
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© 2002, 2012 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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