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Neu von Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Zyniker: Das Doppelgesicht gescheiterter Missionare
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Zuweilen trifft man bei Veränderungsvorhaben auf Mitarbeiter,
die sich als exzellente Informanten erweisen. Im Gegensatz zu manchen
ihrer Kollegen, die entweder wenig Einblick haben oder sich aus
Vorsicht äußerst bedeckt halten, öffnen
sie sich schon nach kurzem Gespräch und versorgen einen eloquent,
faktenreich und mit einem guten Schuss Zynismus mit erstklassigen
Insider-Informationen. Dabei scheuen sie sich auch nicht, sich kritisch
bis sarkastisch über das Top Management oder einzelne Führungskräfte
zu äußern.
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Anfangs ausgezeichnete
Informanten
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Gerade wenn man bislang wenig greifbare Informationen zusammentragen
konnte und das Gefühl hat, noch ziemlich im Nebel zu stochern, preist
man sich glücklich, auf einen solchen Informanten gestoßen zu sein.
Die Gespräche dauern oftmals lange, verlaufen in ausgezeichneter,
fast verschwörerischer Atmosphäre und enden nicht selten mit der
Einladung, bei Bedarf mit weiteren Fragen zurückzukommen. Das Einzige,
was möglicherweise ein gewisses Unbehagen auslöst, ist der dogmatische
Grundton, mit dem die prinzipielle Veränderungsunfähigkeit des Unternehmens
und insbesondere dieses Top Managements postuliert wird. Doch diese
Irritation wird – wenigstens zu diesem Zeitpunkt – durch die freigiebige
Versorgung mit exzellenten Informationen mehr als aufgewogen.
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Verschwör-
erische Atmosphäre
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Zyniker sind schlechte Verbündete
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Doch so gut diese Informationen sind, es wäre ein fundamentaler
Fehler zu glauben, dass man mit diesem Mitarbeiter einen neuen Verbündeten
für die anstehenden Veränderungen gewonnen hätte, den man unbedingt
auch in das Projektteam aufnehmen sollte. Denn auch dort würde der
Zyniker mit seiner unerschütterlichen Überzeugung, dass das Unternehmen
veränderungsunfähig sei, nicht hinter dem Berg halten – und so bald
zur Belastung für Sie selbst wie für das Projektteam werden. Die
einen würde er mit seinen gut begründeten und eloquent vorgebrachten
Einwänden möglicherweise
entmutigen, die anderen zunehmend gegen
sich aufbringen, weil sie ihn von Mal zu Mal mehr als Miesmacher
und Bremser empfänden. Was einen echten Zyniker indes nicht zum
Einlenken veranlasst, sondern zum lustvollen und wortreichen Streit
für seine persönliche Weltsicht.
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Wirkung als Bremser
und Miesmacher
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Daran können Teams zerbrechen, wenn sie den "Störenfried " nicht
rechtzeitig loswerden. Denn natürlich macht es auf die Dauer keinen
Spaß, in einer Projektgruppe, die eigentlich Veränderungen in Gang
bringen soll, jedesmal bloß darüber zu diskutieren, ob sich das
Unternehmen überhaupt verändern lässt. Spätestens beim dritten Mal
machen sich die ersten Teammitglieder vom Acker, mit der Begründung:
"Ich habe auch noch was anderes zu tun!"
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Belastung für Projektteam
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Nach dieser Beschreibung könnte man glauben, dass Zyniker bösartige,
destruktive Menschen seien, denen es vor allem darauf ankäme, die
Aufbauarbeit von anderen zu durchkreuzen. Das "destruktiv" stimmt
in der Tat, das "bösartig" dagegen nicht. Forscht man nach, welche
Vorerfahrungen hinter
dem Zynismus stecken, findet man fast immer, dass es einmal eine
Zeit gegeben hat, in der die heutigen Zyniker engagiert und mit
hohem Einsatz für Veränderungen gekämpft haben – und dass sie zweitens
mit diesem Engagement, jedenfalls gemessen an ihren eigenen Maßstäben,
fürchterlich gescheitert sind. Diese Niederlage und das Gefühl,
vom Top Management im Stich gelassen worden zu sein, haben
sie so sehr getroffen, dass sie sich geschworen haben, sich nie
wieder für ein übergeordnetes Ziel zu engagieren – schon gar nicht
in diesem Unternehmen.
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Enttäuschungen als
Vorerfahrung
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Solche grundlegenden Enttäuschungen sind es, die engagierte
Mitarbeiter in Zyniker verwandeln. Für die Unternehmen ist jeder
Einzelne, der eine solche Entscheidung trifft, ein herber Verlust.
Menschen, die ihre Energie zuvor als Antreiber eingebracht haben,
verwandeln sich dadurch in Bremser. Doch so verheerend dies für
die Zukunftsfähigkeit des Unternehmens ist, man kann den betreffenden
Mitarbeitern kaum einen Vorwurf machen. Im Gegenteil: Wenn man sich
einmal schildern lässt, welche Erlebnisse zu dieser
Verweigerungshaltung geführt haben,
wird sie in fast allen Fällen nachvollziehbar.
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Nachvoll-
ziehbare Verweigerung
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Umgang mit Zynikern
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Das Problem mit den Zynikern ist, dass sie, je mehr sie sich auf
ihre
Verweigerung versteifen, auch um so
mehr zu heimlichen Feinden jeglichen Fortschritts werden. Denn was
würde es bedeuten, wenn es jemanden anderen doch gelänge, in genau
dem Unternehmen, das sie für prinzipiell veränderungsunfähig erklären,
echte Veränderungen zu realisieren? Dann wäre ihre Behauptung, dass
das Unternehmen und sein Management veränderungsunfähig seien, nicht
mehr aufrechtzuerhalten. Damit aber würde auch die Begründung, die
sie für ihr eigenes Scheitern haben, fragwürdig. Das heißt, sie
müssten sich mit dem Gedanken auseinandersetzen, einen eigenen Anteil
(oder in ihrem Wertesystem möglicherweise eine Mitschuld) am Misserfolg
ihres damaligen Veränderungsprojektes gehabt zu haben. Dies jedoch
wäre möglicherweise eine erhebliche Belastung für ihr Selbstwertgefühl.
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Heimliche Feinde
der Veränderung
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Das heißt in der Konsequenz, dass Veränderungsvorhaben, die erfolgreich
zu werden beginnen, für Zyniker zur persönlichen Bedrohung
werden. Jeder weitere Erfolg konfrontiert sie schmerzhaft damit,
dass in ihrem seinerzeitigen Misserfolg eben auch ein Stück persönliches
Scheitern, Versagen oder was auch immer steckt. Das hat mehrere
Konsequenzen. Die harmloseste ist, dass sie in der Regel nicht bereit
sind, neue Veränderungsvorhaben zu unterstützen. Die kritischere
ist, dass sie möglicherweise sogar soweit gehen, das Vorhaben offen
oder verdeckt zu sabotieren. Das Ausmaß der destruktiven Energie
hängt vor allem von dem Grad an eigener Verletztheit ab, die aus
der früheren Niederlage zurückgebleiben ist.
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Bei allem Verständnis für die Entstehung der Entmutigung kann und darf man natürlich
nicht zulassen, dass die Zyniker dem neuen Vorhaben Knüppel zwischen
die Beine zu werfen. Was die Sache schwierig macht, ist, dass Zyniker
– im Gegensatz zu den meisten anderen Veränderungsgegnern
– nur begrenzt durch Einbeziehung zu gewinnen sind. So lange
die zynische Einstellung nicht allzu verfestigt ist, kann man versuchen,
sie durch intensive Gespräche für das Vorhaben zu gewinnen. Wenn
dies allerdings nicht greift oder aufgrund einer verhärteten negativen
Einstellung nicht erfolgversprechend ist, ist es ratsam, das Bemühen
zu beenden, bevor es Sie allzu viel Kraft kostet. Dann ist es besser,
den oder die Betreffenden außen vor zu lassen.
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Um Zyniker für einen neuen Anlauf zu gewinnen, ist es notwendig,
sie von der Angst zu entlasten, dass ein Erfolg des Projektes
ein indirekter Nachweis ihres Versagens bei dem früheren Projekt
wäre. Dafür ist vor allem das Argument wichtig, dass die objektiven
Voraussetzungen für den Erfolg diesmal sehr viel günstiger sind,
und zwar aus Gründen, die der Betreffende nicht zu vertreten hat
– beispielsweise, weil der Handlungsdruck,
der auf dem Unternehmen lastet, inzwischen sehr viel größer ist,
oder weil ein neuer Vorstand entschlossen hinter dem Projekt steht.
Und dass überdies die gemeinsame Chance zum Lernen aus den vorausgegangenen
Erfahrungen besteht, sodass der Erfolg des neuen Projektes auch
ein nachträglicher Erfolg des alten gescheiterten Vorhabens wäre.
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© 2002 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen. |
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