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Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
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Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Veränderungsmüdigkeit: Von wachsender Erschöpfung zu einer neuen
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In jüngster Zeit tauchen immer mehr Studien auf, wonach die
Mitarbeiter vieler Unternehmen die ständigen Veränderungen satt
haben und darauf mit wachsender Frustration,
Demotivation und abbröckelnder Identifikation
reagieren. Über eine davon berichtete gerade der MWonline-Newsletter.
Diesen Überdruss erleben wir auch bei vielen unserer Kunden. Die
Frage ist nur, welche Schlussfolgerungen daraus abzuleiten sind.
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Sollten die Unternehmensleitungen dem vorwurfsvollen Unterton nachgeben
und ein Moratorium für Veränderungsprozesse ausrufen? Selbst wenn
sie wollten, könnten sie das gar nicht, weil es nicht in ihrer Macht
steht. Denn wer aufhört, die Wettbewerbsfähigkeit seines Unternehmens
voranzutreiben, der kann auch gleich seine Abdankung unterzeichnen.
Insofern ähneln die Klagen über ständige Veränderungen denen über
das Wetter: Sie ändern das Wetter nicht wirklich, aber sie machen
den geplagten Seele Luft, finden breite Zustimmung und eignen sich
damit gut als Gesprächseinstieg.
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Anzeichen von Erschöpfung
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In der vorherrschenden Veränderungsmüdigkeit mischt sich nach meinem
Eindruck Neues mit Altbekanntem. In mittlerweile gut 18 Jahren als
Berater habe ich niemals eine Zeit erlebt, in der die Mitarbeiter
mit Begeisterung auf bevorstehende Veränderungen reagiert haben.
Doch die Klagen und Einwände haben sich verändert. Während das zentrale
Thema in früheren Jahren häufig darin lag, den Mitarbeitern die
Notwendigkeit für Veränderungen deutlich zu machen, ging es später
mehr darum, weshalb schon wieder eine Veränderung anstehe und wann
endlich wieder Ruhe einkehre. In letzter Zeit jedoch mischen sich
zunehmend Züge von physischer und psychischer Erschöpfung in die
Diskussionen.
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Plakativ gesagt: Es geht nicht mehr (allein) darum, ob die Leute
wollen, sondern es geht zunehmend darum, ob sie noch können. In
dieser Situation hilft es nur begrenzt, auf die – in der Tat bestehende
– Notwendigkeit immer weiterer Veränderungen hinzuweisen.
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Zwei Ursachen scheinen mir für diese Erschöpfung ausschlaggebend
zu sein. Zum einen haben sich viele Unternehmen in den letzten Jahren
so weit "ge-streamlined", dass sie kaum noch Ressourcen für Nachdenken
und Weiterentwicklung haben. Sie können nur noch geradeaus fahren,
das heißt, mit höchster Effizienz ihre heutigen Prozesse abspulen.
Das geht gut bis zur nächsten Kurve; danach gilt: "Wenn es im Rückspiegel
grün ist, haben Sie die Straße verlassen." Dann steht die nächste
hektische Restrukturierung an.
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Spätfolgen von Streamlining
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Die zweite Ursache hat mit der Wahrnehmung der Veränderungsrealität
zu tun. Jeder kann, wenn das Ziel in Sicht ist, über eine gewisse
Strecke sprinten. Und jeder kann noch ein zweites und ein drittes
Mal sprinten, wenn er neue greifbare Ziele vor Augen hat. Doch irgendwann
kommt der Punkt, wo die Leute erschöpft fragen: Wie lange soll das
denn noch so weiter gehen? Wann dürfen wir endlich einmal durchatmen?
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Überholtes Denkmodell
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Wir arbeiten in unserem Umgang mit Veränderungen immer noch mit
einem Denkmodell, das von der Realität längst überholt ist. Dieses
Modell ist, dass es einerseits Zeiten der Veränderung, andererseits
Zeiten der Beständigkeit, der Konsolidierung, der Stabilität gebe.
Mit diesem Bild betrügen wir zunehmend sowohl uns selbst als auch
unsere Mitarbeiter. Die Realität ist: Ich habe in den letzten Jahren
kaum noch Veränderungsprozesse erlebt, die in eine Konsolidierungsphase
mündeten, in der man in (relativer) Ruhe die Früchte seiner Anstrengungen
ernten konnte. Stattdessen folgte einer Veränderungswelle die nächste,
darauf mit geringem Abstand und manchmal überlappend die übernächste
... (Was, nebenbei gesprochen, auch die Erfolgsmessung
zu einer fast unlösbaren Aufgabe macht.)
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Warten auf Stabilität
und Konsolidierung
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Ich denke, wir müssen uns selbst und unseren Mitarbeitern die Wahrheit
eingestehen. Und die ist, dass Zeiten ohne Veränderung, wenn es
sie überhaupt gibt, die absolute Ausnahme in unserem Berufsleben
sein werden.
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Wenn es aber stimmt, dass Veränderungen der Normalfall sind und
nicht mehr die Ausnahme, dann müssten wir eigentlich zu einem fundamental
anderen Management von Veränderungsprozessen kommen. Dann hat es
keinen Sinn mehr, immer wieder zu sprinten und auf eine anschließende
Ruhepause zu hoffen – das würde, da diese Ruhepause nicht kommt,
in den sicheren Burn-Out münden. Dann müssen wir unsere Kräfte anders
einteilen – und im Grunde das ganze Spiel mit anderen Augen betrachten,
eher in Richtung Intervall-Training denken.
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Veränderung ist der
Normalfall
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Veränderung zum Normalfall machen
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Mit einer veränderten Einstellung zu Veränderungen ist es jedoch
nicht getan. Das erforderliche Umdenken reicht tief in Organisation
und Prozesse hinein. Auch sie gehen unausgesprochen davon aus, dass
größere Veränderungen die Ausnahme sind und relative Stabilität
die Regel ist. Da das empirisch einfach nicht (mehr) stimmt, passen
Strukturen und Abläufe nicht mehr zur Realität. Erforderlich ist,
die ständigen Veränderungen in unseren Strukturen und Prozessen
abzubilden, statt sie, wie bisher, als vermeintliche Ausnahme auszublenden.
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In einigen Bereichen ist dies längst gelungen. So haben Automobilunternehmen
einen Modellzyklus von etwa 5 – 7 Jahren – in diesem Abstand kommt
ein neuer Golf, eine neue S-Klasse oder eine neue 5er-Reihe heraus.
Die daraus entstehenden Veränderungen, die zyklisch das ganze Unternehmen
durchziehen, sind vorhersagbar – und sie sind heute fest eingeplant.
Man darf aber davon ausgehen, dass das nicht immer so war. In der
automobilen Frühzeit dürfte ein Unternehmen irgendwann einmal festgestellt
haben, dass seine alte Baureihe in die Jahre gekommen war und sich
nicht mehr gut verkaufte – worauf hektisch ein neues Modell entwickelt
wurde. Einige Jahre später mag sich das gleiche Drama erneut abgespielt
haben, bis man schließlich entdeckte, dass dieses Drama wesentlicher
Bestandteil des Geschäfts ist – und es durch die entsprechende Ausrichtung
von Organisation und Prozessen "gezähmt" hat.
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Beispiel Automobil-
industrie
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Spannend ist die psychologische Auswirkung dieses "Paradigmenwechsels":
Was vorher die Ausnahmesituation war, wird zur neuen Normalität.
Nach dem Umdenken weiß man eben, dass alle paar Jahre die nächste
Welle kommt, und kann sich darauf einstellen. Natürlich steht dabei
viel Arbeit an, aber die große Aufgeregtheit ist raus – die ständige
Veränderung wird zur professionellen Routine.
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In ähnlicher Weise müsste die Umstellung auf "Veränderung als Normalzustand"
angepackt werden. Das beginnt damit, anstehenden Veränderungsbedarf
zu erkennen, zeitlich zu planen und zu koordinieren. Denn sonst
entstehen rasend schnell Engpässe – sowohl in der Mannschaft, wo
drei Projekte plus Tagesgeschäft gleichzeitig auf die gleichen Personen
zurückgreifen, als auch an der Unternehmensspitze, wo die klassischen
Entscheidungsstaus entstehen.
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Veränderungs-
bedarf erkennen
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Es geht damit weiter, Ressourcen – Geld, aber vor allem Zeit –
einzuplanen und bereit zu stellen. (Und sicherzustellen, dass sie
nicht vom Tagesgeschäft verschlungen werden.) Denn wenn es stimmt,
dass ständige Veränderungen zum Normalfall werden, wäre es naiv,
anzunehmen, dies alles "nebenher" bewerkstelligen zu können. Um
die Prozesse gangbar zu machen, müssen Kapazitäten zur Planung,
Steuerung und Realisierung von Veränderungsprozessen bereitgestellt
werden.
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Schließlich müssen die Führungs- und Planungsprozesse auf ständige
Veränderung ausgerichtet werden. Das darf um Himmels willen nicht
dazu führen, Planungsprozesse noch komplexer und formalistischer
zu machen – vielmehr geht es darum, die anstehenden Veränderungen
zur Grundlage der Geschäftsplanung zu machen, statt, wie es so oft
geschieht, nur die Resultate einzuplanen und die gesamten übrigen
Veränderungsprozesse unkoordiniert neben der eigentlichen Geschäftsplanung
her laufen zu lassen. Konflikte mit dem Tagesgeschäft und die entsprechenden
Reibungsverluste sind damit unausweichlich: Ein weiterer Beitrag
zur wachsenden Veränderungsmüdigkeit.
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In Führungs-
prozesse integrieren
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© 2003 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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