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Fröhlich-anarchistisch-blitzgescheite Rebellion gegen Conventional Wisdom

Levitt, Steven D.; Dubner, Stephen J. (2005):

Freakonomics

A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything

HarperCollins (New York); 242 S.; 21,90 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 9

Rezensent: Winfried Berner, 15.07.2005

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Lesenswerte, fröhlich-anarchistisch-blitzgescheite Rebellion gegen die "Conventional Wisdom". Levitt analysiert (in den USA) verfestigte Glaubenssätze auf der Basis von Zahlen, Daten und Fakten und kommt dabei zu recht überraschenden Ergebnissen.

Ein gerüttelt Maß an American Ballyhoo ist schon auch dabei, wenn der Untertitel jubelt "A Rogue Economist Explores the Hidden Side of Everything" und wenn, ebenfalls auf der Titelseite, ein Bestseller-Autor die Lesererwartungen hochschraubt mit dem Satz "Prepare to be dazzled" – seien Sie darauf gefasst, aus der Fassung gebracht zu werden. (Das Wort "rogue" hat übrigens laut Langenscheidts Großwörterbuch unter anderem die Bedeutungen "Schurke, Gauner, Schelm, Schlingel, Spitzbube, Strolch, aus der Art schlagend, bockendes Pferd" – ein gewisser Deutungsspielraum bleibt dem Leser also.) Auch dass der eine Autor – der New-York-Times-Journalist Stephen Dubner – zu Beginn jedes Kapitels eine Lobeshymne auf den anderen Autor – den preisgekrönten Nachwuchs-Ökonomen Steven Levitt – anstimmt, ist für den europäischen Geschmack doch ein bisschen dick aufgetragen. Und, um es gleich vorwegzunehmen, "the hidden side of everything" erklärt uns der Schurke dann doch nicht, aber lohnen tut sich die Lektüre trotzdem.

Der Hauptgrund dafür liegt darin, dass der an der University of Chicago lehrende Levitt sich ungewöhnlicher Forschungsgegenstände auf ausgesprochen unorthodoxe Weise annimmt und dabei zu – in der Tat – zum Teil verblüffenden Einsichten kommt. So befasst er sich zum Beispiel mit den wahren Gründen für einen Rückgang der Kriminalität in den USA, der im krassen Kontrast zu allen Expertenprognosen stand, von denselben Experten aber im Nachhinein sehr überzeugend – und sehr falsch – erklärt wurde. Er spürt einer überraschenden Parallele zwischen japanischen Sumo-Ringern und amerikanischen Lehrern nach, die sich ausgerechnet auf das Schummeln bezieht – nein, nicht auf das von Schülern, sondern auf das von Lehrern. Er untersucht die Anreizstrukturen von Ku-Klux-Klan-Mitgliedern und Immobilienmaklern. Er wirft die Frage auf, weshalb Drogenhändler, wo sie doch solch ein Schweinegeld verdienen, immer noch bei ihren Müttern leben (eine Geschichte, die an Spannung mit so manchem Krimi mithalten kann). Er überprüft anhand umfangreicher Daten den amerikanischen Glaubenssatz, dass die Wahl des Namens für ein Kind großen Einfluss auf dessen Lebenserfolg hat. Und er geht – vielleicht die verstörendste Untersuchung – der Frage nach, welche Rolle die elterliche Erziehung für die Zukunft von Kindern spielt.

Schon diese Themenzusammenstellung lässt erahnen, dass Levitt eine gewisse Freude an der Provokation hat. Doch was er daraus macht, sind keine billigen Polemiken und auch keine unfairen Gleichsetzungen, sondern sehr sorgfältige, ebenso scharfe wie originelle Analysen, oft auf der Basis äußerst kreativer, teilweise geradezu genialer Sekundäranalysen von Datenbeständen, die oft aus völlig anderen Zusammenhängen stammen und deren Erkenntnispotenzial noch niemand vor ihm in vergleichbarer Weise angezapft hat. Im Grunde macht Levitt damit genau das, was der Entwicklungspsychologe und Sozialisationsforscher Urie Bronfenbrenner vor vielen Jahren in seinem Buch "Die Ökologie der menschlichen Entwicklung" (1979) vorgeschlagen hat: Er veranstaltet keine künstlichen Experimente, sondern nutzt stattdessen "natürliche Experimente" für seine Forschung, indem er aus anderen Zusammenhängen vorhandene Datenbestände dazu nutzt, Hypothesen zu überprüfen, die er aus scharfsinnigen Überlegungen abgeleitet hat.

So verwendet Levitt in seiner Untersuchung über das Schummeln von Lehrern die Ergebnisse des jährlichen Iowa Test of Basic Skills, die an den Chicago Public Schools jährlich von 400.000 Schülern durchlaufen werden – wahrlich ein ernstzunehmender Stichprobenumfang. Dabei folgt er der Leithypothese, die sehr hübsch in dem Satz von W. C. Fields zusammengefasst ist: "A thing worth having is a thing worth cheating for" (S. 24) Grund zum Schummeln bekamen die Lehrer durch das "No Child Left Behind Law", das George Dabbeljuh 2002 unterzeichnete. Schon davor wurden in vielen US-Staaten jährliche Tests mit allen Schülern durchgeführt, doch durch dieses Gesetz wurden die Schulen für das Abschneiden ihrer Schüler verantwortlich gemacht. Lehrer, deren Klassen schlecht abschnitten, konnten somit erheblichen Ärger bekommen; "gute" Lehrer hatten Aussicht auf Anerkennung, Auszeichnungen und Prämien – hinreichend Grund zum Mogeln also, zumal das Risiko von Lehrern, beim "Unterschleif" erwischt zu werden, weitaus geringer ist als das von Schülern.

Außer, wenn ein Steven D. Levitt die Daten in die Finger bekommt. Er überlegte als erstes, was denn eigentlich die gescheitesten Strategien des Mogelns wären: "To catch a cheater, it helps to think like one." (S. 28) Da den Lehrern zwischen dem Abschluss der Tests in der Klasse und deren Abgabe nur wenig Zeit bleibt, müssen sie effizient vorgehen: "So what you might do is select a string of eight or ten consecutive questions and fill in the correct answers for, say, one-half or two-thirds of your students. You could easily memorize a short pattern of correct answers, and it would be a lot faster to erase and change that pattern than to go through each student's answer sheets individually. You might even think to focus your activity toward the end of the test, where the questions tend to be harder than the earlier ones." (S. 28) (Ein hübsches Beispiel dafür übrigens, dass Empathie nicht nur "therapeutisch" eingesetzt werden kann.)

Auf dieser Basis entwickelte er Verfahren, mit denen sich Betrügereien nachweisen lassen. Ein begründeter Verdacht bestünde zum Beispiel dann, wenn der Durchschnittswert einer Klasse bei den schwierigen Aufgaben besser wären als bei den leichteren, wenn einige der schwierigen Aufgaben von einem großen Teil der Klasse richtig gelöst wurden oder wenn auch die schlechtesten Schüler etliche schwierige Aufgaben richtig gelöst hätten, und zwar "zufällig" die gleichen wie ihre besseren Kameraden. Hat man solche Hypothesen erst einmal, braucht man sie bloß noch zu testen – was Levitt denn auch tat und zahlreiche Verdächtige identifizierte. In einer kontrollierten Wiederholung brachen die "nachgebesserten" Klassen ein, während sich die Retest-Werte einer Kontrollgruppe kaum veränderten: Der Nachweis des Schummelns war erbracht. Mit ähnlichen Denkansätzen und Methoden wies Levitt nach, dass auch japanische Sumo-Ringer das Undenkbare tun, nämlich unter bestimmten Umständen ihre Gegner gewinnen zu lassen.

Das eigentlich Lehrreiche an diesen Untersuchungen aber ist nicht, was dabei an Befunden herauskommt. Dass Lehrer (vermutlich nicht nur in Chicago) unter bestimmten Voraussetzungen betrügen, dass Sportler sich unter bestimmten Bedingungen sehr unsportlich verhalten, dass Immobilienmakler ihre eigenen Häuser teurer verkaufen als die ihrer Kunden, das alles haben wir längst geahnt oder zumindest befürchtet. Wenn sich die Arbeiten von Levitt darauf beschränkten, wären sie kaum mehr als ein Beitrag zur (Vor-)Urteilsbekräftigung – aber diesen Effekt kann man durch den Kauf preisgünstiger Zeitungen billiger haben. Viel spannender und nutzbringender ist, das Buch ein zweites Mal aus einer methodischen Perspektive zu lesen und daraus zu lernen, wie Levitt das eigentlich macht. Dann fallen drei Muster auf. Erstens Levitts Unwilligkeit, sich mit den handelsüblichen Erklärungen zufriedenzugeben. Hierfür ist vermutlich ein Schuss spätpubertärer Widerspruchsgeist und Lust an der Provokation durchaus hilfreich. Zweitens seine ausgeprägte Entschlossenheit und Fähigkeit, die "innere Logik" seines jeweiligen Gegenstands zu durchdringen: eine bemerkenswertes Zusammenwirken von Empathie und analytischem Denken. Und drittens seine Konsequenz, die so gewonnenen Hypothesen an hinreichend großen Datensätzen empirisch zu überprüfen und erst dann den Sieg zu verkünden, wenn die Fakten in Übereinstimmung mit der Theorie sind.

Wahrscheinlich verlange ich Übermenschliches, wenn ich mir für solch ein ebenso eigenständiges wie konsequentes Denken größere Verbreitung wünschen würde, gerade auch bei alledem, was über Management und Führung gelehrt und geredet wird. Doch den meisten Menschen ist es offenbar wichtiger, in ihren Grundüberzeugungen nicht irritiert zu werden, als neue Gedanken auch um den Preis zuzulassen, dass man zuweilen den Boden unter den Füßen verliert. Umso größer ist für mich das Vergnügen, über die Arbeiten eines Forschers zu lesen, der wirklich ein Querdenker ist und nicht bloß ein Querkopf.

Und warum ist meine Bewertung des Buchs dann nicht noch höher? Weil man sich genau jene methodischen Aspekte, die über das jeweilige Einzelthema hinausgehen, weitgehend selbst ableiten bzw. zusammenreimen muss. Die einzelnen Stories sind zwar ausgesprochen gut und zum Teil geradezu spannend geschrieben, was für so abstrakte Themen wie statistische Analysen über große Datenbestände durchaus etwas heißen will. Aber sie bleiben eben weitgehend "einzelne Stories". Und so fehlt einem beim Lesen bald der rote Faden, und am Schluss fragt man sich etwas verdattert: "Das war wirklich spannend, aber was habe ich da jetzt eigentlich gelesen?" So scheint es auch Stephen Dubner gegangen zu sein, denn im Epilog fragt er selbst nach dem "unifying theme" – und kommt zu dem Ergebnis, dass es das nicht gibt, wohl aber einen roten Faden: "It has to do with thinking sensibly about how people behave in the real world. All it requires is a novel way of looking, of discerning, of measuring." (S. 205) Na, wenn es weiter nichts ist...

Schlagworte:
Conventional Wisdom, Vorurteile, Behavioral Economics, Forschungsmethoden

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