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Macht nichts – stattdessen unreflektierte Manipulationstechniken

Lieberman, David J. (2001):

Macht macht Spaß

Wie Sie jede Situation positiv beeinflussen und bestimmen können (Originaltitel: Get Anyone to Do Anything and Never Feel Powerless Again)

Mosaik (München); 223 S (derzeit vergriffen)


Nutzen / Lesbarkeit: 5 / 9

Rezensent: Winfried Berner, 28.07.2005

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Macht versteht Lieberman vor allem als Manipulation. Und so ist sein Buch ein detaillierter, aber wenig reflektierter Ratgeber für psychologisch (teilweise) fundierte Manipulationstechniken. Über Macht hingegen erfährt der Leser so gut wie gar nichts

Laut Klappentext stammt das Buch von dem "international führenden Experten auf dem Gebiet der Verhaltenspsychologie" David J. Lieberman. Ich muss gestehen, dass ich von diesem Guru noch nie gehört habe, und auch eine Literaturrecherche erbringt keine Hinweise darauf, dass die (Verhaltens)Psychologie Lieberman bedeutende Erkenntnisse verdankt. Vielmehr veranstaltet der in New York ansässige L. "Trainingsprogramme, Seminare und Lesungen". Nervige Aufschneiderei eines Trainers also, das schon vor der ersten Zeile Zweifel an der Seriosität weckt.

Dass diese Großspurigkeit kein Ausrutscher ist, beweisen neben dem Original- und dem Untertitel die Überschriften der fünf Hauptkapitel: "I. Wie Sie jeden dazu bringen, Sie zu mögen, zu lieben oder einfach gut zu finden!", "II. Nie mehr betrogen, ausgetrickst, manipuliert, benützt, belogen oder ausgenützt werden", "III. Jede Situation in den Griff bekommen und jeden dazu bringen, das zu tun, was man will", "IV. Wie Sie jeden Konkurrenten aus dem Feld schlagen: im Job, in der Liebe oder beim Spiel" und "V. Erleichtern Sie sich das Leben: Wie Sie die unangenehmsten Situationen meistern und immer die Oberhand behalten!" – Wahrhaftig, das möchte ich auch können. Aber würde solche Überlegenheit und Unwiderstehlichkeit nicht bedeuten, dass alle anderen, die mir nach der Lektüre begegnen, keinerlei Kontrolle über die Situation mehr haben? Und was ist, wenn mir jemand begegnet, der das Buch auch gelesen hat?

Wie schon aus diesen Überschriften zu erkennen, ist Liebermans Ansatz hemmungslos manipulativ. Auf die Frage nach der Legitimität und Redlichkeit solcher Tricks verschwendet er keine Zeile – ebenso wenig wie auf das Menschenbild und die Integrität derer, die so mit ihren Mitmenschen umgehen, und auf die Folgen, die das in ihrem Beziehungsumfeld hinterlässt. Wie stellt sich die berufliche und private Umgebung zu einem Menschen, der als ein ebenso geschickter wie bedenkenloser Manipulateur gilt? Mancher kurzfristige Erfolg mag sich da in eine langfristige Verlustposition verwandeln. Die einzige andeutungsweise Reflexion darüber enthält das Schlusswort: "Eine Lüge beispielsweise, die bewirkt, jemanden vor einer Verletzung seiner Gefühle zu schützen, ist sicher für jeden das Beste. Und jemanden zu täuschen kann dann akzeptabel sein, wenn es dazu dient, Schaden von ihm abzuwenden." (S. 214) Ganz abgesehen davon, dass man diese "wohlwollende Bevormundung" durchaus hinterfragen kann und muss: Allzu oft ist die vorgeblich großherzige Schonung des anderen bei genauerem Hinsehen bloß ein Alibi für die eigene Konfliktvermeidung.

Doch muss man Liebermans Manipulationstechniken zugestehen, dass sie (überwiegend) originell und psychologisch fundiert sind. Oft greift er für die Begründung explizit auf sozialpsychologische Forschungsbefunde zurück, wobei etwas befremdlich anmutet, dass er zwar häufig Autoren mit Namen und Jahr zitiert (Hatfield, 1965), dass aber ein Literaturverzeichnis fehlt, in dem diese Referenzen aufgelöst werden. (Was allerdings vermutlich weniger mit Manipulation zu tun hat als mit editorischer Schlamperei.)

Auf 40 kurze Unterkapitel sind seine Tipps aufgeteilt, was ein zügiges Lesen, Verstehen und möglicherweise auch Umsetzen erleichtert. Darunter sind relativ harmlose wie der, dass man mit Leuten, die man sich gewogen machen möchte, möglichst dann reden solle, wenn sie guter Laune sind, weil das auf die Erinnerung an die eigene Person abfärbe; originelle wie zum Beispiel "Wie Sie merken, dass jemand blufft" (S. 58), nämlich daran, dass er im Zweifelsfall zu dick aufträgt; klassische rhetorische Gesprächsführungstricks, um den Wahrheitsgehalt einer Behauptung zu überprüfen, wie die "Voraussetzungsfrage". Darunter sind aber auch eher zweifelhafte Empfehlungen wie im letzten Unterkapitel "Wie Sie sich aus fast jeden körperlichen oder sexuellen Angriff befreien können" (S. 214). Immerhin ist dieses "fast" die einzige andeutungsweise Einschränkung der universalen Wirksamkeit von Liebermans Rezepten, die mir in dem gesamten Buch aufgefallen ist.

Zumindest aber sind Liebermans Manipulationstechniken in aller Regel nicht, wie die mancher anderer Manipulationsratgeber, feindselig, destruktiv oder entwertend. Lieberman zielt (mit Ausnahme des 4. Kapitels) nicht darauf, die Objekte seiner Bemühungen zu besiegen, sondern sie mit suggestivem Geschick unmerklich auf seinen Kurs zu bringen. Das ist sicherlich nicht annähernd so destruktiv wie Techniken, die auf Einschüchterung, Bloßstellung oder mentale Nötigung zielen. Und dennoch: Es gibt eben auch das psychologische "Gesetz", wonach Menschen auf Einschränkungen ihres Handlungsspielraums – sei es durch Zwang oder durch Manipulation – mit Reaktanz reagieren, also letztlich mit offenem oder verdeckten Widerstand.

Von daher gibt Lieberman seinen Adepten zweischneidige Waffen in die Hand, die sich schneller als sie es ahnen, gegen sie wenden können. Ich kann mir gut vorstellen, dass solche Bücher (und Seminare) sich gut verkaufen, weil sie ein Bedürfnis nach Überlegenheit und Kontrolle bedienen, das umso größer ist, je größer die uneingestandenen Minderwertigkeitsgefühle sind. Genau diesen Leidensdruck spricht der Autor auch schon mit seinen ersten Sätzen an: "Haben Sie es auch satt, ständig von anderen manipuliert und ausgenutzt zu werden? Haben Sie manchmal das Gefühl, dass Ihnen niemand zuhört und niemand Sie so beachtet und respektiert, wie es Ihnen zukommt?" (S. 9) Und er verspricht: "Denn in diesem Buch finden Sie nur solche psychologischen Taktiken, die das menschliche Verhalten bestimmen, und mit denen Sie immer und überall jeden ausmanövrieren, austricksen und übertrumpfen können." (S. 9) So wohltuend und entlastend die Überlegenheitsphantasien in der Phantasie sein mögen, die diese Versprechungen ohne jeden Hauch von Ironie suggerieren, so bitter kann das Erwachen sein, wenn die Zauberlehrlinge bei der realen Umsetzung von ihrem eigenen sozialen Echo überrascht werden.

Trotzdem halte ich es für sinnvoll, solche Manipulationstechniken zu kennen und sich mit ihnen auseinanderzusetzen. Zum einen, weil sie eine einfache Selbstdiagnose der eigenen Defizitbereiche ermöglichen: Je größer die Faszination eines Anwendungsfelds, desto größer die innere Not. Zum anderen, weil wir ja nicht die Wahl haben, Techniken und Taktiken einzusetzen oder es zu lassen, sondern nur die Wahl haben, sie entweder reflektiert oder unreflektiert, entweder verantwortet oder spontan – und damit eben auch un-bedacht – einzusetzen. Damit liegt das größte Potenzial dieses Buchs genau dort, wo Lieberman kneift: Nämlich, darüber nachzudenken, welche Methoden, Techniken und Strategien eigentlich in Ordnung gehen, wenn man eine gleichwertige Beziehung mit anderen Menschen – gleich ob Sexual- oder Geschäftspartnern – leben möchte, und welche sich ausschließen, sei es aus ethischen Gründen oder auch nur aus reflektiertem Eigeninteresse.

Schlagworte:
Macht, Manipulation, Manipulationstechniken, Argumentation, Überredung

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