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Fundierte Einführung in die biologischen Grundlagen des Verhaltens

Voland, Eckart (2000):

Grundriss der Soziobiologie



Spektrum (Heidelberg, Berlin) 1993, 2. überarbeitete und erweiterte Auflage 2000; 353 S.; 25,50 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 7

Rezensent: Winfried Berner, 19.08.2006

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Auch wenn uns die Soziobiologie nicht sagen kann, welche Verhaltensregeln unter den heutigen Lebensumständen "artgerecht" sind, liefert sie doch eine Vielzahl von Anregungen, um die tiefere Logik von tierischem und menschlichem Verhalten zu verstehen

Die Soziobiologie ist für mich eine der spannendsten Wissenschaften unserer Zeit. Sie spürt der Frage nach, weshalb sich Lebewesen genau so verhalten, wie sie sich verhalten: Was haben sie davon, dass sie tun, was sie tun? Welche Ziele verfolgen sie damit? Welchen Nutzen bringt es ihnen? Als eigenständige Wissenschaftsdisziplin ist die Soziobiologie gerade mal 30 Jahre alt; ihr Gründungsdatum liegt im Jahre 1975, als Edward O. Wilsons bahnbrechendes Werk "Sociobiology" erschien, dem 1976 "The Selfish Gene" von Richard Dawkins und 1977 "Das Prinzip Eigennutz" aus der Feder der Max-Planck-Forscher Wolfgang Wickler und Uta Seibt folgte (siehe Rezension). Auch wenn diese Werke, wie jeder wissenschaftliche Durchbruch, Vorläufer hatten, markieren sie – in diesem Fall ist das Wort ausnahmsweise berechtigt – einen Paradigmenwechsel: Nach Auffassung der Soziobiologie ist nicht die Erhaltung der Art das treibende Prinzip der Evolution, wie es die klassische Verhaltensforschung (Heinroth, Tinbergen, Lorenz) fälschlich angenommen hat, sondern die Evolution setzt am Individuum an und verändert so den Anteil bestimmter Gene in der jeweiligen Population. Nicht die abstrakte Kategorie der Art (oder Spezies) verfolgt das Interesse, sich zu erhalten und zu verbreiten (wie sollte sie das auch tun?), sondern "das egoistische Gen" (Dawkins 1976) bemüht sich, seinen Marktanteil in den nachfolgenden Generationen zu optimieren. Oder, etwas genauer und weniger anthropomorph formuliert, es nimmt auch ohne jeden "Kampf ums Da- oder Dortsein" der Anteil jener Gene zu, die Eigenschaften oder Verhaltensweisen bedingen (oder begünstigen), die die Wahrscheinlichkeit erfolgreicher Nachkommen erhöhen. So besehen, ist die Grundthese beinahe eine Tautologie, allerdings eine nicht-offensichtliche: Es werden schlicht jene Gene häufiger, die zu einem Phänotyp beitragen, der ihre Verbreitung erhöht.

Sich mit den biologischen Grundlagen tierischen und menschlichen Verhaltens zu befassen, hat für viele aufgeklärte Menschen einen unangenehmen Beigeschmack. Das liegt meines Erachtens weniger daran, dass uns dies unweigerlich mit unseren biologischen Wurzeln konfrontiert, als daran, dass pseudobiologische Argumente immer wieder dazu benutzt wurden (und werden), um reaktionäre, rassistische oder sexistische Thesen mit einer vorgeblichen wissenschaftlichen Verbrämung zu versehen. Leider haben dazu immer wieder auch Verhaltensforscher selbst beigetragen. Über die Unzulänglichkeit und Unzulässigkeit solcher Schlüsse haben die renommierten Soziobiologen Wolfgang Wickler und Uta Seibt schon 1977 in "Das Prinzip Eigennutz" klare Worte gefunden. Auch der in Gießen lehrende Professor Eckard Voland warnt nachdrücklich vor der "ideologische(n) Vereinnahmung und Vulgarisierung der Humansoziobiologie": "Innerhalb und außerhalb der Fachwelt herrscht offensichtlich häufig die philosophisch nicht zu begründende Meinung vor, man könne mittels einer wissenschaftlichen Naturbeobachtung die 'richtigen' Prinzipien und sittlichen Normen menschlichen Verhaltens ermitteln." (S. 27) Voland räumt ein, dass diese falsche Hoffnung auch von manchen Verhaltensforschern, namentlich Konrad Lorenz, "kräftig geschürt" worden sei. Doch heute "brechen viele Soziobiologen kategorisch mit der Darwinistisches Denken von Anbeginn begleitenden Tradition naturalistischer Fehlschlüsse. Die biologische Evolution ist kein Werte-generierender Prozess, die Natur kein sittliches Prinzip. Sie taugt deshalb auch nicht als Vorbild." (S. 27)

Das kurze erste Kapitel "Paradigma, Konzepte und Modelle der Soziobiologie", aus dem auch diese Zitate stammen, liefert einen fulminanten, aber auch recht anspruchsvollen Einstieg in die Thematik. Voland erläutert darin zentrale Gedanken, Begriffe und Konzepte der Soziobiologie. Auch wenn er gelegentlich einen flotten Spruch einstreut ("Die Evolution geht – ziemlich langsam – nirgendwo hin"; S. 4), ist das sicherlich das schwierigste Kapitel des gesamten Buchs – nicht wegen einer unnötig komplizierten Sprache, sondern wegen seiner hohen Dichte und abstrakten Gedankenführung. Es beschreibt insbesondere die zentralen Mechanismen der Selektion und macht klar, dass die Selektion nicht an der abstrakten Kategorie der Art ansetzt, sondern ausschließlich an Individuen. Das von der klassischen Verhaltensforschung postulierte Primat der Erhaltung der Art entpuppt sich als eine romantische Fiktion: Sie trägt schon deshalb nicht, weil Individuen, die ihre eigene Reproduktion zugunsten der Arterhaltung hintanstellen würden, aus genau diesem Grund aussterben und von "egoistischen" Individuen verdrängt würden, die ihre eigene Reproduktion über die Gesamtinteressen ihrer Art stellen.

Ausgesprochen erhellend fand ich auch, wie Voland die gesamte Anlage-Umwelt-Debatte, über die zeitweise aufs Heftigste gestritten wurde, mit wenigen Sätzen als gegenstandslos entlarvt, weil beide Seiten von falschen Voraussetzungen ausgingen: Die Argumente beider Seiten basierten "auf einem falschen Verständnis von der Wirkweise der Gene, von denen irrtümlich angenommen wird, sie würden biologische Merkmale unabhängig von Umwelteinflüssen determinieren. Das ist nicht der Fall, denn die Phänotypen (einschl. der Verhaltensmerkmale) entstehen immer aus einer Wechselbeziehung zwischen dem Genom und seiner Umgebung. (...) Es macht deshalb auch absolut keinen Sinn, Verhaltensmerkmale als 'angeboren' oder 'erworben' unterscheiden zu wollen (Heschl 1998). Bestenfalls lässt sich ihre Stellung in einem Kontinuum zwischen 'relativ stabil' und relativ sensibel' gegenüber unterschiedlichen Umwelteinflüssen bestimmen." (S. 13f.) In der Tat leuchtet es ein, dass das beobachtbare Verhalten – und damit auch Persönlichkeits- und Charaktermerkmale – notwendigerweise immer das Produkt aus Anlage und Umwelt sind. Aber wenn das stimmt, worüber haben wir dann eigentlich die ganzen Jahre gestritten?

Dass auch die menschliche Kultur (bzw. die menschlichen Kulturen) von der Evolution geprägt sind, macht Voland in dem Abschnitt "Spezielle Probleme einer Humansoziobiologie" deutlich. Denn Kultur und Evolution sind keine alternativen Erklärungsmodelle für menschliches Verhalten, sondern natürliche Verbündete. Das beginnt mit der Kulturfähigkeit des Menschen: "Der ursprüngliche Selektionsvorteil von Kulturfähigkeit könnte in einer Risikoverminderung durch Imitation gelegen haben. Eine einzige Programmanweisung, nämlich 'Imitiere die Erfolgreichen!' könnte sehr viele Phänomene der menschlichen Kulturgeschichte zur Folge gehabt haben (Flinn und Alexander 1982). Dass offensichtlich ziemlich konsequent (und häufig absolut blind) nach dieser Devise gehandelt wird, belegt die Alltagserfahrung, und die biologische Adaptivität eines solchen Programms liegt auf der Hand: Es erspart dem Imitator unter Umständen unendlich lange, mühsame und risikoreiche Versuch-und-Irrtum-Prozesse. Er könnte sehr schnell und gefahrlos jene Verhaltensoption wählen, von denen er weiß, dass andere damit bereits Erfolg hatten. (...) Kulturgeschichte begann, als das survival of the fittest ein imitation of the fittest ins Schlepptau nahm." (S. 24) Kultur wäre damit nicht der intellektuelle Gegenentwurf zur "dumpfen und stumpfsinnigen" Evolution, sondern eine geniale Strategie ebendieser Evolution, sich über Lernen und Anpassung zusätzliche Selektionsvorteile zu verschaffen. Alleine für solch einen Gedanken hat sich die Lektüre gelohnt!

Das umfangreiche zweite Kapitel widmet sich auf gut 100 Seiten dem Thema "Kooperation und Konflikt in sozialen Gruppen". Darin geht es zum einen darum, weshalb sich soziale Lebensformen überhaupt entwickelt haben und wohin sie sich entwickelt haben; zum anderen darum, welche sozialen Strategien sich im Kontext sozialer Lebensformen herausgebildet haben. Das Spektrum reicht von "Kampf, Dominanz und Despotismus" über "Kooperation und Altruismus" bis hin zu Gruppenphänomenen wie Territorialität, Abgrenzung gegenüber anderen Gruppen und Ausgrenzungsreaktionen. Das ist unglaublich befruchtend für alle, die sich mit Unternehmenskultur, Gruppendynamik und/oder Change Management befassen. Denn auch wenn uns die Soziobiologie nichts darüber sagen kann, wie Menschen in der heutigen Zeit leben und wie sie ihre sozialen Systeme gestalten sollten, kann sie uns doch eine Menge darüber sagen, wie unsere "Hardware-Verdrahtungen" aussehen und welche Ansätze zur Gestaltung unserer Zusammenarbeit und unseres Geschäftslebens halbwegs in Einklang mit unserer biologischen Natur sind und welche nicht.

Den "Geschlechterbeziehungen" ist das ebenfalls sehr umfangreiche dritte Kapitel gewidmet, den "Elternstrategien" das vierte. Und auch diese Kapitel demonstrieren, wie logisch, und zum Teil erschreckend logisch, tierisches und menschliches Verhalten ist. Selbst in diesen privatesten Lebensbereichen drängt uns (und unsere tierische Verwandtschaft) die Selektion dazu, uns konsequent gemäß unserer eigenen Reproduktionsinteressen zu verhalten. Angesichts von "male competition and female choice" (S. 135) macht es zum Beispiel allen Sinn der Welt, dass sich Männchen mit hohem Aufwand als Partner der Wahl profilieren müssen, während sich Weibchen als wählerisch erweisen, aber alles tun, um ihre Brut durchzubringen: "Deshalb sollten Weibchen die zukünftige Nützlichkeit eines möglichen Partners für eine erfolgreiche Jungenaufzucht schon vor der Paarung zu erkennen und zu bewerten versuchen." (S. 136) Die komplexe Gemengelage von Interessenskonflikten und -übereinstimmungen von (Brut-)Partnern, aber auch von Eltern und Kindern regt beim Lesen immer wieder zu nachdenklichen gedanklichen Abschweifungen an.

Was für mich so faszinierend an der Soziobiologie ist, ist, wie einleuchtend und logisch selbst die bizarrsten und befremdlichen Verhaltensweisen von Tieren und Menschen werden, wenn man erst ihren biologischen Sinn und Zweck verstanden hat. So betrachtet, ist Volands Werk auch eine biologische Erweiterung und Fundierung des individualpsychologischen Leitgedankens, dass menschliches Verhalten immer zielgerichtet ist. Weil es darin schult, den tieferen Sinn allen Verhaltens zu suchen und zu akzeptieren, ist dieses Buch in meinen Augen zugleich ein erstklassiges Trainingsbuch für alle, die sich professionell mit Unternehmenskultur, Kulturanalyse und Kulturveränderung befassen.

Mit seinem "Grundriss" ist Eckard Voland eine eindrucksvolle Fortschreibung der großen Werke von Wickler und Seibt (siehe Rezensionen) aus den siebziger Jahren gelungen – schade eigentlich, dass er nur als Paperback vorliegt! Die Soziobiologie als Forschungsprogramm und etliche der Methoden, die schon Wickler und Seibt 1977 vorgestellt hatten, haben sich seither als fruchtbar bewiesen, und ihre Erkenntnisse sind nicht nur detaillierter, sondern auch noch weitreichender und präziser geworden; die klassische Verhaltensforschung (Ethologie), die Heinroth, Tinbergen, Lorenz und andere aufgebaut haben, muss heute wohl als Vorstufe zur Soziobiologie gelten. Doch Volands Werk ist keineswegs nur ein Fachbuch für Biologen und Psychologen, sondern wertvoller Impulsgeber für alle, die sich für (tierisches und) menschliches Verhalten und seine Gründe interessieren: Unbedingt lesenswert!

Schlagworte:
Soziobiologie, Verhalten, Verhaltensforschung, Anlage-Umwelt, Kultur, Kulturgeschichte, Kulturanalyse, Kooperation

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