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Beinahe eine gute Einführung in die Evolutionstheorie

Offenberger, Monika (1999):

Von Nautilus und Sapiens

Einführung in die Evolutionstheorie

dtv (München); 139 S.; 7,62 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 6 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 17.02.2007

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Das hätte eine gute, leicht verständliche Einführung in die Evolutionstheorie werden können, wenn die Autorin ihre anfänglich klare Argumentation beibehalten, mehr Gliederung geboten und ihren seriösen Wissenschaftsjournalismus durchgehalten hätte.

Wie war das noch mal mit der Evolution? Mutation und Selektion – das klingt aus dem Biologieunterricht noch vertraut, aber was waren nochmal Gendrift, Rekombination und Genfluss, die drei anderen Wirkmechanismen der Evolution? Mit ihrem 130-Seiten-Taschenbuch will die Biologin und Wissenschaftsjournalistin Monika Offenberger eine leicht verständliche Einführung in die Evolutionsbiologie geben. Das gelingt ihr nicht völlig, weil sie sich im Laufe des Buches zunehmend verzettelt und auch immer oberflächlicher und "unwissenschaftlicher" in ihrer Argumentation wird. Sie besitzt die Fähigkeit, anschaulich zu schreiben und gut zu erklären, aber zu ihren Stärken zählt offenbar nicht, klar zu gliedern und dem Leser mit einer transparenten Struktur Orientierung zu vermitteln.

Das Buch beginnt gut: In dem kurzen und sehr lebendigen Kapitel "Eine Reise um die Welt" schildert Offenberger in einer biographischen Skizze, wie Charles Darwin überhaupt dazu kam, umfangreiche Feldbeobachtungen in der großen weiten Welt anzustellen und auf deren Basis letztlich sein berühmtes Werk "On the Origin of Species by Means of Natural Selection" zu formulieren und damit das Fundament zu einer Theorie zu legen, die unser Verständnis von den Lebensformen auf der Welt so grundlegend beeinflusst hat wie kaum ein anderes Werk..

Auch das zweite Kapitel "Die Gesetze des Lebens", das mit 71 Seiten mehr als die Hälfte des Büchleins ausmacht, fängt lebendig und gut nachvollziehbar. Sehr anschaulich schildert sie die Vorläufer und zeitgenössischen Alternativentwürfe zur Evolutionstheorie sowie wichtige Belege, die letztlich für Darwins Theorie als schlüssigstes Erklärungsmodell sprechen. Ausgesprochen überzeugend der Abschnitt "Evolution life", der anhand der Galapagosfinken zwei ausgesprochen wichtige Erkenntnisse vermittelt: Erstens, wie schnell Evolution Arten verändern kann, wenn der Selektionsdruck nur groß genug ist, zweitens, wie ziellos Evolution verläuft, sofern vorübergehende Effekte – wie zum Beispiel Klimaschwankungen – einen Selektionsdruck mal in der einen, mal in der anderen Richtung ausüben. Das zeigt, dass die Evolution nicht, wie viele Menschen glauben, zielgerichtet ist und von "niedrigeren" zu "höheren" Lebensformen verläuft, sondern lediglich zur Anpassung an die jeweils herrschenden Verhältnisse führt.

Doch je weiter dieses lange Kapitel fortschreitet, desto schwerer fiel es zumindest mir, den roten Faden zu erkennen. Es tauchen zwar immer wieder neue interessante Aspekte auf, wie zum Beispiel die Frage, ob die Evolution gleichmäßig oder in Sprüngen ("Saltationen") verläuft – oder ob keines von beiden der Fall ist, sondern ob graduelle Veränderungen in Abhängigkeit von dem aktuellen Selektionsdruck mal stark beschleunigt verlaufen und mal beinahe stagnieren. Doch so anschaulich und überzeugend solche Einzelaspekte dargestellt werden, so sehr verschwimmt die große Linie, und das Buch wird zunehmend zu einer Aneinanderreihung von interessanten und weniger interessanten Teilaspekten, deren Zusammenhänge zunehmend verfließen.

Dieser Eindruck verstärkt sich in dem dritten Kapitel "Der dritte Schimpanse", das mit 27 Seiten den Rest des Büchleins füllt – und das außer den Textabsätzen keinerlei Untergliederungen mehr aufweist. Anfangs scheint es, als solle es in diesem Kapitel um die Evolution des Menschen gehen, doch schon nach sieben Seiten setzt sich Offenberger plötzlich und unerwartet mit dem Kreationismus auseinander, einem vor allem in den USA verbreiteten religiösen Fundamentalismus, der keine wissenschaftlichen Erkenntnisse zulassen möchte, welche im Widerspruch zu der biblischen Schöpfungsgeschichte stehen. Von hier geht es weiter über Pius XII., Johannes Paul II. und den Molekularbiologen Jacques Monod bis hin zur Eugenik und anderen Ideologien, die sich auf die Evolutionstheorie (oder genauer: ihre Auslegung der Evolutionstheorie) beriefen und berufen.

In diesem Kapitel, das die Überschrift "Was ich sonst noch sagen wollte" verdient hätte, verwirren abrupte Themenwechsel von Absatz zu Absatz, und zugleich irritiert zunehmend eine Vermengung von wissenschaftsjournalistischer Aufbereitung von Forschungsbefunden und einer zum Teil recht oberflächlichen Kommentierung. Da geht es mal um Resistenzentwicklung von Krankheitserregern, mal um Artenschutz und die Nachzucht von ausgestorbenen oder ausgerotteten Tierarten, mal um Gentechnik und mal um Evolutionsstrategien in der Technik, das heißt computergestützten Optimierungsmodellen. Klar, all das hat "auch irgendwie" mit der Evolutionstheorie zu tun, aber so "auch irgendwie" wirkt es auch.

Ausgesprochen ärgerlich finde ich, wie Offenberger dabei die Soziobiologie abqualifiziert, eines der spannendsten und ergiebigsten Forschungsgebiete unserer Zeit: "Wilson und andere Soziobiologen sind der Ansicht, dass neben körperlichen Merkmalen auch soziale Verhaltensweisen durch ein genetisches Programm festgelegt sind, das sich über Generationen hinweg unter der natürlichen Auslese bewährt hat. Einige extreme Vertreter der soziobiologischen Denkweise sind davon überzeugt, dass sich auch Verhaltensunterschiede zwischen Männern und Frauen während der Hominidenevolution entwickelt haben und daher heute noch in unserem Erbgut festgeschrieben sind. (...) Nach derselben Logik finden Kindestötung, Vergewaltigung, Mord aus Eifersucht sowie die in vielen Kulturen heute noch übliche Verstümmelung der weiblichen Geschlechtsorgane eine biologische Erklärung." (S. 112f.)

Für diesen schwerwiegenden Vorwurf nennt sie keine Quellen. Ich habe auf dem Gebiet der Soziobiologie Etliches gelesen; mir ist jedoch nie ein Autor unterkommen, der Ähnliches auch nur als Hypothese behauptet, geschweige denn als biologisch sinnvoll gerechtfertigt hätte, sofern solch eine Quelle im Bereich der seriösen Wissenschaft überhaupt existiert. Es ist schwer vorstellbar, auf welche Weise Mord oder Genitalverstümmelung die genetische Fitness der Täter steigern sollten. Doch selbst wenn sich nachweisen ließe, dass sie es tun, wäre es ein bisschen kurzschlüssig, den Überbringer der Nachricht ans Kreuz zu schlagen – und zudem völlig überflüssig, weil die ganze Aufregung auf einer unzulässigen Vermengung von deskriptiver und normativer Ebene beruht. Die Biologie kann uns niemals sagen, wie wir uns verhalten sollen, sondern sie kann nur auf Verhaltenstendenzen und ihre möglichen Ursachen und Folgen aufmerksam machen. Ein Verhalten, das nachweisbar Fitness-förderlich ist, ist deswegen noch lange nicht gerechtfertigt und erst recht nicht "von der Wissenschaft empfohlen". Vielmehr ist es hier wie in jeder Wissenschaft notwendig, die Beschreibung und Ergründung von Zusammenhängen scharf zu trennen von jeder Form von Empfehlung. Seltsamerweise bringt Offenberger genau dieses Argument wenige Seiten später selbst: "Doch soziobiologische Erklärungen für bestimmte Verhaltensweisen dürfen uns nicht dazu verleiten, diese Verhaltensweisen als 'natürlich' anzusehen oder gar zu rechtfertigen." (S. 115) Dem würde jeder seriöse Soziobiologe zustimmen (siehe etwa die Rezensionen von Voland und Wuketits). Was sollen also diese polemischen Anwürfe?!

Beispielsweise ist es nach meiner Kenntnis tatsächlich so, dass Stiefkinder ein deutlich höheres Risiko haben als leibliche Kinder, in frühen Jahren zu sterben. In den seltensten Fällen hat dies mit Mord zu tun, meist eher mit Vernachlässigung und geringerer Achtsamkeit. Soziobiologisch ist dieser Befund plausibel, weil es für den Reproduktionserfolg von Stiefeltern tatsächlich nichts bringt, für ein ihnen genetisch fremdes Kind zu sorgen. Aber daraus zu folgern, dass die Vernachlässigung oder Tötung dieser Kinder von der Soziobiologie empfohlen würde, ist ebenso absurd wie diese Wissenschaft dafür zu beschimpfen, dass sie solche Zusammenhänge aufgrund ihres Denkansatzes vorhersagt. Wer so argumentiert, müsste auch die Evolutionstheorie deshalb ablehnen, weil sie als wissenschaftlicher Vorwand für Eugenik und die "Vernichtung unwerten Lebens" missbraucht werden kann. Doch treffend stellt Offenberger hierzu fest: "Aus der Evolutionstheorie ergibt sich also weder eine Rechtfertigung für menschliches Verhalten, noch eine Anleitung für moralisch richtiges Tun." (S. 115) Eben.

Schlagworte:
Evolution, Evolutionstheorie

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