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Empathie für Fortgeschrittene

Rosenberg, Marshall B. (2005):

Den Schmerz überwinden, der zwischen uns steht

Wie Heilung und Versöhnung gelingen kann, ohne faule Kompromisse einzugehen

Junfermann (Paderborn); 58 S.; 7,50 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 7

Rezensent: Winfried Berner, 28.07.2007

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Wiedergabe von Workshop-Auszügen mit Marshall B. Rosenberg, in denen es vor allem um die heilende Wirkung von Empathie geht. Lesenswert für Menschen, die tiefer in die Gewaltfreie Kommunikation einsteigen wollen; zum Einstieg kaum geeignet.

"Den Schmerz überwinden, der zwischen uns steht" – dieser Titel klingt für meinen Geschmack etwas melodramatisch, fast ein wenig wehleidig. Aber die Beispiele, die in dieser 48-Seiten-Broschüre mit Seminar-Transkripten wiedergegeben sind, zeigen, dass es tatsächlich oft schmerzhafte Altlasten in der gemeinsamen Vorgeschichte sind, welche einer erfolgreicher Kommunikation und Zusammenarbeit im Wege stehen. Dieser Schmerz – andere Schulen würden es Kränkungen, Enttäuschungen, Verletzungen, (Mikro-)Traumata nennen – kann nach Marshall B. Rosenberg überwunden werden, wenn sich die Beteiligten gegenseitig "Empathie geben", das heißt, wenn sie sich "empathisch mit den Gefühlen des anderen verbinden", ohne dabei in Bewertungen und Beurteilungen, in Vorwürfe oder Entschuldigungen zu verfallen.

"Sich empathisch verbinden", das sind sehr abstrakte, eher metaphorische, wenig greifbare Worte. Ihre Bedeutung und Relevanz kann man wahrscheinlich nur verstehen, wenn man sie in der Realität erlebt. Transkripte von Fallbeispielen aus Seminaren, wie sie diese Broschüre enthält, sind zwar nicht die Realität, aber sie können dem Leser zumindest eine erste Vorstellung davon vermitteln. Zusätzliche Hinweise zur emotionalen Wirkung von Empathie und zu deren Umsetzung vermitteln die Fragen und Diskussionsbeiträge der Workshop-Teilnehmer (die hier seltsamerweise als "MT" und "WT" für männlicher bzw. weiblicher Teilnehmer kodifiziert sind, als sei das Geschlecht das einzige wichtige Unterscheidungsmerkmal zwischen Menschen) sowie die Antworten und Erläuterungen von Marshall Rosenberg, dem Urheber der sogenannten "Gewaltfreien Kommunikation" (GFK).

Obwohl diese Broschüre Methodik und Wirkungen von Empathie gut illustriert, würde ich sie nur Fortgeschrittenen am dem Gebiet der Gewaltfreien Kommunikation empfehlen. Wer nicht mit den Grundgedanken und methodischen Elementen dieses – in meinen Augen sehr wertvollen – Ansatzes vertraut ist, der wird sich vermutlich schwer tun zu verstehen, was hier vor sich geht und welcher methodischen Logik und welchen psychologischen Annahmen es folgt. Auch könnte ihm zuweilen die Sprache des Meisters etwas aufgesetzt erscheinen – und zwar beginnend mit dem ersten Satz: "Guten Tag. Was kann ich über das Thema Heilung und Versöhnung mit euch teilen, damit eure Bedürfnisse erfüllt werden?" (S. 8) (Ich vermute, dass das im O-Ton von Rosenberg etwas anders klingt als in der übersetzten Tonband-Abschrift. Trotzdem: Wenn ich nicht schon eine sehr hohe Meinung von Rosenberg und seiner Methodik hätte, würde es mich mehr als befremden.)

Da sie dem organischen Verlauf eines Workshops (oder mehrerer?) folgt, hat die Broschüre keine so stringente Gliederung wie sie ein Buch hätte (oder haben sollte). Der Text ist zwar mit Zwischenüberschriften gegliedert, aus denen hervorgeht, dass es vor allem um Empathie, Trauern und Heilung geht, doch das ist nicht der rote Faden einer sorgsam ausgearbeiteten didaktischen Struktur, sondern es sind Teilaspekte einer übergeordneten Thematik, wie sie sich aus der Arbeit mit einer fortgeschrittenen Gruppe ergeben haben. Auch aus diesem Grund eignet sich diese Broschüre eher für Fortgeschrittene als für Einsteiger.

Bemerkenswert finde ich, dass Rosenberg die GFK hier deutlicher als in anderen Werken und mit einer großen Selbstverständlichkeit als eine heilende Methodik beschreibt, und damit letztlich als ein Konzept, das über die bloße Verbesserung der zwischenmenschlichen Kommunikation und speziell der Konfliktbewältigung hinausreicht in den therapeutischen Bereich. So geht es etwa um "Die ersten beiden Schritte des Heilungsprozesses" oder darum, "Verbitterung (zu) heilen". Doch wirkt das auf mich nicht wie der aufkommende Größenwahn eines Gurus, der aufgrund der kritiklosen Bewunderung seiner Jünger allmählich den Bodenkontakt verliert und demnächst auch behaupten wird, Krebs und Gallensteine heilen zu können. Dass er von Heilung spricht, ist angesichts der Gesprächsverläufe plausibel, denn, soweit aus den Transkripten zu ersehen, bietet er seinen Rollenspielpartnern nicht nur eine vorübergehende "kathartische" Entlastung von empfundenem Druck, sondern eine nachhaltige (Auf-)Lösung ihrer Probleme. Dabei ereignen sich keine Wunderheilungen – was sich hier abspielt, ist zwar in mancher Hinsicht wunderbar (im Sinne von äußerst bemerkenswert), aber keineswegs wundersam (im Sinne von unerklärlich und unbegreiflich). Wer sich in Rosenbergs Rollenspielpartner hineinversetzt, wird zumindest einen Teil der Entlastung spüren, die sie durch die Gespräche und durch seine tiefe Empathie empfunden haben mögen.

Noch mehr als in manchen früheren Büchern von Marshall B. Rosenberg finde ich es absolut eindrucksvoll, was Empathie bewirken kann – und eine Bekräftigung der individualpsychologischen Erkenntnis, dass wir Menschen soziale Wesen sind, die nur in der Gemeinschaft mit anderen Erfüllung und innere Ausgeglichenheit finden können. Die Empathie, so wie sie Rosenberg hier lehrt und vorlebt, ist vielleicht die vollkommenste Ausprägung dessen, was der alte Alfred Adler Zugehörigkeit bzw. Gemeinschaftsgefühl genannt hat.

Schlagworte:
Kommunikation, Empathie, Gewaltfreie Kommunikation, Konfliktbewältigung

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