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Entschlüsseln der stillschweigenden Grundannahmen unserer Zivilisation

Quinn, Daniel (2007):

If They Give You Lined Paper Write Sideways



Steerforth Press (Hanover, New Hampshire); 198 S.; 11,50 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 9 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 24.09.2007

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Wer angetan von Quinns eigenständigen Untersuchungen zu den Grundüberzeugungen unserer Zivilisation ist, kann in diesem Buch einen Einblick in seine Methodik gewinnen. Anregend auch für alle, die sich intensiver mit Kulturanalyse beschäftigen wollen.

Der Titel klingt ein wenig bockig: "If They Give You Lined Paper Write Sideways". Doch es ist nicht spätpubertärer Trotzgeist, der Daniel Quinn antreibt, sondern das Bemühen, die unausgesprochenen Annahmen hinter dem Denken und Handeln unserer Zivilisation zu erkennen und sie auf ihre Haltbarkeit zu überprüfen. "Write Sideways" heißt in diesem Sinne: Löse dein Denken von den kulturell vorgedruckten, allgemein für selbstverständlich genommenen Linien. Das ist spannend über das unmittelbare Thema hinaus. Denn die Fähigkeit, die unausgesprochenen (und meist auch unbemerkten) Annahmen hinter den Argumenten, Denkmustern und Handlungsweisen von Individuen und (Sub)Kulturen zu erkennen, ist für viele Zwecke eine wertvolle Fähigkeit – für wirksames Argumentieren ebenso wie für die Analyse und Veränderung von (Unternehmens)Kulturen.

Um dieses Buch richtig einordnen zu können, muss man wissen, dass Daniel Quinn ein "Solitär" ist: Ein Querdenker, hat in mehreren lesenswerten Büchern ("Ishmael", "The Story of B", "Tales of Adam"; siehe Rezensionen) die ebenso zerstörerischen wie selbstzerstörerischen Grundannahmen unserer Kultur herausgearbeitet hat und dabei zu bemerkenswerten Erkenntnissen und Schlussfolgerungen gekommen ist. Ziel dieses Buchs ist nun, interessierten Lesern Quinns "Methodik" zu vermitteln und damit nicht eine Antwort auf die Frage zu geben, wie er zu seinen ebenso gescheiten wie eigenständigen Erkenntnissen kommt, sondern dieses hinterfragende Denken selbst zu erlernen.

Da ich bereits etliche Bücher von Quinn gelesen habe (und von ihnen sehr angetan bin), ist für mich schwer zu beurteilen, inwieweit dieses Buch auch für Leser verständlich und nutzbringend ist, die keine Quinn-Vorkenntnisse mitbringen. Theoretisch sollte es auch ihnen zugänglich sein, weil man eine Methodik ja auch dann studieren kann, wenn man mit ihren Ergebnissen noch nicht vertraut ist. Praktisch stelle ich es mir eher schwierig vor, da Quinns Methodik eines "Martian Anthropologist" ("someone who traveled millions of miles to study a species who, while supposedly rational, are destroying the very planet they live on", S. 5) sich doch nicht so ganz von den Inhalten ablösen lässt. Aber auch, weil das Erkenntnisinteresse, Quinns Methodik kennen und selbst anwenden zu lernen, wohl primär bei Menschen bestehen wird, die von seinen Einsichten fasziniert sind. Insofern bezieht sich meine Bewertung des Nutzens in erster Linie auf Leser, die bereits mit Quinns Gedanken vertraut sind. Denen, die es nicht sind, würde ich als Einstieg eher die Werke "Ishmael", "The Story of B" und "My Ishmael" (in dieser Reihenfolge) empfehlen.

Bevor ich näher auf den Inhalt dieses Buches eingehe, sollte ich kurz erläutern, worum es in Quinns Werk überhaupt geht. Das Thema ist eines, über das schon so viel geschrieben wurde, sodass eigentlich alles gesagt scheint: Das Zerstörungswerk des Menschen auf dieser Erde, der täglich unzählige Arten ausrottet und auf dem besten Weg ist, seine eigene Existenzgrundlage auf diesem Planeten zu vernichten. Damit kann man sich aus wissenschaftlicher, politischer, romantisch-moralisierender und noch mancher anderen Perspektive auseinandersetzen, und all dies ist auch längst ausgiebig geschehen. Doch Quinn wählt eine ungewöhnliche Perspektive: Seine Leitfrage – und sein Lebensthema – ist, was uns Menschen oder genauer: unsere Zivilisation eigentlich dazu veranlasst, so zerstörerisch mit unserer Welt und unseren Mitgeschöpfen umzugehen. Und er bleibt dabei nicht bei dem vielzititerten biblischen Satz "Macht euch die Erde untertan" stehen, dessen verhängnisvolle Folgen ja schon etliche Autoren hervorgehoben haben.

Vielmehr lokalisiert Quinn die entscheidende Weichenstellung beim Beginn der Agrarischen Revolution, also um 6000 vor Christus, als ein grundlegend neues Paradigma entstand: Die neue agrarische Zivilisation lebte nicht mehr von dem, was die Natur ihr bot, sondern sie ernährten sich "im Schweiße ihres Angesichts" von dem, was sie mit eigenen Händen erwirtschafteten. Derart aus dem Paradies vertrieben (oder freiwillig ausgestiegen?) entwickelten sie, was Unternehmen heute eine Wachstumsstrategie nennen würden: Sie "kultivierten" immer mehr Flächte, um eine wachsende Bevölkerung zu ernähren, für die sie wiederum mehr Anbaufläche brauchten. Was diesem Wachstum im Wege stand – von Fresskonkurrenten ("Schädlingen") bis zu nomadisierenden Nachbarn –, wurde bekämpft, zurückgedrängt und schließlich ausgerottet. Dieser Weg hat der Menschheit über die Jahrtausende schon zahlreiche Probleme eingebracht, doch in unserer Zeit scheint er endgültig an seine Grenzen zu stoßen: Die Belastbarkeit unserer Erde ist ausgereizt, die Welt verkraftet weiteres Wachstum einfach nicht mehr.

Um seine Methodik zu vermitteln, hat Quinn eine interessierte Leserin zum Gespräch eingeladen: Der Dialog mit ihr macht den Großteil des Buches aus. Eine explizite inhaltliche Gliederung hat dieser Dialog nicht; der Text ist lediglich in Halbtage unterteilt, sodass wir beispielsweise wissen, dass wir uns am "Saturday Afternoon" befinden. Beim Lesen stört das kaum, doch beim Nachschlagen und beim Rekapitulieren des Inhalts ist dieses Halbtages-Gliederung wenig hilfreich. Ergänzt wird dieser Hauptteil durch zwei Essays bzw. Vorträge: "The New Renaissance" (2002) und "Our Religions: Are They the Religions of Humanity itself?" (2000). Sie haben mit dem Thema des Buchs, Quinns Methodik, wenig zu tun, sind aber für interessierte Quinn-Leser hochwillkommene Ergänzungen, da sie wichtige Teilaspekte seines Werks ausführlicher und zusammenhängender vorstellen als in seinen bisherigen Büchern.

In diesem Dialog benützt Quinn gängige Redensarten, Leserfragen und andere alltägliche Beobachtungen als Studienmaterial, um seiner Leserin Elaine die Methodik eines "Martian Anthropologist" beizubringen. Sein eigenes Schlüsselerlebnis war nach seinen Worten die zu Zeiten des Vietnamkriegs häufig gebrauchte Phrase, man werde dieses widerspenstige Volk "in die Steinzeit zurückbomben" (S. 6). In unseren Ohren klingt diese Drohung ziemlich brachial, aber keineswegs absurd. Absurd würde uns hingegen die Drohung erscheinen, ein Land – vielleicht mit etwas weniger Sprengstoff – in das Barockzeitalter oder in die Antike zurückzubomben. Was ist der Unterschied? Antike und Barock sehen wir, auch wenn wir heute anders leben, als Hochkulturen an. Deshalb ist die Vorstellung absurd, dass diese Zeiten durch Bombardierung wieder erstehen könnten.

Bei der Steinzeit hingegen nehmen wir – unreflektiert – an, dass dies keine wirkliche Kultur war, sondern die kärgliche Lebensform, der übrig bliebe, wenn man uns all die Errungenschaften unserer Zivilisation nähme: Menschen, die mit Lendenschutz und primitiven Steinwerkzeugen unter beklagenswerten Bedingungen ihr Dasein fristeten. Kein Gedanke, dass das Leben in der damaligen Zeit zahlreiche Fähigkeiten erforderte, von denen wir die allerwenigsten besitzen, und erst recht kein Gedanke daran, dass die damaligen "primitiven Stammesgesellschaften" Lebensformen besaßen, die sich – im Gegensatz zu der unseren – über Jahrmillionen als evolutionsstabile Strategien erwiesen hatten. Bei genauerer Betrachtung erweist sich die Vorstellung also völlig abstrus, dass solche evolutionsstabilen Lebensformen durch atomare Bombardierung (wieder)hergestellt werden könnten.

Diese Geringschätzung der kulturellen Errungenschaften der menschlichen Frühgeschichte ist keineswegs bloß das gedankenlose Geschwätz einiger präpotenter Militärs und Politiker, sie ist ein Wesensmerkmal unserer Zivilisation: Wir gehen stillschweigend davon aus, dass in jenen 3 Millionen Jahren Menschheitsgeschichte vor dem "Erwachen" unserer Kultur nichts Wesentliches passiert ist. Selbst wenn Homo habilis, Homo erectus und Homo sapiens tatsächlich schon "vollwertige Menschen" gewesen sein sollten, vegetierten sie nach Meinung von "Mother Culture" ziel- und sinnlos vor sich hin. Na gut, ein bisschen Höhlenmalerei, schon beachtlich, aber natürlich nichts, von dem wir Heutigen etwas lernen könnten. Mit verbissener Konsequenz blendet unsere Zivilisation aus, dass diese "Primitiven" etwas besaßen, was uns heute schmerzlich fehlt, nämlich eine nachhaltige, das heißt über viele Generationen fortführbare Form, auf dieser Erde zu leben. Oder, noch genauer gesagt, eine Vielzahl solcher nachhaltiger Lebensformen.

Ein anderes Übungsbeispiel für Quinns Methodik liefert die Forderung eines Lesers, der in Zeiten des Klimawandels vermutlich viele Menschen zustimmen würden: "Anything we humans do that disturbs the balance of Nature must be eliminated from our way of life." (S. 23) Das tönt irgendwie einleuchtend und politisch korrekt, och im Dialog mit Elaine arbeitet Quinn heraus, dass hinter dieser Aussage sowohl ein falsches Bild der Natur als auch ein falsches Bild des Menschen steckt. Denn der Normalzustand der Natur ist keineswegs die Balance: Evolution besteht ja gerade darin, dass neue Varianten die Natur ständig aus der Balance bringen. Und der Mensch ist keine Instanz außerhalb der Natur, welche sich hüten müsste, in deren Balance einzugreifen, sondern ein Teil der Natur – wenn auch unbestritten ein äußerst aggressiver und expansiver Teil davon. Insofern ist es überhaupt nicht möglich, dass sich der Mensch aus der Natur "heraushält"; es kann nur darum gehen, dass er Lebensformen entwickelt, die seine eigene Existenzgrundlage langfristig bewahren.

Solche Analysen sind weder Spitzfindigkeiten noch brotlose Kunst, sondern nach Quinns (und auch meiner) Überzeugung eine wichtige Voraussetzung dafür, neue nachhaltige Lebensformen entwickeln zu können. Denn solange wir von falschen Annahmen ausgehen, sind auch all unsere Lösungsansätze in der Gefahr, in die falsche Richtung zu gehen. Eine dieser falschen Annahmen, mit denen Quinn immer wieder zu kämpfen hat, ist die, dass seine "description" zugleich eine "prescription" sei, dass er also fordere, zu jenen evolutionsstabilen archaischen Lebensformen zurückzukehren, deren Funktionsweise er in seinen Büchern immer wieder beschreibt. Doch das ist schon deshalb abwegig, weil sechs, sieben oder acht Millionen Menschen, selbst wenn sie es wollten, als Jäger und Sammler leben könnten – dafür ist die Erde einfach nicht groß genug. Trotzdem stehen wir bei Strafe unserer Auslöschung vor der Notwendigkeit, eine neue evolutionsstabile ("nachhaltige") Lebensform zu finden.

Quinns Methodik erinnert mich in mancher Hinsicht an das "analytische Zuhören", das ich von Rupert Lay gelernt habe. Lay lehrt in Anknüpfung an die antike Dialektik, die logisch impliziten Prämissen des Debattengegners zu erkennen. Das heißt, man versucht, die unausgesprochenen Annahmen zu entdecken, auf denen er seine Argumentation aufbaut, um sie überprüfen und gegebenenfalls angreifen zu können. Quinn zielt ebenfalls darauf, die unausgesprochenen Prämissen unseres gesellschaftlichen Diskurses auf die Schliche zu kommen, allerdings nicht, um in einer Debatte zu obsiegen, sondern um sie zu verstehen, zu überprüfen und, wenn nötig, zu korrigieren. Doch seine Methodik scheint mir auch für andere Zwecke nützlich zu sein – vom Hinterfragen einer Strategie bis zur Analyse einer Unternehmenskultur.

Auch inhaltlich liefert Quinns Dialog mit Elaine eine Menge Anregungen. Etwa wenn es darum geht, auf welche Weise sich das Verhalten von Menschen verändern lässt. Quinn setzt hier allein auf "changing minds", was von vielen engagierten Menschen kritisiert wird, weil sie finden, dass das zu lange dauert und nicht genug ist. Sie fordern entschlossenes Handeln. Doch am Beispiel neuer Gesetze zeigt Quinn, dass Aktionen ins Leere gehen, wenn sich Einstellungen und Bewusstsein nicht verändert haben: Wenn Gesetze keine Akzeptanz haben, gehen sie ins Leere und werden früher oder später geändert. Was Elaine mit dem genialen Satz kommentiert: "Action doesnt have to work." (S. 131) In der Tat lässt sich sowohl in der Politik als auch in der Wirtschaft beobachten, dass Handeln offenbar einen Wert in sich besitzt, auch wenn es nichts bewirkt oder die Lage noch verschlimmert: "Despite its long history of failure, this belief in the effectiveness of action runs deep in our culture." (S. 132) Weder die Prohibition noch der Kampf gegen die Drogen noch viele andere Aktionsprogramme haben etwas bewirkt. Quinn zitiert hier Buckminster Fullers gescheiten Satz: "You never change things by fighting the existing reality." (S. 134)

Nach Quinns Überzeugung sind alle wirklichen Veränderungen von Visionen getragen und getrieben – von der Industriellen Revolution über die Aufgabe (!) des Kommunismus bis zum Aufstieg Chinas: "Action proceeds automatically from vision." (S. 134) Die noch ungelöste Zukunftsaufgabe Nummer 1 der Menschheit ist demnach, eine neue Vision für einen nachhaltigen Lebensstil – oder mehrere – zu entwickeln. Quinn hat hierfür kein fertiges Rezept, doch in seinen Büchern liefert er viele Anregungen und Ansatzpunkte. Viel lohnender Stoff zum Nachdenken, keineswegs nur für Umweltbewegte!

Schlagworte:
Nachhaltigkeit, Ökologie, Kulturanalyse, Unbewusste Annahmen, Analytisches Zuhören, Verhaltensänderung

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