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Weshalb Fairness und ein guter Ruf den eigenen Interessen nützen

Axelrod, Robert (2000):

On Six Advances in Cooperation Theory



Analyse & Kritik 22, 22 S. (130 – 151) Kostenloser Download von http://www.analyse-und-kritik.net/2000-1/inhalt.htm#120


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 10

Rezensent: Winfried Berner, 11.12.2007

Die Kooperationstheorie, ein Zweig der Spieltheorie, generiert bemerkenswerte Ergebnisse, wie etwa, dass in sozialen Netzwerken die Bedeutung des Ansehens zentral ist, oder dass die Möglichkeit zum Spielabbruch den Anreiz zu fairem Verhalten stärkt.

Beinahe ein Viertel Jahrhundert ist es schon her, das Robert Axelrods Buch "Die Evolution der Kooperation" einen neuen Forschungszweig, die spieltheoretisch fundierte "Kooperationstheorie" begründet hat. Axelrod hatte damals in zwei Computersimulationsturnieren 15 bzw. 62 von Fachleuten und Laien eingesandte Strategien in iterativen Gefangenendilemma-Spielen gegeneinander antreten lassen. Gewonnen hatte in beiden Turnieren eine simple kooperative Strategie, die der Friedens- und Konfliktforscher Anatol Rapaport eingesandt hatte, nämlich "Tit for Tat" ("Wie du mir, so ich dir"). Diese Strategie beginnt zunächst kooperativ, verzichtet also auf den Versuch, den eigenen Nutzen zu Lasten des Gegners zu maximieren, und antwortet den folgenden Spielzügen immer so wie sich der Gegner / Partner im vorausgegangenen verhalten hat. Damals war das Staunen in der Fachwelt groß, dass sich eine so schlichte Strategie gegen alle noch so ausgeklügelten Modelle durchsetzen konnte. Aber bald wurde klar, dass gerade in der Einfachheit ihre große Stärke lag: Es hilft offenbar, wenn die Umgebung versteht, nach welchen Regeln ein Mensch handelt, wenn er also für seine Mitspieler berechenbar ist. Und es hilft weiterhin, wenn sie weiß, dass er sich kooperativ verhält, sofern sie kooperieren, dass er sich aber zur Wehr setzt, sofern sie egoistisch handeln.

Wer einen Überblick gewinnen will, was sich seither auf diesem Forschungsgebiet getan hat, ist mit diesem Papier glänzend bedient. Es gibt das Schlussreferat eines Symposiums wieder, das sechs aktuelle Forschungsberichte zur Erweiterung der Kooperationstheorie umfasste. Sie wurden allesamt in der Zeitschrift "Analyse & Kritik" veröffentlicht und befassen sich unter anderem mit der Bedeutung des Ansehens (reputation), mit sozialen Netzwerken, mit Neid (!) sowie mit den (kooperationsfördernden) Folgen, die es hat, wenn die Mitspieler frei entscheiden können, ob sie die Zusammenarbeit mit ihrem jeweiligen Gegenspieler fortsetzen wollen oder nicht. Dankenswerterweise können sämtliche Beiträge dieses Symposiums von der Website der Zeitschrift kostenlos heruntergeladen werden: Wahrhaft ein großzügiger Beitrag zur Popularisierung wertvollen Wissens!

In der Einführung umreißt Axelrod noch einmal den Grundgedanken und die methodischen Leitlinien der Kooperationstheorie: "The basic problem that Cooperation Theory addresses is the common tension between what is good for the individual actor in the short run, and what is good for the group in the long run. The Prisoner's Dilemma embodies this tension in a particularly simple and compelling manner. For that reason, the Prisoner's Dilemma has become the foundation for most work in Cooperation Theory." (S.131) Diese Fokussierung auf die Spieltheorie und das Gefangenendilemma wirkt zunächst wie eine problematische Einengung, welche die Generalisierbarkeit der Ergebnisse in Frage stellt. Doch bei genauerem Hinsehen wird klar, dass sie nur ein Grundmuster formalisiert, das für unzählige Lebenssituationen charakteristisch ist: Kooperation hat für beide Seiten einen Nutzen (R), doch noch besser ist der Einzelne dran, wenn er sich egoistisch verhält, während der andere kooperiert (T); allerdings zahlt der andere dann die Rechnung (S), was ihm auf die Dauer nicht gefallen wird. Falls sich aber beide egoistisch verhalten, ist das Ergebnis beider deutlich schlechter (P) als wenn sie kooperiert hätten (R). Formal ergibt sich daraus die Rangfolge T > R > P > S. Abgesehen von der Formalisierung ist das wahrscheinlich die häufigste Interessenkonstellation, die es im Leben gibt.

Wenn das Gefangenendilemma nur einmal gespielt wird, dann ist es aus ökonomischer Sicht rational, sich egoistisch zu verhalten. Und zwar für beide, sodass die Konsequenz eines beiderseits rationalen Verhaltens ein suboptimales Ergebnis für beide Beteiligte ist. (Wobei ich es charakteristisch, ja geradezu entlarvend finde, dass die Ökonomie es für rational erklärt, den eigenen Nutzen ohne Rücksicht auf die Folgen für andere zu optimieren – eine Denkweise, die unterstellt, dass das, was wir mit anderen anstellen, ohne Rückwirkung auf unser eigenes Leben bzw., okönomisch gesprochen, auf unsere "Nutzenfunktion" wäre. Diese Unterstellung könnte man ebenso gut als äußerst irrational bezeichnen.)

Spannend wird es, wenn das Gefangenendilemma mehrfach oder gar "unendlich lang" gespielt wird. Denn dann wäre ein kurzfristig egoistisches Verhalten endgültig irrational, weil es nur bei einem naiv-kooperativen Mitspieler zu einem besseren Ergebnis führen könnte als Kooperation. Dazu Axelrod: "in an iterated game, a player can use a strategy that relies on the information available so far to decide at each move which choice to make. Since the players do not know when the game will end, both have an incentive and an opportunity to develop cooperation based on reciprocity. The shadow of the future provides the basis for cooperation, even among egoists. An example for the iterated Prisoner's Dilemma is Tit for Tat which cooperates on the first move, and then does whatever the other player did on the previous move." (S. 131) Genau diese simple Tit-for-Tat-Strategie war es dann auch, welche Axelrods Turniere Anfang der 80-er Jahre gegen zahlreiche weit ausgefeiltere Strategien gewonnen und damit den Anstoß zur Entwicklung dieses ganzen Forschungszweigs gegeben hatte.

Die Annahme von Rationalität ist jedoch, wie Axelrod erläutert, erstens sehr streng und zweitens überflüssig: "People are likely to use rules of thumb rather than detailed calculation, more likely to experiment than try to determine an optimal response, and more likely to imitate someone who seems to be doing well rather than rely completely on their own experience" (S. 132). (Was, biologisch betrachtet, wiederum ausgesprochen rational ist.) Nicht einmal die Fähigkeit zum Denken und Erinnern ist hierfür erforderlich; es genügt das Vorhandensein einer Anpassungsfähigkeit, sei es durch individuelles Lernen oder durch evolutionäre Prozesse. Das hat zur Konsequenz, dass dieser Forschungsansatz sogar auf niedrige Tiere wie Bakterien anwendbar ist: "The emphasis on adaptive actors and evolutionary processes that has characterized Cooperation Theory from the beginning is now becoming quite widespread throughout game theory." (S. 132)

Klar stellt Axelrod heraus, was die drei zentralen Forschungsfragen der Kooperationstheorie sind:
  • "Under what conditions can cooperation emerge and be sustained among actors who are egoists?
  • What advice can be offered to a player in a given setting about the best strategy to use?
  • What advice can be offered to reformers who want to alter the very terms of the interaction so as to promote the emergence of cooperation?" (S. 132)

Um genau diese Fragen drehten sich auch die sechs Forschungsberichte des Symposiums, deren wichtigste Erkenntnisse Axelrod in seinem Schlussreferat resümiert und kommentiert. Die aus meiner Warte spannendsten gebe ich hier wieder. Eine Studie von Vincent Buskens und Jeroen Weesie befasste sich mit der Frage, wie das Vertrauen geschaffen werden kann, das für eine fruchtbare Kooperation erforderlich ist. Zentral hierfür sind soziale Netzwerke und der Aufbau einer positiven Reputation, bei der der Informationsaustausch zwischen den Akteuren eine Schlüsselrolle spielt: "If a trustor informs the next trustor, she communicates not only her own experiences, but also all the information she has obtained from previous trustors. This information transfer allows reputations to be established, providing incentives to cooperate even if a player may never play again with the same partner." (S. 141) Je kommunikativer ein soziales Netzwerk ist, desto schneller spricht sich herum, wem zu trauen ist und wem nicht, und desto größer ist daher Anreiz, sich fair zu verhalten. Spätestens hier wird klar, dass es in einem funktionierenden sozialen Netzwerk äußerst irrational wäre, sich im Sinne der klassischen Spieltheorie rational zu verhalten.

Ebenfalls faszinierend finde ich eine Untersuchung von Bernd Lehno über die Rolle des Neids. Diese am meisten verachtete und am wenigsten erforschte Emotion spielt offenbar eine wichtige Rolle, um faire Kooperation aufrechtzuerhalten – jedenfalls in moderater Form. Neid ist dabei von Gier abzugrenzen. Während Gier bedeutet, "to strive for a greater payoff than the other player", hat Neid nach Axelrods Worten zwei Bedeutungen: "The first is a disposition to avoid getting less than the other player. The second meaning is more limited, and refers to the disposition to prevent others from doing better by unfair means." (S. 144) Hier berührt sich die Spieltheorie mit den modernen Entwicklungen der Verhaltensökologie: "Indeed, one can make an evolutionary argument about why a strong disposition to insist on fairness might be part of our genetic heritage." (S. 144) Das erinnert mich an eine Aussage Matt Ridleys in "The Origins of Virtue", wonach eine "irrationale" Überreaktion auf kleine, wertmäßig unbedeutende Übergriffe eine sehr rationale Strategie sein kann, um den Preis solcher Übergriffe zu erhöhen und deren Wahrscheinlichkeit damit zu verringern.

Spannend ist schließlich, was passiert, wenn die Mitspieler die Möglichkeit haben, das Spiel zu beenden, falls sie mit dem Verhalten ihres Mitspielers unzufrieden sind. In diesem Fall ist die erfolgreichste Strategie "one that cooperates until the other player defects, and then immediately exits." (S. 146) Diese kleine, aber sehr lebensnahe Veränderung hat dramatische Folgen, denn "the possibility of exit tended to select against uncooperative players" (S. 147). Bei einer begrenzten Zahl verfügbarer Mitspieler konvergiert die Summe der individuellen Spielabbrüche zu einem faktischen Ausschuss (ostracism) unfairer Mitspieler. Wenn man nun eine weitere Regel einführt, dass die erfolglosesten Spieler in solch einem Umfeld ihre Spielstrategie ändern, dann setzen sich zunehmend kooperative Strategien durch – bis ein Klima entsteht, in dem auch naive Strategien wie "Always cooperate" gedeihen können, die aber damit zugleich den Nährboden schaffen, auf dem sich egoistische Strategien Vorteile verschaffen können. Fügt man dazu noch einen "Rauschpegel" hinzu, also eine gewisse Wahrscheinlichkeit von Fehlern und Missverständnissen, wird ein Stück Großzügigkeit nicht etwa zum moralischen Postulat, sondern zum Wettbewerbsvorteil!

In meinen Augen sind das deshalb so faszinierende Ergebnisse, weil sie aus einem völlig "ergebnisoffenen" Forschungsansatz kommen. Denn die Spieltheorie und ihre Tochter, die Kooperationstheorie, haben ihren Ausgangspunkt ja nicht in einer wie auch immer gearteten moralischen oder ethischen Überzeugung, sondern in der nüchtern-naturwissenschaftlichen Neugier einer Schar von Mathematikern, Biologen, Psychologen und Sozialwissenschaftlern. Dabei entspringt, wie ich gerne bekenne, ein erheblicher Teil meiner persönlichen Faszination der Tatsache, dass, je realistischer die verwendeten Annahmen werden, umso mehr eine Bestätigung der klassischen bürgerlichen Werte – das Leitbild des "ehrbaren Kaufmanns" – herauskommt, die in neuerer Zeit vielen allzu bieder erschienen: erst den 68-ern, dann den Venture Capitalists. Aber vielleicht liegt auch das an den Prämissen. "Greed is good" und "Geiz ist geil" funktionieren möglicherweise in einer Welt, in der die Zahl der Mitspieler zu groß ist für eine effiziente Ausgrenzung unfairer Strategien. Aber mal sehen: Vielleicht schafft hier ja das Internet eine wachsende Transparenz ...

Schlagworte:
Kooperation, Spieltheorie, Kooperationstheorie, Fairness, Soziale Netzwerke, Ansehen, Reputation, Neid

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