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Wie ein offener "Notausgang" die Kooperation beeinflusst

EdK-Group; Schuessler, Rudolf; Sandten, Ulrich (2000):

Exit, Anonymity and the Chances of Egoistical Cooperation



Analyse & Kritik Vol. 22; 16 S. (114 – 129)


Nutzen / Lesbarkeit: 9 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 31.12.2007

Entgegen zahlreichen Befürchtungen bricht Kooperation selbst dann nicht zusammen, wenn es nach jedem Spielzug möglich ist, ohne Kosten den Partner zu wechseln. Allerdings steigen dann die Erfolgschancen cleverer opportunistischer Strategien.

Dass eine Organisation als Autor eines Fachartikels aufscheint, ist in wissenschaftlichen Publikationen eigentlich unüblich, wohl weil die "Scientific Community" neue Erkenntnisse eher Personen als Institutionen zutraut. Die EdK-Group, die hier mit dieser Extravaganz durchkommt, entpuppt sich in der Fußnote als eine Forschungsgruppe an der Universität Duisburg. Die Namensgebung nicht erläutert wird, hat aber eine verdächtige Ähnlichkeit mit den Anfangsbuchstaben der deutschen Übersetzung von Robert Axelrods "The Evolution of Cooperation", mit der er 1984 diese ganze Forschungsrichtung begründete. Insofern darf man die Bezeichnung wohl als eine Hommage an Robert Axelrod lesen, der an dem Symposium teilnahm, auf dem dieser Beitrag vorgestellt wurde.

Wie auch immer: Robert Schuessler, Ulrich Salten und Kollegen behandeln in diesem Artikel ein Szenario, das den Sympathisanten einer "Evolution der Kooperation" Sorgen machen muss, zumal es die Lebensbedingungen moderner Gesellschaften widerspiegelt: Die zunehmende Anonymisierung unserer Gesellschaft, die der Entstehung einer verlässlichen Kooperation ihre wichtigsten Prämissen zu entziehen scheint, nämlich zum einen die hohe Wahrscheinlichkeit, mit denselben Partnern auch künftig zusammenzutreffen, und zum anderen eine ausreichende Transparenz, welche Voraussetzung dafür ist, dass die einzelnen Mitspieler sich eine gute (oder schlechte) Reputation erwerben können. Denn eine implizite Bedingung der klassischen Computerturniere zum interierten Gefangenendilemma war, dass alle beteiligten Spieler (bzw. Strategien) bis zum Schluss miteinander interagieren mussten. "Modern societies, on the other hand, tend to be more and more mobile, in fact as well as potentially. The mobility and anonymity of the society to come were important ingredients of he gloomy scenarios of sociology's last fin de siecle. Ananswer to its worries, therefore, should probably include some inquiry into the fate of egoistical cooperation under these conditions." (S. 115)

Die EdK-Group schuf für ihre Simulation daher ein Szenario, das Idealbedingungen für anonyme Gauner zu bieten schien: Sie sorgte für eine sehr hohe Zahl an Mitspielern, ließ keinen Austausch von Informationen über das vorausgegangene Verhalten der einzelnen Spieler zu und ermöglichte zudem eine "Exit-Option", das heißt, jeder Spieler entschied nach jedem Spielzug, ob er das Spiel mit seinem momentanen Partner fortführen oder "aussteigen" wollte. Unter diesen Bedingungen sollte es eigentlich sehr leicht sein, kooperative Mitspieler auszubeuten und sich dann sofort abzuseilen, um das nächste Opfer zu suchen, hatten die Duisburger Forscher angenommen.

Doch der Charme von Simulationen ist, dass dort zuweilen Dinge passieren, die niemand einkalkuliert hatte. In einer ersten, älteren Simulation galt die Regel, dass der erste ein- oder beidseitige "betrügerische" Spielzug zum Abbruch der Zusammenarbeit führte. Dies löste jedoch eine zweite, ungeplante Entwicklung aus: "A pair of fully cooperative partners will not separate, because nothing would be gained by it. Given these premises, the fraction of mutually cooperative, stable partnerships will increase with time (...) Parallel to the cooperative actors' becoming absorbed in stable partnerships, the fraction of more or less uncooperative actors among the 'singles' increases. A growing number of new partnerships will therefore end with simultaneous defection. This also means that uncooperative actors will gradually hurt other uncooperative actors more likely than cooperative ones and thereby create an adverse selection effect angainst uncooperative behavior." (S. 118) Infolgedessen gedeiht die Kooperation auch unter solch scheinbar ungünstigen Umständen. Sie tut das sogar dann, "if a moderate exogeneous probability for the breaking apart of mutually beneficial partnerships is added (a catch-all factor for external shocks, internal misunderstandings and trembling hands)." (S. 118)

In einer neuen Simulation erweiterten die Autoren die Bandbreite möglicher Strategien, da ihnen die zwingende Unterstellung einer sofortigen Trennung beim ersten "Betrug" zu restriktiv schien. Nun gab es sowohl Strategien, die in diesem Fall sofort abbrachen, als auch solche, die weitermachten, teils auf Dauer, teils bis zu einem weiteren in der Strategie definierten Ereignis. Weiter bauten sie einen evolutionären Mechanismus in ihr Modell ein: Nach jeweils 30 Runden gaben die erfolglosesten 10 Prozent ihre Strategie auf und wählten nach Zufall eine neue aus dem Pool der insgesamt verfügbaren 15 Strategien. (Dieses Evolutionselement wurde bewusst sehr voraussetzungslos gehalten, was sich auch im Ergebnis niederschlug. Aus evolutionsbiologischer Sicht wäre es sicher plausibler, wenn die Proportionsverschiebungen sich am bisherigen Erfolg der Strategien orientierten.)

Das Ergebnis war in mehrfacher Hinsicht überraschend: Als sich das Bild nach ungefähr 2.500 Runden stabilisierte, stand an der Spitze nicht etwa der Abonnementssieger TIT FOR TAT – vielmehr hatte sich eine Spitzengruppe von insgesamt sechs Strategien herausgebildet. Ganz vorne stand mit einem "Marktanteil" von 546 von 4.500 Spielern CONCO, eine freundliche Strategie, die kooperierte, solange der Gegenspieler sich kooperativ verhielt, die Zusammenarbeit aber nach dem ersten unfreundlichen Zug des Gegners sofort beendete. Doch bereits auf dem zweiten Platz folgte mit 498 Spielern eine clevere opportunistische Strategie, die ihr Verhalten von der Anzahl der freien, wechselbereiten Mitspieler abhängig machte: Sie verhielt sich kooperativ, solange wenige (und daher vermutlich "schlechte") Mitspieler frei waren, defektierte aber sofort, wenn deren Zahl wuchs, und suchte sich dann ein neues Opfer. Interessant ist, dass diese Strategie bei neuen Partnern immer unkooperativ begann, aber, falls nicht genügend Spieler frei waren, bei wehrhaften Partnern die erfolgende Strafe akzeptierte. Das war der Grund, weshalb sie mit kooperativen, aber wehrhaften Strategien wie TIT FOR TAT gut zurechtkam. Eine weitere Variante dieser Strategie schaffte es auf den dritten Platz, während TIT FOR TAT und Abwandlungen davon mit einem Marktanteil von jeweils um die 460 Spielern die Plätze vier bis sechs belegten. – Fünf Strategien bildeten die Nachhut. Sie wären ausgestorben, wenn die Spielregel ihnen diese Chance gegeben hätte. Mit einer Ausnahme handelte es sich dabei um unfreundliche Strategien, die (fast) immer defektierten.

Der Grund, weshalb das Ergebnis so stark von den Resultaten von Axelrod abweicht, dürfte sein, dass in beiden Duisburger Szenarien der Szenarien keine "Kosten" für einen Partnerwechsel anfielen: Wer sich zum Abbruch der Zusammenarbeit entschied, nahm trotzdem an der nächsten Runde teil und hatte keinen Nachteil außer dem Risiko, auf einen unfreundlichen Gegenspieler zu treffen. Infolgedessen wurden diejenigen Strategien bestraft, die sich – wie TIT FOR TAT und deren Varianten – Mühe mit der "Erziehung" ihres Partners machten, statt ihn einfach auszuwechseln. Infolgedessen landeten im Mittelfeld vor allem Strategien, die, gemessen an dem kostenlosen Wechsels, zu viel Geduld mit ihren vorhandenen Partnern aubrachten.

Das ist keine Kritik an der Versuchsanordnung der EdK-Group, denn sie hatte ausdrücklich das Ziel, einen Extremfall auszuleuchten. Wohl aber ist das Ergebnis eine Folge ihrer Versuchsanordnung. Im richtigen Leben sind die Kosten eines Wechsels in aller Regel höher. Infolgedessen sind auch die Anreize größer, es zunächst mit einer Weiterentwicklung der bisherigen Beziehung zu versuchen, bevor man sich davonmacht. Müssten die Wechsler zum Beispiel eine Runde aussetzen oder erhielten sie gar einen Punktabzug (für fortlaufende Fixkosten), sähe vermutlich nicht nur das Mittelfeld anders aus, sondern auch die Spitzengruppe. Das sieht auch die Duisburger Gruppe so: "CONCO, although it is a very simple cooperative strategy, is a superior alternative [to TIT FOR TAT] in situations where exit comes easy." (S. 125)

Die wichtigste Erkenntnis der Duisburger ist aber, dass die Evolution der Kooperation, entgegen allen Befürchtungen, keineswegs zusammenbricht, wenn der Notausgang offensteht: "The presence of an exit-option in iterated PD-games facilitates egoistical cooperation. The now well documented force of adverse selection against uncooperative actors in interated PDs with exit-option suffices to outweigh the benefits of exploitative hit-and-run behavior." (S. 127) Allerdings lässt sich eine unschöne, aber leider lebensnahe Erkenntnis auch nicht übersehen: Je leichter es ist, die Naivitat oder Gutwilligkeit anderer Mitspieler auszubeuten und sich dann aus dem Staub zu machen, desto besser gedeihen opportunistische Strategien. Immerhin bleibt der Trost, dass die konsequent kooperative Strategie TIT FOR TAT auch unter solchen Umständen nicht abstürzt, sondern sich in der Spitzengruppe hält. Bleiben wir also ehrlich, auch wenn die Zeiten sich ändern ...

Schlagworte:
Kooperationstheorie, Kooperation, Zusammenarbeit, Soziale Netzwerke, Ausstiegsoption, Anonymität

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