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Chronologie eines folgenschweren Bruchs

Handlbauer, Bernhard (2002):

Die Freud-Adler-Kontroverse



Psychosozial-Verlag (Frankfurt); 214 S.; 36,00 Euro (derzeit vergriffen)


Nutzen / Lesbarkeit: 9 / 9

Rezensent: Winfried Berner, 05.10.2008

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Wer sich für die Geschichte der Tiefenpsychologie und insbesondere die Freud-Adler-Kontroverse sowie deren Nachwirkungen interessiert, findet hier einen ausführlichen, gut recherchierten Überblick, der sich jeder einseitigen Parteinahme enthält.

Noch nie habe ich ein wissenschaftshistorisches Buch mit so viel gespanntem Interesse gelesen wie dieses. Das liegt sicherlich zuallererst am Gegenstand, denn die Kontroverse zwischen Sigmund Freud und Alfred Adler hat für die Entwicklung der gesamten Tiefenpsychologie und insbesondere natürlich der Individualpsychologie eine entscheidende Rolle gespielt – und tut es in gewisser Weise heute noch, indem sie mancherlei fortwirkende Sprachverwirrungen und Denkhemmungen nach sich zieht. Die Faszination resultiert aber auch daraus, dass Bernhard Handlbauer die Auseinanderentwicklung dieser beiden Gründerväter der Tiefenpsychologie sehr klar, strukturiert und zugleich flüssig beschreibt. Auch wenn er dabei nicht neutral ist, einfach weil bei einem solchen Thema niemand, der mit den strittigen Themen vertraut ist, neutral sein kann, bemüht er sich erkennbar, eine einseitige Parteinahme zu vermeiden. Stattdessen rekonstruiert er chronologisch die Entwicklungen der Theoriebildung der beiden, was nebenbei auch zu (wenigstens für mich) neuen Einsichten in die Entstehung der beiden Theoriesysteme verhilft.

 Im 1. Kapitel gibt Handlbauer, der über die Geschichte der Tiefenpsychologie forscht, einen Überblick über die langjährige Mitarbeit Adlers in Freuds psychoanalytischer "Mittwochsgesellschaft" (immerhin von 1902 bis 1911), über die wachsenden inhaltlichen Divergenzen, den Bruch zwischen den beiden Männern und dessen persönliche und inhaltliche Nachwirkungen. In den folgenden Kapiteln rekonstruiert er die Zusammenarbeit von Freud und Adler und ihre Auseinanderentwicklung im Wesentlichen anhand der Protokolle der "Mittwochsgesellschaft", die er, wo sinnvoll, mit ergänzendem Material aus Adlers Veröffentlichungen und anderen zeitgenössischen Quellen ergänzt. Dazwischen bringt er in einem kurzen Kapitel einen Exkurs zu den "Sozialpsychologische(n) Beiträge(n) Alfred Adlers" sowie "Zur Psychologie des Marxismus".
 
Erst im letzten Kapitel "Ursachen für die Differenzen und den Bruch zwischen Adler und Freud" versucht sich Handlbauer in stärkerem Maße an Erklärungen und Deutungen des Geschehens. Doch auch hier bleibt er sachlich und nüchtern. Er macht deutlich, dass es zu kurz greifen würde, die Kontroverse auf (zu) unterschiedliche Persönlichkeiten zurückzuführen, auch wenn eine gewisse menschliche Fremdheit zwischen dem distanzierten konservativen Großbürger Freud und dem geselligen sozialistischen Kleinbürger Adler sicher auch eine Rolle gespielt hat. Vor allem deshalb, weil Freund und Adler in ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Milieus arbeiteten: Während Freuds Klientel in seine Nervenarzt-Praxis wohl oft unter großbürgerlichen "Luxusproblemen" litt, war der Arbeiter-Doktor Adler mit den Nöten und Engen des Wiener Proletariats sowie den Prater-Schaustellern konfrontiert. Es ist sogar denkbar, dass der besondere und äußerst umstrittene Ruf von Freud eine Klientel anzog, die für seinen Ansatz besonders ansprechbar war und damit möglicherweise zur Bestätigung und Überakzentuierung seiner Sichtweise neigte.
 
In der Rekonstruktion der Kontroverse beschäftigt sich Handlbauer vor allem mit der Entwicklung von Adlers Theorien, um deren Reibungspunkte und Unvereinbarkeiten mit der – ebenfalls erst im Entstehen befindlichen – Freud'schen Lehre auszuloten. Dabei kommt zutage, mit welch gewagten und aus heutiger Sicht geradezu abstrusen Konstruktionen Adler anfangs operierte. So ging er zunächst davon aus, dass der Ausgangspunkt aller Neurosen eine angeborene Organminderwertigkeit sei. Die wiederum ging nach seiner damaligen Auffassung mit einer Minderwertigkeit des Genitalapparats einher, welche ihrerseits zu einem übersteigerten Sexualtrieb führe. Mit dieser abenteuerlichen Konstruktion versuchte er wohl, eine Brücke zwischen der Organminderwertigkeitslehre, die damals im Mittelpunkt seines Denkens stand, und Freuds Libidotheorie zu schlagen.
 
Trotz solcher Verrenkungen monierten viele Diskutanten der Mittwochsgesellschaft, dass Adlers Gedanken weder plausibel waren noch sich mit Freuds Libidotheorie vertrugen. Dennoch blieb Adler in den Jahren von 1906 bis 1908, die Handlbauer treffend als "die Phase der tolerierten Dissidenz Adlers" bezeichnet, aktives und treues Mitglied der Mittwochsgesellschaft und hielt in dieser Zeit vier von insgesamt 40 Vorträgen. Erst Anfang 1908 erklärte er seinen Austritt, wurde aber von Freud umgehend "zurückgeholt", der ihn, wie er noch im April 1910 an Sándor Ferenczi schrieb, als die "einzige Persönlichkeit" in der Gruppe ansah (S. IV).
 
Zu diesem Zeitpunkt hatten die theoretischen Differenzen bereits weiter zugenommen. Adler war dabei, den entscheidenden gedanklichen Durchbruch von der (als objektiv angenommenen) Organminderwertigkeit zu dem (subjektiven) Minderwertigkeitsgefühl zu vollziehen – und damit letztlich von der Physiologie zur Psychologie. Zugleich hatte er sich immer weiter von Freuds Grundüberzeugung entfernt, dass verdrängte Sexualität die Ursache aller Neurosen sei. Er legte zwar noch Lippenbekenntnisse zu Freuds Lehre ab, doch schon in seinem Vortrag "Über die Einheit der Neurosen" vom Juni 1909 spielte die Libidotheorie kaum noch eine Rolle, was von Freud auch sogleich deutlich kritisiert wurde. Einige Zeit später führte Adler die komplizierten und auch nicht völlig klaren Begriffe des "männlichen Protests" und des "psychischen Hermaphroditismus" ein – aus heutiger Sicht wohl eher Indizien dafür, dass Adler damals um ein grundlegend neues Modell rang, als Konzepte, mit denen sich sinnvoll arbeiten lässt.
 
Trotz aller Gegensätze wurde Adler im Oktober 1910, als sich die "Mittwochsgesellschaft" offiziell als "Wiener Psychoanalytische Vereinigung" konstituierte, zu deren Obmann gewählt. Im Nachhinein wirkt das, wie wenn ein auseinandergelebtes Paar kurz vor der endgültigen Trennung noch heiratet. Tatsächlich scheint Freud in dieser Zeit zur Entscheidung gekommen zu sein, Adler loswerden zu wollen; dies geht aus Briefen an C. G. Jung und Ferenczi hervor. Ihn scheint dabei vor allem die Angst vor einer Verwässerung seiner Theorie getrieben zu haben. Insbesondere dass Adler der Sexualität bei der Entstehung von Neurosen nicht denselben Stellenwert zuschrieb wie er, sondern das Streben nach Macht und Überlegenheit betonte, alarmierte und empörte ihn und ließ ihn nach einem geeigneten Anlass für eine "Exkommunikation" suchen.
 
Der Anlass fand sich bald, nachdem Adler schon kurz nach seiner Wahl zum Obmann aufgefordert worden war, seine Ansichten denen Freuds gegenüber zu stellen und Gemeinsamkeiten und Unterschiede herauszuarbeiten. Adler missverstand dies offenbar als das Angebot Freuds, sich mit seinen Gedanken auseinanderzusetzen, seine eigene Lehre zu überprüfen und beide Denkansätze zu integrieren. Stattdessen bereiteten die vier dem Werk Adlers gewidmeten Abende im Januar und Februar 1911 den Bruch vor. Statt nach Gemeinsamkeiten und Verbindungslinien zu suchen, kritisierte Freud Adlers Auffassungen scharf und verwarf sie in Bausch und Bogen. Dem schlossen sich etliche Diskutanten an; andere verteidigten Adlers Sichtweise: Die Gruppe polarisierte sich. Am vierten Abend trat Adler als Obmann zurück, doch es dauerte noch einige Monate, bis Freud ihn endgültig aus seiner Vereinigung hinausgedrängt hatte. Mit ihm verließen rund zehn weitere Mitglieder die Vereinigung – einige, weil sie inhaltlich auf Adlers Seite standen, andere weil sie über die "tyrannische Art" Freuds empört waren.
 
Die historische Kontroverse wirkte lange nach – und tut es im Grunde bis in die Gegenwart. Nicht nur, dass sich Freud und Adler zeitlebens sowohl persönlich als auch wissenschaftlich entwerteten. (Eine interessante Frage ist, ob dafür verdrängte Libido oder das Streben nach Überlegenheit und die Kompensation eigener Minderwertigkeitsgefühle die bessere Erklärung liefert.) Die stark emotional besetzte Spaltung wurde auch zu einem Denk- und Entwicklungshindernis für die Tiefenpsychologie(n) insgesamt, denn weder durften Freudianer so etwas wie ein Streben nach Überlegenheit für möglich halten, noch geziemte es sich für Adlerianer, über die Bedeutung der Sexualität nachzudenken. Zumindest aber "mussten" beide Seiten die von Adler begründete Tradition fortsetzen, ohne nähere Erklärung andere Begriffe für Gedanken der anderen Seite einzuführen und so die Verständigung zusätzlich zu erschweren.
 
Trotzdem ist es aus heutiger Sicht wohl eher positiv, dass Freud und Adler getrennte Wege gegangen sind – auch wenn man sich von den "Gründervätern" vielleicht eine etwas respektvollere und weniger aggressive Form der Scheidung gewünscht hätte. Doch Psychoanalytiker sind auch nur Menschen, und die Denkansätze der beiden waren zu unterschiedlich, um sie fruchtbar unter einen Hut bringen zu können. Für uns Nachgeborene ist es daher letztlich ein Glücksfall, dass uns dank dieses Schismas zwei völlig unterschiedliche theoretische Modelle des menschlichen Seelenlebens zu Gebote stehen. Auch wenn davon höchstens eines richtig sein kann, liefern uns beide zusammen weit mehr Anregungen für Forschung und Praxis als es ein Amalgam jemals könnte. Und es liegt bei uns, nicht nur die menschlichen Gräben zwischen den Lagern zu überwinden, sondern die Konzepte beider Seiten auf ihre Tauglichkeit zu überprüfen, ohne die theoretischen Unterschiede zu verwischen.

Schlagworte:
Tiefenpsychologie, Psychoanalyse, Individualpsychologie, Freud, Adler, Psychologie, Menschenbild

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