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Wissenschaftliche Beerdigung des Homo oeconomicus

Thaler, Richard H. (1992):

The Winner's Curse

Paradoxes and Anomalies of Economic Life

Princeton University Press (Princeton NJ); 230 S.; 20,99 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 9 / 7

Rezensent: Winfried Berner, 31.05.2010

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Richard Thaler analysiert zahlreiche Fälle, in denen sich Menschen systematisch anders verhalten als es die ökonomische Theorie behauptet. Letztlich falsifiziert er damit ihr Menschenbild, das von Rationalität und konsequentem Egoismus geprägt ist.

Wer eine Auktion gewinnt, hat wahrscheinlich zu viel bezahlt: Das ist der "Fluch des Gewinners", dem dieses Buch seinen Titel verdankt. Denn es hatte wohl seine Gründe, dass die anderen Bieter früher ausgestiegen sind. Jeder von ihnen hatte seine Schätzung über den Wert des Auktionsgegenstandes, aufgrund derer er sein Limit festlegte. Und es ist äußerst unwahrscheinlich, dass ausgerechnet diejenige Schätzung die beste war, die den obersten Rand der Verteilung markierte. "The Winner's Curse" erklärt zum Beispiel, weshalb es heißt, dass Ebay mittlerweile recht teuer geworden sei. In Wirklichkeit ist nicht "Ebay" teuer geworden, sondern es gewinnen bei Ebay, wie in allen Auktionen, diejenigen, die sehr hoch und damit möglicherweise zu hoch geboten haben. Günstig sind daher nur Angebote, für die es nur wenige Bieter gibt. Denn je größer die Zahl der Bieter, desto sicherer schlägt "The Winner's Curse" zu, weil mit deren Anzahl statistisch auch die Ausreißer nach oben zunehmen – und gewinnen.

Dieses ausgesprochen lesenswerte Buch handelt von "ökonomischen Anomalien", womit gemeint ist "a fact or observation that is inconsistent with the theory" (S. 2). Schon die Logik hinter dieser Begrifflichkeit lässt stutzen: Jede empirische Wissenschaft würde Fakten oder Beobachtungen, die inkonsistent mit einer Theorie sind, schlicht als Falsifikation dieser Theorie ansehen. Anders offenbar die Ökonomie: Sie geht voller Selbstvertrauen vom Primat ihrer Theorie aus und erklärt Fakten, die sich erdreisten, im Widerspruch zu ihren Theorien zu stehen, kühl zu "Anomalien": Eine schwache Leistung der Realität, dass sie nicht mit der Theorie übereinstimmt! Doch der renommierte Verhaltensökonom und Cornell-Professor Richard H. Thaler ist dafür am allerwenigsten zu kritisieren: Mit diesem Buch, das eine Serie von Kolumnen aus dem renommierten "Journal of Economic Perspectives" zusammenfasst, macht er sich auf, die tiefere Logik dieser vermeintlichen Anomalien zu ergründen. Die gibt es offenbar reichlich, auch und gerade in den angeblich so rationalen Finanzmärkten: "Perhaps surprisingly, financial markets turn out to be brimming with anomalities." (S. 3)

Als die beiden zentralen Grundannahmen der ökonomischen Theorie macht Thaler Rationalität und Egoismus aus: "People are assumed to want to get as much for themselves as possible, and are assumed to be quite clever in figuring out how best to accomplish this aim." (S. 2) Was er mit freundlichem Spott so kommentiert: "The assumption that everyone else can intuitively solve problems that an economist has to struggle to solve analytically reflects admirable modesty, but it does seem a bit puzzling. Surely another possibility is that people simply get it wrong." (S. 2) In der Tat ist das eine mögliche Erklärung, weshalb sich sowohl Individuen als auch ganze Märkte in vielen Fällen anders verhalten als es "die Theorie" vorhersagt: Dass sie schlicht Fehler machen, sich also weniger rational verhalten als es die erste Prämisse vorsieht.

Die andere mögliche Erklärung wäre, dass Menschen schlicht andere Prioritäten verfolgen als es die Ökonomen unterstellen. Bei genauerem Hinsehen entpuppt sich nämlich der Begriff von Rationalität, von dem die Ökonomie ausgeht, als ausgesprochen irrational: Dass es Menschen ausschließlich darum ginge, den kurzfristigen eigenen Nutzen zu mehren – gleich welchen Preis dieser kurzfristige Egoismus für soziales Akzeptanz, Reputation, Beziehungsqualität und ähnliche Dinge hat. Doch hat zum Beispiel Axelrod (1985, 2000) gezeigt, dass es durchaus rational sein kann, auf kurzfristige einseitige Nutzenmaximierung zu verzichten, um sich die künftige Kooperationsbereitschaft der anderen Beteiligten zu erhalten. Deshalb stellt Thaler völlig zu Recht auch die zweite Grundannahme in Frage: "Just how selfish are people?" (S. 3) Für die Weiterentwicklung der ökonomischen Theoriebildung ist das Verstehen der sogenannten Anomalien von enormer Bedeutung – und zugleich die Chance, dort endlich für ein rationaleres Verständnis von Rationalität zu sorgen.

Nach einer konzeptionell sehr lehrreichen Einführung demonstriert und analysiert Thaler in 13 Kapiteln ebenso viele Konstellationen, in denen sich Menschen systematisch anders verhalten als es die ökonomische Theorie vorsieht – und immer wieder stellt sich zugespitzt die Frage: Sind die Leute zu dumm zu begreifen, wie sie sich verhalten müssten, um optimale Ergebnisse zu erzielen (Einschränkung der unterstellten Rationalität), oder verfolgen sie möglicherweise andere Ziele als ihnen die ökonomische Theorie unterstellt (Relativierung des Egoismus)? Besonders aufschlussreich sind daher jene Experimente, die eine Antwort auf diese Frage erlauben. Verallgemeinert könnte sie etwa lauten: Beides spielt eine Rolle, aber das Zweite noch mehr als das Erste. Oft fällt es Menschen tatsächlich schwer, komplexe Entscheidungsprobleme so gut zu durchdringen, dass sie die optimale Strategie finden. Aber ganz offensichtlich geht es den (meisten) Menschen nicht ausschließlich um die Mehrung ihres kurzfristigen Nutzens. (Was im Übrigen ausgesprochen rational ist, denn man begegnet sich ja meist mehrfach im Leben.)

Ein Beispiel ist das "Ultimatum Game", das Thaler im dritten Kapitel vorstellt. Es besteht aus zwei Spielern, von denen der erste die Aufgabe hat, einen gegebenen Geldbetrag nach eigenem Gutdünken zwischen sich und dem zweiten Mitspieler aufzuteilen. Der zweite entscheidet alsdann, ob er denn ihm zugedachten Betrag annimmt – nur dann wird das Geld tatsächlich ausgezahlt. Wenn sich beide Mitspieler in jenem engen Sinne rational verhielten, wie die ökonomische Theorie Rationalität (miss)versteht, sollte der erste Mitspieler dem zweiten den kleinsten möglichen Teilbetrag anbieten, um seinen eigenen Nutzen zu maximieren. Und der zweite sollte diesen Betrag, so klein er auch sein mag, immer annehmen, denn ein sehr kleiner Gewinn ist (aus der Perspektive einer kurzfristigen Nutzenmaximierung) immer noch besser als gar keiner. Tatsächlich verhalten sich beide Parteien, wie in zahlreichen Experimenten festgestellt wurde, fundamental anders: Der erste Spieler bietet in der Regel zwischen einem Drittel und der Hälfte des Gesamtbetrags an, und der zweite Spieler weist typischerweise Angebote zurück, die ihm zu niedrig erscheinen. (Was ihn ja auch umso weniger kostet, je niedriger das Angebot war.)

Je länger man liest, desto mehr fragt man sich angesichts all dieser Paradoxien und Anomalien, ob es den anomaliefreien Normalfall überhaupt gibt und falls ja, ob er nicht die krasse Ausnahme ist. Da lernt man, dass beim Zahlenlotto manche Zahlen eine sehr viel höhere Erfolgswahrscheinlichkeit haben als andere – nicht, weil sie häufiger gezogen, sondern weil sie seltener getippt werden. Man erfährt, nach welchen systematischen Regeln Wetter buchstäblich auf das falsche Pferd setzen. Man nimmt staunend zur Kenntnis, dass es sowohl saisonale als auch statistische Muster in den Aktienmärkten gibt, was im scharfen Widerspruch zu einem "Random Walk" und damit zur Efficient Market Theory steht. Und vieles andere mehr, was immer wieder Anlass gibt, neu über die wirklichen Motive menschlichen Handelns nachzudenken.

Allerdings ist das Buch nicht ganz leicht zu lesen. Zwar schreibt Thaler eine bewundernswert klare Sprache und stellt immer wieder den Bezug zur Praxis her, doch die verdichtete Beschreibung zahlreicher Experimenten und Versuchsanordnungen erfordert hohe Konzentration. Zudem setzt sie zuweilen ein Vorverständnis bestimmter amerikanischer Sitten und Gebräuche voraus, die man als Ausländer nicht unbedingt mitbringt. Es passiert also schon mal, dass man zwischendurch den Faden verliert – was aber nicht so schlimm ist, weil einem die klare gedankliche Struktur des Textes hilft, ihn alsbald wiederzufinden.

18 Jahre nach seinem Erscheinen ist dieses Buch sicher nicht mehr auf dem letzten Stand der Forschung. Trotzdem lohnt sich die Lektüre, weil es in vielen Facetten besser verständlich macht, wie sich "Wirtschaftssubjekte" (also wir und unsere Mitmenschen) verhalten und weshalb wir an bestimmten Ecken ebenso hartnäckig wie vorhersehbar anders abbiegen als es die ökonomische Beschilderung ausweist. Leider ist von diesen Erkenntnissen trotz der langen Zeit kaum etwas in die Mainstream-Ökonomie eingeflossen, was vielleicht auch ihre erstaunliche Hilflosigkeit erklärt, die häufig gerade dann einsetzt, wenn es – wie bei der Entstehung von Finanzkrisen und ihrer optimaler Bewältigung – wirklich darauf ankäme.

Schlagworte:
Ökonomie, Wirtschaftswissenschaften, Rationalität, Egoismus, Theorien, Behavioral Economics

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