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Gemeinsam älter werden – und vielleicht sogar alt

Schoenaker, Theo (2008):

Wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist

Lebendige Partnerschaft im Alter

RDI-Verlag (Bocholt); 143 S.; 12,80 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 9 / 9

Rezensent: Winfried Berner, 16.03.2011

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Mehr als die Lebensphasen davor sind die Jahre jenseits des Berufslebens eine gestalterische Herausforderung, denn sie sind kaum durch Traditionen vorgeprägt. Schoenakers Buch liefert wertvolle Anregungen, diese Chance zu erkennen und zu meistern.

Wenn man die 50 überschritten hat, muss man sich langsam mit dem Gedanken vertraut machen, dass es nur eine realistische Alternative zum Älterwerden gibt, nämlich die, demnächst zu sterben. Wenn einem diese Alternative nicht zusagt, wird die unabänderliche Tatsache des Älterwerdens zur Herausforderung: Wie kann ich, wie können wir diese sich abzeichnende neue Lebensphase, in der die bisherigen Lebensaufgaben Beruf und Elternschaft zurücktreten, so gestalten, dass er wirklich noch einmal ein Lebensabschnitt von eigener Qualität wird und nicht bloß die Überbrückung der Wartezeit bis zum Ende der Zahlungspflicht der Rentenversicherung? 

Der mittlerweile fast 80-jährige Individualpsychologe Theo Schoenaker hat in seinem langen Berufsleben Pionierarbeit in Sachen Ermutigung geleistet. Nun hat er auf seine alten Tage noch einmal zur Feder gegriffen und ein Buch über eine "lebendige Partnerschaft im Alter" verfasst. Es ist – bei diesem Autor wohl unvermeidlich – ein sehr persönliches, stellenweise berührendes und zugleich sehr ermutigendes Buch geworden. Seinen Titel zitiert einen charmanten Witz: Ein Rabbi, ein Imam und ein katholischer Pfarrer diskutieren, wann das menschliche Leben beginnt. Der Imam meint pragmatisch: "Das Leben beginnt mit der Geburt!" Der katholische Pfarrer widerspricht heftig: "Nein, das Leben beginnt schon mit der Verschmelzung von Ei und Sperma." Der Rabbi korrigiert lächelnd: "Ach was, das Leben beginnt, wenn die Kinder aus dem Haus sind und der Hund gestorben ist!" 

Jedenfalls könnte es noch einmal neu beginnen, wenn die Kinder aus dem Haus sind und auch sonst eine gewisse Entlastung von den Verpflichtungen des Erwachsenenalters eingetreten ist. Aber da gibt es eine Schwierigkeit: Die "Goldenen Jahre", wie Schoenaker sie programmatisch nennt, sind weit weniger als Kindheit, Jugend und Erwachsenenalter durch biologische und kulturelle Vorgaben vorgeprägt. Es ist ja erst eine Errungenschaft unserer Zeit, dass viele Menschen diese Lebensphase nicht nur mit knapper Not, sondern bei guter körperlicher und geistiger Gesundheit erreichen und auch noch gute Aussichten auf etliche gesunde Jahre haben. Weil es für sie keine traditionellen Vorlagen gibt, sind diese "Goldenen Jahre" die gestaltbarste Lebensphase – aber damit auch die, die die höchsten Anforderungen an unseren Gestaltungswillen und unser Gestaltungsvermögen stellt, jedenfalls wenn wir sie mit Sinn erfüllen und nicht bloß "absitzen" wollen. Und weniger als für die früheren Lebensphasen haben wir dafür gesellschaftliche Vorgaben oder Vorlagen an die wir uns anlehnen können. Das Ergebnis ist einerseits mehr Freiheit, andererseits die Herausforderung, den eigenen Weg zu gestalten. 

Es sind viele Themen, die bei der Ausgestaltung dieser Lebensphase zu berücksichtigen sind. Schoenaker konzentriert sich hauptsächlich auf das Thema Partnerschaft, was im Prinzip sinnvoll ist, aber zugleich eine Einschränkung. Viele Menschen finden in dieser Lebensphase auch auf dem Feld ehrenamtlicher Arbeit Erfüllung, etwa im Naturschutz, im Gartenbau oder im sozialen Bereich. Damit leisten sie einen Beitrag zur Gemeinschaft und geben zugleich ihrer eigenen Existenz einen Sinn. Diese Gestaltungsoption kommt bei Schoenaker zu kurz; zu seinem Schwerpunkt Privatleben und Partnerschaft jedoch hat er viel Nützliches und Bedenkenswertes zu sagen. 

Im ersten Teil "Viele Gründe zum Optimismus – Wir leben jetzt!" geht es ihm vor allem darum, negative und entmutigende Bilder über das Älterwerden und das Alter zu korrigieren, von Demenz über eingeschränkte Lernfähigkeit bis zu Abhängigkeit und Vereinsamung. Im Grunde ist er damit in seinem angestammten Metier der Ermutigung. Und man spürt beim Lesen, dass er das wirklich exzellent beherrscht: Kaum jemand, der diese Seiten liest, wird sie nicht mit einer gewissen Erleichterung und einem etwas positiveren Bild des Älterwerdens verlassen. 

Leicht bewölkt beginnt Teil II "Wenn die Kinder aus dem Haus sind". Schoenaker spricht erst einmal über die "Nachteile der goldenen Jahre". Aber das ist ein klassischer "Trick" der Ermutigung: Kein "Happy-Talk" über die Wahrnehmungen und Gefühle der Adressaten hinweg, sondern das Ernstnehmen und Ansprechen belastender Gedanken. Denn nur wenn sie beim Namen genannt werden, tritt eine Entlastung ein, die den Raum für positive Aspekte und Perspektiven schafft. Doch Schoenaker wäre nicht Schoenaker, wenn er es dabei beließe: "Sie machen was daraus!" und "Vorteile der goldenen Jahre" lauten die nächsten Überschriften. Vor allem aber ist er ein begnadeter Erzähler. Statt zu dozieren und zu belehren, lässt er Menschen zu Wort kommen, die diese Umbruchsphase gerade durchleben (und die er durch eine geschickte Aufgabenstellung dazu gebracht hat, ihre Gedanken und Gefühle zu formulieren). Auch wenn man sich als Leser – natürlich – nicht in allen Aussagen wiederfindet, ist das doch ausgesprochen authentisch, verbindend und regt zum Nachdenken an. 

So gerüstet, kann man sich auf Teil III "Die Neuorientierung" einlassen. Und nach ein paar sehr hübschen (und charakteristischen) "Aphorismen zum Neuanfang" kommt Schoenaker zu seinem zentralen Anliegen "Miteinander sprechen". Das klingt banal, aber nach vielen Ehejahren, wo sich so manche Routine eingeschliffen hat, ist es alles andere als das. Wenn man sich aber nicht "synchronisiert", birgt solch ein Umbruch die Gefahr, dass man sich (noch mehr) auseinander lebt und die sich neu ergebenden Chancen nicht nutzt, sondern allenfalls operative Kompromisse weit unterhalb der bestmöglichen Verwirklichung der beidersetigen Bedürfnisse schließt. Deshalb belässt Schoenaker es nicht beim Appell, sondern "wird praktisch".  

Zwei Methoden der Kommunikation legt er seinen Lesern besonders ans Herz: Zum einen eine "Zuhörübung" nach dem Prinzip "Spiegeln vor Antworten", zum anderen das "ZüBaMo" (aus "Züntersbacher Modell"), benannt nach dem langjährigen Seminarort Schoenakers in der Rhön. Das ist ein ganz eigenartiges Gesprächsmodell – im Grunde mehr eine gemeinschaftliche Selbstreflexion als ein aktiver Dialog. Die Partner sitzen sich dabei nicht gegenüber, sondern idealerweise ohne direkten Blickkontrakt nebeneinander, und reflektieren mehr für sich als für den anderen drei Fragen:

  • Was beschäftigt mich?
  • Was ist mir klar geworden?
  • Wie war das, was hinter mir liegt?

Den Ablauf erklärt er so: "Wer spricht, der spricht nur so für sich hin. Er schaut den anderen nicht an. Er erwartet keine Reaktion, er fordert diese auch nicht heraus. Wenn er sich 1-2 Minuten lang mitgeteilt hat und aufhören will, sagt er: 'Bis soweit erst mal.' Das ist dann das Signal an den Partner, dass er nun sprechen kann. So kann das eine ganze Weile – bis zu 30 Minuten – weitergehen. Am Ende weiß jeder vom anderen, was in ihm lebt." (S. 56) Dieses "Nebeneinanderherreden" mag erst einmal befremdlich wirken, hat aber den Vorteil, dass es der Versuchung entgegenwirkt, sich bei der Öffnung sehr rasch in ein Streitgespräch zu verwickeln – und sich damit gegenseitig zu entmutigen. Auf dieser Basis kann man dann auch über die Frage nachdenken: "Wie hätten Sie es denn gerne in den goldenen Jahren?" (S. 59) 

Die Bandbreite ist groß, die er in diesem umfangreichsten Kapitel des Buchs abdeckt: Von Liebe, Höflichkeit (!), Glück und gegenseitiger Hilfe über so praktische Fragen wie Hörgerät und Schlafzimmer bis hin zu Themen wie Sexualität und Impotenz. Aber wie ein roter Faden zieht sich das Thema Kommunikation auch durch diese Abschnitte, mit zahlreichen Impulsen, die offenkundig auf Erfahrung beruhen: "Nehmen Sie den Druck heraus", "Die Verantwortung da lassen, wo sie hingehört" und "Jedes 'Du sollst' ist eine Kampfansage." Den Abschluss eines jeden Kapitels bildet eine anwendungsorientierte Zusammenfassung "Erkennen à Sprechen à lebendige Partnerschaft". 

"Nachdenken über das Ende" ist Teil IV überschrieben – auch hier gemäß dem individualpsychologischen Prinzip: Entlastung entsteht nicht durch Wegschieben, sondern durch Hinschauen. Darin beschreibt er die Autobiographie als eine Möglichkeit, das eigene Leben rückblickend zu verstehen und zu ordnen. Vor allem aber geht um das Sterben und um den Tod – und um so praktische Fragen wie Patientenverfügung und Vorsorgevollmacht. 

Teil V "Die lebendige Partnerschaft" ist Schoenakers Resümee – und in gewisser Weise sein Vermächtnis. Aus seiner Sicht gibt es "Drei Schlüssel für kreative goldene Jahre": "Innere Verbindlichkeit", "Zuneigung im Denken und Fühlen" und "Neugierde – oder: Die Bereitschaft, den anderen besser kennen lernen zu wollen". Denn zu den größten Fehlern in einer Partnerschaft zählt der Glaube, den anderen so gut zu kennen, dass es nichts wesentliches Neues mehr zu entdecken gibt – ein Hinweis, der sicherlich auch schon früher im Leben nützlich sein kann, es aber "auf die alten Tage" erst recht ist. Insgesamt ein Buch, das man nicht erst Rentnern empfehlen kann, sondern allen, deren verbleibende Berufsjahre allmählich "zählbar" werden. Für mich jedenfalls war es, obwohl ich bis dahin noch ein paar Jahre Zeit habe, durchaus anregend und ermutigend, dieses Alterswerk Schoenakers zu lesen.

Schlagworte:
Lebensgestaltung, Alter, Älterwerden, Partnerschaft, Kommunikation, Individualpsychologie

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