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Die tieferen Ursachen kultureller Werte und des Wertewandels

Inglehart, Ronald; Baker, Wayne E. (2000):

Modernization, Cultural Change, and the Persistence of Traditional Values



American Sociological Review 2000 Vol. 65 February; 33 Seiten (pp. 19 – 51)


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 07.01.2014

Ausgesprochen lehrreicher Artikel: Die Kulturen dieser Welt sind in hohem Maße von den vorherrschenden Lebensbedingungen geprägt. Zugleich sind sie aber auch maßgeblich von den Traditionen der jeweiligen "Kulturzone" bestimmt.

Der renommierte empirische Soziologe Ronald Inglehart und sein Koautor Wayne E. Baker, beide University of Michigan, haben für diesen lesenswerten (und für einen soziologischen Text erstaunlich gut lesbaren) Artikel den umfangreichen "World Values Survey" analysiert, der in bisher drei Wellen von 1981/82, 1990/91 und 1995-98 umfangreiche Daten in 65 Ländern erhoben hat und damit mehr als 75 Prozent der Weltbevölkerung abdeckt. Mit ihrer Untersuchung wollen sie klären, ob die "Modernisierungstheoretiker" recht haben, die behaupten, dass die ökonomische Entwicklung unweigerlich auch einen starken Wertewandel nach sich ziehe, oder ob jene Denkschule im Recht ist, die vom Fortbestehen traditioneller Werte trotz ökonomischer Modernisierung ausgeht.

Ihr Ergebnis lautet kurzgefasst: Beide haben recht. Das Schöne an der empirischer Soziologie – wie an empirischer Forschung insgesamt ist, dass Streitfragen entscheidbar sind: Man braucht nicht glauben (und kann deshalb auch darauf verzichten, sich immer die gleichen Argumente um die Ohren zu hauen), sondern kann schauen, das heißt man kann empirische Daten zu einer Streitfrage erheben und überprüfen, welche Sichtweise sie unterstützen.

Inglehart und Baker haben zwei zentrale Dimensionen ausgemacht, in denen sich Gesellschaften unterscheiden: Zum einen eine Dimension, die sie als "traditional vs. secular-rational values" bezeichnen, zum anderen eine, die sie "survival vs. self-expression values" nennen. Typische Items für die "traditionelle Dimension" sind der Stellenwert Gottes für das eigene Leben (Faktorladung .91), die Ablehnung von Abtreibung (.82), Nationalstolz (.82) sowie die Überzeugung, dass Männer bessere politische Führer seien als Frauen (.86) und dass es wichtiger für ein Kind sei, Gehorsam und Religiosität zu erlernen als Selbständigkeit und Selbstvertrauen (.89).

Kennzeichnend für die "Survival-Dimension" ist, dass die positiv Antwortenden wirtschaftlicher und physischer Sicherheit einen höheren Stellenwert beimessen als Selbstverwirklichung (self-expression) und Lebensqualität (.86), dass sie sich als nicht sehr glücklich beschreiben (.81), dass sie noch nie eine Petition unterzeichnet haben und dies auch nicht zu tun gedenken (.80), dass sie Homosexualität ablehnen (.78) und meinen, man müsse sehr vorsichtig sein, wem man sein Vertrauen schenkt (.56).

Inglehart und Baker ordnen die 65 untersuchten Gesellschaften anhand dieser beiden Dimensionen in eine Matrix ein, und dabei entstehen charakteristische Cluster: Das "Protestant Europe" liegt sowohl in der Dimension der säkular-rationalen Werte als auch in der Wertschätzung der Selbstverwirklichung am höchsten. Umringt wird es von drei Kulturkreisen, die in mindestens einer der beiden Dimensionen nicht ganz so "modern" sind, aber immer noch oberhalb (bis knapp unterhalb) der Mitte liegen: Die englisch-sprechenden Länder legen ähnlich hohen Wert auf "self-expres­sion", sind aber in ihren Werten deutlich traditioneller; die "Confucian" asiatischen Länder liegen hoch auf der säkular-rationalen Dimension, legen aber weniger Wert auf Selbstverwirklichung, das "Catholic Europe" liegt dazwischen.

Noch stärker auf "Survival" ausgerichtet sind die Werte der "Ex-Communist" Gesellschaften, innerhalb derer es einen säkular rationalen Block "Baltic" (einschließlich Tschechien) und einen konservativeren Block "Orthodox" gibt. Noch traditioneller und noch mehr auf das Überleben ausgerichtet sind die Kulturkreise Südasien (mit Indien, Bangladesh, Pakistan, den Philippinen und der Türkei), Afrika und Südamerika, wobei die letzeren eine mittlere Position zwischen Überleben und Selbstverwirklichung einnehmen.

Schon beim ausführlichen Betrachten dieser Grafik ist beeindruckend, wie treffend und differenziert sie unterschiedliche "Nationalcharaktere" in eine schlüssige Ordnung bringt. Nicht nur, dass sich die "üblichen Verdächtigen" wie zum Beispiel die skandinavischen oder die orthodoxen Länder relativ nah beieinander finden; es werden auch "Geistesverwandtschaften" zwischen Ländern sichtbar, die alles andere als benachbart sind und die man normalerweise auch sonst nicht im gleichen Atemzug nennen würde – wie etwa, dass sich die Türkei und die Philippinen in unmittelbarer Nähe der südamerikanischen Länder wiederfinden.

Dass die Anordnung kein Zufall ist, wird klar, sobald Inglehart und Baker sie mit dem Durchschnitts­einkommen überlagern. Dann zeigt sich, dass in Ländern mit einem Bruttoinlandsprodukt von unter 2000 Dollar pro Kopf traditionelle und Überlebenswerte dominieren, während ausgeprägte Selbstverwirklichung und säkular-rationale Werte in Gesellschaften mit einem BIP von über 15.000 Dollar pro Kopf vorherrschen. Offenbar gibt es tatsächlich einen engen Zusammenhang zwischen Sein und Bewusstsein. Die Frage nach der Kausalität ist dadurch allerdings noch nicht beantwortet ist: Führen Selbstverwirklichung und säkular-rationale Werte zu mehr Wohlstand, oder kann man sich solche Werte am ehesten in relativ reichen Gesellschaften leisten?

Einen Hinweis auf die Richtung der Kausalität lässt sich aus der Erkenntnis ableiten, dass die Entwicklung der persönlichen Wertvorstellungen mit der Adoleszenz weitgehend abgeschlossen ist. In Gesellschaften, die eine deutliche Verbesserung ihrer ökonomischen Situation erlebt haben, sollten die Einstellungen der Entwicklung vorauslaufen, wenn sie die Ursache des Wohlstands sind, ihr aber nachlaufen, wenn sie dessen Folge sind – und das Letztere stellten die Forscher fest: In solchen Gesellschaften sind die älteren Menschen im Schnitt konservativer, die jüngeren liberaler und mehr auf Selbstverwirklichung aus.

Das macht auch logisch Sinn, erläutern die beiden Soziologen: "In preindustrial societies the family is crucial to survival. Accordingly, societies at the traditional pole of this dimension reject divorce and take a pro-life stance on abortion, euthanasia, and suicide. They emphasize social conformity rather than individual striving, believe in absolute standards of good and evil, support deference to authority, and have high levels of national pride and a nationalistic outlook." (S. 25) Eine liberale Haltung muss man sich buchstäblich leisten können: "It emerges among birth cohorts that have grown up under conditions in which survival is taken for granted." (S. 26) "When survival is taken for granted, ethnic and cultural diversity becomes increasingly acceptable – indeed, beyond a certain point, diversity is not only tolerated, it may be positively valued because it is interesting and stimulating." (S. 28) Und ökonomisch vielversprechend, könnte man hinzufügen: Kein Zufall gewiss, dass Wirtschaftsunternehmen gerade dabei sind, Diversity als ein Thema zu entdecken, von dem sie sich Innovation, Marktnähe und Wachstum versprechen. Und wo ein rein deutscher (oder französischer oder amerikanischer) Vorstand schon fast ein wenig antiquiert wirkt.

Dieser Wertewandel hat übrigens, wie die beiden Forscher überzeugend feststellen, nichts mit der vielbeklagten "Amerikanisierung" zu tun – viel eher mit einer Skandinavisierung oder sogar einer Germanisierung. Die USA stellen vielmehr mit ihrer sehr traditionellen Werthaltung einen extremen Ausreißer im Kreis der wirtschaftlich erfolgreichen Gesellschaften dar: Sie liegen weit unterhalb der säkular-rationalen Werte der Europäer, der konfuzianisch geprägten asiatischen Länder und selbst unterhalb der orthodoxen Länder – auf gleichem Niveau wie Nordirland, Mexiko, Chile und Bangladesh (und damit knapp nach Indien und Argentinien). Nur auf der Dimension "self-expres­sion" liegen die Amerikaner erwartungsgemäß in der Spitzengruppe.

Die beiden Werte-Dimensionen reagieren offenbar auf unterschiedliche Phasen der ökonomischen Entwicklung: "Industrialization leads to occupational specialization, rising educational levels, and eventually bring unforeseen changes – changes in gender roles, attutudes toward authority and sexual norms; declining fertility rates; broader political participation; and less easily led publics." (S. 21) Zunächst setzt dabei offenbar eine Bewegung weg von traditionellen und hin zu säkular-rationalen Werten ein: "As human control of the environment is increased, the role ascribed to religion and God dwindled. Materialistic ideologies arose with secular interpretations of history, and secular utopias were to be attained by human engineering operating through rationally organized bureaucratic organizations." (S. 21f.)

Mit dem Wandel von der Industrie- zur Dienstleistungsgesellschaft kommt dann auch Bewegung in die zweite Dimension: Da eine wachsende Zahl von Menschen unter sicheren Verhältnissen aufwachsen, ist der Kampf ums Überleben für sie kein prägendes Thema mehr: "Their value priorities shift from an overwhelming emphasis on economic and physical security toward an increasing emphasis on subjective well-being and quality-of-life. Thus, cultural change is not linear; with the coming of a post-industrial society, it moves in a new direction." (S. 22)

Obwohl diese Befunde die "Modernisierungstheoretiker" bestätigen, die von einer maßgeblichen Prägung der Kultur durch die sozioökonomischen Rahmenbedingungen ausgehen, finden Inglehart und Baker auch klare Belege für den anhaltenden Einfluss althergebrachter "Kulturzonen" (culture zones): "A society's Catholic or Protestant or Confucian or Communist heritage makes an independant contribution to its position on the global cultural map" (S. 34) – und zwar unabhängig vom Einkommen und der Beschäftigungsstruktur. Beispielsweise liegen die ehemals kommunistischen Länder auf der Dimension "survival / self-expression" allesamt mehr auf der Survival-Seite als es ihrer Wirtschaftskraft entspricht, während sie auf der anderen Dimension deutlich auf der säkular-rationalen Seite liegen. Umgekehrt weisen die englischsprachigen Länder ein, gemessen an ihrem ökonomischen Niveau, relativ traditionelles, "unaufgeklärtes" Weltbild auf.

Detaillierter haben Inglehart und Baker den Einfluss der Kulturzonen für das Thema zwischenmenschliches Vertrauen untersucht (das eine Komponente der Dimension "survival / self-expression" ist). Generell ist das wechselseitige Vertrauen in Gesellschaften mit einem höheren Pro-Kopf-Einkommen deutlich höher (Korrelation .60), doch die Religion spielt ebenfalls eine Rolle: "Even rich Catholic societies rank lower than equal prosperous historically Protestant societies." (S. 35) Noch deutlich geringer ist das zwischenmenschliche Vertrauen in traditionell orthodoxen und islamischen Gesellschaften.

Interessanterweise gelten diese Unterschiede aber nicht für unterschiedliche Religionsgruppen innerhalb ein- und derselben Gesellschaft: "The differences between Catholics and Protestants or Muslims within given societies are relatively small. In Germany, for example, the basic values of German Catholics resemble those of German Protestants more than they resemble Catholics in other countries." (S. 36) Ähnliches gilt für die USA, die Schweiz, die Niederlande und andere gemischt-religiöse Gesellschaften: "Catholics tend to be slightly more traditional than their Protestant compatriots, but they do not fall into the historically Catholic cultural zone." (S. 36f.) Diesen erstaunlichen Befund erklären Inglehart und Baker so: "Protestant or Catholic societies display distinctive values today mainly because of the historical impact their respective churches had on their societies, rather than through their contemporary influence." (S. 36) Der Einfluss der Religionen ist nach ihrer Auffassung zum Bestandteil des "nationalen Kulturerbes" geworden, das durch Erziehung, Schulen und Massenmedien weitergegeben wird. Ihr Fazit: "Culture is path-dependant. (...) A society's heritage makes a big difference." (S. 37/38)

Die drei Zeitscheiben, in denen der "World Values Survey" bislang durchgeführt wurde, machen es auch möglich, den Wertewandel innerhalb einzelner Gesellschaften zwischen 1981, 1990 und 1995 zu betrachten. Die Veränderungen, die innerhalb dieser relativ kurzen Zeitspanne sichtbar werden, sind zum Teil beträchtlich. Jenseits aller spannenden Einzelheiten ist dabei eine Erkenntnis von übergreifender Bedeutung: "The trend toward modern values is not irreversible." (S. 41) "Rising security tends to produce a shift toward secular values and tolerance, trust, subjective well-being, and a postmaterialist outlook, while social and economic collapse propel a society in the opposite direction." (S. 42)

Insgesamt ein ausgesprochen lehrreicher Artikel, der einem hilft, die Welt besser zu verstehen: Er macht klar, dass die Kulturen dieser Welt in starkem Maße von den vorherrschenden Lebensbedingungen geprägt sind – und damit ihre innere Logik haben und keineswegs nur Zufallsprodukte sind. Zugleich sind sie aber auch maßgeblich von den Traditionen der jeweiligen "Kulturzone" und damit von der jeweiligen Vorgeschichte bestimmt. Auch bei der Kultur gilt offenkundig: "History matters".

Schlagworte:
Wertewandel, Kulturveränderung, Ökonomische Entwicklung, Fortschritt, Industrialisierung, Dienstleistungsgesellschaft

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