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Viele interessante Details, kein schlüssiges Gesamtbild

Klein, Stefan (2010):

Der Sinn des Gebens

Warum Selbstlosigkeit in der Evolution siegt und wir mit Egoismus nicht weiterkommen

S. Fischer (Frankfurt); 335 Seiten; 9,99 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 5 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 09.01.2015

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Unbefriedigender Versuch der Beantwortung auf eine ebenso wichtige wie spannende Frage: Wie konnte sich Altruismus in der Evolution entwickeln, wo der den eigenen Genen doch mehr zu schaden als zu nutzen scheint?

Schade – das hätte ein exzellentes Buch werden können, wenn, ja wenn sich "der erfolgreichste Wissenschaftsautor deutscher Sprache" (Klappentext) entschieden hätte, ob er eine Streitschrift für den Altruismus verfassen möchte oder ein populärwissenschaftliches Sachbuch über den Stand der Forschung. Doch der Physiker und Philosoph Stefan Klein, Autor von Bestsellern wie "Die Glücksformel", "Alles Zufall" und "Da Vincis Vermächtnis" pendelt zwischen beidem hin und her. Er breitet Unmengen von – großteils hochinteressanten – Foschungsbefunden aus, erzählt spannende Geschichten, präsentiert Theoriefragmente, polemisiert hin und wieder gegen Andersgläubige – doch er verliert über den vielen interessanten Details die große Linie.

Der Untertitel hätte mir eine Warnung sein sollen: Er lässt erkennen, dass Klein sowohl wissenschaftlich als auch gesellschaftspolitisch Partei zu nehmen gedenkt. Man muss also beim Lesen im Kopf haben, dass er vermutlich dem unterliegt, was der Nobelpreisträger Daniel Kahneman einen "Confirmation Bias" nennt, also einer Tendenz, seine Überzeugungen zu bestätigen. Das heißt, die Auswahl und Wiedergabe von Forschungsergebnissen dient wohl primär der Untermauerung seiner Thesen, nicht einer um Objektivität bemühten Darstellung. Dafür spricht auch, dass Klein nicht zimperlich ist, wenn es darum geht, gegen tatsächliche oder vermeintliche Vorkämpfer des Egoismus' zu keilen. Dann schreckt er auch vor Aussagen nicht zurück, die Sportreporter "ein ganz böses Foul" nennen würden. So bemerkt er zu dem 1976 erschienenen Bestseller "Das egoistische Gen" von Richard Dawkins, es werde heute noch in Fachaufsätzen und populären Lebensratgebern zitiert – und fügt dann in Klammern folgende vergifte "Zusatzinformation" an: "(Unter den Fans des Buchs war auch Jeffrey Skilling, der als Vorstandsvorsitzender des texanischen Ölkonzerns Enron für die größte Bilanzfälschung der Wirtschaftsgeschichte verantwortlich ist. Er soll 'Das egoistische Gen' einmal sein Lieblingsbuch und seine Hauptinspirationsquelle genannt haben.)" (S. 35)

Das ist schon perfide: Statt sich mit den Inhalten des Buches auseinanderzusetzen, desavouiert Klein es durch die Wiedergabe eines Gerüchts (!), wonach es einem verurteilten Bilanzbetrüger als "Hauptinspirationsquelle" gedient habe. Dabei sollte er aus eigener Erfahrung wissen, dass sich ein Autor gegen die Interpretationen seiner Fans nicht wehren kann. Ohne Zweifel hat der zugespitzte Titel "The Selfish Gene" viele Menschen dazu veranlasst, frei über diesen Titel zu assoziieren, ohne unnötige Zeit mit der Lektüre zu verschwenden – und sich dann, ohne den Inhalt des Buchs überhaupt zu kennen, in Fans und Gegner zu teilen. Über das Weltbild des Ex-Enron-Chef schreibt Wikipedia: "Skilling held, by Skilling's interpretation, a Darwinian view of what makes the world work. He believed that money and fear were the only things that motivated people." Da Klein "Das egoistische Gen" gelesen hat, wusste er, dass es für derart krude Interpretationen keine Argumente liefert.

Wenn ein solcher Ausrutscher in der Hitze einer Diskussion passiert, mag er verzeihlich sein, zumal wenn er später durch eine Entschuldigung korrigiert wird. Wenn ein solches intellektuelles Foul aber in einem Manuskript stehen bleibt, das vor der Freigabe zur Veröffentlichung etliche Male gelesen wird, sagt er mehr, als ich wissen wollte, darüber, was der Autor unter Fairness gegenüber Andersdenkenden versteht, und wirft auch ein zweifelhaftes Licht auf das Verlagslektorat. Später, viel später, leider zu spät mahnt Klein sich selbst und andere Hitzköpfe zur Besonnenheit:

Dabei hätte gerade der scharfsinnige und konsequente Denker Richard Dawkins eine Menge zu der Frage beizutragen, wie es trotz des "Egoismus" der Gene – oder gerade seinetwegen! – in der Biologie immer wieder zu intensiven und dauerhaften Kooperationen kommt. Der Titel ist ja, wie Dawkins schon in seiner Einführung erläutert, nur eine anthropomorphe Zuspitzung; er unterstellt den Genen weder eine Absicht noch eine Strategie. Die Formulierung bringt lediglich den Grundgedanken der Evolutionstheorie auf den Punkt, dass Gene, die ihren Trägern vorteilhafte Eigenschaften oder Verhaltensmuster bescheren, in der Selektion besser abschneiden und deshalb ihren "Marktanteil" in nachfolgenden Generationen steigern. Aber daraus folgt keineswegs, dass die Evolution Egoismus fördert – sie fördert lediglich Gene, die ihren Trägern Vorteile bringen und sich dadurch verbreiten. Dawkins hat 1976 meines Wissens als Erster sowohl Zellen als auch Organismen als Kooperationsverbünde beschrieben, die ihre jeweiligen Bausteine eingegangen sind, weil sie in der Selektion damit erfolgreich waren als für sich allein: Mehrzellige Organismen sind aus seiner Sicht eine Kooperation von Zellen zum Nutzen aller Beteiligten. Insofern hätte gerade Dawkins eine brillante Vorlage geliefert, weshalb Kooperation und Altruismus häufig weitaus mehr im aufgeklärten Eigeninteresse liegen als engstirniger Egoismus und verbissene Konkurrenz.

Noch mehr als Kooperation ist Altruismus in der Tat eine Herausforderung für die Evolutionstheorie; Klein hat also ein überaus spannendes Thema am Wickel. Denn wenn es zutrifft, dass die Selektion – und damit die Evolution – Gene begünstigt, die, auf welche Weise auch immer, Wettbewerbsvorteile für ihre Träger bringen, dann lässt sich eine Kooperation zum beiderseitigen Nutzen gut erklären, aber es besteht Erklärungsbedarf für Altruismus – und vor allem für jene Formen des Altruismus, die ihrem Träger gravierende Nachteile bringen (und damit vermutlich, aber nicht sicher auch der Verbreitung seiner Gene). Dass Eltern sich für ihre Kinder aufopfern, ist auf der Ebene der Gene noch leicht zu erklären: Diese Aufopferung bringt zwar nicht den Trägern, aber ihren Genen Vorteile auf ihrer Reise in die Zukunft (worin Dawkins scharfsinnig einen Interessenkonflikt zwischen den Genen und ihren Trägern erkannt hat). Weshalb Menschen auf Fortpflanzung verzichten, um stattdessen zur Aufzucht der Kinder ihrer älteren Geschwister beizutragen, haben 1977 die Max-Planck-Forscher Wolfgang Wickler und Uta Seibt erklärt: Auf der Ebene der Gene ist das immer dann sinnvoll, wenn die Überlebenswahrscheinlichkeit eigener Kinder weniger als halb so groß wäre wie die der unterstützten Nichten und Neffen ist.

Aber wie erklärt sich Altruismus gegenüber Dritten, bei denen jeder direkte oder indirekte Eigennutz ausgeschlossen ist oder es zumindest zu sein scheint? Das wäre Stoff für ein überaus spannendes und lehrreiches Buch gewesen – jammerschade, dass Klein knapp daran vorbei geschrieben hat. Denn er wäre der ideale Autor für ein solches Thema, sowohl von seinen intellektuellen Fähigkeiten, den Stand der Forschung zu durchdringen und zu ordnen, als auch von seiner Fähigkeit, komplexe Zusammenhänge zu erklären.

Er fängt auch gut an, präsentiert Beispiele für Altruismus, an denen evolutionsbiologische Erklärungen versagen oder zumindest zu versagen scheinen, aber im weiteren Verlauf zerfranst und zerfasert das alles, als ob er seine eigene Fragestellung nicht klar genug hätte. So bringt er Argumente, die interessant sind, aber zur Klärung der Altruismus-Frage wenig beitragen, wie beispielsweise die Information, dass die Beweislage für den sogenannten "reziproken Altruismus" unter Tieren relativ dünn ist. Alle Diskussionen darüber gehen auf eine einzige Untersuchung zurück, wonach sich Vampirfledermäuse zuweilen gegenseitig füttern, wenn erfolglose Jäger anderenfalls zu verhungern drohen, möglicherweise in der Hoffnung oder Erwartung, von dem betreffenden Tier gefüttert zu werden, wenn man selbst einmal in Not ist.

Doch so spannend das ist, analytisch trägt es nichts bei, denn selbst wenn sich herausstellen sollte, dass reziproker Altruismus im Tierreich nicht mehr als eine romantische Forscher-Fantasie ist, würde das wenig helfen, die Logik des Altruismus zu verstehen. Umgekehrt lässt Klein wichtige Befunde zum reziproken Altruismus unter Menschen unerwähnt, wie etwa, dass Jäger und Sammler zwar eine reiche Jagdbeute teilen, nicht aber gesammelte Wurzeln und Beeren (vielleicht, weil bei der Jagd immer auch das Jagdglück, sprich der Zufall, für starke Schwankungen der Ausbeute sorgt, während das Ergebnis beim Sammeln keine Frage des Glücks, sondern eine des Fleißes ist – vielleicht aber auch nur, weil die Verteidigung der übrigen Beute gegen hungrige Nachbarn ineffizient wäre).

Ausgesprochen bedauerlich fand ich, dass Klein nicht ausführlicher auf eine mathematische Analyse von George Price eingeht, die er selbst zurecht als absolut zentral bezeichnet. Sie widerlegt nach seinen Worten eine vielzitierte Berechnung des Genetikers William Hamilton, nach der die Selektion immer nur am Individuum ansetzt; eine Gruppenselektion könne es danach nur unter Verwandten geben. Zunächst einmal unplausibel ist die Kleins Behauptung: "Wenn sich Altruismus unter Verwandten durchsetzen kann, dann auch in jeder beliebigen Gruppe. (…) Der Nachteil, den die Selbstlosen in der Gruppe hinnehmen müssen, lässt sich nämlich durch den Vorteil, den sie ihrer Gruppe als Ganzes verschaffen, mehr als ausgleichen. Und weil sich somit altruistisch geprägte Gruppen gegenüber Verbänden durchsetzen, in denen der blanke Eigennutz herrscht, kann sich Selbstlosigkeit in der Welt verbreiten." (S. 189 f.)

Ich unterstelle mal, dass Price Recht – nicht zuletzt weil Hamilton selbst ihm offenbar recht gegeben hat. Aber mit Kleins Argumentation lässt es sich nicht begründen. Denn wenn die Gene der Altruisten aus dem Genpool verschwinden, während ihre Gruppe als Ganze (mit Ausnahme ihrer selbst) profitiert, kann das kaum zur Verbreitung altruistischer Gene beitragen. In einer Fußnote erläutert Klein die dahinter stehende Mathematik zwar, aber die Darstellung ist so dicht und setzt so viele Vorkenntnisse voraus, dass mir meine mehr als 40 Jahre zurückliegenden Schulkenntnisse leider nicht ansatzweise reichen, sie zu verstehen. Ich finde es wirklich ärgerlich und sehr frustrierend, dass Klein sich mit der Erläuterung eines so zentralen Arguments nicht mehr Mühe macht. Stattdessen erzählt er ausführlich die wechselvolle Lebensgeschichte von George Price – was wieder ausgesprochen interessant, aber nicht wirklich zielführend ist.

Die Konsequenzen, falls Price Recht hat, wären dramatisch – und keineswegs im Sinne von Kleins Mission. Denn sein oben zitierter Satz geht weiter: "… kann sich Selbstlosigkeit in der Welt verbreiten. Unter einer Voraussetzung freilich: Der Wettbewerb zwischen Gruppen muss stärker sein als der innerhalb der Gruppe." (S. 190) Das heißt doch auf Deutsch: Altruismus kann sich (biologisch) nur unter der Bedingung einer scharfen Konkurrenz mit anderen Gruppen durchsetzen. Heißt das in der Konsequenz: Je Krieg, desto Altruismus; je Frieden, desto Egoismus? Dann könnte man sich eine friedliche und altruistische Zukunft wohl abschminken. Dann würde der Egoismus in dem Ausmaß zunehmen, wie die Konkurrenz zwischen Gruppen (und Nationen) zurückgeht, und der Altruismus käme erst dann wieder zum Tragen, wenn sich die Konkurrenz verschärft. Das spräche keineswegs für Kleins Hoffnung, dass "Selbstlosigkeit in der Evolution siegt", es spräche eher für ein ewiges Pendeln zwischen den Polen.

Stefan Klein erzählt so unterhaltsam, dass man ihm bereitwillig auch auf Nebengleise folgt. Allerdings stellt sich dabei im Laufe der Zeit statt wachsender Klarheit zunehmende Verwirrung ein. Die vielen interessanten Einzelheiten fügen sich, jedenfalls in meiner Wahrnehmung, nicht zu einem Gesamtbild, sondern bleiben zusammenhanglos nebeneinander stehen. Hier tritt eine Schwäche von Kleins Plauderton zutage: Er tut zu wenig, um dem Leser zu helfen, den roten Faden seiner Ausführungen zu erkennen und zu behalten. Es gibt keine Resümees, keine Vorschau auf die Essenz beginnender Kapitel, keinen Versuch, ein übergeordnetes Fazit aus den unzähligen Detailerkenntnissen zu ziehen – Klein erzählt nur immer weiter. Am Ende hat man – habe ich – zwar viele interessante Geschichten, Befunde und Gedanken kennengelernt, aber ein schlüssiges Modell, wie die Evolutionsbiologie des Altruismus funktioniert, nehme ich nicht mit. Wenn ich mich am Ende der 280 Seiten frage, was ich aus der Lektüre gelernt habe und wie ich meinen Erkenntnisgewinn zusammenfassen würde, weiß ich keine Antwort. Das ist umso bedauerlicher, als die Frage, die Klein untersucht, sowohl für die Theorie als auch für die Lebenspraxis überaus relevant ist.

Schlagworte:
Altruismus, Egoismus, Kooperation, Interne Konkurrenz, Wettbewerb, Evolution, Verhaltensbiologie

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