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Schlüsselfrage statisches vs. dynamisches Menschenbild

Dweck, Carol (2009):

Selbstbild

Wie unser Denken Erfolge oder Niederlagen bewirkt

Piper (München, Berlin); 294 Seiten; 9,99 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 10

Rezensent: Winfried Berner, 17.05.2015

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Ob man davon ausgeht, dass Fähigkeiten und Talente fest vorgegeben sind, oder von ihrer Entwickelbarkeit überzeugt ist, hält Carol Dweck für einen Unterschied, der über unser ganzes Leben bestimmt. Pflichtlektüre nicht nur für Führungskräfte.

Selten habe ich ein Buch in der Hand gehabt, das so ausschließlich und konsequent auf eine einzige zentrale Botschaft fokussiert ist. Wie die Stanforder Psychologie-Professorin Carol Dweck ebenso enthusiastisch wie überzeugend darlegt und nicht müde wird, an unzähligen Beispielen zu untermauern, ist es ein fundamentaler Unterschied, ob unser Denken, Fühlen und Handeln von einem statischen oder einem dynamischen Menschenbild bestimmt ist: Wer seine Fähigkeiten und die anderer Menschen als fest vorgegeben und unveränderlich betrachtet, dem bleibt im Wesentlichen nur, herauszufinden, wo seine Talente und die anderer Menschen liegen und wo nicht, und sich damit abzufinden.

Wer ein statisches Menschenbild hat, neigt daher zu digitalen Urteilen ("guter Mann" vs. "Pfeife"), doch auch im Bezug auf die eigene Person bleibt ihm nur das Schwanken zwischen Bangen und Hoffen: Wenn er etwas gut hinbekommen hat, ist das ein beglückender Beweis dafür, dass er etwas Besonderes ist, vielleicht sogat ein "Naturtalent" oder ein "Überflieger". Falls er etwas nicht hinbekommen hat, ist das der deprimierende Beleg dafür, dass er auf diesem Gebiet – oder generell – unbegabt, unfähig, ein Versager ist. Und er kann nur hoffen, dass die Umgebung diesen Beweis für seine Imkompetenz nicht mitbekommen hat, und versuchen, seine Unzulänglichkeit vor ihr zu verbergen.

Wer dagegen von der Entwickelbarkeit seiner Talente und Fähigkeiten überzeugt ist, für den sind Erfolge ein Beleg dafür, dass er auf dem richtigen Weg ist und seine Anstrengungen sich gelohnt haben. Vor allem aber sind Misserfolge und Rückschläge für ihn keine persönliche Katastrophe, die sein mangelndes Talent beweist, sondern nur ein Zwischenstand in einem Lern- und Entwicklungsprozess, und zugleich ein wertvolles Feedback darüber, wo er steht und wo er sich noch verbessern kann oder muss. Solche Menschen sind sich bewusst, dass die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt haben, und sind davon überzeugt, dass sie mit Fleiß und Anstrengung vielleicht nicht alles, aber doch ziemlich viel erreichen können. Deshalb sind sie nicht so leicht zu entmutigen.

Menschen mit einem dynamischen Selbstbild lernen daher aus Rückschlägen, strengen sich dann umso mehr an und entwickeln sich weiter, während Menschen mit einem statischen Selbstbild dazu neigen, alles, was ihnen nicht ohne Anstrengung zufliegt, als aussichtslos fallenzulassen. Ein Indikator für ein statisches Menschenbild ist denn auch die Erwartung, dass sich auf den Gebieten, auf denen man wirklich begabt ist, Erfolge ohne jede Mühe einstellen müssen – und im Umkehrschluss die Tendenz, Gebiete, auf denen dies nicht der Fall ist, rasch aufzugeben. Die falsche Annahme, dass man für Aufgaben, die einem nicht zufliegen, einfach nicht genügend Naturbegabung besitzt, ist die fatalste Begleiterscheinung eines statischen Selbstbilds.

Noch fataler ist ein statisches Menschenbild bei Eltern, Lehrern, Trainern und Führungskräften. Auch sie glauben an fest vorgegebene Fähigkeiten und Begabungen, was sich etwa darin äußert, dass sie bei Erfolgen das Talent ihrer Schützlinge loben, nicht ihre Anstrengungen. Damit vermitteln sie ihnen das Gefühl, etwas Besonderes zu sein – und Anstrengung daher nicht nötig zu haben, jedenfalls nicht in gleichem Ausmaß wie ihre minder begabten Altersgenossen. Damit aber wird jede Prüfung oder Herausforderung zur stressreichen "Talentprobe" – mit dem hohen Risiko, sich zur allgemeinen Enttäuschung doch als unbegabt ("überschätzt") zu erweisen. Statt ihre Schützlinge bei Misserfolgen zu größeren Anstrengungen anzuspornen, flüchten sie entweder in Entschuldigungen ("unfaire Beurteilung") oder sind zutiefst enttäuscht über deren Versagen. Mit beidem machen sie alles noch schlimmer, weil sowohl das eine als auch das andere bei ihren ein statisches Selbstbild zementiert.

Nach spätestens 60 Seiten ist dem Leser klar, Was Dwecks zentrale Botschaft ist, wenn er die ersten beiden Kapitel "Alles Einstellungssache" (im Original weniger plakativ "The Mindsets" überschrieben) und "Unsere Einstellungen unter der Lupe" ("Inside the Mindsets") gelesen hat, allerspätestens aber nach 100 Seiten, wenn er auch das dritte Kapitel "Die Wahrheit über Talent und Leistung" ("The Truth about Ability and Accomplishment") hinter sich hat. Ist es trotzdem gerechtfertigt, denselben Gedanken mit unzähligen Beispieln und Anwendungsfällen weiter über netto 280 Seiten "auszuwalzen"? Ich meine ja, auch wenn die Meinungen dazu bei den Amazon-Leserrezensenten auseinander gehen.

Wenn es nur um die zentrale Erkenntnis ginge, hätte wohl in der Tat ein Artikel gereicht, sie auf den Punkt zu bringen. Aber statische Menschenbilder sind tückisch: Sie verstecken sich auch an Stellen, wo man sie nicht unbedingt vermutet hätte, und üben dort ihre unheilvolle Wirkung aus. Wem ist beispielsweise bewusst, dass der "Kampf um die Talente" ("War for Talents"), der die westliche Wirtschaft seit ein paar Jahren umtreibt, nichts als der Ausfluss eines statischen Menschenbilds ist?

Die unausgesprochene Prämisse hinter diesem martialischen Alarmruf ist ja, dass es in einer insgesamt rückläufigen Erwerbsbevölkerung nur eine begrenzte Zahl von wirklichen "Talenten" gebe, von denen man sich als Unternehmen unbedingt so viele wie möglich krallen müsse, widrigenfalls es düster um die eigene Zukunft bestellt wäre. Das ist Statik par excellence. Und möglicherweise völlig falscher Alarm. Wer von einem dynamischen Menschenbild ausgeht, müsste sich um die angeblich so knappen Talente keinerlei Sorge machen, sondern nur weiter konsequent auf Lernen, Anstrengung und Weiterentwicklung setzen – und vor allem bei seinen Führungskräften auf ein dynamisches Weltbild Wert legen.

Die statische Betrachtung führt demgegenüber auf ein völlig anderes Gleis: Sie verleitet dazu, mit Personalmarketing und möglichst attraktiven Angeboten nach den Top-Talenten zu jagen, sie auf Händen zu tragen – und sich damit möglicherweise die größten "Statiker" an Land zu ziehen, nämlich Nachwuchskräfte, die selbst sehr von ihren Talenten und Fähigkeiten überzeugt sind, aber bei neuen Herausforderungen auf Genialität statt auf Anstrengung setzen und an Rückschlägen rasch verzweifeln, statt sich doppelt ins Zeug zu legen. Wenn sie dann noch auf ein statisches Menschenbild bei ihren Vorgesetzten treffen, macht sich nach ein paar Flops Enttäuschung breit über die "Hiring Mistakes", deren Talent man leider maßlos "überschätzt" hat.

Insofern bin ich Dweck dankbar für ihr "Auswalzen" und die zahllosen Beispiele, zumal sie sich leicht lesen bzw. überfliegen lassen, selbst wenn man mal nicht mehr voll konzentriert ist. In drei Kapiteln erläutert und illustriert sie statische und dynamische Menschenbilder im Sport ("Die Einstellungen der Sieger"), Unternehmen ("Selbstbild und Führung") und Partnerschaft ("Selbstbild und Liebe"). Zumindest das berufsbezogene Kapitel sollte man unbedingt lesen, weil es klar macht, wie verheerend sich ein statisches Weltbild gerade im Top Management auswirkt. Aber auch das über Partnerschaft kann einem die Augen öffnen, indem es zeigt, wie zerstörerisch eine statische Sichtweise für Beziehungen und ihre Prognose ist.

Den Abschluss bilden zwei umsetzungsorientierte Kapitel, nämlich "Selbstbilder sind erlernbar" und "Ändern Sie Ihr Selbstbild: Ein Workshop" (wobei auch hier die Original-Überschriften besser sagen, worum es geht: "Parents, Teachers, and Coaches: Where Do Mindsets Come from?" und "Changing Mindsets"). Sicher hilft es beim Lesen, die hohe Redundanz zu akzeptieren, statt sich über sie zu ärgern. Wenn man es tut, entdeckt man doch noch die eine oder andere neue Facette und vor allem das eine oder andere Relikt statischen Denkens im eigenen Kopf. So gerüstet, kann man sich an die praktische Anwendung auf das eigene Leben und die eigene Arbeit machen. Eines hingegen kann man danach nicht mehr tun, nämlich, unbefangen zu einem statischen Selbst- und Menschenbild zurückkehren: 280 Seiten Dweck hinterlassen – hoffentlich – eine dauerhafte Wirkung.

Fazit: Pflichtlektüre für Führungskräfte, Eltern und alle, die eine (Mit-)Verantwortung für die Entwicklung anderer Menschen haben. Zugleich auch ein dringende Empfehlung für alle, die sich selbst im Verdacht eines statischen Selbstbilds haben: Für sie kann das Buch, gleich in welchem Alter, der erste Schritt zu einem besseren Leben sein. In der Tat ein großes Versprechen – aber genau so ist es gemeint.

Schlagworte:
Statisches Selbstbild, Dynamisches Selbstbild, Menschenbild, Weiterentwicklung, Fähigkeiten, Talente, Begabungen, War for Talents

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