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Ein neuer Wissenschaftszweig von der Selbsttäuschung

Trivers, Robert (2011):

The Folly of Fools

The Logic of Deceit and Self-Deception in Human Life

Basic Books (New York); 397 Seiten; 19,39 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 7

Rezensent: Winfried Berner, 28.08.2017

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Wir machen uns selbst etwas vor, weil es uns auf diese Weise leichter fällt, anderen etwas vorzumachen – das ist die zentrale These des renommierten Soziobiologen Robert Trivers, die er in diesem Buch mit unzähligen Beispielen untermauert.

Aus evolutionsbiologischer Sicht kann die Täuschung von anderen sinnvoll sein, weil sie in unterschiedlichster Weise zum eigenen Vorteil bzw. zum Vorteil der eigenen Gene ist. So kann es für Jäger clever sein, ihre Beute zu täuschen, und umgekehrt ist es für die potenzielle Beute nützlich, den Jäger zu täuschen. Aber auch innerhalb derselben Art kann Täuschung Vorteile etwa im Rivalenkampf oder bei der Partnersuche bringen.

Selbsttäuschung hingegen scheint auf den ersten Blick keinerlei adaptiven Sinn zu ergeben: Wieso hätte uns die Natur mit einem hochdifferenzierten, optimal angepassten Wahrnehmungsapparat ausstatten sollen, wenn wir dann nichts Besseres zu tun haben als dessen Erkenntnisse in teilweise geradezu grotesker Weise zu verbiegen?

Renommierter Forscher

Diesem Paradox geht Robert Trivers in diesem umfangreichen Buch nach. Trivers, Professor für Anthropologie und Biologische Wissenschaften an der Rutgers University in New Brunswick, ist einer der großen Namen in der Verhaltensökologie.

Auf ihn geht zum Beispiel das Konzept des "reziproken Altruismus" zurück. Es gibt eine scharfsinnige Antwort auf das Rätsel des Altruismus', der aus biologischer Sicht – außer bei engen Verwandten – unsinnig erscheint, weil er den eigenen Genen keine Vorteile, unter Umständen sogar Nachteile bringt. Bringt er doch, befand Trivers, jedenfalls dann, wenn man sich zum Beispiel unter Nachbarn oder Freunden in Notlagen gegenseitig (reziprok) hilft: Das kostet einen nicht sehr viel, bringt dem anderen aber einen erheblichen Nutzen – und umgekehrt.

Auch zum (biologischen) Eltern-Kind-Konflikt sowie zur sexuellen Selektion hat Trivers maßgebliche Beiträge geleistet, und er gilt als ausgesprochen unkonventioneller und origineller Denker. Auch "The Folly of Fools" wird von Autoritäten wie Richard Dawkins, Steve Pinker, Richard Wrangham und anderen als ausgesprochen originell, provokativ und fruchtbar für die weitere Forschung gefeiert. Daher waren meine Erwartungen hoch.

Schwer verdauliche Aufbereitung

Leider macht es Trivers seinen Lesern nicht unbedingt leicht, Nutzen aus seinem Buch zu ziehen. Zwar schreibt er klar und schnörkellos und kommt weitgehend ohne Fachjargon aus, und er verblüfft den Leser immer wieder mit entwaffnend offenen Berichten darüber, wie er übers Ohr gehaut wurde oder sich selbst hinters Licht geführt hat.

Doch tut er zu wenig dafür, dem Leser die ungewöhnliche Struktur seines Buchs zu erklären und ihm den Überblick zu erleichtern, um welches übergeordnete Thema es gerade geht und was die wesentlichen Beiträge der jeweiligen Darlegungen zum übergeordneten Gesamtbild sind. So verliert man sich, wenn man sich nicht aktiv um ein analytisches Lesen bemüht, in der Fülle der Einzelheiten, Beispiele und Anekdoten schnell den roten Faden – wovon auch zahlreiche frustrierte Amazon-Leserrezensionen zeugen.

Im Grunde beginnt das schon damit, dass nicht so recht klar ist – geschweige denn, erklärt wird –, um was für eine Art von Buch es sich bei "The Folly of Fools" eigentlich handelt. Eine wissenschaftliche Monographie ist es offenkundig nicht; dafür fehlt der dort übliche Quellen- und Referenzapparat. (Oder genauer: Er fehlt nicht wirklich, sondern verbirgt sich in den umfangreichen "Notes" am Ende des Buchs. Dort sind, soweit relevant, für jede Seite die Quellen und Referenzen vermerkt – dennoch zumindest unüblich.) Ein populäres Sachbuch ist es aber auch nicht; dafür nimmt Trivers seine Leser zu wenig an der Hand und tut kaum etwas, um sie durch sein Metier zu geleiten.

Trivers' Intention war wohl vor allem, einen Entwurf für eine Theorie der Selbttäuschung zu vorzulegen, ohne sich dabei lange mit dem akribischen Referieren des derzeitigen Forschungsstands aufzuhalten: "In short, this book will attempt to describe a science of self-deception that is actually built on preexisting science – in this case, biology. The book will showcase what seems to be some of the most improtant features of the subject." (S. 4)

Trotzdem ist das Buch besser als manche seiner Kritiker meinen, und es lohnt sich unbedingt zu lesen, wenn man sich für den evolutionsbiologischen Sinn von Täuschung und Selbsttäuschung interessiert. Es erschließt sich nur nicht ganz einfach. Einen wirklichen Erkenntnisgewinn wird daraus wohl nur ziehen, wer sich die Mühe macht, seine Logik und Struktur nachzuvollziehen, und die Zusammenhänge und Schlussfolgerungen, die der Meister teilweise nur andeutet, selbst abzuleiten und zu Ende zu bringen. Anderenfalls bleibt die Lektüre verwirrend.

Die Struktur des Buchs entschlüsseln

Dabei ist die Struktur eigentlich ganz einfach: Im ersten Kapitel "The Evolutionary Logic of Self-Deception" gibt Trivers eine Vorschau auf den Inhalt des Buchs und stellt seine zentrale These vor: "The general argument is that we deceive ourselves the better to deceive others." (S. 3)

Sämtliche nachfolgenden Kapitel mit Ausnahme des Schlusskapitels "Fighting Self-Deception in Our Own Lives" sind Beispiele für Täuschung und Selbsttäuschung aus den unterschiedlichsten Anwendungsfeldern, beginnend mit "Deception in Nature" und den neurologischen Grundlagen der Selbsttäuschung über Interessenkonflikte, Täuschung und Selbsttäuschung in Partnerschaften und Eltern-Kind-Beziehungen bis zu Gesellschaft, Politik und Krieg.

Der Schlüssel zur effektiven Nutzung des Buchs ist, sich klar zu machen, dass das erste Kapitel bereits die zentralen Thesen des Buchs enthält und die übrigen Kapitel, mit Ausnahme des Schlusskapitels, nur Beispiele, Illustrationen und Untermauerungen dieser zentralen Thesen sind. Wer daher mit der Erwartung an das Buch herangeht, dass es seine Erkenntnisse schrittweise von Kapitel zu Kapitel aufbaut, wird früher oder später ungeduldig werden, weil es nicht weiterzugehen scheint. Aber das ist eine zwar naheliegende, aber dennoch eine falsche Erwartung – man muss aber kritisieren, dass der Autor sie nicht deutlich genug ausräumt.

Dank dieser Struktur kann man das Buch sehr gut selektiv lesen und nach dem einführenden ersten Kapitel – das man sehr genau durcharbeiten sollte – jene Teile herausgreifen, die einen besonders interessieren. Ich würde nach meinen zunächst ebenfalls etwas verwirrten Erfahrungen sogar dazu raten, tatsächlich zuerst das erste Kapitel sowie das Schlusskapitel zu lesen und auch nach den einzelnen Kapiteln öfters mal auf das erste zurückzublättern. Man muss sich die zentralen Thesen des Buchs eingeprägt haben, damit man sie später in den unterschiedlichsten Beispielen wiedererkennt.

Selbsttäuschung im Dienste der Täuschung anderer

Dass Selbsttäuschung so verbreitet ist, ist aus evolutionsbiologischer Perspektive ebenso irritierend wie die Verbreitung von Altruismus oder von Homosexualität: All das scheint aus biologischer Perspektive eigentlich keinen Sinn zu ergeben, weil es für die Verbreitung der eigenen Gene eher von Nachteil zu sein scheint. "Lying to ourselves has costs. We are basing conscious activity on falsehoods, and in many situations, this can turn around and bite us, as we shall see many, many times in this book." (S. 4) Sich selbst zu überschätzen, kann einem im schlimmsten Fall das Leben kosten (und etlichen anderen dazu).

Trivers' erstes Verdienst ist es, diese Irritation als Herausforderung für die biologische Wissenschaft angenommen zu haben, statt sie zu ignorieren oder als Betriebsunfall der Evolution wegzuerklären. Wieso hält sich Selbsttäuschung trotz all ihrer offensichtlichen Nachteile so hartnäckig und ist nicht durch Mutation und Selektion längst durch eine präzisere Selbst- und Realitätseinschätzung ersetzt worden?

Seine These lautet: "Self-deception evolves in the service of deception – the better to fool others" (S. 4). "The hypothesis of this book is that this entire counterintuitive arrangement exists for the benefit of manipulating others. We hide reality from our conscious mind the better to hide it from onlookers." (S. 9) Das mag auf den ersten Blick weit hergeholt erscheinen, doch auf den zweiten Blick wird nachvollziehbar, dass es vermutlich leichter ist, zum Beispiel einen Rivalen von seiner angeblichen Stärke zu überzeugen, wennn man selbst an sie glaubt, als wenn man an ihr zweifelt und inständig hofft, dass der andere es nicht darauf ankommen lässt.

Die Vorteile der Selbsttäuschung

Trivers nennt drei Gründe, weshalb Selbsttäuschung vorteilhafter sein kann als Theaterspiel oder bewusstes Lügen: Wer sich selbst täuscht, hat weniger Grund zur Nervosität (durch die er sich verraten könnte), er muss sich nicht bewusst um Selbstkontrolle bemühen, und vor allem ist die kognitive Belastung (cognitive load) weitaus geringer, weil Selbsttäuschung "cognitively less expensive" (S. 4) ist als die mentale Administration eines Lügengebäudes, das man parallel zu seiner wirklichen Überzeugung aufrechterhalten muss.

Auf diese Weise hilft Selbsttäuschung dabei, engagierter, konsistenter, glaubwürdiger und damit überzeugender zu lügen – oder genauer, sich selber etwas vorzumachen, hilft, anderen etwas vorzumachen. Einen anderen Ausweg gibt es nicht: "The point about cognitive load (and pitch of voice) is that there is no escape. If suppressing your nervousness increases pitch of voice, that trying to suppress that effect may only increase pitch further. If it is cognitively expensive to lie, there is no obvious way to reduce the expense other than to increase unconscious control." (S. 12, Hervorhebung von mir)

Trotzdem stellt sich natürlich die Frage, ob bzw. wann, unter welchen Umständen der zu erwartende Nutzen der Täuschung den Preis der Selbsttäuschung wert ist. Die folgenden Kapitel bringen viele zum Teil erschreckende Beispiele dafür, dass diese Kosten nicht zu vernachlässigen sind: "The general cost of self-deception is the misapprehension of reality, especially social, and an inefficient, fragmented mental system." (S. 28) Und dennoch hat sich diese Tendenz im Laufe der Evolution herausgebildet. Das steht nicht im Widerspruch zu ihrem Preis, es legt nur die Vermutung nahe, dass ihr Nutzen unter dem Strich noch größer ist.

Selbsttäuschung nach Kräften bekämpfen

Und dennoch möchte sich Trivers diese Tendenz keineswegs zueigen machen, wie schon die Überschrift seines engagierten Schlusskapitels zeigt: "Fighting Self-Deception in Our Own Lives". Das Argument, sie sei doch von der Evolution herausgebildet und begünstigt, beantwortet er ebenso klar wie emotional: "My own answer is simple and personal: I could not care less." (S. 323) Und erweitert das um den Hinweis: "As one evolutionist told me, his genes could not care less about him, and he feels the same way toward them." (a.a.O.)

Schon diese wenigen Sätze machen deutlich, dass gerade die klügsten und besten Soziobiologen weder sich selbst noch ihre Mitmenschen als willige Vollstrecker ihrer genetischen Mitgift betrachten. Vielmehr streben sie danach, diese Mitgift so gut wie möglich zu verstehen – und dann ihre eigene Entscheidung zu treffen: "It is worth noting that we have also been selected to rape on occasion, to wage aggressive war when it suits us, and to abuse our own children if this brings us some compensating return benefit, yet I embrace none of these actions, regardless of whether they have been favored in the past." (a.a.O.)

Sowohl ethische Gründe als auch das eigene Selbstverständnis können uns dazu veranlassen, uns gegen manche unserer angeborenen Wahrnehmungs- und Verhaltenstendenzen zu stellen. Allerdings lassen sich die nicht abbestellen wie ein unerwünschter Newsletter: Es gibt kein Kästchen, das man abwählen kann, und keine Liste, aus der man sich austragen kann, wenn einem solche ererbten Muster nicht (mehr) gefallen.

Diese Muster wirken trotzdem fort, und um sie wirksam bekämpfen zu können, nutzt es nichts, ihre Existenz zu bestreiten, wie es manche Gegner der Soziobiologie tun. Gerade die Weigerung, derartige Tendenzen zur Kenntnis zu nehmen, macht einen zu ihrem prädestinierten Opfer. Deshalb muss man sie als Erstes erkennen und verstehen, und man muss seinen persönlichen Mustern auf die Schliche kommen, um gegen sie angehen zu können: "It is possible consciously to correct for a bias in yourself that you have noticed." (S. 326)

Das ist ein mühsamer Bewusstwerdungsprozess. Er macht es erforderlich, seine Verhaltensmuster und Gewohnheiten zu erkennen, sie sich bewusst zu machen und sie schließlich zu ändern – eine erstaunliche Parallele, die sich hier zwischen moderner Evolutionsbiologie auf der einen Seite und manchen philosophischen und tiefenpsychologischen Schulen, insbesondere der Individualpsychologie, auf der anderen ergibt.

Bewusstsein ist die notwendige Voraussetzung für eine Veränderung – doch leider keine hinreichende. Deshalb ist es zwar zwingend erforderlich, sich seine Wahrnehmungs- und Verhaltenstendenzen bewusst zu machen, wenn man ihnen nicht ausgeliedert sein will, doch wäre es eine vergebliche Hoffnung, dass sie sich damit automatisch ändern würden. Zusätzlich ist vielmehr die Entscheidung erforderlich, sie zu ändern, und vor allem deren konsequente Umsetzung.

Schlagworte:
Täuschung, Selbsttäuschung, Selbstbetrug, Taktik, Lügen

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