Die Umsetzungsberatung

Rezensionen






Winfried Berner:
Culture Change

Unternehmenskultur als Wettbewerbsvorteil

Culture Change: Unternehmenskultur als Wettbewerbsvorteil

Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
 

Winfried Berner:
"CHANGE!" (Erweit. Neuauflage)

20 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung

Change! - 20 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung

Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
 

Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"

Bleiben oder Gehen

Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
 

Anzeige

Perspektiven jenseits des Zeitalters der Verschwendung

Greer, John Michael (2011):

The Wealth of Nature

Economics as if Survival Mattered

New Society Publishers (Gabriola Island); 263 Seiten; 16,49 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 26.02.2018

Jetzt bei Amazon.de bestellen

Wenn ein Nichtökonom ein Buch über Ökonomie verfasst, ist das bemerkenswert. Doch noch bemerkenswerter ist, wenn man aus diesem Buch tiefere Einsichten über ökonomische Zusammenhänge gewinnt als aus den meisten ökonomischen Lehr- und Fachbüchern.

Ich schätze den amerikanischen Ökologen und Blogger John Michael Greer als einen sehr scharfsinnigen Denker, der tiefer unter die Oberfläche konventioneller Weisheiten dringt als viele, die den Anspruch "Beyond the Obvious" vor sich hertragen. "The Wealth of Nature" enttäuscht diese Erwartungen nicht, im Gegenteil, es übertrifft sie deutlich und ist bislang das beste Buch, das ich von Greer gelesen habe.

Der Titel ist eine doppelte Anspielung auf "The Wealth of Nations" von Adam Smith, eines der Gründungsdokumente der modernen Ökonomie, und auf E(rnst) F(riedrich) Schumachers "Small Is Beautiful", dessen Untertitel lautete "Economics as if People Mattered". Beide Autoren spielen auch eine zentrale Rolle für Greers "Wealth of Nature": "The Wealth of Nations" in kritischer Würdigung, "Small Is Beautiful" als Quelle zentraler Gedanken.

Fundamentale Kritik der neoklassischen Ökonomie

Als Nichtökonom strebt Greer erkennbar nicht nach dem höflichen Applaus der Zunft, sondern geht mit der konventionellen Ökonomie von Anfang an hart ins Gericht: "Economics as a science and profession has not been accompanied by any noticeable improvement in the ability of societies and nations to manage their economic affairs." Und: "Whatever the talents of today's economic profession happen to be, making meaningful predictions about economic policy is not one of them." (S. 2)

Um eine neue Ordnung in das ökonomische Denken zu bringen, greift Greer eine Unterscheidung von E. F. Schumacher auf, nämlich die von primären und sekundären Gütern. Sekundär in diesem Sinne sind alle Produkte und Dienstleistungen, die von Menschen geschaffen und gehandelt werden; primär sind all die Dinge, die Voraussetzung für menschliches Wirtschaften sind, aber nicht von Menschen geschaffen wurden, sondern von der Natur bereitgestellt werden. Von diesen primären Gütern, insistiert Greer mit Schumacher, muss jegliche ökonomische Analyse ausgehen, weil ihre Verfügbarkeit Vorbedingung für die Produktion sekundärer Güter ist.

Unter den primären Gütern spielt die Energie eine besondere und zentrale Rolle, weil erst sie den Zugang zu bzw. die Nutzung von allen anderen Ressourcen ermöglicht. Deshalb hält Greer es für einen entscheidenden Fehler, Energie als eine Commodity unter anderen zu betrachten. Im Gegensatz zu anderen Gütern ist sie nicht substitutierbar: Wenn es an ihr fehlt, bleibt der Zugang zu anderen Primärgütern ebenso verschlossen wie die Möglichkeit zur Herstellung von Sekundärgütern.

Das Versagen der Ökonomie und seine Gründe

"The Failure of Economics" ist das erste Kapitel überschrieben, in dem Greer eine verheerende Bilanz der Mainstream-Ökonomie zieht: "Economists play a leading role among those who insist that industrial economies need not trouble themselves about the impact of limitless economic growth on the biosphere and the resource base that supports all our lives. If they turn out to be as wrong about that as so many economists were about the housing bubble, they will have made a fateful leap from risking billions of dollars to risking billions of lives." (S. 15)

Einen der Gründe für die vielen Fehleinschätzungen der Ökonomie sieht er darin, dass für professionelle Ökonomen "being wrong is usually more lucrative than being right" (S. 16). Das mag man im ersten Moment für ein Argument in der Nähe der Gürtellinie halten, aber es ist in der Tat kaum zu bestreiten, dass man mehr Vortragseinladungen, höhere Honorare und eine bessere Presse bekommt, wenn man diejenigen, die über die Budgets verfügen, darin bestätigt, dass sie auf dem goldrichtigen Weg sind und dass für noch mehr Wachstum nur "überflüssige" Regulierungen abgebaut werden müssten, als wenn man ihre Wirtschaftsweise grundlegend in Frage stellt: "Posterity pays noboby's salaries today." (S. 16)

Ein weiterer Grund für das Versagen der Ökonomie ist laut Greer: "Economics suffers from a bad case of premature mathematization." (S. 16) Bei ihrer Imitation der Naturwissenschaften übersähe die Zunft entscheidende Unterschiede: Naturforscher hatten über Jahrhunderte, wenn nicht über Jahrtausende Beobachtungen und Daten gesammelt, bevor sie begannen, formale Modelle zu entwerfen. Und ihr Anspruch an diese Modelle war, diese Beobachtungen und Daten widerspruchsfrei zu erklären.

Die Ökonomen hingegen versuchten eine mathematische Modellierung ohne hinreichende Datengrundlage, und sie erklärten überdies alle Fakten, die nicht zu ihren Modellen passten, zu "Anomalien" oder zu "irrationalem Verhalten". Auf diese Weise immunisierten sie ihre Modelle gegen die Empirie, beraubten sie damit aber zugleich jedes explanatorischen und prognostischen Werts.

Ein dritter Grund liegt in einem dogmatischen, ja geradezu religiösen Glauben der Mainstream-Ökonomie an die Unfehlbarkeit freier Märkte. Ob und unter welchen Bedingungen freie Märkte tatsächlich zu den bestmöglichen Ergebnissen führen, wäre an sich ja eine empirisch überprüfbare Frage. Doch diese empirische Überprüfung findet nicht statt – oder wenn, dann nur in Form "unkontrollierter Großversuche" mit Staaten, vorzugsweise Entwicklungs- und Schwellenländern, die durch Beratung und Druck zur Öffnung ihrer Märkte genötigt werden. Auf eine systematische Evaluation der Erfolge wird konsequent verzichtet – sie würde auch zu katastrophalen Befunden führen.

Ein dogmatisches System, keine Wissenschaft

Der dogmatische Glaube an freie Märkte disqualifiziert die Ökonomie als Wissenschaft. Wer es bei einer empirisch überprüfbaren Frage vorzieht, zu glauben, statt zu forschen, meldet sich damit aus dem Feld der empirischen Wissenschaften ab.

Da ist es schon beinahe konsequent, dass die negativen Effekte freier Märkte, nämlich eine zunehmend ungleiche Vermögensverteilung und deren Ummünzung in politische Macht zur Mehrung dieser Vermögen, ebenfalls ausgeblendet werden. Auch dieser Zusammenhang wäre empirisch untersuchbar, aber so genau will man es offenbar nicht wissen. Stattdessen propagiert die neoklassische Ökonomie mit apodiktischer Inbrunst, dass das freie Spiel der Marktkräfte am Ende zum Besten des allgemeinen Wohls wäre: klassische Merkmale einer dogmatischen Ideologie.

Ein fragwürdiges Konzept ist auch das der Produktivität – in der heutigen Ökonomie so etwas wie der Heilige Gral. Sie wird in Output pro Beschäftigten bzw. Arbeitsstunde gemessen und übt damit einen starken Druck aus, menschliche Arbeit durch Maschinen und Automatisierung zu ersetzen.

Das ist so lange sinnvoll, wie menschliche Arbeit die knappste und teuerste Ressource ist; es wird zur destruktiven Fehlsteuerung, wenn andere Ressourcen wie zum Beispiel Energie der Engpass sind und menschliche Arbeitskraft reichlich verfügbar ist. Dann verschärft jede "Produktivitätssteigerung" gesellschaftliche Spannungen, weil kaum etwas anderes eine höhere soziale Sprengkraft hat als eine größere Zahl unbeschäftigter junger Männer. Statt die (Arbeits-)Produktivität also zum Maß aller Dinge zu machen, wäre es weitaus sinnvoller, die zentralen Steuergrößen auf die Bewältigung der vorherrschenden Engpässe auszurichten.

Primäre, sekundäre und tertiäre Ökonomie

Die verbleibenden Kapitel seines Buchs widmet Greer dem Versuch, den vorherrschenden ökonomischen "Aberglauben" durch eine tauglichere Beschreibung menschlichen Wirtschaftens zu ersetzen.

Dementsprechend beginnt er das zweite Kapitel "The Three Economies" damit, die Bedeutung der primären Güter im Sinne Schumachers zu würdigen: Obwohl sie von der konventionellen Ökonomie teils ignoriert, teils für irrelevant erklärt werden, sind sie es, durch die die gesamte menschliche Wertschöpfung überhaupt erst erst möglich wird. Ohne diese primären Güter wäre die menschliche Arbeit nutzlos: Ohne Wasser und fruchtbaren Boden kein Ackerbau, gleich wie fleißig der Bauer ist. "The wealth of nations ultimately is the wealth of Nature." (S. 62)

Dementsprechend unterscheidet er eine primäre, eine sekundäre und eine tertiäre Ökonomie, die aufeinander aufbauen, aber jeweils nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten funktionieren. In der primären Ökonomie gilt nicht das Gesetz von Angebot und Nachfrage, vielmehr stellt die Natur ihre Güter in ihrem eigenen Rhythmus zu Verfügung: Bäume wachsen nicht schneller, wenn von der sekundären Ökonomie mehr Holz nachgefragt wird, und bei verstärkter Nachfrage nach fossilen Brennstoffen kann man zwar die Fördermengen erhöhen, aber es entsteht kein zusätzliches Öl und Gas.

Dieser natürliche Wirtschaftskreislauf, an dem keine Menschen beteiligt sind, aber eine unglaubliche Zahl nicht-menschlicher Aktivitäten, kann nicht beschleunigt, sehr wohl aber durch zu große Entnahmen oder durch den Eintrag von Schadstoffen aus dem Tritt gebracht und im schlimmsten Fall dauerhaft geschädigt werden: Überfischung führt im schlimmsten Fall zu einem Zusammenbruch der Bestände, Überdüngung und Pestizideinsatz zum Absterben der Bodenorganismen und damit zur Unfruchtbarkeit der Böden.

"What must be understood here is that human economic activity is far less independent of the natural world than too many economists try to pretend. The scale of this dependence is as rarely recognized as it is hard to overstate." (S. 53f.) Die Abhängigkeit wird dadurch verstärkt, dass bei primären Gütern das Liebigsche (bzw. Sprengelsche) Minimumgesetz gilt: Das Wachstum ist begrenzt durch den knappsten benötigten Nährstoff: Wenn es an Phosphor mangelt, hilft es nicht, zusätzlichen Stickstoff zuzugeben.

Die sekundäre Ökonomie – zu der auch die sogenannte(n) Primärindustrie(n) wie Landwirtschaft und Bergbau zählen – ist die, mit der sich die klassische Ökonomie hauptsächlich beschäftigt; die tertiäre ist die Finanzwirtschaft. Letztere diente ursprünglich der Vereinfachung des Handels, später auch der Finanzierung der Sekundärwirtschaft, hat jedoch längst ein Eigenleben entwickelt, das sich von ihren ursprüglichen Funktionen völlig abgekoppelt hat – was man schon daran sieht, dass die Summe der gehandelten Finanzprodukte das Weltsozialprodukt um ein Vielfaches übersteigt.

In der Verwechslung von sekundären Gütern, die leicht und ohne zusätzliche Kosten substituierbar sind, mit den primären, bei denen das nicht funktioniert, sieht Greer eine Hauptursache unserer gegenwärtigen Malaise. In den letzten drei Jahrhunderten haben die Industriegesellschaften dieser Welt jedes primäre Gut, dessen sie habhaft werden könnten, massenhaft verbraucht und in immer rasanterem Tempo in sekundäre Güter transformiert, vom Ackerboden und die Fischbestände über Atemluft und Trinkwasser bis hin zu Mineralien und fossilen Energieträgern. Damit stoßen wir nun an Grenzen.

Besonderheiten der tertiären Ökonomie

Das Charakteristische von Finanz"produkten" ist, dass sie erstens weder von der Natur noch durch menschliche Arbeit erzeugt werden und zweitens keinen Wert außer ihrem Tauschwert besitzen: Ein "Wertpapier" oder einen Kredit herzustellen, kostet nicht viel Mühe, aber man kann damit auch nichts Sinnvolles anfangen außer es gegen etwas anderes einzutauschen.

Die ausschließlich um Geld kreisende tertiäre Ökonomie hat drei charakteristische Merkmale: "First, it tends to draw all economic activities into its own ambit by supplanting other forms of exchange with monetary exchange. That can (and very often is) for political control, but this is a side effect. The principal effect of this property of money ist to turn a society into an economic monoculture." (S. 65)

Zweitens macht es diese Geldfokussierung nicht leichter, sondern schwieriger, den Wert vieler Güter zu erkennen – das beste Beispiel sind die primären Güter. Genau genommen ist es absurd, dass sich der Wert begrenzter Ressourcen wie Öl, Gas und Mineralien nach ihren Förderkosten bestimmt – als ob der Wert, den sie für künftige Generationen haben könnten, nicht existent wäre.

Der Wert eines Biotops, einer Landschaft oder einer bedrohten Art bemisst sich nach dieser kruden Logik daran, wieviel Geld Menschen zu ihrem Schutz (bzw. ihrem Freikauf) aufzubringen bereit sind. Aber auch der Wert von Hausarbeit, Erziehung und gesellschaftlichem Engagement spiegelt sich in keiner Kennzahl wider und fließt nicht in die volkswirtliche Gesamtrechnung ein – entsprechend reduziert sich ihre Wertschätzung auf joviales Schulterklopfen.

Drittens ist Geld auf diese Weise zu einem Gut eigener Art geworden – und letztlich zum Maß aller Dinge:

"What makes this problematic is that the rules governing money are not the same as those governing other goods and services. Unlike goods and services that have their own concrete value, money is only worth what it can buy; unlike goods and services that must be produced by labor from resources, money can be conjured from thin air by dozens of different kinds of financial alchemy, or by the momentary whim of a government. Nor does the amount of money in circulation have to have anything at all to do with the amount of other goods and services available. All these differences mean that the economy of money can very easily slip out of balance with the economy of nonfinancial goods and services." (S. 67)

Die Folge: "Money obscures crucial trends in the primary and secondary economies behind a fog of paper wealth." (S. 68)

Greer fasst das Verhältnis der drei Ökonomien so zusammen: "The primary economy is fundamental to survival; the secondary economy is the source of all real wealth that doesn't directly come from Nature; the tertiary economy is simply a way of measuring wealth and managing its distribution; and treating these different things as though they are one and the same makes rank economic folly almost impossible to avoid." (S. 68)

Die Anti-Ökologie des Geldes

In einem spannenden Unterkapitel "The Anti-Ecology of Money" erläutert Greer, wie anders als die Realwirtschaft die "Irrealwirtschaft" des Geldes funktioniert und welche Gefahren daraus entstehen. Während die Welt der realen Güter durch sich selbst regulierende negative Feedbackschleifen bestimmt ist, weil deren Angebot begrenzt ist, sind die Finanzmärkte von positiven Feedbackschleifen gekennzeichnet, weil das Angebot an Wertpapieren beliebig vermehrbar und nur durch die Nachfrage begrenzt ist. Wenn die Preise für reale Güter steigen, sinkt üblicherweise die Nachfrage, bei Finanzprodukten hingegen steigt die Nachfrage mit den Preisen, weil die Käufer diese Produkte ja nicht verbrauchen wollen, sondern sich weitere Wertsteigerungen erhoffen.

Das klingt sehr technisch und wenig spektakulär, hat aber dramatische Konsequenzen. Denn positive Feedbackschleifen sorgen für Aufschaukelungen, die früher oder später mit spektakulären Katastrophen enden – wie etwa bei einer Mäusepopulation, die sich bei überreichlichem Futter zunächst exponentiell vermehrt und dann, wenn das Futter aufgebraucht ist, schlagartig zusammenbricht. In ähnlicher Weise platzen Blasen in Finanzmärkten, wenn alle, die kaufen wollten, voll investiert sind, und es keine zusätzlichen Käufer mehr gibt. Nachdem Gier und "irrational exuberance" (Shiller) die Preise zunächst in die Höhe schnellen ließen, kippt der Markt, wenn alle "Bullen" gefüttert sind.

Diese Aufschaukelungen schlagen auch auf die sekundäre Ökonomie durch: Normalerweise würden dort die Preise durch Angebot und Nachfrage geregelt, doch wenn Güter der realen Welt wie zum Beispiel Immobilien oder Rohstoffe als "Geldanlage" genutzt werden, wird dieser Preismechanismus ausgehebelt, und sie werden in die Spekulationsblasen der tertiären Ökonomie hineingezogen.

Den eigentlichen Treiber dieser Blasen sieht Greer nicht in Aktien, Anleihen und Derivaten, sondern in der Industrialisierung selbst: "the entire project of increasing the production of goods and services to historically unprecedented levels by ampifying human labor with energy drawn form the natural environment" (S. 73). Dieses Projekt hatte seine Wurzeln in der sekundären Ökonomie, wurde aber schnell zu einem Vehikel der tertiären: Leute investierten ihr Geld in Industrieprojekte, um dafür mehr Geld zurückzubekommen. Das Problem damit ist nur, dass es auf der unbegrenzten Verfügbarkeit hochdichter fossiler Energie angewiesen ist – und voraussichtlich mit ihr enden wird.

Gefährliche Blindheit

Eine fatale Nebenwirkung dieser Strukturen ist, dass die tertiäre Ökonomie immer mehr Mittel absorbiert, weil sie bessere Renditen verspricht als die sekundäre. Infolgedessen fehlt dort das Geld für dringend notwendige Modernisierungsinvestitionen. Auf diese Weise verfällt die industrielle Infrastruktur, während zugleich immer mehr Kapital dafür eingesetzt wird, ohne reale Wertschöpfung zusätzliches Geld zu erzeugen. (Und ein immer höherer Anteil unserer gescheitesten Köpfe ihre Fähigkeiten in der tertiären Ökonomie verplempert, um an der wunderbaren Geldvermehrung teilzuhaben.)

Die heutige Ökonomie befasst sich intensiv damit, die sekundäre und die tertiäre Ökonomie einigermaßen in Balance zu halten – was nach Greers Auffassung auch gerechtfertigt ist, weil es, wie in der jüngsten Weltfinanzkrise, zu erheblichen Verwerfungen führen kann, wenn sie aus dem Takt geraten. Doch sie interessiert sich überhaupt nicht für das Zusammenspiel dieser beiden mit der primären Ökonomie, sondern unterstellt stillschweigend, dass sie auf ewig genügend Rohstoffe und Müll"entsorgungs"kapazitäten zu Verfügung stellen wird.

Wenn sich deren Grenzen bemerkbar machen, wird das die konventionellen Ökonomen daher völlig unvorbereitet treffen, und sie werden sich vermutlich erst einmal an das bekannte Rezept "Mehr von demselben" halten und die Probleme mit zusätzlichen Finanzmitteln zu kurieren versuchen. ("Quantitative Easing" darf man hier wohl als Vorgeschmack verstehen.)

Greer hält es für wahrscheinlich, dass dies eher früher als später mit einem völligen Zusammenbruch unserer Art des Wirtschaftens enden wird, ähnlich wie es den Mayas und dem Römischen Reich widerfahren ist. Die daran anschließende Rückkehr zum Feudalismus war in seinen Augen kein Rückschritt, sondern die zwingende Konsequenz einer weitgehenden Ausmerzung der tertiären Ökonomie durch eine Wirtschaftsweise, die auf dem Tausch von Arbeitskraft gegen Landnutzung basiert.

Die Metaphysik des Gelds

Da Geld in unserem Wirtschaftssystem eine so zentrale Rolle spielt, wendet sich Greer im dritten Kapitel der Metaphysik des Geldes zu – wobei er mit Metaphysik nichts Abgedrehtes meint, sondern "the stuff that comes after the Physics" (S. 85), genauer "the toughtful consideration of the basic categories of thought itself" (S. 87). Darin kritisiert der, was er "Descartes' fallacy" nennt (S. 88): die Tendenz, das Beobachtbare – und damit letztlich das Messbare – für das Einzige, was zählt, zu halten.

"Down through the generation, against the sound advice of its best practioners, economists have consistently treated the one thing in their field that can easily and consistently be measured with numbers – money – as though it was the one thing that atters." (S. 89) Dabei hat schon Adam Smith die verbreitete Neigung kritisiert, Geld mit Wohlstand zu verwechseln: "Money is not wealth but the yardstick by which modern cultures measure wealth." (S. 90)

Geld hat sich von einem simplen Tauschmittel, das den Warenaustausch vereinfachen sollte, zum Dreh- und Angelpunkt der Ökonomie und letztlich unserer Gesellschaft verwandelt. Wie konnte es dazu kommen? Greer sieht drei Gründe: Erstens machte seine vielfältige Eintauschbarkeit den Besitz von Geld attraktiv, sprich, die Möglichkeit, dafür alles Mögliche erwerben. Zweitens gab Geld denen, die es kontrollierten, Macht.

Drittens gewann Geld mit der Industrialisierung und der in ihrer Folge wachsenden Arbeitsteilung an Bedeutung, weil eine arbeitsteilige Wirtschaft in weitaus größerem Umfang auf Handel angewiesen ist als eine, in der 90 Prozent der Bevölkerung, wie über die Jahrtausende davor, in der Landwirtschaft tätig sind. Somit hat die Verfügbarkeit billiger fossiler Energie indirekt auch zum Aufstieg des Gelds beigetragen – was zugleich auch bedeuten könnte, dass sich dessen Rolle dramatisch ändert, wenn die Zeit der billigen Energie endet.

Auf dünnem Eis

Auf diesem Weg könnten wir bereits weiter fortgeschritten sein als uns bewusst ist, denn die extreme Verschuldung vieler Industriestaaten und Privathaushalte und die unglaubliche Aufblähung der Finanzwirtschaft könnten bewirken, dass uns der Unterschied zwischen Geld und Wohlstand in nicht allzu ferner Zeit dramatischer und schmerzhafter bewusst wird als wir heute ahnen.

Wie sehr die auf reiner Abstraktion beruhende tertiäre Ökonomie auf unser aller Leben hat, macht Greer deutlich: "A stock market crash, it bears remembering, does not cause crop failures, labor shortages or the destruction of industrial machinery. Its impact is purely on the tertiary economy of abstraction built atop the real primary and secondary wealth of land, labor and industrial plants. Yet that impact can be devastating." (S. 102f.)

In der Weltwirtschaftskrise der dreißiger Jahre brach die produzierende Wirtschaft völlig zusammen, obwohl es weder an Land noch an Arbeitskräften noch an Maschinen fehlte, und erst recht nicht an Menschen, die liebend gerne Arbeit gehabt hätten, um sich das Nötigste zum Leben kaufen zu können. Das einzige, was nicht mehr funktionierte, waren die Finanzmärkte, aber dies genüge, um die Gesamtwirtschaft zum Stillstand zu bringen.

Insofern ist längst eine totale Abhängigkeit der sekundären von der tertiären Ökonomie entstanden, die umso gefährlicher wird, je weiter sich die Irrealwirtschaft von den ihr zugrunde liegenden Realitäten entfernt. Geld ist wertlos, wenn es nicht in reales Vermögen getauscht werden kann. In einer gesunden Wirtschaft halten sich die Geldmenge und die realen Güter halbwegs die Waage, doch davon haben wir uns längst abgekoppelt: "An economy of hallucinated wealth depends utterly on the willingness of all participants to pretend that the hallucinations have real value." (S. 105)

Letztlich hält Greer das Industriezeitalter für "the ultimate speculative bubble, a three-century-long binge driven by the fantasy of infinite economic growth on a finite planet with even more finite supplies of cheap abundant energy." (S. 105) Er erwartet daher, dass wir auf eine Periode anhaltender ökonomischer Kontraktion zugehen, in der Geld nicht mehr länger mit dem Umrühren von Geld verdient werden kann und das Kartenhaus nicht rückzahlbarer Schulden einstürzt.

Das Ende hochkonzentrierter Energie

Eine Schlüsselrolle für die Zukunft unserer Gesellschaft(en) wird Energie spielen, der Greer das vierte Kapitel widmet. Energie, die vermeintliche Commodity, gehorcht ihren eigenen Gesetzen, nämlich denen der Thermodynamik. Sie besagen im Kern erstens, dass in einem geschlossenen System weder Energie hinzukommt noch verschwindet, und zweitens, dass vorhandene Energiegefälle sich zunehmend ausgleichen, mit der Folge, dass immer weniger für praktische Zwecke nutzbar ist.

Das hat gravierende Folgen, denn bei Energie ist die Konzentration wesentlich wichtiger als die vorhandene Menge: Mit einem ganzen Meer von lauwarmem Wasser ist, obwohl es ungeheure Mengen von Energie erhält, nichts Nutzbringendes anzufangen. Nur Energiegefälle lassen sich für "Arbeit" im physikalischen Sinne nutzen: "The amount of work you get out of an energy source depends, not on the amount of energy contained by the source, but on the difference in energy concentration between the energy source and the environment." (S. 123, Hervorhebung von mir)

Das ist insofern (mehr als) bedeutsam, als unzählige Prozesse in unserer heutigen Wirtschaft mit hochkonzentrierter Energie stehen und fallen: Mit erneuerbaren Energien, die eine deutlich niedrigere Energiedichte aufweisen, kann man zwar Essen kochen und Wohnungen herizen, aber man kann damit weder Zement noch Stahl noch Solarpanels herstellen, und man kann damit weder Flugzeuge noch Schwerlaster betreiben.

Das heißt, wir werden uns für die Zukunft darauf einstellen müssen, dass uns nicht bloß sehr viel weniger Energie zu Verfügung steht, sondern dass es uns vor allem an hochkonzentrierter Energie mangeln wird, sodass wir uns überwiegend mit diffuser, niedrig konzentrierter Energie behelfen müssen. Für den täglichen Gebrauch muss das gar nicht unbedingt das große Problem sein, aber etliche industrielle Prozesse werden entweder entfallen oder dramatisch schrumpfen.

Grundlegende Umstellung unserer Technologien

"What this means, ultimately, is that the change from today's industrial economy to the economies of the future can't be accomplished by plugging in some other energy source to repace petroleum and other fossil fuels. Nor can it be done by downscaling existing technologies to fit a sparser energy budget. It requires reconceiving out entire approach to technology" (S. 143).

"The new ground rules of economics that will take shape in the twilight of the age of cheap energy will be shaped […] by the recognition that energy is once again as scarce, costly and diffuse as it has been through most of human history." (S. 147)

Die Verknappung von Energie generell und ganz besonders von hochkonzentrierter Energie wird zwangsläufig unsere gesamte Lebens- und Wirtschaftsweise verändern. Deshalb untersucht Greer im sechsten Kapitel, angelehnt an E. F. Schumachers "Intermediate Technology", "The Appropriate Tools".

Dabei sieht er radikale Veränderungen voraus, einschließlich der De-Elektrifizierung ländlicher Regionen und dem Ende des Internet wie des Informationszeitalters. Das mag man etwas weit hergeholt und übertrieben finden, aber man sollte es nicht vorschnell verwerfen. Denn aus der Tatsache, dass etwas viele Vorteile hat, folgt nicht, dass es ökonomisch gangbar ist und sich auch unter völlig veränderten Bedingungen aufrechterhalten lässt: "Information does not exist without a physical substrate, and if the physical substrate goes, so does the information." (S. 155)

Welche Leistungen und Technologien Bestand haben werden, hängt von drei Kriterien ab: Erstens ob sie unverzichtbar oder Luxus sind, zweitens ob die unverzichtbaren Leistungen auf andere Weise mit weniger Energieaufwand erbracht werden können, und drittens, ob diese Leistungen wichtiger sind als andere, die mit derselben Energie erzeugt werden könnten. Was soviel heißt wie: Es wir eine Konkurrenz der Unverzichtbarkeit geben.

Die Ökonomie der Kontraktion

In dem Ausmaß, wie Energie knapper und teurer wird, werden sich auch die Spielregeln unseres Wirtschaftens ändern. Viele teure Fertigungsanlagen und Großmaschinen werden zu unfreiwilligen Museen der Verschwndung werden. In gewisser Weise wird sich die Industrialisierung umkehren: Statt wie im Zuge der Industrialisierung Menschen immer mehr durch Maschinen zu ersetzen, werden wir notgedrungen maschinelle Arbeit wieder durch menschliche (und vermutlich tierische) ersetzen.

Das heißt nicht, dass Maschinen völlig verschwinden werden – aber es werden keine Maschinen mehr sein, die Menschen ersetzen, sondern Werkzeuge, die ihnen helfen, effizienter zu arbeiten. Dabei dürfte sich als großer Vorteil erweisen, dass Menschen die weit besseren Generalisten sind als alle Maschinen: Ohne kostspielige Umrüstung oder Neuprogrammierung können sie die unterschiedlichsten Aufgaben erledigen.

Deshalb wäre es wichtig, möglichst viel von dem handwerklichen Wissen und Können aus der Zeit vor der Industrialisierung zu bewahren und es mit den "Intermediate Technologies" zu verbinden, die E. F. Schumacher als den besseren Weg für die Entwicklungsländer vorgeschlagen hat. In gewisser Weise müssen wir lernen, Entwicklungsländer zu werden: "Perhaps the best way to describe the changes ahead is to say that most of the world's industrial nations are in the process to becoming a Third World Country." (S. 178)

Und als ob das noch nicht Provokation genug wäre, setzt Greer noch eins drauf: "Survival isn't cost-effective" (S. 187) – und einer der Gründe, an denen der Übergang scheitern könnte, ist, dass die Maßnahmen, die für unser Überleben erforderlich wären, nicht kosteneffektiv genug sind, um von unserer auf Effizienz und Effizienzsteigerung trainierten Denkweise akzeptiert zu werden. Da die klassische Ökonomie längst den Bezug zur Realität verloren hat, könnte es gut sein, dass sie auch weiterhin viel Zeit damit verlieren, die Realität an ihre Theorie anzupassen, statt die erforderlichen Dinge zu tun.

Den Übergang gestalten

Obwohl John Michael Greer mit dem, was er in diesem Buch beschreibt, tiefer ans Eingemachte geht als alles, was ich bisher gelesen habe, ist "The Wealth of Nature" kein pessimistisches Buch. Das wird spätestens im letzten Kapitel "The Road Ahead" deutlich. Er glaubt nicht an die Zwangsläufigkeit eines spektakulären Zusammenbruchs, der in finsteren Zeiten und mit Mord und Totschlag endet. Vielmehr glaubt er, dass "The Long Descent" (so der Titel eines seiner Bücher) auf geordnete Weise gelingen könnte.

Dabei legt Greer ein explizites Bekenntnis zu graduellen Veränderungen ab, zu Reformen statt revolutionären Umbrüchen: "One of the crucial lessons today's environmental crisis is teaching us is that natural systems do not take well to being restructured from the ground up to fit human notions. The evidence of history suggests that with societies, as with other natural systems, change happens most successfully by way of simple mutations rather than complete reshapings." (S. 193)

Der Übergang von einer Ökonomie des Überflusses zu einer Ökonomie der Knappheit wird ohnehin viele Veränderungen erzwingen – auch wenn es keine Garantie gibt, dass sie alle zum Besseren sein werden. Es sind viele Fehler der Vergangenheit zu korrigieren, aber gleichzeitig eröffnen sich Chancen, durch eine klügere Politik die Leiden und Konflikte des Übergangs zu mildern und die knapper werdenden Ressourcen auf sinnvolle Projekte zu lenken, statt mit dem trotzigen Versuch, die Rezepte der Vergangenheit gegen die Realität durchzusetzen, alles noch schlimmer zu machen.

Dafür hat Greer ein paar Empfehlungen:

  • Remember What Worked (S. 194). Damit meint er nicht nur alte Techniken aus der Zeit vor der Industrialisierung und dem Informationszeitalter (wie zum Beispiel öffentliche Bibliotheken), sondern auch bewährte Formen der Gesellschaftsverfassung und der Organisation der Arbeitsteilung: "Broadly speaking, economies that leave the means of production in private hands, but use appropriate regulation to harness their energies to the public good, consistently produce more prosperity for more people than either unfettered capitalism or extreme socialism." (S. 196)

    Das erfordert auch den Mut, die tertiäre Ökonomie stärker an die Kandarre zu nehmen: "That deistinction between a relatively unregulated secondary economy and a tightly controlled tertiary economy seems to have worked fairly well, just as the removal of all limits on the tertiary economy has consistently ended very badly." (S. 197)
  • Defending the Commons (S. 198). Die vielzitierte, aber gerade von Ökonomen meist völlig missverstandene "Tragik der Allmende" gilt (nur!) für unregulierte Gemeingüter. Deshalb besaßen Völker aller Zeiten ausgeklügelte Verfahren, wie sie ihre Weiden, Jagdgründe und Bewässerungsssysteme vor egoistischer Ausbeutung schützten. Das hat, wie wir wissen (könnten), nicht konfliktfrei funktioniert, aber es hat funktioniert, und zwar ziemlich gut. Denn die Leute waren ja nicht blöd: Sie erkannten, wo Übernutzung oder egoistische Ausbeutung drohte, und stritten Regelungen aus, die sowohl fair als auch nachhaltig waren – und setzten sie auch durch: Nix "tragedy of the commons".

    In ähnlicher Weise könnten, sollten und müssten wir die Leistungen der primären Ökonomie, die uns das Ökosystem zu Verfügung stellt, von sauberem Wasser über Fischbestände bis hin zu den verbliebenen fossilen Energieträgern, als gemeinsames Vermögen der Menschheit entdecken und konsequent vor Übernutzung ebenso schützen wie vor einseitiger Aneignung. Dieser Anspruch ist umso gerechtfertigter als die Menschheit zwangsläufig auch die Lasten von deren rücksichtsloser Ausbeutung in Vergangenheit und Gegenwart teilen muss, und zwar unabhängig davon, wie sehr sie davon profitiert haben.
  • Taxing the Right Things (S. 202). Da unser gegenwärtiges Steuersystem weder die rücksichtslose Ausbeutung der Natur verhindert noch die immer weitere Öffnung der Schere von Einkommen und Vermögen, besteuert es offenkundig die falschen Dinge. Nach dem Grundsatz "Tax Bads, Not Goods" muss das Steuersystem so umgebaut werden, dass es menschliche Wertschöpfung entlastet und dafür den Ressourcenverbrauch verteuert. Weil dabei recycelte Ressourcen nicht besteuert würden, da sie sich bereits in der sekundären Ökonomie befinden, wäre dies ein starker Anreiz, möglichst viel zu recyceln und möglichst wenig neu zu entnehmen. Auch das wertschöpfungsfreie Erzeugen von Geld mit Geld könnte und sollte durch eine geeignete Besteuerung unattraktiver gemacht werden.

Die Unternehmen wirklich in die Verantwortung nehmen

Wie sorgfältig und unkonventionelle Greer denkt, lässt sich gut an dem Unterkapitel "Housebreaking the Corporations" zeigen. Während Großunternehmen für viele ein Feindbild sind, das sie am liebsten rücksichtslos zerschlagen möchten, geht Greer sehr viel differenzierter heran und weist auf einen fundamentalen Fehler in unserem Rechtssystem hin: Es macht Firmen als "juristische Personen" zu Rechtssubjekten, verschont sie aber, anders als natürliche Personen, vor der vollen Verantwortung für ihr Handeln.

Während natürliche Personen damit rechnen müssen, ins Gefängnis zu gehen, wenn sie sich allzu grob danebenbenehmen, ist das Schlimmste, was Unternehmen im Falle von Rechtsverstößen widerfahren kann, eine mehr oder weniger hohe Geldstrafe. Das macht das Übertreten von Gesetzen im wahrsten Sinne des Wortes zu einem kalkulierbaren Risiko.

Da der Geschäftszweck von Unternehmen aber allein das Geldverdienen ist, wird diese Risikobegrenzung gefährlich: "They pursue their purposes – the production of tertiary wealth – with a single-mindedness and a lack of concern for consequences that, in natural persons, wohld be accurately labeled psychopathic. They've proven themselves consistently willing to lie, cheat, steal and kill whenever the likely return on these acts outweigh the risk of punishment." (S. 208)

Das klingt arg pauschalierend, aber in der Tat: Wo diese Möglichkeiten einer eiskalten Risikokalkulation nicht ausgereizt werden, ist dies allein der persönlichen Ethik der verantwortlichen Manager zu verdanken und nicht dem "Rechtsempfinden" der von ihnen geführten Firmen. Denn eine juristische Person als körperlose juristische Fiktion ist schlicht außerstande, ein Rechtsempfinden zu entwickeln.

Was folgt daraus? Zwar ist es wohl schwierig, Unternehmen ins Gefängnis zu sperren; sehr wohl wäre es aber möglich, sie bei gravierenden Rechtsverstößen im übertragenen Sinne einer "Freiheitsstrafe" zu unterwefen: Man könnte ihnen durchaus für eine vom Gericht festzulegende Zeit das Recht entziehen, eigenverantwortlich unternehmerisch zu handeln, indem man sie unter Zwangsverwaltung stellt und die von ihnen erzielten Gewinne nicht den Aktionären, sondern der Staatskasse zuführt.

"It's crucial that the stockholders […] and the creditors […] suffer for the behavior of the corporation." (S. 211) Denn wenn Kredit- und Kapitalgeber darauf gefasst sein müssen, selbst unter Rechtsverstößen der Firmen zu leiden, denen sie Kapital zu Verfügung gestellt haben, haben sie einen starken Anreiz, sorgfältig zu prüfen, wem sie ihr Geld geben, und es im Zweifelsfall lieber abzuziehen.

Hält Greer derartige Vorschläge ernsthaft für durchsetzbar? "As it happens, I do. One of the repeated lessons of history is that the political power of business waxes during times of relative stability and crumples in times of turmoil and crisis." (S. 212) Das Schicksal etlicher russischer Oligarchen, die sich noch vor wenigen Jahren schon als die neuen Herren der Welt sahen, ist zumindest kein Gegenbeispiel zu Greers These.

Komplexität lässt sich nicht mit Komplexität bekämpfen

Für aussichtslos hält Greer den Versuch, den ökologischen Umbau unserer Gesellschaft(en) mit immer mehr Vorschriften zu erreichen. Auch für Komplexität gelte, so argumentiert er in Anlehnung an E. F. Schumacher, das Gesetz des sinkenden Grenznutzens: Mit wachsender Zahl und Komplexität bringen daher auch Regulierungen immer weniger, unter Umständen verkehrt sich ihr Effekt sogar ins Gegenteil, weil sie irgendwann weder mehr vollziehbar noch kontrollierbar sind.

In Anlehnung an Joseph Tainters Buch "The Collapse of Complex Societies" glaubt Greer, dass Überkomplexität irgendwann unbeherrschbar wird und es immer schwieriger macht, auf neue Herausforderungen zu reagieren, zumal wenn diese Herausforderungen regional oder sonstwie dezentral auftreten: "The logical solution to a problem caused by too much complexity is to reduce the amount of complexity. Tainter argues that societal collapse has exactly this function." (S. 215)

Greer hält das sogar für den einzigen möglichen Ausweg, weil komplexe Systeme nicht dazu in der Lage sind, ihre Komplexität zu reduzieren: Bei jeglichem Versuch des Bürokratieabbaus kann man schon von Glück reden, wenn er nicht zu einer zusätzlichen Abteilung oder Behörde führt, der neue Regelungen und Gesetze zum Zweck ihrer Vereinfachung vorgelegt werden müssen.

"By the same logic, the best place to start backing away from an overload of complexity is the daily life of the individual. What sustains today's social complexity, in the final analysis, is the extent to which individuals turn to complex systems to deal with their needs and wants. To turn away from complex systems on that individual level is to undercut the basis for social complexity, and to begin building frameworks for meeting human needs and wants of a much simpler and thus more sustainable kind." (S. 218)

Abhängigkeiten reduzieren statt auf perfekte Lösungen hoffen

Das klingt so lange sehr abstrakt, bis man sich für sich selbst überlegt, wie sehr das eigene tägliche Leben zum Beispiel von hochkomplexen Lieferketten abhängig ist. Die Lösung ist nicht, sich davon völlig abzukoppeln, weil das weder möglich noch, solange sie funktionieren, anstrebenswert ist, sondern die eigenen Abhängigkeiten zu erkennen und zu reduzieren, indem man etwa einen höheren Grad an Selbstversorgung und Autonomie in örtlichen Gemeinschaften anstrebt.

Deshalb erinnert Greer hier an die "Victory Gardens", die die britische Regierung der Bevölkerung im Zweiten Weltkrieg ans Herz legte, um ihren Selbstversorgungsgrad zu erhöhen und damit ihre Abhängigkeit von funktionierenden Lieferketten zu reduzieren. Natürlich war so keine völlige Autonomie zu erreichen, doch die Folgen einer zeitweiligen Unterbrechnung der Lieferketten wurden erheblich reduziert – und damit auch die Verletztlichkeit Großbritanniens gegenüber deutschen Angriffen.

Greer warnt davor, auf die eine perfekte Lösung zu hoffen, die sämtliche Probleme löst, denn die gebe es nicht. Vielmehr müsse es darum gehen, sich im Ernstfall irgendwie durchzuwursteln: "Muddling requires many small adjustments rather than one grand plan: planting a victory garden in the backyard is one adjustment to the impact of a dysfunctional money economy on the far from minor issue of getting food on the table; other impacts will require other adjustments." (S. 227)

Abschließend warnt er eindringlich vor einem Alles-oder-Nichts-Denken: "Still, there's no reason why distancing oneself from the tertiary economy has to be an all-or-noting thing. Any step toward the direct production of goods and services for one's own use, with one's own labor, using resources under direct control, is a step toward the world that will emerge after money; it's also a safety cushion against the disintegration of the tertiary economy going on around us." (S. 231)

Ein guter Zeitpunkt, die Lebensprioritäten zu überdenken

Gleich wie weit man Greer in seiner Erwartung einer Kontraktion folgt, wichtig und auch tröstlich ist angesichts der zu erwartenden Entwicklungen ein Gedanke, den er in seinem Nachwort formuliert: "Material wealth, however defined, only satisfies a certain sharply limited number of human needs, and a life oriented entirely toward material accumulation has failed to deal with most of the possibilities open to human existence." (S. 242)

Das kann ich nur aus vollem Herzen unterstreichen, denn völlig unabhängig von John Michael Greers Annahmen über die bevorstehende Entwicklung ist zu konstatieren, dass Geld und materieller Besitz in unseren westlichen Gesellschaften einen viel zu hohen Stellenwert besitzt, ja geradezu zum zentralen Inhalt des Lebens geworden ist.

Wer sich aber nicht den Glauben zu eigen macht, dass am Ende derjenige gewonnen hat, der bei seinem Tod auf dem höchsten Geldberg ruht, für den ist der Ausblick auf ein Ende des Überflusses nicht zwangsläufig eine Horrorvision, sondern eher ein Grund, schon jetzt über die eigenen Lebenspräferenzen nachzudenken.

Mehr Genügsamkeit zu entwickeln, kann dabei in doppelter Hinsicht helfen: "In a contracting economy, it becomes easier to notice that the less you need, the less vulnerable you are to the ups and downs of fortune, and the more you can get done of wharever it is that you happen to want to do." (S. 243f.) Und natürlich ist es erlaubt, diese Entdeckung auch schon früher zu machen, selbst wenn man nicht gleich Untermiete in der abgewohnten Tonne des Diogenes beziehen will.

Schlagworte:
Ökologische Ökonomie, Ökonomie, Kritik, Ökologie, Peak Oil, Grenzen des Wachstums, Wirtschaftswachstum

Plagiate dieser Website werden automatisiert erfasst und verfolgt.