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Wertvoller Leitfaden für die Transition in die nachindustrielle Epoche

Greer, John Michael (2008):

The Long Descent

A User's Guide to the End of the Industrial Age

New Society Publishers (Gabriola Island BC); 259 Seiten; 18,50 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 25.11.2018

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Wenn etwas nicht ewig weitergehen kann, wird es enden. Zu den Dingen, die nicht ewig weitergehen können, zählt in einem endlichen Ökosystem ein fortgesetztes Wirtschaftswachstum und insbesondere die Ausbeutung nicht erneuerbarer Energieträger. Derzeit ziehen es Gesellschaft und Politik vor, deren Endlichkeit nicht zur Kenntnis zu nehmen. Aber das wird ihnen nicht viel helfen, im Gegenteil, es wird den unvermeidlichen Übergang nur unnötig schwer machen, weil er uns schlecht vorbereitet trifft.

Auf welche Weise wird das Industriezeitalter enden?

Trotzdem wird die Welt nicht enden, wenn wir bei den fossilen Energieträgern den Punkt erreichen, wo ein weiterer Abbau keinen Sinn mehr ergibt, weil man zu ihrer Förderung genauso viel Energie aufwenden muss wie man mit ihr gewinnt. Nur das Industriezeitalter, in dem wir alle aufgewachsen sind, wird dann zu Ende gehen. Doch nach Meinung John Michael Greers wird das nicht zu einem spektakulären Zusammenbruch führen, an dessen Ende sich die wenigen Überlebenden in der Steinzeit wiederfinden.

Vielmehr zeichnet er in "The Long Descent" das Bild von einem langsamen, stufenweisen Abstieg, in dem es sowohl massive Umbrüche gibt als auch Phasen relativer Ruhe und Stabilität: Wenn sich die Gesellschaften nach heftigen Krisen mit einer bescheideneren Lebensform ab- und zurechtgefunden haben, könnte es Phasen geben, in denen es auf niedrigerem Niveau für einige Jahrzehnte relativ gut läuft – nicht mehr so luxuriös wie heute, aber auf einem funktionierenden und relativ stabilen Niveau.

Das ist eine wichtige Feststellung, denn wenn man sich auf das Ende des Industriezeitalters vorbereiten will – real oder auch nur mental –, muss man einige Annahmen darüber machen, was danach kommen wird. Und wenn diese Annahmen falsch sind, geht möglicherweise auch die eigene Vorbereitung ins Leere oder macht einen im schlimmsten Fall nur noch verletzlicher für die Verwerfungen der unvermeidlichen Umbrüche.

Nur Spott hat Greer deshalb für jene nicht nur in den USA verbreiteten "Survivalists" übrig, die sich mit reichlich Nahrungsmittelkonserven und Munitionsvorräten irgendwo in der Wildnis verschanzen: Sie würden, wenn es hart auf hart geht, ein ausgesprochen attraktives Ziel abgeben, das es sich zu attackieren lohnte. Auch nach Autarkie strebende Landkommunen hält er nicht für eine sinnvolle Lösung: Die wenigsten Adepten machten sich eine Vorstellung davon, wie hart und entbehrungsreich dieses Leben ist – und es dürften viele Jahrzehnte, vielleicht sogar Jahrhunderte vergehen, bis die wenigen, die bis dahin durchhielten, – möglicherweise – den Lohn ihrer Mühen ernten würden.

Eine Theorie des katabolischen Kollaps'

Wer den maximalen Nutzen aus "The Long Descent" ziehen will, beginnt am besten mit dem Anhang "How Civilizations Fail: A Theory of Catabolic Collapse", denn die explizite Ausformulierung dieser Theorie ist erstens sehr gescheit, zweitens wirklich originell und hilft drittens, den Denkansatz dieses Buchs besser zu verstehen. (Ich habe keine gute Übersetzung für 'catabolic' gefunden; man versteht das Wort wohl am besten als Gegenbegriff zu "anabolic" (aufbauend), also als abbauend – wobei Greer den Treiber dieses Abbaus in schlichten Ressourcenmangel sieht.)

Greers Theorie ist in meinen Augen absolut schlüssig, auch wenn sie, wie er selbst deutlich macht, mit massiven Vereinfachungen arbeitet. Ihren Kern gebe ich hier, die Vereinfachung weiter vereinfachend, wieder.

Jede Gesellschaft wendet in irgendeiner Weise Kapital (Material, Energie, Arbeitskraft) auf, um natürliche und andere Ressourcen in nutzbare Produkte zu verwandeln. Dabei entsteht neben den Produkten selbst auch Abfall, sprich nicht mehr weiter verwertbare Stoffe. Zudem verwandelt der Zahn der Zeit auch die erzeugten Produkte allmählich in Abfall; um diese Entwicklung zu verlangsamen, sind Wartung und Pflege der erzeugten Produkte erforderlich.

Bei alledem gibt es zwei Engpässe: Erstens können einzelne Rohstoffe knapp werden, die für den Produktionsprozess erforderlich sind; zweitens werden immer mehr Ressourcen benötigt, um die anwachsende Menge der erzeugten Produkte zu warten und zu pflegen, also beispielsweise, um Straßen, Brücken oder Abwassersysteme in Schuss zu halten. (Einen dritten Engpass könnte man in der begrenzten Fähigkeit des Ökosystems sehen, die anfallenden Abfälle und Emissionen zu resorbieren.)

Solange es auf der Rohstoffseite keine Engpässe gibt, können Gesellschaften bzw. Wirtschaftssysteme durchaus für geraume Zeit wachsen: Durch eifrige Produktion bauen sie einen wachsenden Kapitalstock auf, der es ihnen ermöglicht, immer mehr Produkte herzustellen. Das geht solange gut, bis entweder einzelne Rohstoffe knapp werden und nur mit überproportionalem Aufwand substituiert werden können, oder bis die Gesellschaft mit der Wartung und Erhaltung ihrer Infrastruktur nicht mehr hinterherkommt.

Wenn einer Gesellschaft der Nachschub ausgeht

Wenn eine Gesellschaft mit der Wartung und Erhaltung ihrer Infrastruktur überfordert ist, gerät sie in eine "Erhaltungskrise" ("maintenance crisis"). Das ist prinzipiell ein lösbares Problem, man muss dazu nur Ressourcen umlenken von der Produktion hin zu Wartung und Erhaltung, das heißt, man sollte dann beispielsweise weniger neue Straßen und Brücken bauen und mehr Ressourcen in die Erhaltung der bestehenden Infrastruktur stecken, um zumindest einen Gleichgewichtszustand zwischen Produktion und Erhaltung herbeizuführen. Anderernfalls verschärft sich das Problem.

Wesentlich schwieriger stellt sich die Situation dar, wenn einer Gesellschaft unverzichtbare Ressoucen für die Produktion ausgehen. Dann befindet sie sich in einer Erschöpfungskrise ("depletion crisis"), die ungleich schwerer zu managen ist als eine Erhaltungskrise, weil es hier mit einem bloßen Umsteuern von Ressourcen nicht getan ist.

Wenn es nicht gelingt, diese Erschöpfungskrise abzufangen, wird daraus ein katabolischer Kollaps, das heißt, die bestehenden Strukturen brechen auf ungeordnete Weise zusammen und die jeweilige Gesellschaft muss sich in irgendeiner Weise mit dem zurechtfinden, was ihr an Ressourcen verbleibt. Dieser Zusammenbruch erfolgt normalerweise nicht mit einem großen Donnerschlag, er kann sich unter Umständen über mehrere Stufen erstrecken.

An einigen historischen Beispielen – vom Untergang des römischen Reiches über die chinesischen Kaiserreiche bis zu den Mayas – zeigt Greer, wie sich solche katabolischen Zusammenbrüche abgespielt haben; seine Theorie erweist sich dabei als nützliches Denkmodell, um sowohl die Ereignisse selbst als auch ihre Treiber zu verstehen.

Sein Resümee: "Whenever a society shows signs of being unable to maintain its existing capital, a maintenance crisis may follow, and whenever capital production depends on the use of resources at rates significantly above their rate of replacement, a depletion crisis followed by catabolic collapse is a significant possibility." (S. 240) Für unsere gegenwärtige Situation verheißt das nichts Gutes: "Any society that displays broad increases in most measures of capital production coupled with signs of serious depletion of key resources is a potential candidate for catabolic collapse." (a.a.O.)

Stimmen die Prämissen?

Auch wer Greers Modell prinzipiell schlüssig findet, steht natürlich vor der Frage, ob seine Prämissen auf unsere gegenwärtige Situation zutreffen: Gibt es tatsächlich Anzeichen dafür, dass sich die Industriegesellschaft(en) in einer Wartungs- oder gar in einer Erschöpfungskrise befinden? Wer sich den Zustand von Straßen, Eisenbahnen und öffentlichen Gebäuden in Europa und in den USA anschaut, wird sich vermutlich schwertun, massive Anzeichen einer Wartungskrise nicht zu sehen.

Aber sind wir auch (schon) in einer Erschöpfungskrise? Nein, die meisten westlichen Wirtschaften wachsen ja noch. Allerdings fällt es aus drei Gründen schwer, diese Entwarnung mit voller Inbrunst zu geben. Erstens ist das Bruttoinlandsprodukt, wie vielfach dargelegt, kein taugliches Maß für Wohlstand, weil es beispielsweise auch die Beseitigung von "negativen Externalitäten" als positives Wachstum erfasst. Zweitens kann man sich spätestens seit der Weltfinanzkrise des Eindrucks nicht erwehren, dass das seither erzielte anämische Wachstum nur durch ein ganzes Bündel von Reanimationsmaßnahmen herbeigeführt wurde. Und drittens ist eine Verengung von Wohlstand auf materiellen Zugewinn, sozusagen ohne Rücksicht auf sonstige Verluste, ohnehin mehr als fragwürdig.

Trotzdem lässt sich kaum behaupten, dass wir uns bereits in einer Erschöpfungskrise befänden. Wenn überhaupt, sind wir an deren Schwelle – wobei hier Warnsignale vor allem von Seiten kommen, die nicht im engeren Sinne ökonomische Fragen sind, wie etwa Flächenverbrauch, Artensterben, Mikroplastik, Klimawandel … Trotzdeem sind all das Hinweise, dass wir uns den Grenzen des Ökosystems zumindest nähern, sofern wir sie nicht schon überschritten haben.

Ein völlig unterschätztes Problem ist dabei die Exponentialität unseres Wachstums. Wie das vielzitierte Seerosen-Beispiel zeigt, ist der Teich am Tag vor der vollständigen Bedeckung nur halb mit Seerosen gefüllt, zwei Tage zuvor zu einem Viertel und drei zu einem Achtel. Für den mathematischen Laien – zu denen offenkundig trotz aller Funktionsverliebtheit auch die meisten Ökonomen zählen – heißt ein Achtel und selbst ein Viertel Bedeckung: kein Grund zur Aufregung. Bevor sie merken (und Jahrzehnte später schließlich auch zugeben), dass sie sich geirrt haben, sind sämtliche Grenzen längst gesprengt.

Drei unwahrscheinliche Bedingungen

Natürlich weiß niemand, was die Zukunft bringen wird. Aber aus der Tatsache, dass wir noch nicht in einer Erschöpfungskrise stecken, folgt keineswegs, dass es keinen Anlass zur Sorge gebe. Vielmehr müssten schon ziemlich viele günstige Umstände zusammentreffen, damit das Wirtschaftswachstum so weitergehen kann wie in den letzten 150 Jahren:

Erstens müssten wir als Ersatz für die fossilen Brennstoffe eine Energiequelle finden, welche (a) fast unbegrenzt verfügbar ist, (b) eine vergleichbar hohe Energiedichte aufweist und (c) ziemlich schnell flächendeckend einsetzbar ist. Zweitens müssten sich vollwertige Substitute für alle knapp werdenden Rohstoffe und Produktionsmittel finden, von Phosphor über Koltan bis zu Ackerboden und Süßwasser. Und drittens müsste sich herausstellen, dass unsere bisherigen Eingriffe in das Ökosystem von Artensterben über Umweltverschmutzung bis zum Klimawandel in ihren Folgen weitaus harmloser sind als aus heutiger Sicht zu vermuten.

Völlig auszuschließen ist keiner dieser Punkte, wahrscheinlich allerdings auch nicht, und schon gar nicht sicher. Noch unwahrscheinlicher ist, dass alle drei Bedingungen zusammentreffen. Das müssten sie aber, um eine Erschöpfungskrise zu verhindern. Für eine voreilige Entwarnung besteht daher keinerlei Anlass, zumal es fast unerheblich ist, ob "Peak Oil", also der Zeitpunkt, an dem die Ölförderung ihr Maximum (nicht ihr Ende!) erreicht, zwischen 2005 und 2010 liegt oder ein paar Jahre danach.

Das gelegentliche Triumphgeschrei über die Entdeckung neuer Ölvorkommen relativiert sich, wenn man die erwartete Fördermenge durch den täglichen Ölverbrauch teilt: Dann stellt sich in der Regel heraus, dass der vermeintliche Sensationsfund gerade mal dem Bedarf einiger Monate oder Wochen abdeckt. Dazu kommt, dass man immer mehr Energie (= Öl) einsetzen muss, um Öl zu gewinnen: Horizontal Fracking ist nun einmal mit ungleich höherem Energieaufwand verbunden als das Abpumpen von Ölfeldern, die in geringer Tiefe liegen – aber die hat man natürlich als erste ausgebeutet.

Wenn kein energetisches Wunder geschieht …

Nein, wenn nicht ein energetisches Wunder geschieht, werden wir aller spätestens in einigen Jahrzehnten feststellen, was Richard Heinberg schon 2005 geschrieben hat: "The Party Is Over". Dann haben wir in einigen rauschenden Dekaden das Menschheitserbe verprasst.

Im ersten Kapitel "The End of the Industrial Age" stellt Greer fest, "it's almost certainly too late to manage a transition to sustainability on a global or national scale, even if the political will to attempt it existed – which it clearly does not." (S. 30) Auch zehn Jahre nach Erscheinen seines Buchs ist von einem solchen Willen wenig zu spüren; eher gibt es einen stillschweigenden Konsens von Gesellschaft, Unternehmen und Politik, das Problem nicht zur Kenntnis zu nehmen und einfach so weiterzumachen wie bisher: Die Firmen wollen weiter ihre Geschäfte machen, die Bürger wollen ungebremst konsumieren, und die Politiker machen einen weiten Bogen um das heiße Eisen, um ihre Wähler nicht zu verprellen.

Und vielleicht haben sie ja recht. Ich wüsste zwar nicht, wie dieses Kalkül des Weiter-so aufgehen sollte, aber vielleicht irre ich mich ja. Falls nicht, werden wir einen großen Umbruch wohl ziemlich unvorbereitet hineinrauschen – und dabei ziemlich lange verzweifelt versuchen, den "Status quo ante" wiederzubeleben. Möglicherweise waren ja "ZIRP" (Zero Interest Policy), "QE" (Quantitative Easing) und all die andere Buchstabensuppe, die seit der Welt Finanzkrise über uns ausgegossen wurde, ein Vorgeschmack derartiger Verzweiflungstaten.

In diesem Fall käme einiges auf uns zu: "Like the vanished civilizations of the past, ours will likely face a gradual decline, punctuated by sudden crises and periods of partial recovery. The fall of a civilization is like tumbling down a slope, not like falling off a cliff. It's not a single massive catastrophe, or even a series of lesser disasters, but a gradual slide down statistical curves that will ease modern industrial civilization into history's dumpster." (S. 32)

Doch auch dieser graduelle Verfall wird kein Spaziergang werden, zumal mit deutlichen Einbußen im Lebensstandard verbunden ist, die beim Volk erfahrungsgemäß nicht gut ankommen. Greer sieht "crises and disasters" voraus: "Sooner or later in the process, we'll see the breakdown of existing social, political, and economic forms and the rise of transitional structures." (S. 34) Auf diesem Weg werden nach seiner Einschätzung Staaten zerfallen und regionalen Strukturen Platz machen; ebenso werden Konzerne zerfallen und, so gut es geht, durch lokale Wirtschaftskreisläufe ersetzt werden.

Die Religion des Fortschritts – und die der Apokalypse

Im zweiten Kapitel "The Stories We Tell Ourselves" beschreibt Greer, wie unsere Gesellschaften versuchen, sich auf das Geschehen einen Reim zu machen. Die dominierende Ideologie ist die "Religion of Progress", der auch das Christentum und, mit leicht veränderten Vorzeichen, der Marxismus angehören. Ihre zentrale Lehre lautet: Der Fortschritt lässt sich nicht aufhalten. Welche Gefahren, Herausforderungen und Heimsuchung in die Zukunft auch immer bringen wird, dank Wissenschaft, Technik und der unerschöpflichen menschlichen Innovationskraft werden wir unfehlbar eine Lösung dafür finden.

"The faith in progress (…) rests on the unstated assumption that limits don't apply to us because the forward momentum of human progress automatically trumps everything else. If we want limitless supplies of energy badly enough, the logic seems to be, the world will give it to us." (S. 38) Psychologisch ist insofern nicht ganz unverständlich, als es ja in der Tat der Lebenserfahrung unserer Zeit entspricht, die von beliebig verfügbaren fossilen Energien geprägt ist – nur lassen sich daraus leider keine Rechtsansprüche für die Zukunft ableiten.

Aber auch dem "Gegenmythos" von der bevorstehenden Apokalypse kann Greer wenig abgewinnen. Nach diesem Narrativ gab es einmal eine Zeit, in der die Menschheit im Einklang mit sich selbst und mit der Natur lebte. Dann kam der Sündenfall, durch den sie auf eine falsche Bahn geriet, welche unweigerlich in einer Katastrophe enden muss. Die einzige Rettung besteht nach dieser Lehre in der rechtzeitigen Umkehr zurück, zu den – der bloßen Fantasie entsprungenen – Wurzeln.

Aber solche nostalgisch-rückwärtsgewandten Utopien sind ebenso wenig tragfähig wie die Hoffnung auf einen unaufhaltsamen Fortschritt, und die versprochene Apokalypse wird ebenso wenig kommen wie die Besiedelung der Weltmeere oder des Weltraums.

Aller Voraussicht nach wird unsere Zukunft weit "unromantischer" sein: Da unsere gesamte heutige Lebensform auf die unbegrenzte Verfügbarkeit von Energie gebaut ist, wird sie, sobald deren unbegrenzte Verfügbarkeit endet, auf einen Zustand zurückfallen, der notgedrungen mit deutlich weniger Energie auskommt. Unsere einzige Wahl ist wohl, ob wir diesen Übergang unvorbereitet und damit auf die harte Tour machen, oder ob wir uns dafür, so gut es geht, vorbereiten.

"The age of cheap, abundant energy is passing, and nothing we or anyone else can do will keep it here or bring it back. We can't count on the future to bring us a better world, via progress, apocalyptical collapse or any combination of the two. Rather, we can count on it to bring us a world of hard ecological limits, restricted opportunities, and lowered expectations, in which many of our fondest dreams will have to be set aside for the foreseeable future – or forever." (S. 49)

Erneuerbare Energien – nur eine Übergangslösung

Die erneuerbaren Energien, in denen viele die Zukunft sehen, betrachtet Greer eher als eine – wertvolle und willkommene – Übergangslösung: Sie können eine große Hilfe dabei sein, die Transition weniger abrupt und schmerzhaft zu machen, werden nach seiner Auffassung aber kaum dazu in der Lage sein, unsere langfristige Energieversorgung zu gewährleisten.

Und in der Tat, die meisten "Erneuerbaren" sind für ihre Herstellung und Installation auf auf eine großindustrielle Infrastruktur angewiesen: Im Falle der Fotovoltaik auf Reinraumtechnologie, im Falle der Windkraft auf höchst energieaufwendige Prozesse. Kaum vorstellbar zum Beispiel, wie man ohne fossile Brennstoffe den Zement für die Türme herstellen, riesige Betonteile und Rotoren über große Entfernungen transportieren und schließlich in freier Landschaft montieren will. Schon der Transport setzt ja eine voll funktionsfähige Infrastruktur samt der Fähigkeit zum Handling von Schwerlasten voraus.

Es ist typisch für John Michael Greer, wie er hier über das Offensichtliche hinausdenkt. Während fast alle anderen Ökologen die Zukunft im Ausbau der erneuerbaren Energien sehen, macht er trocken darauf aufmerksam, dass die Sache nicht zu Ende gedacht ist – nicht, um lustvoll Spielverderber zu sein, sondern einfach, weil es keinen Sinn hat, Zukunftsentwürfe auf falsche Hoffnungen aufzubauen.

Nach seiner Auffassung dürfte die Energiezukunft langfristig, so wie in den Jahrhunderten vor der Industrialisierung, von einfachen Wasser- und Windkraftwerken bestimmt sein, vor allem aber von einem schon lange nicht mehr gekannten Einsatz menschlicher und tierischer Muskelkraft. Generell wird der Trend nach seiner Auffassung zu wesentlich einfacheren, aber vielseitigeren handwerklich geprägten Technologien gehen, wie auch zu einer dramatischen Reduzierung gesellschaftlicher Komplexität.

Während wir fast drei Jahrhunderte damit zugebracht haben, menschliche Arbeit durch mechanische Energie zu ersetzen, wird sich dieser Trend umkehren: "Success will go to those who get ahead of depletion curves by reducing their reliance on fossil fuels further than others, and by relying instead on human skill and sustainable, low-intensity energy inputs." (S. 89)

Greers vier apokalyptischen Reiter

Im dritten Kapitel "Briefing for the Descent" gibt Greer einen Einblick, wie sich der lange Abstieg abspielen könnte. Immerhin sind wir nicht die erste Kultur, die kollektiven Suizid begangen hat, indem sie ihr Ökosystem zugrunde richtete – es gibt also Vorbilder, an denen wir uns orientieren können. Vier apokalyptische Reiter werden nach Greers Einschätzung den Abstieg prägen:

  • "Declining energy availability
  • Economic contraction
  • Collapsing public health
  • Political turmoil" (S. 82f.)

Der Zusammenbruch des Gesundheitssystems wird nach seiner Einschätzung zum einen daraus resultieren, dass eine energieintensive Notfall- und Intensivmedizin nur noch für die Superreichen bezahlbar sein wird, zum anderen daraus, dass Mangelernährung wieder häufiger wird und und dass sich infolge des Klimawandels tropische und neuartige Krankheiten ausbreiten.

Politische Unruhen erwartet er, weil mit der rückläufigen Produktivität die stillschweigende Geschäfts­grundlage unserer Demokratie entfällt: "What political scientists call 'liberal democracy' is really a system in which competing factions of the political class buy the loyalty of sectors of the electorate by handing out economic largesse. That system depends on abundant fossil fuels and the industrial economy they make possible. Many of today's political institutions will not survive the end of cheap energy, and the changeover to new political arrangements will likely involve violence." (S. 83)

Das klingt nun doch nach einem großen Knall, doch Greer betrachtet diese Entwicklungen als "self-limiting in the near-term" (S. 84). Die aufgrund der Verknappung steigenden Energiepreise dürften zu einer Rezession führen, und die wiederum zu einem Rückgang der Nachfrage und damit zu sinkenden Preisen. Zugleich dürften sich, da die menschlichen Grundbedürfnisse ja nicht verschwinden, neue (bzw. alte) ressourcenschonendere Formen des Wirtschaftens entwickeln, die von Regionalität und teilweiser Selbstversorgung geprägt sind.

"Thus in the near future, at least, we're most likely facing a period of crisis, followed by a period of renewed stability, with another round of crises waiting at the wings. That's how the process of catabolic collapse unfolds, in a stair-step process alternating periods of crisis with breathing spaces at progressively lower levels of economic and political integration." (S. 84)

Greer geht sogar soweit, hier eine Zeitschätzung zu nennen: "If past examples are anything to go by, the approaching period of crises will likely last around 25 years, with the breathing space following it around the same scale or a little longer. The great challenge of the present, then, is to deal with the immediate crisis in each of its manifestations." (a.a.O.)

Deindustrialisierung für Anfänger

"Facing the Deindustrial Age" ist das vierte Kapitel überschrieben, das sich mit unterschiedlichen Handlungsoptionen für den Umgang mit dem bevorstehenden Abstieg auseinandersetzt. Dabei ist wohl eine realistische Erwartung, dass die Politik nichts tun wird, um die Transition vorausschauend leichter zu machen, sondern im Wesentlichen nur auf bereits eingetretene Entwicklungen reagieren wird.

Dass Greer weder von Survivalisten noch von nach Autonomie und Autarkie strebenden Landkommunen viel hält, hatte ich bereits erwähnt: Beide ignorieren aus seiner Sicht die Lehre der Geschichte, dass sich der Abstieg nicht auf einen Schlag ereignet, sondern über Jahrhunderte erstreckt. Deshalb lösen sie aus seiner Sicht das falsche Problem – und unterschätzen außerdem, dass Subsistenzwirtschaft ein Knochenjob ist, zumal wenn man ihn nicht von der Pike auf gelernt hat.

"The core assumption to all these proposals is that there's no middle ground between preserving the modern industrial system intact and a rapid descent into primal chaos." (S. 128) Nach Greers Auffassung geht es aber genau um diesen Mittelweg, also darum, die Realität eines bevorstehenden Abstiegs zu akzeptieren und sich aktiv auf sie einzustellen, ohne aber in Weltuntergangsfantasien zu schwelgen oder ihr hypothetisches Ende bereits vorwegzunehmen.

Statt sich daher entweder bereits heute vom Stromnetz abzumelden oder trotzig auf seinem heutigen Energiebedarf zu insistieren, sei es klüger, "to use renewable energy to meet the far more modest energy requirements of an agrarian society." (S. 129) "If we accept that the Long Decent is inevitable and try to make it in a controlled manner, (…) the way is open not only for bare survival, but for surviving in a humane and creative fashion while preserving as much of value as possible for the future." (S. 130f.)

Vielfältige Konsequenzen einer Verknappung der Energie

Als konkrete Antwort auf die von ihm beschworenen vier apokalyptischen Reiter schlägt Greer vier konkrete Präventionsmaßnahmen vor, nämlich "reducing energy use", "choosing a viable profession", "taking charge for your own health" und "community networking" (S. 133f.) Weil von den Regierungen und der Politik hier nicht viel zu erwarten ist, meint er: "The only remaining option is preparation on the personal, family, and community level." (S. 135)

Große Hoffnungen setzt Greer in das, was er im Gefolge E. F. Schumachers "Appropriate Technology" nennt: unkomplizierte, vielseitige Werkzeuge und Geräte, die sich ohne elektrischen Strom nutzen lassen. Denn dessen ständige Verfügbarkeit sollten wir besser nicht zur Basis unserer Zukunftsplanung machen. Das heißt zum Beispiel auch, sich Gedanken über alternative Formen zu heizen und zu kochen zu machen. Denn praktisch jede moderne Zentralheizung arbeitet mit Pumpen – und das heißt, ohne Strom arbeitet sie nicht, auch dann nicht, wenn sie eigentlich ganz andere Energieträger nutzt.

Wenn die Energie knapper und/oder teurer wird, wird sich unsere heutige Lebensform, die auf hoher Mobilität und praktisch kostenlosen Transporten basiert, nicht aufrechterhalten lassen. Greer erwartet daher eine Rückkehr zu den "old-fashioned mixed-use neighborhoods" (S. 137), in denen Arbeiten und Wohnen wieder enger zusammenrücken, und das heißt auch eine Rückkehr zu, wenn schon nicht dörflichen, so doch kleinstädtischen Strukturen. Auch dürfte es wieder sehr viel selbstverständlicher werden, mittlere und vielleicht auch größere Entfernungen zu Fuß zu gehen – sogar bei schlechtem Wetter.

Die Verknappung und Verteuerung der Energie wird auch dramatische Auswirkungen auf Unternehmen und Beschäftigungstrukturen haben: Ein Pendeln über größere Entfernungen ist dann kaum noch vorstellbar, und erst recht nicht sind es Strukturen und Funktionen, die ständige Reisen und Flüge erforderlich machen. Das sollte beinahe zwangsläufig zu einer Re-Regionalisierung, einer Verkleinerung der Unternehmen und damit auch zu einer De-Spezialisierung führen. Was auch zum Wegfall etlicher Berufe führen dürfte – zu denen aller Voraussicht nach auch vielreisende Berater zählen werden.

Generell dürften dem erzwungenen Abbau von Komplexität viele hochspezialisierte (und hochbezahlte) Dienstleistungen zum Opfer fallen; umgekehrt dürfte sich eine sprunghafte Nachfrage nach Berufen bzw. Fähigkeiten entwickeln, die mit den dann noch verfügbaren Mitteln etwas für das alltägliche Leben Nützliches herstellen können: "The jobs that matter in a deindustrial economy, (…) are the ones that meet human needs directly." (S. 142) Unter anderem dürften die Fähigkeiten, warme Kleidung herzustellen und Dinge zu reparieren, ungeahnte Höhenflüge erleben, desgleichen die, mit einfachen (Haus)Mitteln Krankheiten zu heilen oder zu lindern.

Die Zivilgesellschaft funktionsfähig halten

Wenn jeder an sich selbst denkt, dann ist zwar an alle gedacht, aber das wird trotzdem nicht reichen, um die Gesellschaft insgesamt funktionsfähig zu erhalten – weder im Großen noch im Kleinen. Der gesellschaftliche Zusammenhalt oder das, was davon übrig ist, wird durch den Stress der Transition auf eine harte Probe gestellt. Es werden daher mehr Anstrengungen als bisher nötig werden, um Verteilungskämpfe in geordnete Bahnen zu lenken, tragfähige Kompromisse zu finden und nicht einfach dem Recht des Stärkeren das Feld zu überlassen.

"People of all classes must get by with a great deal less wealth and leisure than they think they deserve. It seems unlikely that they will respond by giving up even more of their wealth and leisure to renew a dimly remembered democratic system that, despite its many other virtues, offers no hope of regaining these things." (S. 150) Stattdessen wäre es nicht überraschend, wenn sich Tendenzen breitmachten, sich einfach zu nehmen, was einem nach eigener Auffassung zusteht.

Die Zivilgesellschaft trotzdem halbwegs funktionsfähig zu erhalten, erfordert Arbeit und persönlichen Einsatz, und es verlangt vor allem, aus der Zuschauerpose herauszukommen und selbst Mitverantwortung zu übernehmen: "It is not accidential that when people today complain about the low caliber of candidates offered for their vote, their tone and language often don't differ noticeably from their complaints about the low quality of consumer products offered for their purchase. Absent in both cases, too, is any recognition that there might be an alternative to choosing among products somebody else made for them." (S. 149)

Die einzige Chance, eine funktionierende Demokratie in Zeiten der Deindustrialisierung am Leben zu halten, sieht Greer in "rebuilding the foundations of civil society that made democracy work in the first place" (S. 151) Damit meint er nicht nur Gemeinderäte und Kommunalparlamente, sondern auch eine Wiederbelebung privater Vereinigungen und Bruderschaften, von denen viele in früheren Zeiten weniger Geheimbünde waren als Vereine, die nicht nur die Geselligkeit pflegten, sondern auch eine Art "Versicherungsverein auf Gegenseitigkeit" gegen die Widrigkeiten des Lebens waren.

"The one question is whether enough people will embrace the challenge of rebuilding civil society in time to make a difference on a community scale, or whether – as in the declining years of so many past empires – it will be left up to small groups on the fringes of society to embrace a path of mutual aid and preserve today's legacies for the future." (S. 151)

Greers zehn Tipps für die Transition

Zum Schluss dieses eindrücklichen Kapitels empfiehlt Greer zehn Sofortmaßnahmen, um sich auf den Übergang vorzubereiten:

  1. Replace your incandescent light bulbs with compact fluorescents.
  2. Retrofit your home for energy conservation.
  3. Cut back on your gasoline consumption.
  4. Plant an organic vegetable garden.
  5. Compost your food waste.
  6. Take up a handicraft.
  7. Adopt an 'obsolete' technology.
  8. Take charge of your own health care.
  9. Help build your local community.
  10. Explore your spirituality." (S. 152 ff.)

Auch ohne in die Details seiner Empfehlungen einzusteigen, lässt diese Liste gut die Richtung erkennen, in die Greer denkt: Das ist alles sehr handfest und pragmatisch, ohne abgehobene Höhenflüge und ohne dass zur Umsetzung seiner Empfehlungen erst Voraussetzungen geschaffen werden müssten, die im normalen Alltag kaum erfüllbar sind. Und diese Maßnahmen kosten nicht viel: Ein bisschen Geld und ein deutliches bisschen mehr Zeit, deren Einsatz sich aber vermutlich auch dann lohnte, wenn die große Transition noch ein paar Jahre oder Jahrzehnte auf sich warten lassen sollte.

Die Transition aktiv gestalten

Wie der Übergang zu einer deindustrialisierten Welt verläuft, wird auch davon abhängen, wie wir ihn gestalten: Wenn wir verzweifelt und trotzig versuchen, so viel wie möglich von der alten Welt zu erhalten, wird er sehr viel unerfreulicher verlaufen als wenn wir das Unabänderliche akzeptieren, ihren Verlauf aber aktiv steuern. Deshalb bietet Greer im fünften Kapitel "Tools for the Transition" an.

Eine zentrale Rolle spielt dabei nach seiner Auffassung die intelligente Wiederverwertung der Materialien, die uns die Industrialisierung hinterlässt. Denn es ist ja nicht so, dass es am Ende der Industrialisierung kaum noch Rohstoffe gäbe – nur stecken sie in den verfallenden Wracks und Ruinen der industriellen Zivilisation. Wer sie zu nutzen weiß, dem stehen reiche Reserven zur Verfügung; der entscheidende Engpass liegt im Know-how, wie man sie für eine Wiederverwertung nutzbar macht. "A little practical knowledge about how to use salvaged materials, preferably backed up by experiment in advance, would be a good investment for those people who plan on riding the waves of change." (S. 162f.)

Heikler dürfte das Thema Energie werden: "A case could be made that it's the net energy provided by the society's energy resources that defines the upper limit of its economic development. (…) Renewables won't allow us to continue living the lifestyles we take for granted today. The problem, of course, is that as things now stand, neither will anything else. (…) A steady decline in the overall production and availability of energy thus defines all the likely futures ahead of us. Extrapolate the effects in economic and social terms, and we face what might as well be called the Deindustrial Revolution, the period of wrenching change in which the world's industrial societies give way to subsistence economies dominated by the agricultural sector and powered by sun, wind, water, and muscle." (S. 164)

Einen überraschenden und verblüffenden Gedanken trägt Greer dann zum Thema Fotovoltaik vor. Ihren Nettoenergieertrag schätzt er relativ niedrig ein, irgendwo in der Gegend 1 zu 1, aber er sieht sie trotzdem als ein wertvolles Instrument des Übergangs an und zwar "as a way of storing energy" (S. 166). Das versteht man erst auf den zweiten Blick, aber er hat recht: Bei Fotovoltaikanlagen wird der ganz überwiegende Teil des zu ihrer Nutzung erforderlicheen Energieeinsatzes vor bzw. während der Montage geleistet; danach liefert die Anlage über Jahrzehnte ohne nennenswerten zusätzlichen Energieaufwand Strom.

Das heißt, mit Fotovoltaik lässt sich in der Tat (relativ) billige heutige Energie "speichern" und in knappe zukünftige Energie verwandeln. Für einen Langzeitspeicher wiederum wäre eine Quote von 1 zu 1 sensationell gut; die meisten heutigen Speichertechniken arbeiten selbst auf deutlich kürzere Zeit mit Verlusten in der Größenordnung von 40 bis 70 Prozent. Und falls der Nettoenergieertrag doch größer ist von Greer unterstellt, wovon man nach heutigem Stand wohl ausgehen darf, trägt der Gedanke erst recht: Dann ist die Fotovoltaik sogar noch eine bessere Zukunftsinvestition.

Alte Techniken vor der Vergessenheit bewahren

Ein weiterer wichtiger Hebel für die Transition ist, alte Techniken und praktische Methoden, die durch die (heutige) Technik überholt sind, wie zum Beispiel den Rechenschieber oder der Flaschenzug, vor dem Vergessenwerden zu bewahren. In der Tat gibt es heute kaum noch Menschen, die mit solchen alten und (vorläufig) obsoleten Techniken umgehen können, die unsere Eltern und Großeltern noch in der Schule oder von ihren Eltern und Großeltern gelernt haben.

Eine einzige Generation, die mit einer Technik nicht mehr vertraut ist, reicht aber aus, um die Tradition abreißen und diese Technik für immer in der Vergessenheit verschwinden zu lassen. Unsere Zeit ist ungeheuer schnelllebig: Wir lassen ständig alte Verfahren, Instrumente und Methoden hinter uns und ersetzen sie durch neue, effizientere – und haben die alten binnen kürzester Zeit vergessen. Selbst der Taschenrechner, mit dem meine Generation großgeworden ist, ist längst ein Auslaufmodelle, weil Rechenaufgaben auf Zuruf vom Smartphone oder von Alexa erledigt werden.

Dieses Vergessen ist solange kein Problem, wie die neuen Techniken, die sie ersetzen, zukunftssicher sind – aber es wird dann zum bitteren Verlust, wenn die neuen Techniken aus irgendwelchen Gründen nicht mehr zu Verfügung stehen – zum Beispiel weil keine kontinuierliche Stromversorgung gesichert ist oder die neuen Geräte nicht mehr hergestellt werden können. Dann wäre es plötzlich von ungeheurem Wert, wenn irgendwer diese obsoleten alten Techniken noch beherrschen würde.

Deshalb läge ein ausgesprochen wertvoller Beitrag der heute älteren Generation zum Gelingen des Übergangs darin, die Erinnerungen an diese alten Techniken wachzuhalten, sie, wenn nötig, von der Generation davor noch einmal neu zu erlernen und nach Möglichkeit einige junge Leute dafür zu begeistern, diese alten Techniken zu erlernen, zu benutzen und auf diese Weise zu bewahren. Das macht greifbar, was Greer weiter oben mit "Adopt an 'obsolete' technology" gemeint hat.

Mit leiser Freude stelle ich fest, dass mein Hobby, Teile unserer Wiese mit der Sense zu mähen, doch nicht bloß ein skurriles nostalgisches Vergnügen ist, über das die Nachbarn den Kopf schütteln ("Ist euer Balkenmäher kaputt?"), sondern ein kleiner Beitrag zur Bewahrung alten Wissens und Könnens sein könnte. Aber natürlich geht das weiter: Eine Sense zu benutzen, ist der leichteste Teil der Übung; sie zu dengeln und bei Bedarf zu reparieren, ist die notwendige Voraussetzung für ihre langfristige Nutzung.

Technologische Triage und ökologische Landwirtschaft

Eine wichtige Management-Aufgabe des Übergangs ist, was Greer als "Technological Triage" bezeichnet: die Sichtung und Bewertung heute gebräuchlicher Techniken und Methoden für ihre Verwendbarkeit in der nachindustriellen Zeit. Grob lassen sich hier drei Kategorien unterscheiden: (a) Techniken und Methoden, die in der nachindustriellen Zeit weder nutzbar noch produzierbar sind und deshalb schnellstmöglich aufgegeben werden sollten; (b) solche, die zwar nicht mehr herstellbar sind, aber noch so lange genutzt werden können und sollten, wie es ihre Lebensdauer hergibt; und (c) solche, die auch für die nachindustrielle Zukunft wertvoll und wichtig sind.

Diese Triage muss nach Greers Auffassung jetzt schon angepackt werden, um Wertvolles zu bewahren und keine unnötige Energie in künftig Hinfälliges zu investieren. Und er schlägt bereits eine ganze Liste von Kriterien dafür vor, die, wie fast immer bei Greer, so durchdacht sind, dass er sich damit erkennbar schon sehr intensiv auseinandergesetzt hat. Trotzdem habe ich Zweifel, wie realistisch das ist: Im Zweifel werden wir auch hier erst ernsthaft zu handeln beginnen, wenn der Leidensdruck groß genug ist.

Realistischer scheint mir dazu sein, schon heute eines der zentralen Themen der Transition anzugehen, nämlich der Ernährung der Bevölkerung – und insbesondere der eigenen Familie. Da die konventionelle Landwirtschaft in einem unglaublichen Ausmaß auf fossile Brennstoffe angewiesen ist – ein Kilo Kunstdünger erfordert zwei Kilo Rohöl –, wird sie mit deren Verknappung in eine tiefe und im wahrsten Sinne des Wortes tödliche Krise stürzen.

Die einzige realistische Alternative ist wohl der ökologische Landbau, der auf Kreislaufwirtschaft und den Aufbau gesunder Böden setzt. Das Ziel muss dabei noch gar nicht sein, zum autarken Selbstversorger zu werden; vielmehr geht es in erster Linie darum, eine ausreichend breite Basis an Erfahrung zu schaffen, auf der sich aufbauen lässt, wenn es ernst wird.

Gemeinschaften, nicht Individuen sind die Basis des Überlebens

"History shows that local communities can flourish while empires fall around them." (S. 187) Da der Mensch ein soziales Wesen ist, dass für seinen Fortbestand auf die Gemeinschaft mit anderen Menschen angewiesen ist, ist ein Survival-Ansatz, der auf Individuen oder Kleingruppen bzw. Kleinfamilien setzt, schon vom Ansatz her verfehlt. Florierende Gemeinschaften setzen aber funktionierende Gemeinschaften voraus, und daran fehlt es heute vielerorts, weil die Verbundenheit der Leute, die an einem gemeinsamen Ort wohnen, infolge von Mobilität und Massenmedien geringer ist als wohl jemals in der Vergangenheit.

Wer den "langen Abstieg" in einer guten Gemeinschaft überstehen will, dürfte daher in vielen Fällen vor der Notwendigkeit stehen, eine funktionierende Gemeinschaft aufzubauen bzw. die noch vorhandenen Elemente so zu stärken, dass sie als tragfähige Basis taugen. Greer sieht dafür drei Voraussetzungen:

  • "A community needs local organizations." (S. 188) Dafür dürften wir in Deutschland dank unseres viel verspotteten Vereinswesens bessere aufgestellt sein als viele andere Länder, aber nur, soweit diese Vereine nicht nur von Beiträgen und Spenden, sondern von aktiver Mitarbeit getragen werden.
  • "A community needs a core of people who know how to do without fossil fuel inputs." (S. 188) Wenn die lokalen Gemeinschaften auf Anleitung angewiesen ist, wie sie unter den veränderten Umständen zurechtkommen sollen, muss es jemanden geben, der die Rolle des Lehrers übernimmt. Und der wiederum sollte sich idealerweise auf praktische Erfahrungen stützen können und nicht bloß Bücherwissen verbreiten.
  • "A community needs to be able to meet basic human requirements." (S. 189) Vor allem anderen steht die Grundversorgung mit Nahrung, deshalb steht und fällt eine Gemeinschaft damit, dass sie die gewährleisten kann. Das wiederum setzt eine verlässliche Grundlage im ökologischen Landbau voraus. Dabei geht es nicht nur um die Erzeugung, sondern auch um den Vertrieb, deshalb spielen Bauernmärkte, Lebensmittelkooperativen etc. eine wichtige Rolle. Es wird kaum möglich sein, sie erst in einer akuten Krise aufzubauen, deshalb ist es notwendig, sie bereits jetzt zu etablieren.

Daran können sich andere Aktivitäten andocken, die den Gemeinschaftssinn und das Zusammengehörigkeitsgefühl stärken und Austausch und Handel ermöglichen. Auf diese Weise würde sich auch für jene ein Markt eröffnen, die Produkte und Dienstleistungen jenseits der absoluten Grundversorgung anbieten, gleich ob es Bier ist oder Unterhaltung.

Die spirituelle Dimension

Im siebten und letzten Kapitel adressiert Greer "The Spiritual Dimension". In der Tat stellt sich ja die Frage: Woran sollen wir glauben, wenn die Religion des Fortschritts zusammengebrochen ist? Welche Ziele sollten Menschen und Gemeinschaften in einer deindustrialisierten Welt anstreben, und von welchen Werten sollten sie sich leiten lassen?

Nachdem wir drei Jahrhunderte lang den materiellen Wohlstand immer mehr zum höchsten Lebensziel gemacht haben, wäre für Greer ein plausibler Ansatzpunkt, stattdessen nach der Verwirklichung unserer menschlichen Potenziale zu streben:

"Spirituality treats the fulfullment of human potential as an end in itself, the proper goal of human life. (…) Ways of life that focus our attention on goals we can reach without trashing the planet are likely to prove more useful than those modern belief systems that treat the accumulation of consumer gewgaws as the ultimate goal of human existence. The world's spiritual traditions of a rich selection of such lifeways, and as the deindustrial age dawns around us, they may prove to be the most relevant force of all." (S. 202)

Aber auch im Bezug auf entstehende Glaubenssysteme könnte es auch ganz anders kommen, und der Versuch einer Vorhersage hat wenig Sinn: "History seems to take a perverse delight in embarrassing would-be prophets." (S. 216) Vorhersagbar ist nur, dass ein Orientierungsvakuum entstehen wird, wenn die "Religion of Progress" wegen erwiesener Erfolglosigkeit abdanken muss. Und dieses Vakuum wird sich irgendwie füllen.

"Still, whatever religion or combination of religions rises to prominence as industrial societies slide down the rough slope of the Long Decent, the religious dimension will very likely play a massive role in the way that people adapt, or fail to adapt, to the world of harsh limits and tougher choices that the missed opportunities of recent decades have made inevitable. As the aspect of human life that deals with ultimate concerns, religion harnesses the most powerful of all human motivations, and it seems to me that any serious attempt to make something positive out of the approaching mess will have to draw on religious motivations, in one way or another, if it is to have any chance of meeting the challenges of the future." (S. 219)

Persönliche Nachbemerkung

Ich werde in letzter Zeit manchmal gefragt, warum ich denn so viele Bücher mit einer "pessimistischen Zukunftsperspektive" lese und sie – noch dazu zustimmend! – bespreche: Ob ich zum Kulturpessimisten geworden sei oder erste Anzeichen einer Altersdepression an den Tag lege?

Zu dem letzten Punkt will ich mich als Betroffener nicht äußern, sondern nur feststellen, dass mich diese Bücher in keiner Weise deprimieren, sondern eher mit einer gewissen optimistischen Neugier erfüllen. Wenn ich ehrlich bin, wäre ich gerne 30 oder 40 Jahre jünger, um wenigstens die ersten paar Jahrzehnte der Deindustrialisierung noch mitzuerleben. Denn ich finde die Gegenwart weitaus deprimierender: Kaum noch ein schönes Tal oder eine charaktervolle Landschaft, ohne dass sie von Gewerbe"parks", Factory Outlets oder Industriegebieten verschandelt ist. (Komisch, dass Werbefotos neue Autos sehr oft in schönen Landschaften zeigen und nie in Vorstädten und Industriegebieten.)

Meine Eltern und Großeltern haben mich den Blick für Kulturlandschaften – Bauernlandschaften – gelehrt: Felder und Wiesen freuen mich mehr als Stadtlandschaften und Neubaugebiete. Umso mehr schmerzt es mich, wenn fruchtbarste Böden unter Logistikzentren verschwinden, wenn Wiesen und Wälder von Industriegebieten und Parkplätzen weggefressen werden usw. Mir will nicht in den Kopf, dass es „Fortschritt“ sein soll, wenn immer mehr Heimat in hässliche Nutzfläche verwandelt wird.

Insofern – ich gebe es zu – setze ich auch Hoffnungen in die Deindustrialisierung. Mir ist völlig klar, dass sie viele unangenehme, schmerzliche, bittere Auswirkungen haben wird. Das Leben wird unkomfortabler, körperlich anstrengender und – ja, wohl auch kürzer werden. Vor uns steht gewiss kein neues Goldenes Zeitalter. Aber es wird wohl Schluss damit sein, dass die Menschen um des eigenen Komforts und Gewinns willen das Ökosystem zugrunde richten – nicht, weil sie endlich zur Vernunft gekommen wären, sondern weil sie nicht mehr dazu in der Lage sind.

Mit dem Ökosystem kann man keine Kompromisse schließen

Aber ist es das wirklich wert? So wichtig und wertvoll das Ökosystem sein mag, sollte und darf man dafür so viel Leid und Stress für die Menschheit in Kauf nehmen? Die Frage ist doppelt falsch gestellt. Erstens, weil wir längst nicht mehr die Wahl haben: Wir haben das Erbe durchgebracht und stehen nun vor einem bösen Erwachen, dessen Härten sich allenfalls noch abmildern, aber nicht mehr abwenden lassen.

Zweitens geht es nicht um ein Abwägen zwischen dem, was wir Menschen für uns beanspruchen und was wir großherzig dem Ökosystem überlassen. Das Ökosystem besteht nicht aus ein paar Naturreservaten an den Rändern unserer Welt, es ist unser aller Lebensgrundlage. Wenn wir sie zugrunde richten, richten wir automatisch auch uns selbst zugrunde.

So wie man mit dem Fundament, auf die man steht, keinen Kompromiss aushandeln kann, kann man auch mit dem Ökosystem keine Kompromisse schließen: Alles Leben und Wirtschaften ist auf ein halbwegs intaktes Ökosystem angewiesen. Damit hat das Ökosystem das Primat vor allem anderen. Es war bequem, über Jahrzehnte vor dieser Tatsache die Augen zu verschließen – aber das Problem, dass wir uns damit eingebrockt haben, zählt zu jenen, die nicht weggehen, wenn man die Augen nur fest genug geschlossen hält; es zählt zu denen, die geduldig warten – und in der Zwischenzeit wachsen.

Da ich das Wissen darum, dass unser gegenwärtiger Kurs nicht nachhaltig ist, weder abstreifen kann noch nicht verdrängen will, stellt sich mir natürlich die beunruhigende Frage, was geschehen wird, wenn wir an die Grenzen des Systems stoßen. Und da finde ich Bücher wie "The Long Descent" ausgesprochen hilfreich und entlastend – nicht, weil sie alle Sorgen zerstreuen, sondern weil sie eine Vorstellung vermitteln, was kommen könnte, und erkennen lassen, dass die Transition in eine Zukunft ohne Energie im Überfluss zwar holprig wird, aber nicht zwangsläufig scheitern muss.

Für mich persönlich ist es die beste Art, meine Ängste zu bekämpfen, dass ich mich ihnen stelle und so gut, wie es eben geht, zu verstehen versuche, was auf uns zukommt. Dafür ist "The Long Descent" eine hervorragende Hilfe – und zugleich eine große Ermutigung, gerade auch deshalb, weil es weit über die halb durchdachte Armageddon-Literatur hinausgeht. Weshalb ich das Buch allen, die von ähnlichen Gedanken und Sorgen bewegt sind, nur nachdrücklich ans Herz kann.

Schlagworte:
Industriezeitalter, Transition, Nachindustrielle Gesellschaft, Deindustralisierung, Peak Oil

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