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Anleitung zum Flow-Erleben

Csikszentmihalyi, Mihaly (1997):

Finding Flow

The Psychology of Engagement with Everyday Life

Basic Books / Perseus (New York); 181 Seiten; 14 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 06.12.2018

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Eine nicht restlos gelungene Kombination von Forschungsbericht und Ratgeber, der dank der umfassenden Erfahrung und Bildung des Autors dennoch wertvolle Impulse anbietet, auch wenn ich seiner Argumentation am Schluss nicht mehr folgen kann.

Auf dem rückseitigen Cover liest man: "Part psychological study, part self-help book, Finding Flow is a prescriptive guide that helps us reclaim ownership for our lives …" Das trifft es ganz gut – doch solche intellektuellen Mischwesen verfehlen nicht selten beide Ziele, um derentwegen sie gezeugt wurden.

Zwar liefert das kleine Buch tatsächlich sowohl empirische Befunde als auch viele Anregungen, sich Gedanken über die eigenen Lebensziele und die eigene Lebensqualität Gedanken zu machen, aber dennoch kann ich nachvollziehen, dass etliche Leserrezensenten nicht wirklich begeistert waren: Wer Anleitung für das eigene Leben sucht, interessiert sich nicht unbedingt für Forschungsmethoden und -ergebnisse. Und wer den Stand der Forschung recherchieren möchte, ärgert sich, wenn der Autor die Befunde mit seiner Lebensphilosophie vermengt. Aber dennoch: So schlecht ist das Buch nicht, nur halt nicht sehr zielgruppengerecht.

Flow ist, was die alte Psychologie "Funktionslust" nannte

Der Begriff "Flow" ist eine Prägung des Autors, eines ungarischstämmigen emeritierten Chicagoer Psychologieprofessors, der dieses Thema in den Mittelpunkt seines Lebenswerks gestellt hat und durch das gleichnamige Buch bekannt wurde. Flow ist verwandt mit Glück, aber es ist nicht das Gleiche. Gemeint ist damit das völlige Aufgehen in einer Tätigkeit, bei dem man jedes Bewusstsein für die Zeit und für sich selbst verliert – ein Gefühl, das man auch als Erfüllung bezeichnen könnte, wenn dieser Begriff nicht einen Beiklang von Selbstwahrnehmung und Selbst-Bewusstsein hätte.

Laut Csikszentmihalyi tritt Flow dann (und nur dann) ein, wenn eine anspruchsvolle Aufgabe unsere Fähigkeiten voll fordert, ohne sie aber zu überfordern. Überforderung wäre Stress, der der Selbstvergessenheit im Wege stünde; umgekehrt würde Unterforderung dazu führen, dass wir die Aufgabe voll im Griff haben, ohne aber in ihr aufzugehen. Im Untertitel verwendet er auch den Begriff "Engagement with Everyday Life", was sich schwer wörtlich übersetzen lässt. Am ehesten entspricht Flow meines Erachtens dem, was die deutsche Vorkriegspsychologie als "Funktionslust" bezeichnete.

Obwohl er es nicht explizit sagt, diskutiert Csikszentmihalyi das Flow-Erleben so, als wäre es der einzige Weg, Lebensfreude, Erfüllung bzw. Glück zu erleben. Aber das ist definitiv nicht so. Das Aufgehen in einer anspruchsvollen Tätigkeit ist ohne Zweifel eine Form von Lebensfreude, aber es ist keineswegs die einzige: Beim Wandern einen schönen Aussichtspunkt zu erreichen, seltene Vögel oder ein Wildtier zu beobachten, durstig den ersten Schluck Wasser zu trinken, eine anrührende Musikpassage zu hören, jemanden, den man mag, im Arm zu halten, eine plötzliche Einsicht zu gewinnen – all das und vieles mehr sind beglückende Erlebnisse, die nichts mit Leistung und damit auch nichts mit Flow zu tun haben. Das nimmt dem Thema Flow nichts von seiner Bedeutung; es zeigt nur, dass da noch mehr ist.

Wie Menschen ihre Zeit verwenden

In den ersten Kapiteln von "Finding Flow" geht es darum, womit Menschen ihre Zeit verbringen und wie häufig sie bei welchen Tätigkeiten Flow erleben. Als Methode verwendet Csikszentmihalyi dafür seine "Experience Sampling Method" (ESM), eine Art Multimomentstudie, bei der die Teilnehmer von Zeit zu Zeit auf ein Signal hin angeben müssen, was sie gerade tun und was sie dabei erleben. Diese Methode liefert weitaus zuverlässigere Ergebnisse als nachträgliche Berichte.

Wie die 2300 Studienteilnehmer ihre (wache) Zeit verwendeten, war naturgemäß sehr unterschiedlich, je nachdem, in welcher Lebensphase und -situation sie sich befanden. Trotzdem kristallisierte sich – mit großer Streuung – eine Dreiteilung heraus: Etwa 40 Prozent der Zeit gehen in Arbeit (bzw. Ausbildung), etwa 30 Prozent sind "Freizeit", und 30 Prozent fallen in eine Kategorie, die Csikszentmihalyi "Maintenance" nennt. Darunter versteht er die Selbstversorgung von Essen und Körperpflege über Einkaufen und Kochen bis zu Putzen und Aufräumen.

Eine andere Verteilung ist ebenfalls aufschlussreich: "In the course of an average day, about one-third of the time people say that they do what they do because they wanted to do it, one-third because they had to do it, and the last third because they had nothing better to do." (S. 23) In meinen Augen ein spektakulärer Befund, wo die Leute doch angeblich keine Zeit mehr haben.

Wenig überraschend ist, dass sich Menschen dann am besten fühlen, wenn sie tun, was sie tun wollen. Überraschender ist, dass es nicht das Unerfreulichste ist, etwas tun zu müssen: "Psychic entropy is highest instead when persons feel that what they do is motivated by not having anything else to do." (a.a.O.). Was genau er unter "psychischer Entropie" versteht, lässt Csikszentmihalyi ungeklärt. Man muss es wohl als bloße Metapher verstehen, doch scheint mir die Einführung dieses Begriffs weder wissenschaftlich nützlich noch für ein Selbsthilfebuch hilfreich.

… und wann sie Flow erleben

Einige Überraschungen gab es, als Csikszentmihalyi seine Daten daraufhin auswertete, bei welchen Aktivitäten die Teilnehmer Flow erlebten. So ist Berufsarbeit weder besonders beliebt noch zählt sie zu den Tätigkeiten, bei denen die Teilnehmer am stärksten motiviert sind; trotzdem liegt sie in der Spitzengruppe, was Konzentration und Flow-Erleben betrifft.

Übertroffen wird sie darin nur von Hobbies und Sport; alle anderen Freizeitaktivitäten bieten, obwohl sich die Teilnehmer dabei besser fühlen und motiverter sind, deutlich weniger Flow. Das Schlusslicht bilden in dieser Hinsicht trotz hoher Motivation Medienkonsum, Ausruhen und Faulenzen. Ähnlich wenig Flow ermöglicht – bei geringer Motivation – nur Hausarbeit.

Besonders positiv erleben Menschen – insbesondere Junge und Alte – soziale Beziehungen: "Being with friends provides the most positive experiences. Here people report being happy, alert, sociable, cheerful, motivated." (S. 42) Dass dies insbesondere von Jungen und Alten bestätigt wird, liegt vielleicht daran, dass in den mittleren Altersgruppen die Berufstätigkeit für so viele soziale Kontakte sorgt, dass damit der "Grundbedarf" vieler Menschen an Kommunikation abgedeckt ist.

"The quality of life improves immensely when there is at least one person who is willing to listen to our troubles, and to support us emotionally. (…) When someone claims to have five or more friends with whom they can discuss important problems, they are 60 percent more likely to say they are 'very happy'." (S. 43) Allerdings sind das streng genommen keine Aussagen über Flow mehr, sondern über allgemeines Wohlbefinden.

Die Haltung macht's

Dabei ist unser Erleben offenkundig nicht nur von den objektiven Gegebenheiten bestimmt, vielmehr ist ein starkes subjektives Element im Spiel: "People report significantly more physical symptoms, such as headaches and backaches, on weekends and at times when they are not studying or working." (S. 46) Allem Anschein nach vergrößern wir, worauf wir unsere Aufmerksamkeit richten, und reduzieren seine Bedeutung, wenn unsere Aufmerksamkeit von anderen Dingen mit Beschlag belegt wird.

Deshalb ist wohl ein erster wichtiger Schritt zur Verbesserung der eigenen Lebensqualität, die Haltung zu verändern, mit der man an seine Lebensaufgaben herangeht. Es ist ja kein Naturgesetz, dass man seine Arbeit als anstrengende Pflicht betrachtet und deshalb unzufrieden und demotiviert ist – man kann sich ja auch bewusst dafür entscheiden, seine Aufgaben anzunehmen und sie mit Engagement so gut wie möglich zu machen. Ebenso kann man, statt etwas zu machen, weil man nichts Besseres zu tun hat, sich bewusst für eine Aktivität entscheiden – und sei es für die, die man ohnehin gerade tun wollte, weil man nichts Besseres zu tun hat, oder auch für eine andere.

"In the last analysis it is not the external conditions that count, but what we make of them. It is perfectly possible to be happy doing housework with nobody around, to be motivated when working, to concentrate when talking to a child. In other words, the excellence of daily life finally depends not on what we do, but on how we do it." (S. 47) Als erste Konsequenz daraus habe ich mir vorgenommen, genau die Aufgaben, die mir eigentlich lästig sind und die ich nur widerwillig mache, mit einer neuen Perspektive anzugehen und zu schauen, was sich daraus machen lässt.

Das Paradoxon der Arbeit auflösen

Um die Frage zu beantworten, was sich aus diesen Erkenntnissen für das eigene Leben bzw. für die Beratung lernen lässt, lohnt es sich, die verschiedenen Lebensbereiche der Reihe nach etwas genauer anzuschauen. Csikszentmihalyi beginnt mit "The Paradox of Work" (Kapitel 4).

In der Tat ist es ja merkwürdig, dass viele Menschen diese zentrale Lebensaufgabe, die eine wichtige Quelle von Flow sein kann, nur widerwillig und mit geringer Motivation angehen. Man ist geneigt, kopfschüttelnd zu sagen: "Das kann ja nix werden." Den Nagel auf den Kopf getroffen hat vor vielen Jahren der Geschäftsführer eines meiner Kunden, als er sagte: "Ich verbringe einfach zu viel Zeit in der Arbeit, um damit leben zu können, dass Lebensqualität erst nach Feierabend beginnt."

Zwar gibt es natürlich langweilige und nichtssagende Tätigkeiten, aus denen sehr schwierig Befriedigung zu ziehen ist, doch die pauschale Entwertung der Arbeit als Plage wurzelt tief in unserer Kulturgeschichte und geht zurück auf die alten Griechen und Römer: "According to Aristotle, only a man who did not have to work could be happy." (S. 50) Das hängt uns bis heute nach: "So even now, the deep ambiguity of work still haunts us. We know it is one of the most important elements of our lives, yet while we do it we would rather not be doing it." (S. 52)

Um der eigenen Lebensqualität willen ist es nützlich, sich die Willkürlichkeit der Trennung von Erwerbsarbeit, Hausarbeit und Freizeit bewusst zu machen. Manche machen freiwillig als Hobby, was andere als Beruf ausüben, und einige dieser sogenannten Amateure liebäugeln mit einem Wechsel ins Profilager – also damit, künftig "unfreiwillig" zu machen, was sie bisher "freiwillig" tun. Da kann es eine Befreiung sein, sich und anderen einzugestehen, dass Arbeit Freude machen und von intrinsischer Motivation getragen sein kann.

Die Sonnen- und Schattenseiten der Freizeit

Aber auch die Freizeit hat ihre Tücken: "Free time is more difficult to enjoy than work." (S. 65) Auch wenn sich viele Menschen nach Muße sehnen, sind die meisten offenbar nicht dafür geschaffen, sie zu genießen – erst recht dann nicht, wenn sie im Übermaß zur Verfügung steht, wie etwa bei Arbeitslosigkeit oder nach Renteneintritt. "Just free time with nothing specific to engage one's attention provides the opposite of flow: psychic entropy, where one feels listless and apathetic." (S. 66)

Generell scheinen passive Freizeitbeschäftigungen eher Unzufriedenheit als Glück zu bringen; die höchste Zufriedenheit geht, genau wie im Beruf, mit anspruchsvollen, fordernden Aktivitäten einher. Dabei kann Freizeit als Ausgleich dienen, weil man hier Fähigkeiten ausleben kann, die im Beruf nicht ausreichend zur Geltung kommen. Dabei kann man viel von besonders kreativen Menschen lernen: "In their lives, work and play indivisible, as they are for people living in traditional societies." (S. 77)

Wenn es um "Relationships and the Quality of Life" (Kapitel 6) geht, entdeckt Csikszentmihalyi die Erkenntnis der guten alten Individualpsychologie wieder, dass der Mensch ein soziales Wesen ist, das auf tragfähige Beziehungen zu anderen Menschen angewiesen ist wie der Fisch auf das Wasser: "Well-being is deeply attuned to relationships" (S. 78) und "interactions are so important to keep consciousness in balance" (S. 81).

Bei Menschen, die in der zweiten Lebenshälfte eine Krise durchleben, ist der Mangel an wahren Freunden die häufigste Klage. Doch generell gilt: "Moods at home are rarely as elated as with friends, and rarely as low as when one is alone." (S. 87)

Anders an die Sache(n) herangehen

In den letzten drei Kapiteln "Changing the Patterns of Life", "The Autotelic Personality" und "The Love of Fate" schwenkt Csikszentmihalyi vom Forscher zum Lebensberater um. Wie wir irgendwie schon geahnt haben, rät er uns, bei unserer Arbeit nicht danach zu streben, uns die Sache so einfach wie möglich zu machen und sie schnellstmöglich hinter uns zu bringen, weil das, selbst wenn es gelänge, wenig Befriedigung brächte. Vielmehr sollten danach streben, bestmögliche Arbeit abzuliefern – nicht nur, um unsere Arbeit- oder Auftraggeber glücklich zu machen, sondern in unserem Interesse unserer eigenen Lebensqualität.

Das ist natürlich schwierig, wenn ein Job sinnlos, langweilig und belastend ist – und damit alle Voraussetzungen für maximale Demotivation erfüllt. In diesem Fall liegt der erste Schritt vielleicht darin, sich eine Aufgabe zu suchen, die mehr Erfüllung bietet. Die andere Möglichkeit ist, die eigene Haltung zur bestehenden Arbeit zu verändern:

"Small adjustments can turn the routine job one dreads into a professional performance one can look forward to with anticipation each morning. First, one must pay attention so as to understand thoroughly what is happening and why; second, it is essential not to accept passively that what is happening is the only way to do the job; then one needs to entertain alternatives and to experiment with them until a better way is found." (S. 105)

Auch in anderen Lebensbereichen kann es sinnvoll sein, anders an die Dinge heranzugehen, um glücklicher zu leben: "It is sad to see how often people ruin a relationship because they refuse to recognize that they could serve their own interests best by helping others to achieve theirs." (S. 113) Auch hier meint man, ein spätes Echo der alten Individualpsychologie zu hören: Wer danach strebt, seinen bestmöglichen Beitrag zum Wohlergehen der Gemeinschaft zu leisten, lebt glücklicher, als wer ausschließlich auf den eigenen Vorteil bedacht ist.

Csikszentmihalyis Ideal der "autotelischen Persönlichkeit"

Csikszentmihalyis Ideal ist die "autotelische Persönlichkeit": "An autotelic activity is one we do for its own sake because to experience it is the main goal." (S. 117) Womit er sich klammheimlich dem Ideal der wohlhabenden Griechen und Römer annähert, die ihre Muße ja nicht nutzen wollten, um auf der faulen Haut zu liegen, sondern um ohne Erwerbsdruck sich und ihre Ideale zu verwirklichen.

Dennoch scheint mir dieses Ideal erstens etwas abgehoben, in souveräner Missachtung der Tatsache, dass die allermeisten Menschen eben nicht bloß zu ihrem Vergnügen arbeiten (müssen), und zweitens ziemlich selbstbezogen: Auch wenn es mir Freude macht, Change-Vorhaben bei meinen Kunden zu realisieren, fände ich etwas arg egozentrisch, diese positive Selbst-Erfahrung zum Hauptziel meiner Projekte zu stilisieren.

Immerhin schreibt er solchen autotelischen Persönlichkeiten eine hervorstechende Eigenschaft zu: "Their psychic energy seems inexhaustible. Even though they have no greater attentional capacity than anyone else, they pay more attention to what happens around them, they notice more, and they are willing to invest more attention in things for their own sake without expecting immediate returns." (S. 123)

Aber vielleicht reicht es dafür ja auch schon, wenn man mit Leib und Seele bei der Sache ist, ohne die Tätigkeit deswegen gleich zum Selbstzweck zu erheben. Und vielleicht trägt es sogar zur Qualität der eigenen Arbeit bei, wenn man dabei den Nutzen für den Kunden in den Vordergrund stellt und nicht die eigene Funktionslust im Aufgabenvollzug.

Aber das sind ohnehin keine Aussagen mehr, die sich aus Csikszentmihalyis wissenschaftlichen Forschungsbefunden ableiten lassen, es sind seine Empfehlungen zur Lebensgestaltung, also normative Aussagen. Was natürlich nicht heißt, dass sie nicht ernst zu nehmen wären – immerhin stammen sie von einem Forscher, der sich sein Leben lang mit diesen und ähnlichen Fragen auseinandergesetzt hat. Dennoch ist es nützlich zu registrieren, dass wir hier über – fundierte – Meinungen reden und nicht über harte Fakten.

Sein Schicksal lieben?

Das gilt erst recht für das letzte Kapitel "The Love of Fate", in dem Csikszentmihalyi geradezu mystisch wird: "Whether we like it or not, our lives will leave a mark on the universe. Each person's birth makes ripples that expand in the social environment: parents, siblings, relatives, and friends are affected by it, and as we grow up our actions leave a myriad of consequences, some intended, most not. Our consumer decisions make a tiny difference in the economy, political decisions affect the future of the community, and each kind of mean act modify slightly the total quality of human well-being." (S. 131)

Und weiter: "One cannot fear life that is truly excellent without feeling that one belongs to something greater and more permanent than oneself." (a.a.O.) Diese Aussagen finden durchaus eine Resonanz in meinen eigenen Überzeugungen, aber sie haben natürlich nichts mit Wissenschaft zu tun: Ich wüsste keine Versuchsanordnung, mit der man sie bestätigen oder widerlegen könnte. Das gilt erst recht für die buddhistische Lebensregel, die Csikszentmihalyi zitiert: "Act always as if the future of the Universe depended on what you did, while laughing at yourself for thinking that whatever you do makes a difference." (S. 133)

Als ersten Schritt empfiehlt Csikszentmihalyi, sich selbst besser kennen zu lernen. Denn: "For each of us, the chief obstacle to a good life is oneself." (S. 134) Allerdings sollte das nicht in Form von Grübeleien geschehen: " Whereas in flow we forget ourselves, in apathy, worry, and boredom the self is usually at center stage. So unless one has mastered the skill of reflection, the practice of 'thinking about problems' usually aggravates whatever is wrong instead of alleviating it." (S. 136)

Auch eine psychoanalytische Aufarbeitung der eigenen Lebensgeschichte erfüllt in aller Regel nicht die damit oft verbundene Hoffnung, damit die Probleme der Gegenwart zu lösen: "This usually does not work, because the lenses through which we look at the past are distorted precisely by the kind of problems we want solved." (a.a.O.) (Das könnte freilich auch ein Argument sein, durch die Auseinandersetzung mit der eigenen Lebensgeschichte tendenziöse Wahrnehmung zu erkennen und zu entzerren.)

Aber was soll man dann tun? In Csikszentmihalyis Antwort zeichnet sich bereits ein Grundgedanke der Positiven Psychologie ab: "In order to experience flow, it helps to have clear goals – not because it is achieving the goals that is necessarily important, but because without a goal it is difficult to concentrate and avoid distractions." (S. 137) Und selbst wenn ein klares Ziel nicht zu Flow führt, verbessert es zumindest die Stimmung, zielorientiert unterwegs zu sein.

"These findings suggest that a simple way of improving the quality of life is to take ownership of one's actions. A great deal of what we do (over two thirds, on average) are things we feel we have to do, or we do because there isn't anything else we feel like doing. Many people spend their entire lives feeling like puppets who move only because their strings are pulled. Under these conditions we are likely to feel that the psychic energy is wasted. So the question is, why don't we want to do more things? The sheer act of wanting focuses attention, establishes priority and consciousness, and thus creates a sense of inner harmony." (a.a.O.)

Deshalb beruft sich Csikszentmihalyi auf die Philosophie Nietzsches: "This attitude toward one's choices is well expressed in the concept of amor fati – or love of fate." (S. 138) Eine ähnliche Idee entdeckt er in der von Abraham Maslow propagierten Selbstverwirklichung. Sie umfasst "a consistency between self and the environment, (…) harmony between 'inner requiredness' and 'outer requiredness' or between 'I want' and 'I must'." (a.a.O.)

Destruktive Selbstverwirklichung

"The quality of life is much improved if we learn to love what we have to do – in this Nietzsche and company of absolutely right. But in retrospect one can begin to see the limitations of the 'humanistic psychology' of which Maslow and Rogers were such outstanding leaders. In the glory days of the mid-century, when prosperity rained and peace beckoned around the corner, it made sense to assume that personal fulfillment could only lead to positive outcomes." (S. 139)

Im Nachhinein betrachtet erweist sich der unbedingte Glaube der Humanistischen Psychologie an die Selbstverwirklichung als das höchste aller Ziele als etwas naiv. Nicht erst seit Donald Trump muss man sich fragen, ob die inbrünstige Verwirklichung des eigenen Selbst immer und unter allen Umständen eine gute Sache ist – für die Betreffenden selbst, aber erst recht für die von ihrer Selbstverwirklichung Betroffenen. Ebenso muss man sich fragen, ob die viel gepriesene Authentizität wirklich unter allen Umständen eine Tugend ist.

Anders als Maslow, Rogers und andere geglaubt haben, kann Selbstverwirklichung auch destruktiv sein – deshalb stellt Csikszentmihalyi zu Recht fest: "Enjoying what one does is no sufficient reason for doing it." (S. 140) Deshalb meint er: "One of the main challenges of our time is to discover new bases for transcendent goals that fit with whatever else we know about the world. A new myth to give meaning to life, if you will, but one that will serve us for the present and the near future – just as earlier myths have helped our ancestors to make sense of their existence." (S. 140f.)

Aber woher nehmen und nicht stehlen? Neue Propheten sind nicht in Sicht, und im Zeitalter von Wissenschaft und Demokratie haben sie auch nicht mehr die unbedingte Autorität früherer Jahrhunderte. "Instead of waiting for prophets, we may discover the foundations on which to build a good life from the knowledge scientists and other thinkers are slowly are accumulating. (…) We are rediscovering of how all forms of life depend on each other and on the environment. (…) We learn that the consequences of actions may not be immediately visible, but may have effects in distant connections, because everything that exists is part of an interconnected system." (S. 141)

Zum Schluss Abdriften in pseudonaturwissenschaftliche Analogien

Das klingt vielversprechend, aber auf den letzten Seiten verliert sich Csikszentmihalyis Argumentation in pseudonaturwissenschaftlichen Analogien. Aus der Relativitätstheorie will er ableiten, dass zwischen Monotheismus und Polytheismus kein Widerspruch bestünde; angelehnt an die Fraktalgeometrie spekuliert er, dass ein- und dieselbe Realität nur auf verschiedene Weise "gebündelt" seien – aus dieser Perspektive ist der Atheismus vermutlich auch nur eine Variante des Gottes- bzw. Götterglaubens.

Wiederholt bringt er in diesem Zusammenhang auch seine (metaphorische?) Entropie ins Spiel und gibt ihr am Schluss auch noch eine moralische Dimension: "Contemporary understanding of matter and energy also suggests a new way of thinking about good and evil. Evil in human affairs is analogous to the process of entropy in the material universe." (S. 146)

Spätestens hier hat er mich als Leser verloren, erst recht, wenn er daran den Gedanken anschließt, die Entropie bzw. das Böse wäre der "default state, the condition to which systems return unless work is done to prevent it." (a.a.O.) Mit anderen Worten, das Böse setzt sich durch, wenn man sich nicht permanent anstrengt und dagegen anarbeitet – man muss also Energie einsetzen, um der Entstehung von Entropie entgegenzuwirken.

Vielleicht habe ich ja überhaupt nichts von Thermodynamik verstanden, aber wenn ich mich nicht völlig falsch erinnere, ist es in einem geschlossenen System unmöglich, Entropie zu reduzieren, sprich, ein größeres Energiegefälle herzustellen. Und nach dem Energieerhaltungssatz (Erster Hauptsatz der Thermodynamik) ist es in einem geschlossenen System weder möglich, Energie zu vernichten noch Energie hinzuzufügen.

Über diesen schwachen Abschluss könnte man hinwegsehen, wenn es nur gelänge, herauszufinden, was uns Csikszentmihalyi mit seinen naturwissenschaftlich kolorierten Bildern sagen will, aber das ist zumindest mir nicht gelungen. Auch wenn ich die letzten Seiten seines Buchs kopfschüttelnd zum dritten Mal lese, entsteht für mich kein Sinn daraus, doch ich tröste mich damit, dass ich von den 140 Seiten davor etliche wertvolle Impulse mitgenommen habe. Insgesamt keine Pflichtlektüre, aber durchaus anregend für Interessierte.

Schlagworte:
Flow, Glück, Zufriedenheit, Erfüllung, Lebensgestaltung

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