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Interventionstechniken der Provokativen Therapie

Höfner, E. Noni (2011):

Glauben Sie ja nicht, wer Sie sind!

Grundlagen und Fallbeispiele des Provokativen Stils

Carl-Auer (Heidelberg) 2. Aufl. 2012; 269 Seiten; 34,95 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 08.10.2019

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Trotz des teilweise etwas angestrengten Humors eine nützliche Vertiefung der Provokativen Therapie bzw. des provokativen Stils. Lehrreich vor allem der zweite Teil mit den Beratungsprotokollen, aber auch die Erläuterung der Interventionsstrategien.

Die von Frank Farrelly (1931 – 2013) begründete Provokative Therapie hat gegenüber den meisten anderen psychotherapeutischen Konzepten den großen Charme, dass sie ihre Klienten (oder Patienten) nicht wie rohe Eier behandelt, die bei dem geringsten falschen Wort zerbrechen könnten. Denn diese Über-Behutsamkeit ist das genaue Gegenteil von heilsam: Sie bescheinigt den Klienten / Patienten ihre besondere Verletzlichkeit – und entmutigt sie damit noch mehr. Jemanden besonders zu schonen, signalisiert ihm ja, dass man ihn nicht für voll belastbar – und damit nicht für voll lebenstauglich – hält.

Einfühlsame Provokation statt Behutsamkeit und Engelsgeduld

Die Provokative Therapie ist aus meiner Sicht keine eigene psychotherapeutische Schule – dazu fehlt ihr sowohl eine Theorie des menschlichen Seelenlebens wie auch ein Krankheitsmodell; nach meiner Auffassung ist sie vor allem eine Interventionsstrategie. Aber was für eine! Sie schont die Klienten nicht, sondern nimmt sie für voll und deshalb – wertschätzen und liebevoll – auch voll auf die Hörner.

Statt ihnen einfühlsam zuzuhören, gut zuzureden und Lösungsvorschläge anzubieten, verbündet sie sich mit ihrem Problem: Sie bestärkt die Klienten in geradezu hinterhältiger Weise in ihrer Symptomatik und malt ihnen deren Vorzüge aus. Auf diese Weise mobilisiert sie deren Widerstand – aber dieser Widerstand richtet sich, statt wie in anderen Behandlungsansätzen, gegen die von der Therapeutin vorgeschlagenen Lösungen, gegen ihre Selbstentwertung sowie gegen ihre selbstschädigenden Gedanken und an Gewohnheiten. Indem die Therapeutin die Klienten nachdrücklich dazu auffordert, es noch sehr viel bunter zu treiben, zwingt sie die Klienten sozusagen, den "vernünftigen" Part zu übernehmen. So stärken die Provokationen letztlich ihren Mut zu gesünderen Lebensstrategien.

Die Provokative Therapie ist eine Kurzzeittherapie, die laut Höfner "manchmal nur eine Stunde" umfasst (S. 46), weil sie den Klienten relativ rasch hilft, ihre "Kraftquellen" wiederzuentdecken (S. 56), statt mit ihnen erst einmal tief in die Abgründe ihres Seelenlebens abzutauchen. (Der Begriff "Kraftquellen", da bin ich mit Höfner einig, trifft den Punkt besser als der übliche Terminus "Ressourcen", der in meinen Augen ziemlich abstrakt und blutleer daherkommt.)

Dass die Provokative Therapie keine eigene Schule, sondern "nur" eine Interventionsstrategie ist, ist bei genauerem Hinsehen kein Nachteil, sondern eine ihrer größten Stärken: Das macht es möglich, ihren methodischen Ansatz in andere therapeutische (oder beraterische) Modelle zu integrieren, jedenfalls sofern die in ihrem Ansatz nicht allzu zartbesaitet und betulich sind.

Mit dem gesprächstherapeutischen Modell verträgt sich der provokative Stil wohl ebenso wenig wie mit einer klassischen Psychoanalyse auf der Couch, aber in die vielen dialogisch ausgerichteten Therapien, Beratungen und Coachings lässt sich dieser Ansatz wunderbar integrieren. Zur Individualpsychologie, die dem Individuum ohnehin die volle Verantwortung für sein Handeln zumutet und zutraut, passt er geradezu ideal.

Eine der wenigen Quellen von brauchbarem Schulungsmaterial

Leider hat uns Frank Farrelly bis auf sein Buch "Provokative Therapie" (siehe Rezension) und einige (sehr empfehlenswerte) Videos wenig hinterlassen, um uns systematisch in seiner Methodik schulen zu können. Insofern müssen wir für alles dankbar sein, was uns seinen Ansatz und seine Methodik näherbringt, und können nicht allzu wählerisch sein.

Dieses Buch ist – neben einigen weiteren der Autorin – eine der wenigen Möglichkeiten, sich mit der Provokativen Therapie – oder dem Provokativen Stil, ProSt®, wie ihn Höfner etwas albern nennt – methodisch tiefer vertraut zu machen. Auch wenn ich ihr Buch in Stil und Inhalt durchaus "übertrefflich" finde, hilft es, systematischer zu erkunden, was in den Videos des Meisters so spontan und geradezu spielerisch der Inspiration des Augenblicks zu folgen scheint.

Die ganze zweite Hälfte des Buchs besteht aus den Wortprotokollen von (elf) Fallbeispielen, meist Erstgesprächen, mit eingestreuten Erläuterungen. Sie machen den Provokativen Stil anschaulich und zeigen, wie er sich nicht nur in einzelnen Bemerkungen äußert, sondern zum bestimmenden Element ganzer Sitzungen wird.

Auch wenn es verlockend sein mag, gleich zu diesen praktischen Fällen zu springen, lohnt es sich, auch die zehn Kapitel der ersten Hälfte zu lesen. Zwar wird es keinen bleibenden Schaden anrichten, wenn man schon vorab den einen oder anderen Fall liest, aber um die systematischen Interventionsstrategien in den teilweise doch recht chaotischen Gesprächsverläufen zu erkennen, hilft es, sie bereits zu kennen.

Was man für sich aus den zehn Kapiteln des "Theorieteils" herausziehen kann, hängt natürlich stark von den Vorkenntnissen ab, und nicht zuletzt auch von der eigenen Grundhaltung zu anderen Menschen. Wer von seiner Persönlichkeit her harmonieorientiert und behutsam ist, wird von Farrellys provokativen Ansatz vor andere (und vermutlich größere) Herausforderung gestellt als jemand, der gerne drastisch und auf den Punkt formuliert.

Wer dagegen ohnehin gern zuspitzt, muss vor allem verinnerlichen, dass dies eine heilsame Wirkung nur dann hat, wenn die Klienten hinter aller Provokation ihre Wertschätzung spüren – dass also hämische oder sarkastische Provokationen, wie sie einem zuweilen spontan in den Sinn kommen mögen, wenn man mit seltsamen Vorstellungen und Verhaltensweisen konfrontiert ist, kontraproduktiv sind, weil sie die Beziehung und damit den Behandlungserfolg in Gefahr bringen.

Eine ganze Palette provokativer Interventionen

Doch auch provozieren muss man können – und ein Nutzen dieses Buchs ist ohne Zweifel, dass es, verteilt auf die Kapitel des ersten Teils, eine ganze Sammlung von provokativen Interventionsstrategien und Wirkmechanismen aufführt. Hier in Stichpunkten die aus meiner Sicht interessantesten:

  • "Liebevolles Karikieren des Weltbilds (LKW)" (S. 46)
  • "Verwirrung" – "kein Fehler, ihn [den Klienten] verwirrt gehen zu lassen" (S. 65) Verwirrung wird in der Provokativen Therapie als Fortschritt betrachtet, weil sie zeigt, dass es gelungen ist, das neurotische Selbst- und Weltbild der Klienten so durcheinanderzubringen, dass sie sich neu sortieren müssen. Deshalb sind sie am Ende einer Sitzung auch nicht immer dazu in der Lage, zusammenzufassen, was sie an Einsichten und Erkenntnissen mitnehmen.
  • "Bedeutung des Lachens" – "mit der Persiflage, die dem Schrecken die Spitze nimmt" (S. 89) – "Angst und Lachen können nicht gleichzeitig bestehen" (S. 90)
  • "Lachen über sich selbst" – "ein warmherziger Humor, der das Opfer des Lachens niemals verletzt" (S. 93)
  • "Offensichtliches aussprechen" (S. 97) – dazu zählt auch, Behinderungen, Entstellungen, Fettleibigkeit etc. zu thematisieren, statt angestrengt so zu tun, als hätte man es nicht bemerkt.
  • "Herstellen des guten Drahts durch Treffer und Überraschungen" – "gleich zu Beginn möglichst viele passende Aussagen zu machen" (S. 103)
  • "Mit Aussagen statt Fragen zur Diagnose" (S. 105). Die Provokative Therapie kommt im Vergleich zu anderen therapeutischen Ansätzen atemberaubend rasch zur Sache. Statt einer langen Anamnese, bei der er erst einmal viele Fragen stellt, beginnt der Therapeut gleich mit zugespitzten Aussagen, die, wenn sie zutreffen, der Klientin das Gefühl vermitteln, verstanden zu werden, und wenn nicht, von ihr umgehend korrigiert werden.
  • "Der Advocatus Diaboli und die Begeisterung für die Symptome" – "begeistert sich für die Vorteile des selbstschädigenden Verhaltens" – "übertreibt die negativen Folgen einer Veränderung" (S. 106)
  • "Der sekundäre Krankheitsgewinn" – "bin noch nie auf ein hartnäckig beibehaltenes Symptom getroffen, das nicht auch Vorteile brächte" (S. 108) – Diesen Gedanken kennt man natürlich aus der Tiefenpsychologie, ungewöhnlich ist aber, diese Vorteile als geradezu unverzichtbar zu zelebrieren.
  • "Persiflage und Stereotype" (S. 112) – "ein verqueres Verhalten lässt sich am leichtesten sichtbar machen, wenn man es verzerrt" (S. 113)
  • "Es gibt keine Lösung" – "Die definitive Feststellung, es gebe wirklich keine Lösung für das Problem, reizt den Klienten zum Widerspruch und schickt ihn sofort auf die Suche danach." (S. 115)
  • "Idiotische Lösungen" (S. 116). Eine klassische Therapeutenfalle ist, ihn dringlich um eine Lösung zu bitten – und jeden Vorschlag dann kunstvoll zu zerpflücken. Stattdessen macht der provokative Therapeut bewusst so aberwitzige Lösungsvorschläge, dass dem Klienten kaum etwas anderes übrig bleibt, als den Part der Vernunft zu übernehmen.

Im Vergleich zu anderen therapeutischen Verfahren hat die Provokative Therapie ein ziemlich hohes Tempo und verlangt den Therapeuten ständiges Improvisieren ab. Dabei kann, so Höfner, "leicht mal etwas danebengehen" (S. 125). Das funktioniert nur, wenn sich die Behandler Fehler zugestehen und den von der Individualpsychologie beschworenen "Mut zur Unvollkommenheit" (Sofie Lazarsfeld) kultivieren. Oder mit dem Leitsatz des Improvisationstheaters: "Stay happy when you fail." (S. 125)

Auch wenn einem nicht alles an dem Buch gefällt: Wenn man es durchgearbeitet hat, ist man ein bisschen vertrauter mit der Provokativen Therapie und ihren Interventionsstrategien. Deshalb lohnt sich die Mühe.

Schlagworte:
Provokative Therapie, Provokativer Stil, Provokation, Fordern, Wertschätzung, Interventionsstrategien, Interventionstechniken

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