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Leben und sterben, wo man hingehört

Dörner, Klaus (2007):

Leben und sterben, wo ich hingehöre

Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem

Paranus (Neumünster) 8. Aufl. 2015; 220 Seiten; 19,95 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 9 / 4

Rezensent: Winfried Berner, 11.03.2020

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Ein wichtiges, stellenweise anrührendes Buch, das zeigt, dass der Wunsch fast aller Menschen, ihre letzten Jahre, Monate und Tage nicht in einem Zwischenlager zu verbringen, sondern in ihrer vertrauten Umgebung, erfüllbar ist und erfüllt werden muss.

Zum ersten Mal ist mir der Name Klaus Dörner in den siebziger Jahren im Studium begegnet, als sein (gemeinsam mit der inzwischen verstorbenen Ursula Plog verfasstes) Sozialpsychiatrie-Lehrbuch "Irren ist menschlich" erschien. Es hat mittlerweile die 25. Auflage erreicht. Bekannt wurde Dörner, weil er in Gütersloh die von ihm geleitete stationäre Psychiatrie samt der angeschlossenen Heime "deinstitutionalisierte" und die Patienten in ihrer örtlichen Lebensgemeinschaften reintegrierte.

Deinstitutionalisierung der Alten und Dementen

Nach seiner Emeritierung machte der 1933 geborene Dörner den Umgang mit alten Menschen zum Thema seiner "zweiten Karriere" – und verfolgte dabei ebenfalls ein konsequentes Konzept der Deinstitutionalisierung. In seinem vorliegenden Buch mit dem ebenso programmatischen wie berührenden Titel "Leben und sterben, wo ich hingehöre" fasst er seine Erfahrungen, Erkenntnisse und Empfehlungen zusammen.

Was ihn dabei antreibt, beschreibt er anschaulich und bewegend im Vorwort:

"Nach 17 Jahren lebten sie [die zuvor stationär untergebrachten Psychiatrie-Patienten] so gut wie alle in eigenen Wohnungen oder Wohngruppen, 75% von ihnen nur ambulant betreut. Das war nur dadurch möglich, dass wir einmal allen, die das wollten, Bedeutung für Andere durch Arbeit verschafften, was gerade den Alten unter ihnen besonders wichtig war. Zum anderen war das möglich, weil es den Bürgern erst der Stadt und dann des Landkreises gelungen ist, sich in hinreichenden Maße in tragebereite Nachbarn zu verwandeln.

Wenn man auf diese Weise bei Hunderten von Menschen persönlich miterlebt und mitbewirkt hat, wie sie aufgeblüht sind, weil sie sich unter Erhalt ihrer Eigenart normalisiert haben und wie sie, wenn auch unterstützt, ihr eigenes Leben leben konnten, ist man lebenslang gezeichnet davon und schämt sich zu Tode für die Bürger, die weiterhin in Institutionen untergebracht sind; man ist ihnen schlicht verpflichtet, weil man weiß, dass dies heute nicht mehr nötig und daher auch nach der Verfassung verboten ist. Das gilt auch für die Alterspflegebedürftigen, auch für die Dementen." (S. 10)

Ein hartes Brot, aber nahrhaft

Leider erweist sich das Buch als längst nicht so gut lesbar wie der prägnante und anschauliche Titel verspricht; die Sprache des Untertitel sollte aufmerksam registriert und als versteckte Drohung verstanden werden. Dörner ist mit der "Sozialszene" tief vertraut, kennt wohl alle wesentlichen Akteure und ihre zentralen Denkansätze – und leider spricht er auch ihren Jargon, wobei er allzu oft versäumt, seine Leserinnen auf der Reise mitzunehmen. Überdies verfasst er zuweilen Sätze, die Caesar hätten erblassen lassen und sich ohne Weiteres über eine halbe oder dreiviertel Seite erstrecken können.

Mehr als einmal fand ich mich verwirrt und verloren am Wegrand zurückgelassen. Verglichen mit diesem Text finde ich die englischen und amerikanischen Bücher, die ich so lese, als leichte Lektüre. Mehr als einmal habe ich erwogen, aufzugeben und die Lektüre abzubrechen – aber dafür ist es einfach zu gescheit und zu wichtig, was Dörner zu sagen hat, selbst wenn man (bzw. ich) es nicht immer vollständig versteht.

Wer sich also auf die – unbedingt lohnende – Lektüre einlässt, sollte sich daher darauf gefasst machen, dass er keinen leicht digestierbaren Text vor sich hat. Eine entspannte und erbauliche Abendlektüre wird das nicht werden: Hier ist volle Konzentration gefragt. Und nötigenfalls die Bereitschaft, Sätze mehrfach zu lesen, wenn es beim ersten Mal nicht geklappt hat mit dem Verstehen, und in besonders harten Fällen wie einst bei Caesar ihre Satzkonstruktion zu analysieren. Für die Lesbarkeit vergebe ich daher trotz mancher brillanter Pointierungen nur 4 Punkte.

Doppelter Zwang zu einer Umkehr

Zwei völlig unterschiedliche, ja geradezu gegenläufige Gründe erzwingen aus Dörners Sicht die Abkehr vom bestehenden System der kasernierten Zwischenlagerung alter Menschen, nämlich einerseits die Humanität, andererseits die Ökonomie. Angesichts der demographischen Entwicklung hält er es für völlig unrealistisch, dass die in naher Zukunft stark steigende Zahl alter und hilfebedürftiger Menschen von einer sinkenden Zahl hauptberuflicher Betreuer in Vollpension rundumversorgt wird.

Das ist aber kein Schaden, sondern eher ein Glück, weil diese entmündigende stationäre Vollversorgung die Betroffenen nicht nur aus ihren Lebenszusammenhängen und ihren sozialen und lokalen Bezügen reißt, sondern sie außerdem entmündigt, zum reinen Betreuungsobjekt macht und so jedes Lebenssinns beraubt. Denn jeder Mensch braucht laut Dörner – das ist eine Formulierung, die bei ihm ständig wiederkehrt – "eine Tagesdosis an Bedeutung für Andere", und die wird ihm durch die Vollversorgung entzogen, weil sie ihn, gegen seinen Willen oder nicht, zu Passivität und Nutzlosigkeit zwingt.

Im Effekt wird so ein aberwitzige Aufwand betrieben, um die Betroffenen mit Leistungen zu versorgen, von denen sie zumindest einen Teil ebenso gut und mit weit mehr Erleben von Lebenssinn und Lebensqualität selber leisten könnten. Denn die Rundumbetreuung lässt sich einigermaßen effizient und kostendeckend nur dann abwickeln, wenn man sie stationär, fabrikmäßig standardisiert und mit möglich wenig "Störung" durch ihre Adressaten durchzieht.

Doch genau diese hochstandardisierten Vollversorgung vermittelt den Betroffenen ein deprimierendes Gefühl von Nutzlosigkeit, das sie letztlich umbringt. Es ist für Menschen – außer vielleicht in ihrer allerletzten Sterbensphase – kaum auszuhalten, nur noch passives Objekt der Bemühungen anderer zu sein. Und wenn sie dann noch miterleben, in welchem Ausmaß diese anderen von ihrer Aufgabe gehetzt, gestresst und geschunden sind, liegt es für sie nur allzu nahe, möglichst rasch damit aufzuhören, ihnen weiter zur Last zu fallen.

Eine in der Menschheitsgeschichte völlig neue Herausforderung

Das Buch besteht aus fünf großen Kapiteln. Im ersten legt Dörner dar, weshalb wir vor einer "menschheitsgeschichtlich völlig neuartigen Aufgabe" stehen. Im zweiten Kapitel zeigt er an vielen Beispielen, dass der Übergang in das "neue Hilfesystem" bereits begonnen hat, wenn auch nicht immer ganz freiwillig. Die restlichen drei Kapitel befassen sich mit den drei hauptbetroffenen gesellschaftlichen Gruppen, nämlich den "Bürgerhelfern", den Hilfsbedürftigen sowie den "Profis" und ihren jeweiligen Bedürfnissen und Interessenlagen.

Was er da beschreibt, hört sich nicht nach einem leichten, konfliktlosen Übergang an. Vor allem die "Profis" wird es hart ankommen, wenn sowohl ihr Status als überlegen Wissende als auch ihre Pfründe in Frage gestellt werden. Umgekehrt werden sich die Bürger durchaus nicht darum reißen, zu "Bürgerhelfern" werden zu dürfen – vielmehr werden sie dies nach Dörners Erfahrung nur widerwillig und auf ausdrückliches Bitten hin tun.

Dennoch werden sie es letztlich tun, auch in ihrem langfristigen eigenen Interesse, um den Hilfebedürftigen ihren Wunsch zu ermöglichen, "zu leben und zu sterben, wo sie hingehören". Denn das ist der Wunsch fast aller Menschen, gleich in welchem Lebensalter, welcher Kultur und in welchem Gesundheitszustand.

Aber was genau ist es, das unsere Situation in der Menschheitsgeschichte neuartig macht? In erster Linie die Demograpie, in zweiter die Medizin. Die traditionelle Bevölkerungspyramide ist in den letzten Jahrzehnten gekippt und sozusagen zu einem kopflastigen "Bevölkerungsturm" geworden: Die Lebenserwartung ist erheblich gestiegen, auch weil dank der immer besseren Akutmedizin immer weniger Menschen an Unfällen und Infektionen sterben.

Eine Gesellschaft, sortiert nach Brauchbarkeit

Da die Summe aller Todesarten aber konstant bleibt, haben wir heute und in Zukunft immer mehr chronisch Kranke, von denen viele früher oder später pflegebedürftig werden. Dem steht ein sinkender Anteil jüngerer, berufstätiger Menschen gegenüber. Selbst bei massiver Rekrutierung ausländischer Pflegekräfte lässt sich das bisherige System der institutionellen Pflege daher nicht aufrechterhalten. Doch in Dörners Augen ist es ohnehin ein seltsames System:

"Noch nie zuvor war eine Kultur auf die Idee gekommen, alle Bürger nach ihrer zeitgemäßen Brauchbarkeit zu sortieren und, um die Brauchbaren zur maximalen Entfaltung ihrer Arbeitsfähigkeit zu bringen, die Unbrauchbaren als hinderliche Störfaktoren, als Hilfs- oder Kontrollbedürftige zu etikettieren, nach Sorten zu spezialisieren und zu homogenisieren und – nach in der Regel erfolglosen Veränderungsbemühungen – in einem flächendeckenden Netz von Institutionen zu konzentrieren und damit lebenslänglich unsichtbar zu machen." (S. 23 f.)

Für mich war es eine völlig neue und durchaus erschreckende Information, dass diese Segregation der Gesellschaft nach Brauchbarkeits- und Defektklassen nicht "normal" ist, sondern eine historische Besonderheit und in gewisser Weise eine Abnormalität. Ja, mit ein wenig Nachdenken hätte man darauf kommen können, dass so etwas in früheren Jahrhunderten mit viel niedrigeren Bevölkerungszahlen und geringerer Mobilität gar nicht durchführbar gewesen wäre – aber ich habe darüber nie nachgedacht: Man wächst halt in die Welt hinein, so wie man sie vorfindet, und nimmt sie für selbstverständlich.

Neu war mir auch, dass sich die "Altersheime", wie man sie früher nannte, in den Jahren, die ich an ihnen vorbeigefahren bin, immer weiter spezialisiert und segregiert haben: Immer weiter weg von der "gesunden Mischung", die sowohl für die Bewohner als auch für ihre Betreuer ein Stück Lebensqualität ausmacht, und immer mehr hin zu einer Konzentration der gleichen Symptomatiken, bis man schließlich Gettos der schwersten Fälle – sogenannte Pflegeheime – hat.

Wenn man erst einmal hinschaut, ist unschwer zu erkennen, dass hinter dieser Sortierung das kapitalistische Modell der Fabrik steht: Effiziente Produktionsprozesse erfordern eine hohe Spezialisierung, denn sie ist die Voraussetzung für eine Standardisierung, die wiederum Voraussetzung für maximale Effizienz ist – jedenfalls im Umgang mit Sachen. Nur dass Menschen in solch effizienzoptimierten Prozessen leicht ein Gefühl von Entfremdung entwickeln, gleich ob als Arbeiter oder als Bearbeiteter.

Zurück zur gesunden Mischung

Um aus dem gegenwärtigen Modell herauszufinden, das weder bezahlbar noch human ist, sei es erforderlich, meint Dörner, "das Wegmodernisieren der gesunden Mischung" (S. 26) rückgängig zu machen und Alte, Kranke und Behinderte in die Gesellschaft zu reintegrieren:

"Wer überhaupt in die Deinstitutionalisierung einsteigt, der muss auch konsequent weitergehen; und diese Konsequenz macht einen Systemsprung, einen Paradigmenwechsel unvermeidlich, nicht nur vom stationären in den ambulanten Bereich, sondern auch vom profi-gesteuerten in das bürger-gesteuerte System." (S. 29)

"Entweder alle oder keiner!", fordert Dörner: Die "Konzentration der Unerträglichkeit" (S. 30) in spezialisierte Gettos als Ausfluss eines gnadenlos auf Effizienz getrimmten Fabrikbetriebs sei inakzeptabel. Zumal sie für die Betroffenen buchstäblich lebensgefährlich werden könne, spätestens wenn die Ressourcen knapp werden und/oder wenn mal wieder jemand auf die Idee kommt, diejenigen, die man durch die Institutionalisierung ohnehin schon unsichtbar gemacht hat, als "nutzlose Fresser" gleich ganz zu beseitigen, indem man ihre Ernährung und Versorgung herunterfährt oder sie gleich direkt umbringt.

Für Dörner gibt es einen unleugbaren "Zusammenhang mit der Tradition der Institutionalisierung von Menschen, ihrer Entwürdigung und der Bereitschaft, sie zu töten" (S. 49). Und zwar einen Zusammenhang, der sich historisch keineswegs nur für Deutschland belegen lässt.

Ihre Vorläufer hatte die Deinstitutionalisierungsbewegung in den 1930er Jahren im dänischen Widerstand gegen Zwangssterilisierungsprogramme für Behinderte – auch die gab es damals keineswegs nur in Deutschland. Einen neuen Deinstitutionalisierungsschub – laut Dörner "erstaunlich gut vergessen" (S. 51) – brachten die 68er: zum einen mit der "Krüppelbewegung", zum anderen "konnte sich für Kinder und Jugendliche innerhalb weniger Jahre fast das gesamte Heimsystem mit irgendwie stillschweigender Billigung der Gesellschaft deinstitutionalisieren." (a.a.O.)

"Dritter Sozialraum und neues Hilfesystem" – sprich Nachbarschaftshilfe

Zugleich begann ab etwa 1970 unter den Überschriften "Sozialpsychiatrie" und "Antipsychiatrie" eine Debatte um die Deinstitutionalisierung psychisch Kranker. Seit 1980 entstand daraus das, was Dörner "die neue solidaritätsorientierte Bürgerbewegung" nennt (S. 55).

Sie hat "zu diesem Zweck den dritten Sozialraum (zwischen privat und öffentlich) der Nachbarschaft wiederbelebt" (a.a.O.). Dieser "dritte Sozialraum" ist – siehe Untertitel – ein Schlüsselbegriff für Dörner und sein neues Hilfesystem. Aus dem Soziologenjargon ins Deutsche übersetzt steht er schlicht für Nachbarschaftshilfe. Darum herum versammeln sich Schlagworte wie "community care", "inclusion" und "community living" (S. 56).

Dörner belegt an vielen Beispielen, dass dieses neue, nachbarschaftsgestützte Hilfesystem keine Kopfgeburt lebensfremder Weltverbesserer ist, sondern längst in zunehmendem Ausmaß praktische Realität. Leider erfährt die Leserin aber nur wenig darüber, wie die einzelnen Projekte arbeiten, von denen er berichtet, was ihre Ansätze und bisherigen Erfahrungen und was vor allem ihre Vorzüge und Nachteile sind.

Schade: Das hätte mich sehr interessiert, um es mir konkreter vorstellen zu können. Dörner nennt zwar unzählige Namen und Adressen, aber zu ihrer Arbeit liefert er meist nur ein paar zusammenfassende Stichworte. Oder er hebt einzelne Aspekte hervor, die in seinen jeweiligen Gedankenzusammenhang passen, aber kein umfassendes Bild vermitteln. So bleiben viele Modelle, die er aufführt, für mich als Laien nur mehr oder weniger abstrakte Bezeichnungen, Konzepte und Überschriften. Immerhin wird daraus klar, dass es hier nicht nur einen Weg gibt, sondern viele alternative Modelle und Varianten.

Dass die Bürger von ihrer neuen Rolle als Bürgerhelfer spontan begeistert sind, ist mehrheitlich nicht zu erwarten: "Helfen ist zunächst die Gabe von Zeit. Dass die Not des Anderen an mir vorbegehen möge, ist allzu menschlich, dass sie mich angeht, anmacht, ist nur menschlich." (S. 67) Doch ist es nicht zwangsläufig so, dass die Bürger im neuen Hilfesystem ihre Freizeit ohne jeden Ausgleich opfern, ihre Hilfe kann auch durch einen "sozialen Zuverdienst" (S. 70) wenigstens teilweise vergütet werden.

Das Grundbedürfnis nach Bedeutung für Andere

Das "neue Hilfesystem" unter tatkräftiger Beteiligung der Nachbarschaft stellt, je besser es funktioniert, unser ökonomisch geprägtes Menschenbild in Frage: Wenn es im Leben primär um die Maximierung des eigenen Nutzens und Wohlergehens geht, dann hat es keinerlei Sinn, anderen zu helfen, die diese Leistung alters- und/oder krankheitsbedingt nicht mehr werden erwidern können. Diese Denkweise spiegelt sich darin, dass, wie Dörner schreibt, "solidarisches Helfen in der Regel nur ungern, nur widerwillig gewollt werden kann." (S. 80)

Unter einem solchen um Eigennutz kreisenden Menschenbild wäre Hilfe allenfalls als nachbarschaftliches Tauschgeschäft oder als eine "Versicherungsvereinbarung auf Gegenseitigkeit" rational: Hilfst du mir, wenn ich Hilfe brauche, dann helfe ich dir, wenn du Hilfe brauchst. Trotzdem helfen sich Nachbarn, und das nicht nur ausnahmsweise, auch wenn so gut wie ausgeschlossen ist, dass ihre Leistungen von den Hilfeempfängern vergolten werden können. Wie ist das zu erklären?

Dörner wirft die Frage nach dem Menschenbild mit einem milderen seiner Caesar-Sätze auf (bitte notfalls wie früher im Lateinunterricht erst das Subjekt und dann das Prädikat finden und unterstreichen):

"Wenn das alles zutrifft, dass die Alten sich in bisher unbekanntem Ausmaß vermehren, dass sie praktisch alle leben, altern und sterben wollen, wo sie hingehören, dass wir alle diesen Ausdruck ihres Wunsch- und Wahlrechts bejahen, dass dies uns alle und die Gesellschaft verändern muss und dass wir zur Verwirklichung dieser letzten und vornehmsten Willensbildung der alten schon jetzt eine Bürgerbewegung zustande gebracht haben, die zu diesem Zweck ein neues Hilfesystem geschaffen hat, dann muss dem wohl auch ein neues Menschenbild entsprechen, dass sich irgendwie von dem alten Menschenbild der Moderne unterscheidet." (S. 71)

Unter Berufung auf Jürgen Habermas meint er,

"… dass wir wohl heute (seit 1980?) In einer postsäkularen Gesellschaft leben; denn die säkulare Moderne habe ihr Versprechen nicht einlösen können, dass jeder sich individualisierende Mensch genügend Sinn für sein Leben ganz allein aus sich selbst schöpfen könne; vielmehr sehe es jetzt so aus, als ob wir dafür doch des Anderen bedürften, wer oder was auch immer darunter zu verstehen sei." (S. 72)

Letztlich rekurriert er auch hier auf seine zentrale Feststellung, jeder Mensch brauche "ein Mindestmaß an Bedeutung für andere":

"Denn während man im alten institutionellen Hilfesystem und auch noch in den verbetriebswirtschaftlichten Gesetzen und den vergleichbaren Texten der Berufs- und Wohlfahrtsverbände bis zu Ermüdung immer wieder nur lesen kann, dass Hilfsbedürftige immer mehr Selbstbestimmung brauchen, wird in dem neuen Denkhorizont und dem neuen Hilfesystem unabweisbar, dass das zwar richtig ist, dass aber auch die Hilfsbedürftigen – wie alle Menschen – noch ein weiteres, genauso vitales Grundbedürfnis haben, nämlich das Bedürfnis nach Bedeutung für andere, nicht überflüssig zu sein, sondern gebraucht zu werden, für andere da zu sein, notwendig zu sein. Davon brauchen sie sogar noch mehr als Menschen ohne Hilfebedarf; denn wer darauf angewiesen ist, immer wieder zu nehmen (nämlich Hilfe), braucht zum Ausgleich noch mehr Gelegenheiten, auch geben zu können." (S. 76)

Wenn man alte Menschen aus Institutionen herausholt bzw. ihnen die Einweisung in solche Institutionen erspart, geht es nach Dörner nicht nur darum, ob sie in ihrer neuen Lebensform genug Selbstbestimmung haben, sondern mindestens genauso wichtig auch darum, dass sie genügend Bedeutung für Andere haben. Das ist für Bürger nach seiner Auffassung leichter zu verstehen als Profis, denn diese Laien sind oft selbst zum Helfen gekommen, weil sie in ihrem eigenen Leben einen Mangel an Bedeutung für Andere empfanden:

"Im Ergebnis helfen sich im neuen Hilfesystem die Hilfsbedürftigen und die helfenden Bürger gegenseitig; die einen sind hilfebedürftig, die anderen helfensbedürftig: Ihre 'gleiche Augenhöhe' ist somit die ihrer Bedürftigkeit!" (S. 76 f.)

Damit nimmt die Sache eine erstaunliche, aber nicht unplausible Wendung: Helfende und Hilfsbedürftige helfen sich gegenseitig bei der Erfüllung ihrer jeweiligen elementaren Bedürfnisse. Genau dadurch kooperieren sie auf der Basis von Gleichwertigkeit.

Das "Wirksamkeitsgeheimnis von Nachbarschaftshilfe"

Dörner denkt dieses neue Hilfesystem in konzentrischen Kreisen: Im Zentrum steht der Einzelne bzw. der familiäre Haushalt. Wenn der es nicht mehr schafft, muss als nächstes "der dritte Sozialraum der Nachbarschaft" einspringen. Und wo der an seine Grenzen stößt, ist die Kommune, die Kirchengemeinde bzw. sind "die Profis" gefragt.

Klug und spannend finde ich Dörners Darlegungen, deshalb diese Solidarität nicht "unbedingt" sein, sondern nur unter einschränkenden Bedingungen funktionieren kann:

"Solidarität lässt sich wirksam nur mobilisieren, wenn alle Beteiligten ihrer Verantwortung streng territorial definieren, zwar jenseits der Grenze lebende Menschen ausschließen, dafür aber alle im Territorium lebende und hingehörige Menschen einbeziehen." (S. 94)

Er nennt dies das "Wirksamkeitsgeheimnis von Nachbarschaft":

"Nur wer sich von der Zuständigkeit für das Elend der ganzen Welt freigestellt sieht, wird sein Engagement – bei immer zu unterstellendem Bedürfnis nach Bedeutung für Andere – für seinen eigenen Sozialräumen geradezu zwangsläufig erhöhen, ob er will oder nicht, weil er sich auf die Begrenztheit seines Aufgabenfeld verlassen kann." (S. 95)

Nur der Ausschluss "Fremder" macht nach seiner Überzeugung die unbedingte Solidarität mit allen Nachbarn (und nicht nur ausgewählten, besonders sympathischen oder besonders pflegeleichten) möglich.

Das ist natürlich brisant, weil es diskriminierend – im Sinne von unterscheidend – ist. Aber es hat keinen Sinn, hier Tabuzäune aufzurichten: Man muss das denken und aussprechen dürfen. Und vermutlich ist es für viele Leute sogar notwendig, so zu denken, damit sie nicht aus Angst, von dem Hilfebedarf der Welt überrollt und buchstäblich plattgemacht zu werden, ganz zumachen, sondern innerlich dazu in der Lage sind, ihren eigenen Bedarf des Helfens zu entdecken und sich um die zu kümmern, die ihnen – räumlich – die nächsten sind.

Aber das könnte auch in Summe funktionieren, weil ja jede/r Hilfebedürftige, solange er/sie nicht in eine Institution eingewiesen wurde, Nachbarn hat, also Menschen, die ihm räumlich "die nächsten" sind. Im Gegensatz zu anderen Formen der Diskriminierung führt die territoriale daher nicht zu ausgegrenzten Minderheiten. Stattdessen bewirkt sie eine Paradoxie, die Dörner einmal in einem Vortrag sehr hübsch etwa so zugespitzt hat: "Mit Behinderten / Dementen / Flüchtlingen will ich nichts zu tun haben. Aber um unsere Behinderten / Dementen / Flüchtlinge kümmern wir uns natürlich!"

Ob das das letzte Wort zu diesem Thema ist, wage ich nicht zu beurteilen. Aber es ist ein Wort.

Nachdrückliche Empfehlung

Dabei lasse ich es bewenden mit meiner zusammenfassenden Besprechung, auch wenn die Vielzahl der Gedanken, Erfahrungen und Empfehlungen, die Dörner in diesem Buch anbietet, bei Weitem noch nicht ausgeschöpft ist. Doch in den späteren Kapiteln konnte ich seinen Ausführungen nur noch teilweise folgen, weil es mir an eigener Erfahrung mit dem Themenfeld mangelt; aus demselben Grund kann ich auch manche seiner zum Teil recht apodiktischen Aussagen nicht wirklich nachvollziehen.

Ich will damit ausdrücklich nicht sagen oder andeuten, dass er mit diesen Aussagen Unrecht hat oder über das Ziel hinausschießt. Vielmehr gehe ich bis zum Beweis des Gegenteils davon aus, dass Dörner als klarer und mutiger Denker mit umfassender Praxiserfahrung gute Gründe für seine klaren Worte hat. Nur fehlt es mir an eigener einschlägiger Erfahrung und Sachkenntnis, um ihm entweder voller Überzeugung zustimmen zu können oder um ihm zu widersprechen.

Trotz des teilweise "herausfordernden" Schreibstils kann und will ich dieses Buch nachdrücklich empfehlen: Wer überhaupt den Mut aufbringt, sich aus der Komfortzone der eigenen "Brauchbarkeitsklasse" samt ihrer institutionalisierten Abschottung gegen niedrigere Brauchbarkeitsklassen herauszubegeben und sich mit der Frage des (eigenen und fremden) hohen Alters und Sterbens zu befassen, findet in Dörner einen überaus kompetenten und im besten Sinne "radikalen" Vordenker. Er ist dazu bereit und in der Lage, weit über den Status quo hinauszudenken, und entwirft hier die Skizze eines Zukunftsbilds, wie Alter, Gebrechlichkeit, Demenz und Sterben weitaus menschlicher und zugleich kostengünstiger gestaltet werden könnten als mit den heute noch üblichen Lagerstätten.

Nur eines sollte man sich von dem Buch nicht erwarten, auch wenn der Titel Erwartungen in dieser Richtung weckt: Konkrete Anleitungen und Empfehlungen, wie man sich selbst auf das eigene hohe Alter oder das seiner Eltern oder Freunde vorbereiten und sich dafür ein geeignetes Umfeld suchen oder aufbauen kann.

Denn auch wenn Dörner oft und einfühlsam die Perspektive der Betroffenen einnimmt: Sein zentrales Anliegen ist nicht deren persönliche Beratung, sondern die Gestaltung bzw. Weiterentwicklung des Gesamtsystems. Wer persönliche Anleitungen sucht, kann allenfalls den zahlreichen "Fährten", die er im Text und vor allem in seinen Fußnoten legt, weiter nachspüren. Was allerdings dadurch erschwert wird, dass diese Spuren nicht mehr ganz frisch sind und Dörner keine Internetadressen nennt.

Andererseits hat sich das Themenfeld seit Erscheinen des Buchs mit Sicherheit weiterentwickelt, sodass sich im Internet vermutlich auch konkrete Anleitungen Empfehlungen finden lassen, die Dörner beim Schreiben des Buchs noch gar nicht kannte.

Schlagworte:
Altern, Sterben, Demenz, Gebrechlichkeit, Hilfebedürftigkeit, Nachbarschaftshilfe, Neues Sozialsystem, Gemeindeentwicklung

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