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Ausgezeichneter Leitfaden für Veränderungen von unten

Popovic, Srdja (2015):

Blueprint for Revolution

How to Use Rice Pudding, Lego Men, and Other Nonviolent Techniques to Galvanize Communities, Overthrow Dictators, or Simply Change the World

Spiegel & Grau (New York); 285 Seiten; 15,98 Euro (deutsch:


Nutzen / Lesbarkeit: 10 / 10

Rezensent: Winfried Berner, 17.06.2020

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Hervorragender Leitfaden nicht nur für potenzielle Revolutionäre, sondern für alle, die gesellschaftliche und/oder politische Veränderungen bewirken wollen, ohne aus einer Position der Macht zu agieren. Und dazu sehr unterhaltsam zu lesen.

Wie erkläre ich jetzt, dass ich hier auf dieser friedfertigen, ausgesprochen "systemimmanenten" Website eine "Anleitung zur Revolution" bespreche? Und das, obwohl ich ein erklärter Anhänger evolutionärer Weiterentwicklung und damit zwangsläufig ein Gegner von Revolutionen bin? Und dann noch positiv?

Nun ja, eine erste Erklärung ist, dass meine Leseliste zu einem guten Teil aus Empfehlungen entsteht – sei es von Freunden und Bekannten oder auch aus Büchern. Dieses hier fand ich in Adam Grants Originals ausführlich und sehr anerkennend zitiert, was mich neugierig gemacht hat. Eine zweite Erklärung ist, dass man daraus als Change Manager eine Menge lernen kann – und sollte. Denn eines haben Change Manager und Revolutionäre eben doch gemeinsam: Sie suchen die Zustimmung der "breiten Volksmassen" und sind, wenn auch auf unterschiedliche Weise, auf deren Unterstützung angewiesen.

Die dritte Erklärung ist, dass der Widerstand gegen Diktatoren auf der psychologischen Ebene ein hochspannender Wettstreit zwischen Ermutigung und Entmutigung ist. Unterdrückung funktioniert ja nicht zuletzt über Entmutigung: Sie lebt davon, den Bürgern zu suggerieren, dass sie erstens mit ihrer Unzufriedenheit völlig alleine stehen und zweitens nicht die geringste Chance haben, am Status quo etwas zu verändern. Umgekehrt ist der wichtigste Job einer Gegenbewegung die Ermutigung: Die Leute davon zu überzeugen, dass sie erstens mit ihrer Unzufriedenheit eben nicht alleine sind und zweitens etwas an ihrer Lage verändern können.

Und schließlich will ich nicht verschweigen, dass ich ganz einfach begeistert von diesem fröhlich-kreativen, gewaltfreien Ansatz bin und von dem Schatz an innovativen Ideen, Strategien und Methoden, den dieses Buch ausbreitet.

Kreative, fröhliche, gewaltfreie Umstürzler

Der Name Srdja Popovic sagt bei uns kaum jemanden etwas. Auf dem Balkan wäre das anders, den Popovic war einer der Anführer der Studentenbewegung Otpor! (Widerstand!), die maßgeblich zum Sturz des serbischen Diktators Slobodan Milosevic beitrug. Besonders bemerkenswert: Sie schafften das mit einer Kampagne, die nicht nur konsequent gewaltfrei war, sondern auch unglaublich originell und witzig, gemäß dem Grundsatz: Wenn wir uns schon die Mühe machen müssen, den Diktator zu stürzen, dann soll es zumindest Spaß machen.

Das kann man als frivol, gar als verantwortungslos oder zumindest als Ausdruck mangelnder Ernsthaftigkeit empfinden, doch gleich was man davon moralisch hält, es erschließt dem Widerstand eine neue, zusätzliche Energiequelle und ist schon deshalb nicht zu verachten. Überdies ist es für alle Beteiligten interessanter und menschlicher als Kampagnen, die nur von verbiesterter Ernsthaftigkeit getragen sind.

Nach dem Rücktritt Milosevics hat sich Popovic nicht zur Ruhe gesetzt oder einen "ernsthaften Beruf ergriffen", vielmehr trainiert – man könnte auch sagen: ermutigt – er zusammen mit einem Team von Gleichgesinnten in ihrem Centre for Applied Nonviolent Action and Strategies (CANVAS) Demokratie­bewegungen in aller Welt, hilft ihnen, das lähmende Gefühl von Chancenlosigkeit zu überwinden und mit wohlüberlegten Aktionen erste kleine Erfolge zu sammeln. Auf diese Weise lernen sie, sich selbst zu ermutigen, bekannter zu werden und Unterstützer zu gewinnen.

Wobei der Rücktritt Milosevics, auch das ist eine wichtige Lehre aus diesem Buch, auch der falsche Zeitpunkt gewesen wäre, um sich als gewaltfreier Umstürzler am Ziel zu glauben und in den revolutionären Ruhestand zu gehen. Denn der Sturz eines Diktators ist zwar ein wichtiges Etappenziel, aber, wie unzählige Beispiele der letzten Jahre zeigen, keineswegs gleichzusetzen mit dem Moment, ab den unumkehrbar die Demokratie ausbricht.

Denn das Ende einer Diktatur schafft ein Machtvakuum, und das wird nicht von denjenigen ausgefüllt, die am meisten dazu beigetragen haben, sondern, wie wir etwa in Ägypten gesehen haben, von denen, die am straffsten organisiert sind. Wer also nicht bloß einen alten Diktator gegen einen neuen tauschen will, die darf am Ende der Party, mit der der erfolgreiche Umsturz gefeiert wurde, nicht einfach nach Hause gehen und sich ins Privatleben zurückziehen, sie muss den Aufbau demokratischer Strukturen mit großer Ausdauer, Beharrlichkeit und ungebrochener Schlagkraft begleiten. (Was zu allem Übel sehr viel weniger aufregend und weitaus trockener und mühsamer ist.)

Am Anfang steht Selbstermutigung

Dieser "Blueprint for Revolution" liest sich ausgesprochen gut und kurzweilig, weil Popovic in jedem Kapitel die Geschichte von einem anderen Aufstand sehr anschaulich und detailreich erzählt; daraus leitet er gut nachvollziehbar die Lehren und Erkenntnisse ab, die er aus dem jeweiligen Fall zieht. Das liest sich so locker, dass man sich zuweilen fast selbst einen Ruck geben muss, um aus dem Entertainment-Modus herauszukommen und sich die wesentlichen Erkenntnisse einzuprägen.

"It Can Never Happen Here" ist das erste Kapitel überschrieben, und es beschreibt am Beispiel einer Gruppe junger Ägypter das Grundgefühl der Entmutigung, das charakteristisch für die Stimmung in noch unangefochtenen Diktaturen ist: Selbst diejenigen, die voller Empörung sind und unbedingt etwas ändern wollen, können sich kaum vorstellen, dass es in ihrem Land eine Möglichkeit gibt, die autoritäre und brutale Staatsmacht ins Wanken zu bringen: "Sometimes it seems we are just … nobodies." (S. 21)

Die erste große Herausforderung für potenzielle Aktive ist daher, selbst Mut zu schöpfen und es für möglich zu halten, etwas verändern zu können. Die Politik von CANVAS ist dabei, sich jeder aktiven Unterstützung der Arbeit vor Ort zu verweigern. Stattdessen erzählen sie den Aktiven nur von ihren eigenen Erfahrungen und ermutigen sie, ihren eigenen Weg zu finden, der zu ihnen, ihrer Kultur und den Gegebenheiten vor Ort passt. Denn nur wenn sowohl das Vorgehen als auch die gesetzten Themen im jeweiligen Land ausreichende Resonanz finden, hat ihr Vorhaben eine Chance.

Das mag für die Adressaten anfänglich frustrierend sein, wenn sie sich mehr tätige Hilfe erhofft haben, beugt aber zwei großen Gefahren vor, nämlich erstens, dass sich die lokalen Aktiven auf sie, die "Revolutionsprofis" verlassen, zum anderen, die Schuld für fehlgeschlagene Aktionen bei ihnen abzuladen: "Wir haben ja gleich gesagt, dass das hier in unserem Land nicht funktioniert!" Zugleich ist diese Verweigerung aber auch eine Ermutigung: "Ihr könnt das selber, ihr braucht uns nicht!"

Auf die richtigen Themen und Methoden setzen

Falls die werdenden Aktiven Mut fassen und erste Ideen entwickeln, verändert sich ihre Rolle: Dann stehen sie selbst vor der großen Herausforderung, wie sie ihren Landsleuten Mut machen und sie von der Möglichkeit einer Veränderung überzeugen können. Dafür sind zwei Dinge wichtig: Zum einen erste schnelle Erfolge, zum anderen ein aufmerksamer Blick dafür, wo ihre Landsleute wirklich der Schuh drückt. Denn je nach Ausgangslage haben viele Menschen ganz andere Sorgen, als für abstrakte Konzepte wie Freiheit und Demokratie Kopf und Kragen zu riskieren. Deshalb geht es darum, die "line of division" (S. 52) so zu ziehen, dass sie möglichst viele Menschen einschließt.

Erste greifbare Erfolge sind ein wichtiges Element der Selbstermutigung. Deshalb propagiert Popovic hier einen Grundsatz des amerikanischen Aktivisten Jonathan Kozol: "Pick battles big enough to matter, but small enough to win." (S. 37) Mit anderen Worten, in dieser Anfangsphase geht es noch lange nicht um den großen Show-down, hier geht es um erste sichtbare Akte des Widerstands, die den Leuten bewusst machen, "that we are the many and they are the few" (S. 17).

Wenn in einer Großstadt alle Taxis plötzlich Schrittgeschwindigkeit fahren oder wenn anstelle einer verbotenen Demonstration an zentralen Plätzen Ansammlungen von Legofiguren mit Protestplakaten stehen, ist das sicher nichts, was eine Diktatur ins Wanken bringt, aber es ist ein Signal, dass man mit seiner Unzufriedenheit nicht alleine ist und gemeinsam etwas bewirken kann.

Zugleich treffen solche Aktionen empfindlich das Kontrollbedürfnis jeder Diktatur, weil sie, auf dem falschen Fuß erwischt, nicht dazu in der Lage ist, rasch die Ordnung wiederherzustellen, und/oder bei dem Versuch, für Ordnung zu sorgen, maßlos überreagiert und sich zum Narren macht. Das lässt die übermächtige Diktatur plötzlich hilflos, tölpelhaft und lächerlich erscheinen.

"A big part of a movement's success will be determined by the battles it chooses to fight, and a lot of that has to do with how well it understands its opponent. Many centuries ago, Sun Tzu reflected on this when he told readers of The Art of War how important it is to always put your strong points against your enemy's weak points." (S. 37f.)

Humor und Gelächter als Waffe

Sich auf die Felder konzentrieren, die vielen Menschen wichtig sind, und Konflikte auszuwählen, die man gewinnen kann – das zeigt, dass Popovic und CANVAS nicht heißblütig voranstürmen und das Regime frontal attackieren, sondern den Widerstand sehr strategisch und mit kühlem Kopf angehen. Was angesichts der Übermacht nicht nur gesünder ist, sondern auch mehr Erfolg verspricht.

Ebenfalls sehr sympathisch ist mir sein Ansatz eines "Laughtivism", auch wenn dieser Begriff vermutlich noch auf Jahrzehnte hinaus von allen Rechtschreibkorrekturprogrammen unterkringelt werden wird. Aber den Kampf gegen Diktaturen nicht mit verbissenem Ernst zu führen, sondern mit Witz, Humor und fantasievollen Aktionen, das spricht nicht nur ein viel größeres Publikum an und nimmt es für sich ein, es nutzt das Lachen auch als Mittel gegen die Angst, die Diktaturen verbreiten: "The only thing that can trump fear is laughter." (S. 100)

Das ist auch deshalb eine effektive Strategie, weil es Diktaturen zuverlässig schlecht vorbereitet erwischt:

"If you're a cop, you spend a lot of time thinking about how to deal with people who are violent. But nothing in your training prepares you for dealing with people who are funny." (S. 99)

Hier kommen die demonstrierenden Lego-Figuren ins Spiel, die mit Parolen bedruckten Tischtennisbälle, die in einer hügeligen Stadt durch die Straßen hüpften, ein großes Fass, das mit dem Gesicht des Diktators bemalt ist, in einer belebten Straße aufgestellt wird und von Passanten mit Stöcken traktiert werden darf, in Unrat versteckte USB-Lautsprecher, die regimekritische Parolen skandieren, eine Parade von Schubkarren, mit der viele Aktivisten zur Hauptnachrichtenzeit ihre Fernsehgeräte durch die Straßen fahren, damit die darin ständig auftretenden Machthaber mal wieder etwas von der Realität zu sehen bekommen, und vieles andere mehr.

Lauter Aktionen, die nicht verboten sind und die Ordnungskräfte in größte Verlegenheit bringen, wie sie damit umgehen sollen: Gleich ob sie die Lego-Figuren festnehmen, den Tischtennisbällen nachjagen, das zerbeulte Fass beschlagnahmen, im Unrat nach versteckten Lautsprechern graben oder sich den Schubkarren in den Weg stellen, sie werden zu unfreiwilligen Mitwirkenden der Aktion und leisten, je mehr sie sich bemühen, umso mehr ihren Beitrag zur Erheiterung und Belustigung der Bevölkerung.

"There is a reason humor is such a popular tool in the modern activist's arsenal: it works. For one thing, it breaks fear and builds confidence. It also adds the necessary cool factor, which helps movements to attract new members. Finally, humor can incite clumsy reactions from your opponent. The best humorous actions – or laughtivism – force autocrats and their security pillars into lose-lose scenarios, undermining the credibility of their regimes or institutions no matter how they manage to respond. (…) The high and mighty can't take a joke." (S. 110f.)

Sehr hübsch ist auch ein simulierter Windows-Installationsbildschirm aus Ägypten, der vorgibt, ein Programm namens "Freedom" von einem Server "Tunesia" zu installieren, zwischendurch den Hinweis ausgibt "Few Days Remaining", dann aber mit der Fehlermeldung abbricht: "Cannot install Freedom: Please remove "Mubarak" and try again".

Wenn Repressionen nach hinten losgeht

All dies kommt sehr entspannt und fröhlich, ja geradezu harmlos daher, doch die Kapitelüberschrift "Laugh Your Way to Victory" scheint mir die Sache doch etwas zu verharmlosen. Wer mit einer Diktatur Katz und Maus spielt, für den ist ein waches Bewusstsein lebenswichtig, wer die Katze und wer die Maus ist.

Das wird spätestens im folgenden Kapiteln deutlich: "Make Oppression Backfire". Seltsamerweise mögen es Diktaturen nicht, wenn sie öffentlich vorgeführt und dem Gespött preisgegeben werden. Also pflegen sie besonders hart zurückzuschlagen, um weitere derartige Frechheiten möglichst "nachhaltig" zu entmutigen. Aus diesem Grund betont Popovic: "Making oppression backfire is a skill every activist must master." (S. 129)

Einschüchterung arbeitet bevorzugt mit der Angst vor dem Unbekannten, wie etwa der Angst vor Verhaftung und Gefängnis. Deshalb setzte Otpor! darauf, hierüber größtmögliche Transparenz herzustellen: Wie genau läuft eine Verhaftung ab? Was erlebt man da? Worauf muss man sich einstellen? Zugleich achteten sie sehr sorgfältig darauf, jedem einzelnen Fall die maximale mögliche moralische, rechtliche und politische Unterstützung zuteil werden zu lassen, getreu dem Motto der amerikanischen Armee, "to leave no man behind" (S. 133).

Und schließlich entwickelten sie die geniale "Rock Star Reception Tactic" (S. 135): Jede/r aus der Haft Entlassene bekam einen grandiosen öffentlichen Empfang. Verhaftet zu werden, wurde "cool". Im Laufe der Zeit wurde es zum Statussymbol der Aktivisten, wie häufig sie schon festgenommen worden waren: Verschieden farbige T-Shirts mit dem Logo von Otpor! zeigten an, wer es schon wie weit gebracht hatte.

Des Weiteren entwickelten sie eine Strategie für die Gegenwehr gegen besonders brutale, sadistische Polizeichefs. Sie verbreiteten Fahndungsplakate mit dem Bild und der Telefonnummer der Betreffenden und der Aufschrift: "This man is a bully. Call this man and ask him why he is beating our kids." (S. 138)

Eine anschlussfähige Vision von Morgen

Doch neben kreativen Ideen braucht jede Widerstandsbewegung auch ein strategisches Ziel, eine "Vision of Tomorrow". Denn es reicht nicht, zu wissen, was man satt hat – man muss auch ein attraktives Bild von der Zukunft anbieten. Was nicht unbedingt bedeutet, dass man ein Leitbild entwickeln muss. So schreibt Popovic wird über die Vision der jungen Serben:

"The phrase 'vision of tomorrow' sounds like something you'd find in a boring corporate PowerPoint presentation, but it has to be neither dull nor very technical. For us, the vision of tomorrow was a much simpler and more meaningful thing: we just wanted a normal country with cool music. That's it. We wanted a Serbia that was open to the world, as it had been under Tito. We wanted an end to ethnic conflicts, a return to normalcy, good neighborly relations, and a functioning democracy." (S. 70)

Entscheidend ist, dass das Zielbild anschlussfähig ist:

"Most people in society will take risks and participate in a movement only if the cause is personally important to them, which is why it's imperative that you know what people cherish." (S. 72)

Einen sehr wertvollen strategischen Rat enthält das Kapitel "The Almighty Pillars of Power": Jedes autoritäre Regime hat eine ökonomische Machtbasis, sprich seine Geldquellen, auf die es angewiesen ist. Wer es schafft, diese Geldquellen zum Versiegen zu bringen, erschüttert das Regime mehr als jedes Flugblatt und jede Demonstration.

Strikte Gewaltfreiheit – durchsetzen

In den letzten Kapiteln des Buchs beschreibt Popovic einige zentrale Prinzipien erfolgreichen Widerstands. Abweichend von seiner Reihenfolge (nicht aber von seinen Prioritäten) beginne ich mit dem Prinzip der Gewaltfreiheit. Sie ist nicht nur ein ethisches Gebot, weil kein Ziel es rechtfertigt, unschuldige Beteiligte zu verletzen oder zu töten, und weil aus Hass und Gewalt nichts Positives entstehen kann.

Gewaltfreiheit folgt auch einer strategischen Logik. Denn es ist unklug, den Gegner dort anzugreifen, wo er am stärksten ist und wo die eigenen Kräfte am schwächsten sind. Diktaturen sind in aller Regel hoch gerüstet. Im Vergleich dazu ist die zivile Opposition lächerlich schlecht bewaffnet und hätte deshalb bei einer Konfrontation schlechte Karten. Mindestens genauso wichtig ist aber, dass sie mit der Anwendung von Gewalt ihrer Unterstützer verprellen und den Machthabern in die Hände spielen würde:

"Violence scares people, and when people are scared, they look for a strong leader to protect them." (S. 203)

Empirische Untersuchungen besagen, dass gewaltfreier Widerstand zwar keine Erfolgsgarantie hat, aber mit 53 Prozent der Fälle immerhin eine doppelt so hohe Erfolgschance wie gewaltsamer Widerstand, der lediglich in 26 Prozent der untersuchten Fälle erfolgreich ist.

Doch Popovic ist auch hier nicht bloß Theoretiker, er ist vor allem ein versierter Praktiker. Deshalb weiß er, dass es nicht ausreicht, Gewaltfreiheit zu predigen, weil es immer ein paar Desperados gibt, die trotzdem teils aus Überzeugung, teils aus Wut, teils aus purer Lust am Prügeln zu Gewalt greifen – und damit das öffentliche Bild bestimmen. Auf diese Weise schaden sie dem Widerstand insgesamt und legitimieren zugleich ein rabiates Durchgreifen der Staatsmacht.

Deshalb rät er, es nicht bei Appellen zu belassen, sondern gewaltbereite Gruppierungen aktiv im Auge zu behalten: "Train your fellow activists to spot potential sources of friction" (S. 208). Wenn nötig, solle man eine "protest police" (S. 209) einrichten, um seine Veranstaltungen vor Provokateur zu schützen und sich klar von gewalttätigen Gruppierungen abzugrenzen. Dazu gehört auch "identifying the provocateurs and uploading their images to social networks." (S. 210)

Einheit, Geschlossenheit – und Planung

So wichtig es ist, das Prinzip der Gewaltfreiheit konsequent durchzuhalten, so wichtig sind auch Einheit und Geschlossenheit. Viele Diktaturen verdanken ihre Stärke maßgeblich der Tatsache, dass die Opposition heillos zersplittert ist. Eine atomisierte Opposition jedoch braucht im Grunde gar nicht antreten; mit ihr haben selbst mäßig begnadete Diktatoren leichtes Spiel.

Als Treiber der Zersplitterung macht Popovic die allzu menschliche Überzeugung aus, "that we know better than anybody else" (S. 155). Aber vermutlich sind es darüber hinaus auch weltanschauliche und kulturelle Unterschiede, die bewirken, dass die aufgestellten Forderungen sowie die eingesetzten Methoden zu sehr am eigenen Geschmack und den eigenen Maßstäben ausgerichtet sind, sodass sie für Teile der Bevölkerung nicht anschlussfähig sind.

Deshalb drängt er darauf, sorgfältig zu eruieren, was die Leute im ganzen Land wirklich bewegt, und die "line of division" so zu ziehen, dass sich möglichst viele Menschen hinter einer einheitlichen Botschaft wiederfinden können. Neben dieser einheitlichen Botschaft braucht eine Bewegung, um eine Gute Chance zu haben, auch eine einheitliche Organisation:

"Unity, in the end, is about much more than having everybody line up behind a particular candidate or issue. It's about creating a sense of community, building the elements of a group identity, leaving none of your men and women behind, and sticking to your values. It's about doing plenty of things that make others feel as if your struggle is theirs as well. Often, it is about no more than holding hands in a crowded square or singing the right song. And it's immeasurably important." (S. 171f.)

Neben diese großen emotionalen Themen stellt Popovic ein sehr nüchternes, staubtrockenes, nämlich das der (strategischen) Planung. Denn wer glaubt, dass erfolgreiche Widerstandsbewegungen mehr oder weniger spontan aus der Gruppendynamik eines unterdrückten Volks entstehen, träumt einen romantischen Traum. Wer wirklich etwas bewegen will, muss ziemlich viel Denkarbeit darauf verwenden, das Vorgehen Schritt für Schritt zu planen und dabei genau zu überlegen, welcher Schritt zu welcher Zeit reif ist, gegangen zu werden. Sonst wird die erhoffte Revolte zum Rohrkrepierer.

Das Begonnene zu Ende bringen

Der alles entscheidende Punkt ist aber, die Sache wirklich zu Ende zu bringen und sich nicht zu früh am Ziel zu glauben. Wie eingangs gesagt, ist der Sturz des Diktators nur ein Zwischenziel, wenn auch ein spektakuläres, und zugleich in aller Regel ein Wendepunkt des Vorgehens. Doch es ist noch lange kein endgültiger und unumkehrbarer Erfolg.

Denn diejenigen, die das alte System getragen und von ihm profitiert haben, sind ja nicht verschwunden, sie haben vorerst nur eine empfindliche Niederlage erlitten und warten auf eine neue Chance. Eine zusätzliche Gefahr sind Trittbrettfahrer, die wenig zum erreichten Erfolg beigetragen haben, jetzt aber versuchen, Kapital daraus zu schlagen und im schlimmsten Fall die Macht für sich zu vereinnahmen. Deshalb stellt Popovic fest:

"It's important for nonviolent activists to finish what they start. The glamorous achievement of toppling a dictatorship only counts as victory if the not-so-glamorous task of putting a democracy in place has been accomplished." (S. 217)

"You must ensure that whatever changes you bring about are going to be durable and stable. There are some obvious things you should be cautious of, like proclaiming 'game over' too early, not recognizing victories when they are handed to you, or frittering away your hard-won unity on 'family' squabbles and political posturing. And although it can be tempting, be careful not to fall in love too easily with the new elites and heroes your movement may bring to prominence. Corruption and the abuse of newfound power can mar the positive achievements of even the best-run nonviolent revolutions, and many times a dictator's old shoes will seem very comfortable to the new inhabitants of his palace." (S. 236)

Das eigene Schicksal selbst in die Hand nehmen

Im letzten Kapitel "It Had to Be You" macht Popovic deutlich, dass die Prinzipien eines fröhlichen, kreativen, gewaltfreien Widerstands, die er in diesem Buch beschreibt, nicht nur auf das Stürzen von Diktatoren anwendbar sind:

"If you walk away from this book with nothing else, please remember this: life is much more meaningful – and also much more fun – when you take charge and act. It's sad to realize how much of modern life is designed to lull us into being comfortably numb." (S. 248)

"The important thing for activists to realize is that everything comes down to community. It's always about people. The ideas in this book are just a practical framework; they're useless without a mind determined to make a difference and a heart that believes that making a difference is possible. Speaking from personal experience, and on behalf of all the nobodies who followed this sensible path to spectacular results, I swear that there is no more fulfilling or happier way to live than to take a stand for something you think is right. Even the smallest creatures have the power to change the world." (S. 249f.)

Wie er abschließend feststellt, spielt für den Erfolg immer auch das Glück eine Rolle – dennoch wäre es ein großer Fehler, zu viel darauf zu bauen. Das Glück ist nicht dafür zuständig, mangelnde Planung oder deren Lücken und Denkfehler wettzumachen, und es pflegt diese Hoffnung auch zu enttäuschen. Deshalb legt er potenziellen Aktivisten eindringlich nahe, ihre Hausaufgaben zu machen und alles, was planbar ist, akribisch vorauszudenken – und dann zu akzeptieren, dass nicht alles planbar ist.

Das gilt auch für eigene und fremde Emotionen:

"At some point or another you are going to be very, very scared. You can be the toughest dude alive, and yet you can be sure that there will come a time when you too will be frightened, sad, or overwhelmed. It is the nature of the beast: when you take big, audacious risks and try to implement big, sweeping changes, you meet big, determined opposition. If you try to confront it alone, if you never share your frustrations and your joys with your friends, you will never achieve much." (S. 257)

Seine Schlussfolgerung daraus ist ein Merksatz: "People power is a team sport." (S. 257) Nach seiner Erfahrung gilt für erfolgreiche Teams das Gleiche wie für ein Aktienportfolio: "The key is to diversify." (S. 258) Deshalb sollte man nicht nur nach Leuten suchen, die einem möglichst ähnlich sind, sondern Wert auf Vielfalt legen – und mit Blick auf die Kompetenzen, die man für die ins Auge gefasste Strategie benötigt.

Resümee: Top-Empfehlung für alle, die im gesellschaftlichen oder politischen Raum etwas bewegen wollen, ohne viel Status und Macht zu besitzen, also aus der Perspektive der "Nobodies", der kleinen und mittelgroßen Leute. (Das Buch ist auch auf deutsch verfügbar unter dem deutlich entschärften, handzahmen Titel "Protest! Wie man die Mächtigen das Fürchten lehrt".)

Schlagworte:
Gesellschaftliche Veränderungen, Politische Veränderungen, Gewaltfreier Widerstand, Methoden der Veränderung, Change-Strategie

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