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Ein Versuch, sich einen Reim auf die Corona-Weltlage zu machen

Krastev, Ivan (2020):

Ist heute schon morgen?

Wie die Pandemie Europa verändert

Ullstein (Berlin); 90 Seiten; 8 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 10.08.2020

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Wie immer bei Krastev scharfe Beobachtungen und kluge Gedanken zu einer Entwicklung, von der letztlich noch niemand weiß, wie sie weitergehen wird. Die zentralen Gedanken sind auch in einem Spiegel-Interview vom 27.6.2020 enthalten.

Dieses Büchlein ist im Grunde ein mit sehr "großzügigem" Layout auf Buchlänge gestreckter Essay, und seine Gliederung ist provozierend einfach: Einer 20 Seiten langen "Einleitung" folgt ein 17 Seiten langes Kapitel, das aussagekräftig mit "Kapitel Eins" überschrieben ist, und ein 26 Seiten langes "Kapitel Zwei". Dann noch 16 Seiten "Schluss" – dann ist Schluss.

Nach der Lektüre muss ich allerdings zugeben, dass ich auch nicht dazu in der Lage wäre, die Überschriften aussagekräftiger zu formulieren. Aber bei aller Bereitschaft, meine Unzulänglichkeit einzuräumen und anzunehmen, bin ich nicht sicher, ob das nur an mir liegt.

Scharfe Beobachtungen

Gekauft habe ich mir das Büchlein aufgrund eines Spiegel-Interviews mit Ivan Krastev (27.6.2020), das ich so interessant fand, dass ich es mir aufgehoben habe. Wie sich nun herausstellt, waren darin bereits viele der interessantesten Gedanken enthalten – wie etwa den, dass der Nationalismus, den wir jetzt in der Corona-Krise erleben, ein völlig anderer ist als der der Flüchtlingskrise: kein ethnischer Nationalismus, sondern ein territorialer.

Als Bedrohung werden jetzt nicht mehr die Fremden empfunden, sondern völlig unabhängig von der Nationalität, diejenigen, die woanders herkommen und insbesondere aus tatsächlichen oder vermuteten "Hotspots". Nicht von Migranten geht eine Gefahr aus, sondern von Deutschen, die aus Mallorca zurückkommen: "Der Wohnsitz ist wichtiger als der Pass." (S. 35)

Auch der Gedanke bzw. die Erfahrung, dass es die Menschen in einer großen Krise zurück in ihrer Heimat zieht, scheint mir bemerkenswert: Krastev selbst ist samt seiner Familie aus Wien zurück nach Bulgarien gegangen – und das im vollen Bewusstsein, dass das Gesundheitssystem in Österreich weit leistungsfähiger ist als das in seiner Heimat. Offenbar, so seine Schlussfolgerung, gehen unsere Reflexe dahin, uns in Krisen dorthin zu flüchten, wo wir uns am geborgensten fühlen.

Vordergründig scheint Corona im Gegensatz zu der Klimakrise mehr die Älteren zu bedrohen als die Jüngeren: Während sich etwa die Fridays for Future-Proteste (zu Recht!) dagegen wehrten, dass wir Älteren die Zukunft der jungen Generation verfrühstückten, fühlen sich nun viele der Älteren von dem Leichtsinn der Jüngeren bedroht. Doch wie Krastev treffend feststellt, werden zumindest die ökonomischen Folgen der Pandemie ebenfalls vor allem die Jüngeren treffen.

Das ist einfach gut beobachtet, mit Aufmerksamkeit, Scharfsinn und ohne Denkstereotypien. Solche Beobachtungen sind es wert, wahrgenommen und geteilt zu werden: Sie liefern zwar (noch) keine Antworten, aber sie schützen uns zumindest vor falschen, voreiligen Antworten, die auf der Basis schlampiger Beobachtungen gegeben werden. Wer etwa die von Krastev unterschiedenen Ausprägungen des Nationalismus gleichsetzt, kommt zwangsläufig zu falschen Schlüssen.

Keine Stärkung der Populisten

Klug beobachtet ist auch, dass von Krisen wie der derzeitigen, entgegen landläufiger Meinung, nicht unbedingt autoritäre Regime profitieren:

"Es stimmt, dass autoritäre Führer in Krisen gedeihen und dass sie in der Politik der Angst bewandert sind, doch es ist wichtig festzuhalten, dass sie vor allem von den Krisen profitieren, die sie selbst heraufbeschworen haben oder für deren Beherrschung sie einigermaßen gerüstet sind. Krisen, die die Welt, wie wir sie kennen, zu verändern drohen, sind ihnen zuwider." (S. 50)

Aus Krastevs Sicht ist es kein Zufall, dass viele "starke Männer" unserer Zeit sowohl die Klima- als auch die Corona-Krise abstreiten. Sie reagieren geradezu beleidigt und trotzig, dass diese Krisen es wagen, ihnen ins Handwerk zu pfuschen, und strafen sie mit Missachtung. Was die Krisen erwartungsgemäß wenig beeindruckt. (Die chinesische Führung muss man von dieser Betrachtung ausnehmen, weil sie insgesamt sehr viel rationaler und nicht so spätpubertär agiert.)

Deshalb glaub Krastev auch nicht, dass Corona die Populisten stärken wird:

"Covid-19 [hat] die Haltung der Öffentlichkeit gegenüber dem Fachwissen verändert. Das Virus hat die gesellschaftlichen Vorteile einer kompetenten Regierung deutlich gemacht, während nach der Finanzkrise ein tiefes Misstrauen gegenüber Experten und Technokraten herrschte." (S. 53)

Dennoch wird die Pandemie nach seiner Überzeugung Europa und die Welt verändern, und zwar einfach deswegen, weil es in vieler Hinsicht kein Zurück gibt. China wird unter der Deglobalisierung und der sogenannten Entkopplung (de-coupling) vom Westen leiden.

Paradoxe Effekte

Europa dagegen dürfte durch die Pandemie vor Zerreißproben gestellt werden. Und Krastev rechnet damit, dass es letztlich mit einer Wahl zwischen einem "Abgleiten in die Bedeutungslosigkeit" (S. 76) und einem engeren Zusammenwachsen konfrontiert werden wird – und die Integration wählen wird:

"Gerade der Druck der die Globalisierung bringt die Europäer womöglich dazu, noch mehr gemeinsame Strategien zu verfolgen und sogar einige Notstandsvollmachten auf Brüssel zu übertragen." (S. 77)

"Wenn die Welt immer protektionistischer wird, kann es einen effektiven Protektionismus in Europa nur auf kontinentaler Ebene geben." (S. 79)

Einen paradoxen Effekt hat die Pandemie nach seiner Einschätzung auch auf die Demokratie:

"Covid-19 [hat] der Demokratie eine Auszeit beschert – zumindest in Europa, wo in vielen Staaten der Ausnahmezustand ausgerufen wurde –, [hält] dadurch aber die Sehnsucht der Menschen nach einer autoritären Regierung in Grenzen." (S. 75)

Im Augenblick lernen wir gerade, dass Demokratie mehr ist als alle vier oder fünf Jahre wählen zu können:

"Von entscheidender Bedeutung ist auch, dass die Menschen die Möglichkeit haben, Teil einer Menge zu sein, ein Kollektivkörper, der die Intensität ihrer politischen Leidenschaft ausdrücken kann; Wahlkundgebungen und Massendemonstrationen geben Bürgern ein Zusammengehörigkeitsgefühl, dass die Teilnahme an Wahlen alleine nicht bieten kann." (S. 58)

Sein Resümee:

"Das große Paradoxon bei Covid-19 ist, dass die Schließung der Grenzen zwischen den EU-Staaten und die Isolation der Menschen in ihren Wohnungen uns kosmopolitischer denn je gemacht hat. Vielleicht zum ersten Mal in der Geschichte reden die Menschen überall auf der Welt über dasselbe und teilen dieselben Ängste. (…) Es mag vielleicht nur für die Dauer dieses einen seltsamen Moments in unserer Geschichte sein, aber wir können nicht leugnen, dass wir gegenwärtig erleben, wie es sich anfühlt, eine gemeinsame Welt zu bevölkern." (S. 79f.)

Denkanstöße durch kluge Gedanken und scharfe Beobachtungen

Was ist mein Resümee nach netto 72 Seiten? Krastev zu lesen ist anstrengend, zuweilen frustrierend. Er schreibt zwar viel flüssiger als viele deutsche Geisteswissenschaftler, aber man hat – oder zumindest ich hatte – nach der Lektüre kein schlüssiges Gesamtbild, sondern musste mir erst einmal die Mühe machen, selber zu ordnen und zu sortieren, was ich da eigentlich gelesen und gelernt hatte.

Wenn man sich dieser Anstrengung unterzieht, wird die Lektüre in überraschendem Maße belohnt: Auf den sorgfältigen zweiten Blick erschließen sich viele Gedanken und Verbindungen, die sich (wenigstens mir) beim ersten Lesen nicht erschlossen haben.

Wie die Welt nach bzw. mit Corona aussehen wird, kann natürlich auch Krastev nicht wissen, aber er zeigt Entwicklungen und Zusammenhänge auf, die nicht trivial sind und begründete Erwartungen und plausible Entwicklungslinien zumindest zu Teilaspekten ermöglichen.

Dass er dabei nicht alle relevanten Entwicklungen im Blick hat, ist nur menschlich. (Und unterscheidet ihn nicht von den Spezialisten, die wenigstens auf ihrem eigenen Gebiet eigentlich zu besseren Prognosen in der Lage sein sollten.) Beispielsweise beachtet er in meinen Augen zu wenig (und ebenso wenig wie die meisten Ökonomen), dass die aktuelle Gesundheitskrise vermutlich eine tiefe Wirtschafts- und in deren Folge eine Finanzkrise nach sich ziehen wird.

Aber was viel wichtiger ist: Krastev hilft einem zu denken und zu begreifen, sich wenigstens einen unvollständigen Reim zu machen auf das, was derzeit mit unserer Welt geschieht. Und das ist unglaublich viel wert: auf dieser Basis kann man weiter zu denken und zu verstehen versuchen. Fast den gleichen Nutzen kann man allerdings haben, wenn man das Spiegel-Interview noch einmal sorgfältig liest.

Schlagworte:
Pandemie, Europa, Nationalismus, Populismus, Diktaturen, Globalisierung, Ängste, Generationenkonflikte

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