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Wachsender Wertekontrast zur islamischen Welt

Inglehart, Ronald; Norris, Pippa (2003):

The True Clash of Civilizations



Foreign Policy March/April 2003; 9 S. (63 – 70)


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 9

Rezensent: Winfried Berner, 22.11.2004

Nach Inglehart und Norris ist die kulturelle Trennlinie, die den Westen von der islamischen Welt scheidet, nicht das Demokratieverständnis, sondern die Einstellung zu Gleichberechtigung, Scheidung, Abtreibung und Homosexualität.

In seinem vieldiskutierten Buch "The Clash of Civilizations" behauptete Samuel Huntington 1993, dass sich die moslemische Welt in ihrem Demokratieverständnis unüberbrückbar vom Westen unterscheide. Der renommierte Soziologe Ronald Inglehart und seine Harvard-Kollegin Pippa Norris (John F. Kennedy School of Government) halten nun dagegen: Der wirkliche Graben, der diese beiden Welten trenne, sei die Einstellung zu den Geschlechterbeziehungen. Gestützt auf die neuesten Ausgaben des "World Value Survey" (WVS), die 1995/96 und 2000-2002 durchgeführt wurden, zeigen sie, dass auch die Moslems die Demokratie als die beste Regierungsform ansehen: "In Albania, Egypt, Bangladesh, Azerbaijan, Indonesia, Morocco, and Turkey, 92 to 99 percent of the public endorsed democratic institutions–-a higher proportion than in the United States (89 percent)." (S. 66)

Zwar findet sich in islamischen Gesellschaften eine stärkere Befürwortung religiöser Führung, was sich in höherer Zustimmung zu Statements wie den Folgenden äußert: "Politiker, die nicht an Gott glauben, sind ungeeignet für öffentliche Aufgaben" oder: "Es wäre besser für dieses Land, wenn mehr tiefreligiöse Menschen in öffentlicher Verantwortung wären". Doch stellen Inglehart und Norris fest: "Yet this preference for religious authorities is less a cultural division between the West and Islam than it is a gap between the West an many other less secular societies around the globe, especially in sub-Saharan Africa and Latin America." (S. 66) Doch auch in den USA glauben zwei Fünftel der Bevölkerung, dass Atheisten keine politische Verantwortung ausüben sollten.

"However, when it comes to attitudes toward gender equality and sexual liberalization, the cultural gap between Islam and the West widens into a chasm", schreiben Inglehart und Norris (S. 67). Bei Fragen der Gleichberechtigung – gemessen an der Ablehnung von Aussagen wie, dass Männer bessere politische Führer seien als Frauen oder dass ein Universitätsstudium für Jungen wichtiger sei als für Mädchen – liegen westliche Länder im Schnitt bei 82 Prozent, islamische bei 55 Prozent. Auch wenn diese Unterschiede ohne Zweifel groß sind, einen "Abgrund" vermag ich darin nicht zu erkennen. Eher bin ich nach all dem, was ich seit Jahren höre und lese, erstaunt, dass die Zustimmung zur Gleichberechtigung in den islamischen Ländern mit knapp über der Hälfte höher ist als ich erwartet hätte.

Allerdings muss man diesen Aspekt in einem größeren Zusammenhang sehen: "These issues are part of a broader syndrome of tolerance, trust, political activism, and emphasis on individual autonomy that constitutes 'self-expression values'. The extent to which a society emphasizes these self-expression values has a surprisingly strong bearing on the emergence and survival of democratic institutions", erklären Inglehart und Norris (S. 67). In der Tat weist eine abgedruckte Grafik eine hohe Korrelation zwischen "Level of Democracy" und "Support for Gender Equality" aus, den sie als Schlüsselindikator für Toleranz und persönliche Freiheit ansehen.

Als Test für die Toleranz einer Gesellschaft verwenden Inglehart und Norris die Einstellung zur Homosexualität: "Tolerance of well-liked groups is never a problem. But if someone wants to gauge how tolerant a nation really is, find out which group is the most disliked, and then ask whether members of that group should be allowed to hold public meetings, teach in schools, and work in govermment." (S. 68) In der Tat stellt sich heraus, dass die Ablehnung von Homosexualität in autoritären Staaten tief verankert ist: "99 percent in both Egypt and Bangladesh, 94 percent in Iran, 92 percent in China, and 71 percent in India." (S. 68) Im Kontrast dazu schwanken diese Zahlen in stabilen Demokratien zwischen 32 Prozent (USA) und 19 Prozent (Deutschland).

Besonders spannend ist ein Generationen-überspannender Vergleich der Einstellungen zu Gleichberechtigungsfragen, den die beiden Forscher anstellen. Danach ist der Unterschied zwischen Moslems und westlichen Ländern bei jungen Menschen deutlich größer als bei den Älteren: In den Geburtsjahrgängen 1917 – 1926 liegt der Westen bei der Zustimmung zur Gleichberechtigung bei etwa 70 Prozent und die Moslems bei 56; in den Jahrgängen 1977 – 1986 liegt die westlichen Länder bei 86 und die islamischen bei rund 60 Prozent. Der Abstand hat sich also, wie Inglehart und Norris nicht ohne Sorge feststellen, fast verdoppelt.

Aus diesem Generationenvergleich lässt sich auch erkennen, wie die angewachsene Wertediskrepanz wirklich zustandegekommen ist: Nicht eine Rückwärtsentwicklung der islamischen Welt, sondern ein schneller und ausgeprägter Wertewandel in der westlichen Welt, den die islamische Jugend nicht mitvollzogen hat. Sie (fast) so wertkonservativ geblieben ist wie ihre Urgroßeltern. Das ist ohne Zweifel eine wichtige Erkenntnis – ob sie aber den Alarmruf eines unausweichlichen Zusammenpralls der Kulturen rechtfertigt, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr scheinen mir erhebliche Zweifel angebracht, ob sich die gegenwärtige weltpolitische (wie auch innenpolitische) Gemengelage tatsächlich aus unterschiedlichen Einstellungen zu Gleichberechtigung, Abtreibung und Homosexualität erklären lässt. Witzigerweise sind ja diejenigen, die sich bei uns besonders ausländerfeindlich gebärden, diesen Ausländern in den genannten Werten sehr viel näher als der Bevölkerungsdurchschnitt. Ähnliches lässt sich, ohne irgendjemandem zu nahe zu treten, auch über die amerikanischen Republikaner und die wiedergewählte Bush-Regierung sagen.

Leider verfolgen Inglehart und Norris die spannende Fährte nicht weiter, die sie da selbst gelegt haben. Sie liefern nur noch einen wichtigen Hinweis auf einen wesentlichen Treiber des Wertewandels, nämlich den wirtschaftlichen Fortschritt: "Industrialization brings women into the paid work force and dramatically reduces fertility rates. (...) Thus, relatively industrialized Muslim societies such as Turkey share the same views on gender equality and sexual liberalization as other new democraties." (S. 68) So überzeugend diese Begründung für den Wertewandel ist, sie lässt völlig offen, was die zunehmende Polarisierung zwischen dem Westen und der islamischen Welt wirklich treibt – und wieso es auf beiden Seiten gerade die "Wertkonservativen" sind, die sich besonders lustvoll ineinander verbeißen.

Schlagworte:
Interkulturelles Management, Nationalkulturen, Wertewandel, Gleichberechtigung, Demokratie

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