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Strange Habits of Us Germans

Schroll-Machl, Sylvia (2003):

Doing Business With Germans

Their Perception, Our Perception

Vandenhoeck & Ruprecht 2002; 216 S.; 24,90 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 6 / 4

Rezensent: Winfried Berner, 17.12.2004

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Eine nützliche Beschreibung jener "gewöhnungsbedürften Besonderheiten", durch die wir Deutschen in internationalen Geschäftsbeziehungen auffallen. Leider wirkt die englische Version sehr holzig und deutlich ungenauer als die deutsche.

Dieses Doppel-Buch (es gibt eine parallele deutschsprachige Ausgabe) über ist in vieler Hinsicht ein "sehr deutsches" Buch – was keineswegs abwertend oder gar masochistisch gemeint ist. Aber welche Nation käme sonst auf die Idee, eine sehr ernsthafte (und weitgehend humorfreie) Gebrauchsanleitung für Deutsche und Nichtdeutsche bezüglich der besseren Gestaltung ihrer wechselseitigen Geschäftsbeziehungen zu schreiben? Und doch ist es keine schlechte Idee, so etwas zu tun – schon gar nicht bei einer in mancher Hinsicht recht komplizierten Nation wie uns Deutschen. Sehr umsichtig (und "deutsch") auch, dieses Buch nicht nur auf deutsch, sondern auch auf englisch herauszubringen. Befremdlich nur der Untertitel der englischen Ausgabe "Doing Business With Germans – Their Perception, Our Perception". Aus der Feder einer deutschen Autorin liest sich diese Gegenüberstellung von "their" und "our" doch etwas eigenartig und klingt nach einer weiteren (und mutmaßlich ebenfalls recht deutschen) Eigenart, die in dem Buch nicht erwähnt ist: der "interkulturellen Anbiederung".

"Very German" ist auch die Systematik, mit der die Deggendorfer Psychologin und Religionspädagogin Sylvia Schroll-Machl sieben "zentrale deutsche Kulturstandards" abhandelt, die in der Tat zentrale Konfliktherde bei der Zusammenarbeit mit (vielen) anderen Nationen darstellen. Sie beginnt jeweils mit einer Definition des Kulturstandards, erläutert ihn dann ausführlich (und lobenswerterweise mit vielen kurzen, anschaulichen Fallbeispielen), diskutiert sodann mit großer Ernsthaftigkeit und ebenso großem Bemühen um Objektivität die Vor- und Nachteile des jeweiligen Kulturstandards, leitet daraus jeweils "Empfehlungen für Deutsche, die mit Nicht-Deutschen arbeiten" und "für Deutsche, die in internationalen Zusammenhängen arbeiten" ab und fügt schließlich einen Abschnitt über "historische Hintergründe" an.

Ich habe mich in dieser Systematik und Ernsthaftigkeit der Abhandlung selbst wiedererkannt – und gerade deshalb ein bisschen lachen müssen über uns Deutsche: Das ist in der Tat sehr ordentlich, strukturiert und gewissenhaft, aber halt auch ein bisschen langweilig und unflexibel – und damit gar kein so schlechter Vorgeschmack darauf, worauf "der Ausländer" gefasst sein muss, wenn er sich mit uns Deutschen einlässt. Like it or not – so oder sind wir halt, und es ist wahrscheinlich für beide Seiten hilfreich, wenn wir uns da nichts vormachen. (Was natürlich ebenfalls eine recht deutsche Wertung ist, die wunderbar in den Kulturstandard "Schwacher Kontext" passt, und hier insbesondere in den Aspekt "Explizite Kommunikation: Was wichtig ist, wird auch in Worte gefasst"; S. 169.)

Aber was sind diese "Kulturstandards" überhaupt? Am prägnanten beschreibt dies wahrscheinlich der Begriff "Eichungen", den Samy Molcho im Bezug auf Körpersprache verwendet hat: Es sind tiefsitzende Normen und Selbstverständlichkeiten des Miteinander-Umgehens, die weitgehend unbewusst sind, weil man mit ihnen aufgewachsen ist, nie etwas anderes erlebt hat und sie infolgedessen auch weder erkennen noch in Frage stellen kann. Beim Kontakt verschiedener Kulturen treffen unterschiedliche "Eichungen" aufeinander, was ein reichhaltiges Potenzial für Missverständnisse, Friktionen und Kränkungen liefert. Die sieben wichtigsten deutschen Kulturstandards sind laut Schroll-Machl:

  • Sachorientierung (im Gegensatz zu der Personenorientierung, die viele andere Kulturen prägt);
  • Hohe Wertschätzung von Strukturen und Regeln;
  • Regelorientierte, internalisierte Kontrolle;
  • Zeitplanung und konsekutives Zeitverständnis (im Gegensatz zu einer "parallelen" Zeit);
  • Trennung von Persönlichkeits- und Lebensbereichen;
  • "Schwacher Kontext" als Kommunikationsstil (kein "reading between the lines", gering ausgeprägte Wahrnehmung von Dingen, die sich aus Andeutungen oder dem Zusammenhang ergeben);
  • Individualismus.

Wer als Deutscher mit ausländischen Kollegen und/oder Geschäftspartnern zu tun hat, für den ist es gut angelegte Zeit, sich einmal intensiver mit diesen deutschen Kulturstandards zu befassen: Das kann ihm selbst ebenso wie seinen ausländischen Kollegen das Leben und die Zusammenarbeit erheblich erleichtern und helfen, unnötige Beziehungsbelastungen zu vermeiden bzw., wenn es zu Friktionen kommt, deren Hintergründe besser zu verstehen und sie damit auch leichter "einfangen" zu können. Desgleichen kann die Lektüre auch Ausländern empfohlen werden, sofern sie in überzufälliger Häufigkeit mit Deutschen zu tun haben. Gerade durch die sehr deutsche Verbindung von Systematik und Fürsorglichkeit, die dieses Buch prägt, werden sie möglicherweise erkennen, dass wir Deutschen gar nicht so sind wie wir scheinen. Oder dass wir doch so sind, es aber nicht so meinen. Oder so ähnlich.

Bevor die Autorin freilich zu dieser sehr informativen, wenn auch zuweilen etwas ermüdenden Erläuterung dieser sieben Kulturstandards vordringt, gibt sie der ebenfalls sehr deutschen Neigung nach, uns und anderen die Welt zu erklären: Sie stellt auf 14 Seiten "erschöpfend" dar, was Kulturstandards überhaupt sind, welcher Kulturbegriff hinter ihnen steht und wo ihre Grenzen liegen. Weiter skizziert sie auf rücksichtsvollen 7 Seiten den "geschichtlichen Rahmen" der deutschen Kulturstandards.

Gerade mit einigen der historischen Erklärungen zu den einzelnen Kulturstandards habe ich allerdings Probleme. Sie vernachlässigen zuweilen das Prinzip, dass Erklärungen – gleich ob historische oder andere – nicht nur plausibel sein sollten, sondern auch trennscharf. Es ist nicht schlüssig, manche deutschen Eigentümlichkeiten auf historische Einflüsse zurückzuführen, die – wie zum Beispiel das römische Recht, das Christentum, der Protestantismus – keineswegs nur in Deutschland wirksam waren. Auch scheinen mir manche Erklärungen allzu weit zurückzureichen und in ihrer Wirkungsweise und -richtung allzu spekulativ zu sein. Aber für die Praxis ist das letztlich von untergeordneter Bedeutung, denn die historischen Erklärungsversuche, gleich ob schlüssig oder allzu gewagt, ändern ja nichts an den Fakten, sondern helfen allenfalls, bestimmte befremdlich erscheinenden Gewohnheiten etwas nachvollziehbarer zu machen.

Ein Wort noch zu der englischen Ausgabe: Ich hatte sie als erstes zu lesen begonnen, hatte aber bald so große Mühe mit dem englischen Text, dass ich mir die deutsche Version besorgt habe. Das Englisch erscheint mir über weite Strecken wie eine in englische Wörter übertragene deutsche Satz- und Denkstruktur. Aber auch die Fallbeispiele wirkten in der englischen Ausgabe anders auf mich als in der deutschen: Zuweilen empfand ich sie geradezu als ärgerlich, da sie mir oft allzu krass und untypisch erschienen. Dieser Eindruck war beim Lesen der deutschen Ausgabe wie weggeblasen. Gerade bei solch einem Thema schlägt die sprachliche Qualität offenbar in inhaltliche Qualität um. Ich bewerte daher sowohl den Nutzen als auch die Lesbarkeit der englischen Version deutlich kritischer als die der deutschen.

Schlagworte:
Interkulturelles (Change) Management, Nationalkulturen, Deutsche, Interkulturelle Zusammenarbeit

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