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Das Gründungsmanifest der Soziobiologie – 30 Jahre danach

Dawkins, Richard (2006):

The Selfish Gene

30th Anniversary Edition

Oxford University Press (Oxford) 1976, 1989, 2006; 360 S.; 18,95 Euro


Nutzen / Lesbarkeit: 8 / 8

Rezensent: Winfried Berner, 16.05.2008

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Die Neuausgabe des "Egoistischen Gens" ist 30 Jahre nach Ersterscheinung eher von kulturhistorischem Interesse, außer für Dawkins-Fans. Wer eine Einführung in die Soziobiologie bzw. Verhaltensökologie sucht, ist mit aktuelleren Werken besser bedient.

Dieses Buch hat Furore gemacht. Es wurde zum Gründungsmanifest der Soziobiologie, die heute als Teilbereich der Verhaltensökologie geführt wird: Die populärwissenschaftliche Entsprechung zu den wissenschaftlichen Werken "Sociobiology" von Edward O. Wilson (1975) und "Das Prinzip Eigennutz" von Wolfgang Wickler und Uta Seibt (1977). Der Titel "The Selfish Gene" (deutsch: "Das egoistische Gen") bringt den Kerngedanken der Soziobiologie präzise auf den Punkt, nämlich, dass die Evolution nicht, wie Konrad Lorenz und andere frühe Verhaltensforscher geglaubt haben, auf die "Erhaltung der Art" zielt, sondern ausschließlich am Individuum ansetzt, und zwar selbst dann, wenn dies zu Lasten der Art geht. Doch provoziert dieser Titel zugleich drei Fehldeutungen, die die Diskussion um die Soziobiologie erheblich belastet haben und nach wie vor belasten: Erstens suggeriert der Begriff "egoistisch", dass Gene Ziele und Absichten hätten. Zweitens kann er so verstanden werden, als ob die Soziobiologie rücksichtslosen Egoismus als elementares Prinzip der Natur etabliert wolle, und als ob damit drittens eine wissenschaftliche Legitimation für brachiale Durchsetzung geschaffen werden solle. (In seinem Buch "The God Delusion" erwähnt Dawkins voller Entsetzen, dass ausgerechnet der kriminelle Ex-Enron-Chef Kenneth Lay "The Selfish Gene" als sein Lieblingsbuch bezeichnete.)

All diese Fehlinterpretationen wurden wohl dadurch begünstigt, dass viele Leute von dem Buch kaum mehr als den Titel gelesen und sich dann ihren Phantasien hingegeben haben – welche im Zweifel mehr über sie selbst aussagten als über dieses Buch. Denn alle drei gehen völlig an der Sache vorbei und sind leicht auszuräumen. So ist die Unterstellung, dass Gene bewusste Absichten verfolgen müssten, um sich zu verbreiten, ebenso unsinnig wie überflüssig: Ohne jede Zusatzannahme werden in nachfolgenden Generationen jene Gene verbreiteter sein, die sich so verhalten (bzw. ihre Träger dazu veranlassen, sich so zu verhalten), dass sie (die Gene) besonders erfolgreich weitergegeben werden. Umgekehrt werden Gene seltener, die dies nicht so erfolgreich tun. Der renommierte Evolutionsbiologe Robert L. Trivers bringt das in seinem Vorwort zur ersten Auflage auf den Punkt: "Within each species some individuals leave more surviving offspring than others, so that the inheritable traits (genes) of the reproductively more successful become more numerous in the next generation." (S. XIX) So einfach ist das – eigentlich. Die Soziobiologie fügt lediglich an, dass es nicht allein physiologische Merkmale sind, die zur Verbreitung von Genen beitragen, sondern auch und in erheblichem Ausmaß das Sozialverhalten.
 
Auch die zweite Fehlinterpretation ist durch Lesen des Buchs leicht auszuräumen (und erst recht durch Bücher wie Matt Ridleys "The Origins of Virtue" und Marc Hausers "Moral Minds"). Zu den spannendsten Erkenntnissen der Soziobiologie zählt gerade, dass Kooperation in sehr vielen Fällen die überlegene Strategie gegenüber rücksichtsloser Durchsetzung ist – jedenfalls wenn man Kooperation nicht als naiven Altruismus versteht, sondern als eine Zusammenarbeit zum gegenseitigen Nutzen. Infolgedessen kann es sogar vorteilhaft sein, Vorleistungen in den Aufbau des eigenen Ansehens und eines positiven Beziehungsnetzes zu stecken. Die dritte Fehldeutung schließlich ist grundsätzlicher Natur: Sie basiert auf einem falschen Verständnis von Wissenschaft. Wissenschaft kann uns zwar sagen, was die tieferen Gründe und Ziele unseres Verhaltens sind, und sie kann uns auch sagen, welche Folgen verschiedene Handlungsalternativen haben. Was sie uns dagegen nicht sagen kann, wie wir leben und uns gegenüber anderen Menschen verhalten sollen: Das ist eine Frage der persönlichen Werte, Ziele und Prioritäten. Insofern taugt Wissenschaft grundsätzlich nicht zur Legitimation von Verhalten, sondern kann lediglich zu dessen Erklärung und Verständnis beitragen.
 
Dass dieses Buch so heftige Debatten ausgelöst hat, während das fast gleichzeitig erschienene "Prinzip Eigennutz" viel weniger Beachtung fand, obwohl es die zentralen Gedanken der Soziobiologie eher noch besser erklärt als Dawkins, liegt vermutlich daran, dass Dawkins pointierter und oft auch polarisierender formuliert als die Max-Planck-Forscher Wickler und Seibt. Bereits in vierten Satz des Vorworts zur ersten Auflage provoziert Dawkins seine Leser bis auf die Knochen: "We are survival machines – robot vehicles blindly programmed to preserve the selfish molecules knows as genes." (S. XXI) Wenn wir das an uns heranlassen, ist es in der Tat schockierend, eine geradezu ungeheuerliche Beleidigung für unseren Stolz und Menschenbild. Nicht wir Menschen (und Tiere) wären es demnach, die Gene hätten, sondern unsere Gene wären es, die sich Menschen halten, um uns als sterbliches "Fahrzeug" für eine Teilstrecke ihrer Reise in die Unsterblichkeit zu benutzen. Damit das mit ihrer Unsterblichkeit auch klappt, veranlassten sie uns dazu, ihnen möglichst viele Nachkommen als Fahrzeugpark für die nächste Wegstrecke bereitzustellen. Es kann nicht überraschen, dass viele Leser auf diese vermeintliche Verletzung ihrer Würde zutiefst empört reagierten und sich mit Erbitterung gegen diesen Gedanken verwahrten, weil einfach nicht sein kann, was nicht sein darf. Doch so verständlich solche Reaktionen sein mögen, die wütende Abwehr unangenehmer Erkenntnisse bringt uns nicht weiter. Wer die Welt verstehen will, muss sich solchen Zumutungen stellen und sehen, zu welchen weiteren Erkenntnissen und Schlussfolgerungen sie uns führen.
 
In den ersten zehn Kapiteln seines Buchs handelt Dawkins die Themen ab, die so oder so ähnlich jedes Lehrbuch der Verhaltensökologie oder Soziobiologie bestimmen. Er erklärt die Rolle der Gene und das komplexe Zusammenwirken von Anlage und Umwelt, legt dar, weshalb die Evolution nicht an der Art ansetzen kann, sondern nur am Individuum, beschreibt Interessenkonflikte zwischen den Geschlechtern sowie zwischen Eltern und Jungen, diskutiert die Bedeutung von Verwandtenselektion (kin selection) und sozialen Rangordnungen. Insoweit ist "The Selfish Gene" eigentlich ein ganz normales Fachbuch – wenn auch im Stil von Richard Dawkins: eloquent, argumentationsfreudig, kämpferisch, immer gewillt, eine brisante Fragestellung glasklar herauszuarbeiten, bevor er ihre Lösung (oder verschiedene Lösungsansätze) präsentiert. Vor allem aber ist Dawkins ein Meister der Zuspitzung, wie das Beispiel mit den "survival machines" zeigt. Aber keineswegs nur dieses: "The welfare state is perhaps the greatest altruistic system the animal kingdom has ever known. But any altruistic system is inherently unstable, because it is open to abuse by selfish individuals, ready to exploit it." (S. 117f.) Diese Zuspitzung kann man mögen oder auch nicht. Ich mag sie.
 
Wer jedoch, mehr seinen eigenen Erwartungen als dem Buchtext folgend, glaubt, Dawkins als einen engstirnigen "Biologisten" entlarven zu können, wird sich, falls er so weit vordringt, im 11. Kapitel verwundert die Augen reiben, wenn er da liest, "that for an understanding of the evolution of modern man, we must begin by throwing out the gene as the sole basis for our ideas on evolution." (S. 191) Tatsächlich ist dieses letzte Kapitel der Erstausgabe zugleich dasjenige, um dessentwillen es sich am meisten lohnt, "The Selfish Gene" auch heute noch zu lesen. Denn darin macht Dawkins den Schritt sozusagen von der speziellen zur allgemeinen Evolutionstheorie. Er beschreibt "Meme" – prägnante Inhalte unserer Erinnerung – als die Replikatoren der menschlichen Kultur, die den Genen in ihrer Funktion ähneln, aber weit schneller und effizienter als die genetische Evolution sind.
 
Die kulturelle Evolution setzt auf einer grandiosen Vorleistung auf, die die biologische Evolution an uns Menschen vollbracht hat: Dass sie uns nämlich mit der Fähigkeit ausgestattet, mittels Kommunikation Denkinhalte (Meme) an andere Menschen weiterzugeben. Da die menschliche Erinnerungsfähigkeit nicht unbegrenzt ist, geschweige denn die Fähigkeit, auf Basis dieser Erinnerungen zu handeln, konkurrieren die Meme im "Mempool" in ähnlicher Weise miteinander wie die Gene im biologischen Genpool. Und auch hier verbreiten sich im Laufe der Zeit jene Meme, die – aus welchen Gründen auch immer – so beschaffen sind, dass sie bevorzugt weitergegeben und im Handeln befolgt werden. Allerdings können sich Meme weitaus schneller verbreiten als neue Gene – mit der dramatischen Konsequenz, dass bei uns Menschen die Meme (das heißt die Kultur) die Gene (das Erbgut) als Träger der Entwicklung überholt und sich damit von der biologischen Evolution im engeren Sinne abgekoppelt haben.
 
Die Parallele der "memischen" zur genetischen Evolution ist dabei keine bloße Metapher, sondern es handelt sich um eine strukturelle Übereinstimmung, also um eine zweite Evolution, die nach denselben Gesetzmäßigkeiten – nämlich Variantenbildung und Selektion – funktioniert wie die biologische. Wenn dieser Gedanke der wissenschaftlichen Diskussion standhält, würde das bedeuten, dass die genetische Evolution nur ein Spezialfall, wenn auch natürlich ein äußerst wichtiger, eines allgemeinen Prinzips wäre. Das wiederum könnte heißen, dass es neben dieser zweiten Evolution auch noch weitere geben könnte. Eine dritte deutet Dawkins nur kurz an, ohne den Gedanken weiterzuverfolgen: "One unique feature of man, which may or may not have evolved memically, is his capacity for conscious foresight." (S. 200) Möglicherweise ist die dritte Evolution die der Ideen, Theorien und Konzepte, die es uns ermöglichen, bessere Vorhersagen zu machen und erfolgreicher zu handeln …
 
Spannend ist, dass sich mit den Mechanismen einer Evolution auch ihre Erfolgskriterien zu ändern scheinen: Die kulturelle Evolution orientiert sich offenbar nicht mehr am Überlebenswert einer Eigenschaft (bzw. des sie hervorrufenden Gens): "We do not have to look for conventional biological survival values of traits like religion, music, and ritual dancing, though these may be also present. Once the genes have provided their survival machine with brains that are capable of rapid imitation, the memes will automatically take over. We do not even have to posit a genetic advantage in imitation, though that would certainly help. All that is necessary is that the brain should be capable of imitation: memes will then evolve that exploit the capability in full." (S. 200) heißt das etwa, dass sich der vermeintliche "Biologist" Dawkins hier als verkappter Anhänger des kulturellen Relativismus entpuppt? Oder versucht er nur, sich nur durch ein geschicktes Manöver dem Vorwurf des "Biologismus" (was immer das auch Entsetzliches sein mag) zu entziehen? Keines von beiden: Er folgt nur stringent und ohne Scheu vor möglichen "unerwünschten Einsichten" der Logik seines eigenen Gedankengangs. Genau diese radikale Konsequenz im Denken ist es, die ich an Richard Dawkins so schätze.

Schlagworte:
Soziobiologie, Verhaltensökologie, Evolution, Meme, Kultur, Kulturelle Evolution

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