|
|
Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
|
|

|
Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
|
| |
Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
|
|

|
Für weitere Informationen
klicken Sie bitte hier.
|
| |
Anzeige
Anzeige
|
|
|
|
Kapitalmarkt: Weshalb das ChangeManagement unter Zeitdruck steht
|
 |
|
Wer sich als Change Manager nur privat für Aktienkurse interessiert,
hat etwas Wesentliches übersehen – nämlich dass der Kapitalmarkt
auf börsennotierte Unternehmen massiven Einfluss ausübt, und damit auch auf die Rahmenbedingungen von Veränderungsprozessen in diesen Unternehmen. Großaktionäre,
Banken, Analysten und andere Nervensägen bestehen penetrant auf
einer positiven Entwicklung des Aktienkurses und überdies auf einer
(ihnen) angemessenen Dividende. Bei nicht börsennotierten Unternehmen
übernehmen die gleiche Funktion die Inhaber – teils mit
mehr Geduld, teils mit noch weniger.
|
Druck von Analysten und "Shareholdern"
|
|
|
Im Aktienkurs kommen die Erwartungen der Aktionäre und
Analysten über die Zukunft Ihres Unternehmens zum Ausdruck. Da vor
allem letztere in der Regel erstens recht gut informiert sind und zweitens Einfluss auf das Verhalten mancher Aktionäre und damit auf den Aktienkurs haben, sollte man
ihre Einschätzungen nicht auf die leichte Schulter nehmen. Überdies wirken
sie auf das Unternehmen zurück, weil kritische Bewertungen die Unternehmensleitung
in erheblichen Zugzwang bringen können. Wer einmal miterlebt hat, wie gestandene Vorstände schweißgebadet aus einer Konferenz zurückkommen, in der sie von Analysten "gegrillt" wurden, weiß, dass dieser Einfluss nicht zu unterschätzen ist. Die Folge ist ein erheblicher Zeitdruck
auf das Realisieren von Ergebnissen: "Wir müssen mit ersten Ergebnissen da sein, bevor unsere Shareholder nervös werden," meinte ein Vorstand
in realistischer Einschätzung der Lage.
|
|
Beobachtung der Kursentwicklung
|
|
Beispiel Fusion
|
|
|
Betrachten wir das einmal am Beispiel einer Fusion
oder Übernahme. Ist der Aktienkurs
im Zusammenhang mit der Fusion nach oben gegangen, steht das Management
"nur" unter dem Druck, die erwarteten Synergien
tatsächlich abzuliefern. Genau genommen muss es sie sogar übertreffen, denn sonst entsteht
keine weitere Kurssteigerung: Die positiven Erwartungen sind ja
bereits "eingepreist". Dabei ist das noch der harmloseste und erfreulichste
Fall.
|
|
|
Ist der Kurs gleich geblieben oder zurückgegangen, steht das Management
unter weit größerem Druck. Es muss beweisen, dass durch die Fusion
mehr Wert geschaffen wurde als es sich in den derzeitigen Kurse
widerspiegelt. Das ist häufig nur über eine Verschärfung des eingeschlagenen
Kurses zu erreichen, denn, wie gesagt, die Analysten sind in der
Regel gut informiert. Und bei Integrationsprozessen stecken viele Teufel im Detail – und treten auf die Bremse.
|
|
|
Noch unangenehmer, wenn sich die negativen Erwartungen der Analysten
nicht nur auf den "strategischen Fit" zwischen den beiden Unternehmen
beziehen, sondern auf das Management. Auf gut deutsch: Wenn sie
dem derzeitigen Management eine erfolgreiche Fusion oder Neuausrichtung
nicht zutrauen. Das Management wird sich dieser Sichtweise in der
Regel nicht anschließen wollen – also steht es unter dem Druck,
binnen kürzester Zeit den Gegenbeweis zu liefern.
|
|
|
Nun hält sich der Gang der Geschichte nicht immer an die Prognosen,
die irgendwann einmal verkündet wurden. Es stellt sich daher die
Frage, was das Management für Handlungsoptionen hat, wenn
die Synergien nicht so sprudeln
wie es in den ersten euphorischen Pressekonferenzen angekündigt. In der Regel
bleibt ihm dann, um das Wegrutschen der Aktienkurse zu stoppen,
kaum etwas anderes übrig als ein Sofortprogramm mit drastischen
Maßnahmen (sprich: Personalabbau) anzukündigen, das deutlich über die ursprünglichen Pläne
hinausgeht. Darauf reagiert der Kapitalmarkt in der Regel positiv
– jedenfalls so lange, bis sich herausstellt, dass die Effekte erneut
nicht so eintreten wie angekündigt. Auf das zweite Sofortprogramm
reagiert der Kapitalmarkt schon deutlich verhaltener als beim ersten
Mal. Ab dann läuft die letzte Chance für das Top Management.
|
|
Enormer Zeit- und Ergebnisdruck
|
|
|
Außenstehende machen sich keine Vorstellung, unter welchen Druck
das Top Management geraten kann, wenn eine Fusion oder Umstrukturierung
hinter den Erwartungen zurück bleibt. In bleibender Erinnerung ist
mir ein Treffen mit einem 62-jährigen Vorstandssprecher, der vor
unserer Routinebesprechung einen Termin mit Analysten hatte, in
einer Umstrukturierung, die zugegebenermaßen recht holprig lief.
Er, der normalerweise absolut souverän und nicht aus der Ruhe zu
bringen war, kam durchgeschwitzt, aufgebracht und in fast schon
verstörten Zustand von diesem Termin zurück. Die Analysten hatten
ihn massiv in die Mangel genommen und ihn dabei in größte Verlegenheit
gebracht; er brauchte über eine Stunde, bis er wieder ansprechbar
für andere Themen war, und seine Gedanken schweiften immer wieder zu dieser frischen
Erfahrung ab.
|
|
Ungeduldiger Kapitalmarkt
|
|
|
Nun gehört es zu den Aufgaben von Analysten, die Angaben von Unternehmen
kritisch zu hinterfragen. Den Stellungnahmen und Ankündigungen der
Vorstände wird dabei weitaus kritischer auf den Zahn gefühlt als
sie es intern gewohnt sind. Das kann zu ausgesprochen unangenehmen
Situationen führen. Erklärt ein Vorstand zum Beispiel, dass er an
den Ergebnisprognosen festhalte, obwohl die ersten beiden Quartale
deutlich hinter dem Plan liegen, muss er mit der bohrenden Frage
rechnen: "Wie viele Beispiele aus der Vergangenheit können Sie nennen,
wo Sie das Jahresziel noch erreicht haben, nachdem die ersten beiden
Quartale 7% unter Plan lagen?" Wie überzeugend die Antworten ausfallen,
kann erhebliche Auswirkungen auf den Aktienkurs haben. Und wenn
die Analysten ihre Empfehlung von "strong buy" auf "buy" oder von
"Halten" auf "Verkaufen" setzen, kann das nicht nur Auswirkungen
auf die Tantieme haben, sondern allzu rasch auch auf die Karriereplanung.
|
|
|
Das Problem dabei ist, dass Analysten in aller Regel zwar eine
exzellente betriebswirtschaftliche Qualifikation, aber kaum
Erfahrung mit betrieblichen Veränderungsprozessen haben. Infolgedessen
ist ihnen auch kaum vermitteln, dass manche Veränderungsvorhaben
einfach mehr Zeit brauchen als ein halbes Jahr. Natürlich kann man
ein Kostensenkungsprogramm
samt Personalabbau
in einem halben Jahr durchziehen, und bei einem Turnaround
muss man das sogar. Auch bei einer Fusion
oder einer Reorganisation
müssen nach dieser Zeit die wesentlichen Entscheidungen im Kasten
sein. Aber wie soll man in so kurzer Zeit Ergebnisse vorweisen,
die aus der Implementierung eine neuen Strategie
und/oder aus wesentliche Veränderungen der Unternehmenskultur resultieren? Wie soll so rasch man messbare Erfolge eines Programms
zur Steigerung
der Mitarbeiterqualität oder zum Abbau
innerbetrieblicher Reibungsverluste vorweisen?
|
|
Unrealistische Erwartungen
|
|
|
Auch innerhalb von Großkonzernen steht das Top Management der
Unternehmensbereiche und Tochterunternehmen unter erheblichem Druck. Als wir den Vorstandsvorsitzenden
der deutschen Niederlassung eines internationalen Konzerns in einem
Interview fragten, worin denn seine wesentliche Wertschöpfung für
die ihm anvertrautem Mitarbeiter sei, war seine spontane Antwort:
"Ich schütze sie vor den Haifischen in der Zentrale." Zwei Jahre
später, nach einer verkorksten Integration und einer schwierigen
Marktphase, fiel er selbst den "Haien" zum Opfer.
|
|
Unternehmens-interner Druck
|
|
Konsequenzen für das ChangeManagement
|
|
|
Es hilft alles nichts: Der Kapitalmarkt – bzw. die internen Shareholder
– sitzen am längeren Hebel. Kaum ein Vorstand wird bereit sein,
sich auf Wege der Veränderung einzulassen, deren Abschluss er mit
großer Wahrscheinlichkeit nicht mehr im Amt erlebt. Davon geht ein
erheblicher Druck in Richtung kurzfristig greifender Veränderungen
aus, insbesondere auf Unternehmen, deren Eigenkapitalrendite unbefriedigend
ist.
|
|
Kapitalmarkt am längeren
Hebel
|
|
|
Man kann mit Fug und Recht darüber philosophieren, ob es für die
Zukunft unserer Wirtschaft gut ist, wenn die Umsetzung langfristiger
Strategie
immer mehr zugunsten kurzfristig ergebniswirksamer Maßnahmen ins
Hintertreffen gerät. Kostensenkungsprogramm
und Personalabbau
greifen allemal schneller als strategische Neuausrichtungen, grundlegende
Innovationen oder der zukunftsgerichtete Umbau der Unternehmenskultur.
Trotzdem hat es keinen Sinn, Vorstände zu langfristig angelegten
Veränderungsprogrammen zu überreden, wenn absehbar ist, dass sie
wegen vorzeitiger Interventionen der Kapitalgeber nicht zu Ende
geführt werden können.
|
|
|
Diesem Druck darf sich das Change Management nicht einfach beugen,
weil es sonst nur unrealistische Erwartungen wecken und damit Konflikte säen würde. Aber es kann sich ihm auch nicht völlig entziehen. Man
darf und muss diesen Bogen spannen, aber man sollte ihn nicht überspannen.
Wenn Sie für ein großes Veränderungsvorhaben verantwortlich sind,
bleibt Ihnen kaum etwas anderes übrig, als die Grenze dessen auszureizen,
was für die Analysten und Shareholder gerade noch akzeptabel ist.
(Gemessen nicht an dem, was sie beim Start des Vorhabens akzeptieren,
sondern an dem, was sie auch in sechs Monaten oder einem Jahr noch
mitzutragen bereit sind.) Doch es wäre tödlich, darüber hinaus zu
gehen. Und, da die Grenze in der Zukunft liegt und schwer abzuschätzen
ist, dürfte es sinnvoll sein, zu ihr einen gewissen "Sicherheitsabstand"
zu halten.
|
|
|
Das hat trotz aller Ärgernisse und berechtigten Einwände auch eine
positive Seite: Es übt einen erheblichen Innovationsdruck auf das
ChangeManagement aus. Wir wissen heute (ungefähr), wie wir die Kultur
eines Großunternehmens in 2 bis 3 Jahren verändern können, aber
wir haben noch wenig Ideen und Konzepte, wie die in einem Jahr gelingen
könnte. Auf eine solche Forderung reagieren wir Change Manager,
wie alle anderen Menschen auch, erst einmal mit Widerstand.
|
|
Innovations-
druck auf Change Management
|
|
|
Aber warum sollte es nicht möglich sein, die Durchlaufzeit für
Kulturveränderungen in ähnlicher Weise zu verkürzen wie die für Konstruktion von Kraftwerken, die Auslieferung
von Maschinen oder die Freigabe von Baudarlehen?
Mit Sicherheit ist das noch relativ junge Fachgebiet Change
Management noch nicht am Ende seiner Innovationsmöglichkeiten angelangt.
Also lassen Sie uns unsere Kreativität nicht darauf verwenden
zu erklären, warum es nicht geht, sondern darauf zu erforschen,
wie es gehen könnte.
|
|
|
© 2002 Winfried Berner - vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
|
|
Verwandte Themen:
Synergieeffekte
Strategie
|
|
|