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Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
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Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Rationale Konsensfindung: Gründe statt Gruppendynamik
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Auch wenn gescheite Leute diskutieren, kommen richtige Erkenntnisse
und optimale Entscheidungen nicht allein dadurch zustande, dass
man nur lange und intensiv genug miteinander redet. Denn Gruppendiskussionen
erzeugen im Normalfall keinen rationalen, sondern einen emotionalen
Konsens. Das heißt, die Gruppe einigt sich zwar auf eine Lösung,
aber diese Eintracht ist noch lange keine Gewähr dafür, dass diese
Lösung in der Praxis auch funktioniert. Um einen rationalen Konsens
zu erreichen, das heißt eine Lösung von größtmöglicher Realitätstauglichkeit,
ist es notwendig, im Vorgehen einige grundlegende Regeln einzuhalten.
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Meist entsteht nur ein emotionaler Konsens
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Was genau ist der Unterschied zwischen rationalem und emotionalem
Konsens? Emotionaler Konsens
ist das Ergebnis eines Gruppenprozesses, an dessen Ende sich die
Gruppe auf eine Lösung geeinigt hat, mit der alle ihre Mitglieder
leben können. Die Fähigkeit, einen solchen emotionalen Konsens herzustellen,
ist wichtig für den Gruppenzusammenhalt, weil sie einen Ausgleich
der Wünsche und Interessen herstellt und so für ein Mindestmaß an
Zufriedenheit sorgt. Rationaler Konsens hingegen ist das Ergebnis
einer analytischen Sachdiskussion ("rationaler Diskurs"), an deren
Ende die Beteiligten die bestmögliche Annäherung an die Wahrheit
gefunden bzw. eine – auf Basis der verfügbaren Informationen – optimale
Entscheidung getroffen haben.
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Rationaler Konsens gewährleistet also Realitätstauglichkeit, emotionaler
Konsens sorgt für Akzeptanz. Ganz offensichtlich kann man auf keines
von beiden verzichten, wenn man etwas bewegen will. Es kann also
nicht darum gehen, das eine zu glorifizieren und das andere zu verdammen;
vielmehr ist wichtig, die Unterschiede zwischen den beiden zu verstehen
– und dann ihre Ergänzungspotenziale zu erschließen.
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Willensbildung oder Wahrheitsfindung
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Dass Diskussionen in erster Linie auf einen emotionalen
Konsens zusteuern, liegt einfach darin, dass die Fähigkeit zur
gemeinsamen Willensbildung lebenswichtig für die Funktionsfähigkeit
von Gruppen ist. Gleich ob heute oder vor 10.000 Jahren, Gruppen
gleichen die Wünsche, Bedürfnisse und Vorschläge ihrer Mitglieder
in einem "Palaver" ab; die Wünsche und Vorstellungen der einzelnen
Mitglieder werden dabei gewichtet nach (a) ihrer Rangposition in
der Gruppe, (b) der Anschlussfähigkeit ihrer Ideen und (c) dem Nachdruck
und Geschick, mit dem sie ihre Forderungen vertreten. Die angesehensten
Gruppenmitglieder haben prinzipiell die besten Chancen, ihre Vorstellungen
durchzusetzen (a); wenn aber andere Mitglieder mitreißende Ideen
einbringen (b), besonders vehement für ihre Vorstellungen kämpfen
(c) oder sich geschickt mit anderen verbünden (c), haben sie ebenfalls
Chancen, wesentliche Teile ihrer Vorstellungen durchzubringen.
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Interessen- und Kräfteabgleich
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Der emotionale Konsens ist
also eine Einigung, die die in der Gruppe vorhandenen Bedürfnisse
und Kräfteverhältnisse widerspiegelt. Es kann schnell zustande kommen,
wenn die Interessen relativ homogen und die Kräfteverhältnisse klar
sind; es kann aber auch sehr lange dauern, wenn die Interessen weit
auseinander gehen oder einzelne Gruppenmitglieder die "Sachdiskussion"
nutzen, um Antipathien auszuleben oder um Rivalitäten und Rangkämpfe
auszutragen. Im Extrem kann die Gruppe dabei auch zerbrechen und
sich in Teilgruppen aufspalten – aber das kommt relativ selten vor.
In aller Regel findet die Gruppe auf diesem Weg zu einer Entscheidung,
mit der alle – insbesondere aber die starken Gruppenmitglieder –
leben können.
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Was eine gewachsene und bewährte Methode der Willensbildung ist,
ist jedoch ein völlig ungeeignetes Verfahren zur rationalen Problemanalyse
und zum Treffen von Entscheidungen. Denn wenn es um die Frage "Richtig
oder Falsch" geht, zählt weder Prominenz noch Eloquenz noch Vehemenz
– da zählt alleine die Qualität der Argumente. Denn bei dem schwierigen
Unterfangen der "Wahrheitsfindung" helfen nicht Wünsche und Positionen
weiter, sondern allein Fakten und Gründe.
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Ungeeignet zur "Wahrheits-
findung"
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Der wichtige Unterschied zwischen Wahrheit und Gewissheit
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Dem griechischen Philosophen Sokrates (470 – 399 v.Chr.) verdanken
wir die irritierende Erkenntnis, dass Wahrheit dem menschlichen
Erkenntnisvermögen prinzipiell unzugänglich ist. Nur bei unmittelbar
beobachtbaren Dingen ("Die Herdplatte ist heiß") können wir zweifelsfrei
feststellen, ob eine Aussage wahr oder falsch ist. Sokrates verärgerte
das antike Athen nachhaltig, indem er seine Mitbürger der Dummheit
und Intoleranz zieh. Der Dummheit, weil sie ihre Überzeugungen ständig
mit der Wahrheit verwechselten und nicht in der Lage (oder nicht
bereit) waren, sauber zwischen beidem zu unterscheiden. Und der
Intoleranz, weil sie die Meinung anderer nicht gelten ließen, sondern
immer ihre eigene – vermeintlich wahre – Auffassung für die einzig
richtige hielten.
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Die "sokratische
Differenz"
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"Wahr" ist eine Aussage genau dann, wenn sie die Realität (genauer:
einen Ausschnitt der Realität) zutreffend beschreibt – wenn also
der behauptete Sachverhalt oder Zusammenhang tatsächlich besteht.
Dagegen bezeichnet "Gewissheit" das subjektive Gefühl des Überzeugt-Seins,
das sich etwa in der Aussage äußert: "Ich bin mir absolut sicher,
dass ..." Das zentrale Problem nicht nur der Philosophie, sondern
auch jeder einzelnen praktischen Entscheidung ist, dass es nur einen
losen Zusammenhang zwischen Wahrheit und Gewissheit gibt. Denn Gewissheit
besagt bei genauerer Betrachtung eigentlich nur, dass wir den Wahrheitsgehalt
einer Aussage nicht mehr ernstlich in Zweifel ziehen. Das heißt,
Gewissheit ist, was wir für Wahrheit halten – unabhängig davon,
ob es tatsächlich stimmt.
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Die von Sokrates kritisierte Neigung, Gewissheit mit Wahrheit zu
verwechseln, ist heute noch genau so verbreitet wie vor 2.400 Jahren.
Nur der Umgang mit Philosophen ist toleranter geworden. Die Nachrichten
sind voll von Meldungen, in denen persönliche Gewissheiten mit dem
Anspruch auf Wahrheit verkündet werden: "Der Bundeskanzler (US-Präsident,
Parteivorsitzende ...) ist zutiefst davon überzeugt, dass ..." So
dumm und intolerant diese Gleichsetzung auch heute noch ist, so
mühsam ist es, sich ihr zu entziehen. Denn es ist schwer, mit dem
Bewusstsein zu leben, die Wahrheit nicht erkennen zu können – und
es ist noch schwerer, in diesem Bewusstsein zielgerichtet und entschlossen
zu handeln. Also neigen gerade Tatmenschen dazu, die irritierende
Erkenntnis des alten Sokrates zu verdrängen.
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Doch diese Verwechslung kann äußerst unangenehme Folgen haben.
Nehmen wir folgende alltägliche Pressemeldung: "Der Vorstandsvorsitzende
zeigte sich davon überzeugt, dass die beiden Unternehmen in idealer
Weise zusammen passen und es binnen kurzem möglich sein werde, erhebliche
Synergien
zu realisieren, die in einer erheblichen Steigerung des Aktienkurses
resultieren werden" Dummerweise schafft die feste Überzeugung von
einem strategischen Fit noch lange keinen solchen Fit. Gerade Menschen
in Top-Positionen gelangen oftmals sehr rasch zu "festen Überzeugungen",
manchmal schon nach einer oberflächlicher Betrachtung der Situation
oder einer kurzer Diskussion, in der sie sich mit ihren Getreuen
darauf verständigen, was sie für
die Realität halten wollen. Bitter, wenn sich die Realität an
diese Gewissheiten nicht gebunden fühlt – dann kann die Sache sowohl
für die Betreffenden selbst als auch für deren Mitarbeiter und Aktionäre
übel ausgehen. Mit anderen Worten:
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Die Verwechslung von Wahrheit und Gewissheit ist
nicht bloß ein philosophisches Problem von begrenzter praktischer
Bedeutung, sondern eine äußerst reale Gefahr.
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Deshalb ist es ein Warnsignal, wenn in Unternehmen (oder in der
Politik) allzu schnell mit "felsenfesten Überzeugungen" und "absoluter
Sicherheit" hantiert wird, statt dass man sich die Mühe von Analysen und sorgfältiger Sachdiskussionen macht. Meistens ist dies entweder
ein Indiz für Nachlässigkeit oder, noch verheerender, für Realitätsablösung
und den Glauben, Träger höherer Weisheiten zu sein. Ähnliches gilt,
wenn allzu schnell "aus dem Bauch heraus" entschieden wird. Denn
der Glauben, dass Intuition
uns unfehlbar zu optimalen Entscheidungen führe, ist nichts als
ein bequemer Selbstbetrug. Die Erfahrung zeigt, dass intuitive Entscheidungen
um so besser ausfallen, je sorgfältiger zuvor die Möglichkeiten
der rationalen Erkenntnis ausgeschöpft
wurden.
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Annäherung an die Wahrheit durch einen "rationalen Diskurs"
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Wie eingangs erwähnt, braucht man, um einen emotionalen
Konsens herbeizuführen, den Diskussionsverlauf nur sich selbst
zu überlassen; "Emotionaler Konsens" ist sozusagen der "Default
Value" für Gruppendiskussionen. Um hingegen einen rationalen Konsens
herbeizuführen, ist es notwendig, einige Grundsätze und Regeln zu
beachten. Ihr übergeordnetes Ziel ist, sicherzustellen, dass einzig
und allein die Qualität der Argumente über das Ergebnis entscheidet.
Dementsprechend müssen alle anderen Einflussfaktoren – gruppendynamische
Effekte ebenso wie Denkfehler und Vorurteile, Glaubenssätze und
Bekenntnisse – so weit wie möglich ausgeschaltet werden.
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Nur die Qualität
der Argumente
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Die wichtigste Voraussetzung hierfür ist ein "herrschaftsfreier
Dialog". Hinter diesem etwas hochtrabenden Begriff verbergen sich
nicht, wie misstrauische Seelen argwöhnen könnten, die anarchistischen
oder basisdemokratischen Neigungen mancher Philosophie-Professoren;
vielmehr geht es darum, einen wesentlichen gruppendynamischen Störfaktor
der rationalen Konsensbildung auszuschließen, nämlich formelle und
informelle Hierarchien. Denn für die Frage, ob ein Argument sticht,
spielt nur die Qualität des Arguments selbst eine Rolle – ist es
unerheblich, ob es vom Lehrbuben oder vom Meister kommt. Also ist
notwendig, dass sich die Beteiligten darauf verständigen, dass hierarchische
Position und Status innerhalb der Diskussion keine Rolle spielen.
Für die Ranghöheren bedeutet das bewussten Dominanzverzicht; den
Rangniedrigeren verlangt es den Mut ab, ihre wahre Meinung ohne
Selbstzensur und taktische Erwägungen zu äußern.
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"Herrschafts-
freier Dialog"
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Um Missverständnisse auszuschließen: Hierarchie und Status sind
damit nicht generell tabu, sondern nur für die Dauer der Diskussion.
Es ist durchaus mit dem Grundsatz des "herrschaftsfreien Dialogs"
vereinbar, dass der Chef nach Abschluss der Diskussion die alleinige
Entscheidung trifft. Ebenso kann es sein, dass auch in einem herrschaftsfreien
Dialog der Meister aufgrund seiner Erfahrung und Weisheit häufig
die besseren Argumente hat als der Lehrbub – zu beurteilen ist dies
jedoch ausschließlich nach der Qualität der Begründung und nicht
nach "Rang und Namen".
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Manchmal wird hiergegen eingewendet, dass es nicht möglich sei,
in der einen Situation hierarchiefrei miteinander umzugehen und
in der nächsten hierarchisch; das würde die Rollenflexibilität der
beteiligten Personen überfordern. Unsere Erfahrung ist, dass es
doch geht. Das soll nicht heißen, dass es einfach ist: Es fordert
allen Beteiligten ein Stück Disziplin und Mut ab. Doch kenne ich
eine ganze Reihe von Beispielen dafür, dass ein herrschaftsfreier
Dialog auch über mehrere Hierarchieebenen hinweg funktionieren kann,
wenn zwei Bedingungen erfüllt sind: Der oder die "Oberen" müssen
es wirklich wollen, und die "Unteren" müssen ihre Autoritäts- und
Sanktionsängste schrittweise so weit überwinden, dass sie frei von
der Leber weg reden und auch den Mut haben, Dinge zu sagen, die
sich als Unsinn entpuppen den "Oberen" nicht passen könnten. Dieser
Zuwachs an Mut findet nur dann statt, wenn die "Oberen" ihren freiwilligen
Dominanzverzicht konsequent durchhalten, und das heißt in erster
Linie: Keine Argumente der "Unteren" ohne ernsthafte Diskussion
vom Tisch wischen.
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... innerhalb hierarchischer
Strukturen?
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Die eigentliche Brisanz der Forderung nach einem herrschaftsfreien
Dialog liegt denn auch in der Diskussionsdisziplin, die sie den
Vorgesetzten abverlangt. Dominante Personen ("Alpha-Tierchen"),
wie sie auf höheren Hierarchieebenen mit überzufälliger Häufigkeit
vorkommen, neigen nun einmal dazu, ihre Gewissheiten zur Wahrheit
zu erklären und andere Sichtweisen brüsk zurückzuweisen – frei nach
der flapsigen Devise: "Es gibt nur zwei Arten von Meinungen: meine
und falsche." Sobald aber solche Dinge wie Hierarchie, Dominanz,
Macht, Eigeninteressen
oder auch dogmatische Überzeugungen ins Spiel kommen, ist der rationale
Diskurs geplatzt. Wenn der "Platzhirsch" mit apodiktischen Erklärungen
Gefolgschaft einfordert, erkennen die Mitarbeiter rasch, dass nun
Schluss mit Wahrheitsfindung ist, weil der Chef keine Lust auf weitere
Diskussionen mehr hat.
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Gemeinsam um Erkenntnisfortschritt kämpfen
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Eine zweite wichtige Voraussetzung für einen erfolgreichen rationalen
Diskurs ist, dass die Teilnehmer, wie Michael Löhner es so schön
formuliert hat, nicht gegeneinander, sondern gemeinsam gegen das
Problem kämpfen. Mit anderen Worten, die Sachdiskussion darf nicht
in ein Streitgespräch abgleiten. Die Frage, wer (als Person) Recht
hat, ist im rationalen Diskurs nicht nur unerheblich, sondern kontraproduktiv,
weil sie dem übergeordneten Ziel, der Wahrheit (bzw. einer optimalen
Lösung) näher zu kommen, im Wege steht. Denn mit größter Wahrscheinlichkeit
hat keiner der Beteiligten völlig recht, sondern jeder Einzelne
kann aus seiner Erfahrung nützliche Bausteine zum Erkenntnisfortschritt
beisteuern.
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Gemeinsam gegen das
Problem kämpfen
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Der Idealfall ist, wenn die Teilnehmer sich innerlich dazu entschließen,
auf jede Konkurrenz und sämtliche "Guckt-mal-wie-schlau-ich-bin"-Appelle
zu verzichten und sich mit vereinten Kräften auf die Lösung des
Problems zu konzentrieren. Wenn sie sich hierfür entscheiden, ist
die einzig logische Konsequenz, dass sie nicht mehr zwischen "meinem
Argument" und "deinem Argument" unterscheiden, sondern ihr ganzes
Wissen und ihre ganze Klugheit zusammen legen und überprüfen, welche
Erkenntnisse sich daraus in einem gemeinsamen Denkprozess ableiten
lassen. Dann ist jedes Argument und jeder Hinweis willkommen, das
neue Erkenntnisse bringt – völlig egal, von wem es kommt.
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Konkurrenz-
freie Zusammenarbeit
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Eine nützliche Hilfe für diese Entscheidung ist, sich klar zu machen,
dass die einzige Chance zum gegenseitigen Lernen dort liegt, wo
die Gewissheiten der anderen von den eigenen abweichen. Dort, wo
Übereinstimmung besteht, ist kein Erkenntnisfortschritt möglich
– nicht, weil dort die Wahrheit schon erreicht wäre, sondern weil
keine alternative Sichtweise die gemeinsamen Gewissheiten in Frage
stellt. Statt also dort, wo wir mit einer anderen Sichtweise konfrontiert
sind, sofort Bekehrungsversuche einzuleiten (die fast zwangsläufig
in ein Streitgespräch münden), ist es viel spannender, einmal zu
erkunden, wie der andere eigentlich zu seiner Sichtweise kommt,
und zu schauen, was sich daraus lernen lässt. Erfahrungsgemäß gelingt
es nicht allen, ihr Ego so weit zurückzunehmen und so sachbezogen
zusammenzuarbeiten. Doch einen gewissen "Störpegel" verkraftet der
rationale Diskurs; erst wenn es zu viel wird, kippt er um.
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Differenzen ermöglichen
Erkenntnis-
fortschritt
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Die dritte Voraussetzung für einen rationalen Diskurs ist, dass
sich alle Teilnehmer bemühen, ihre mitgebrachten Überzeugungen und
"Vor-Urteile" in Frage stellen zu lassen und ihre Meinungen gegen
Gründe zu ändern. Idealerweise sollten sie sich wie ein gerechter
Richter nur auf objektive Beweise – Zahlen, Daten, Fakten – und
logische Schlussfolgerungen stützen. Deshalb muss am Anfang eine
sorgfältige Bestandsaufnahme
stehen, bei der die verfügbaren Fakten analysiert werden. Wenn nötig,
müssen zusätzliche Daten erhoben und weitere Analysen durchgeführt
werden, damit man nicht auf der Basis von Mutmaßungen und Spekulationen
diskutiert, sondern auf der Basis von Tatsachen.
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ZDF – Zahlen, Daten,
Fakten
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Da Daten und Analysen aber nur Fakten und Korrelationen liefern,
aber nicht deren innere Logik und deren Zusammenhänge, muss darauf
ein Diskussion aufbauen, in der man gemeinsam versucht, genau diese
Zusammenhänge zu verstehen. Dabei gelten im Grundsatz die Regeln
der wissenschaftlichen Theoriebildung: Ein Erklärungsmodell ist
dann tauglich, wenn es erstens alle beobachteten Fakten integriert,
und zweitens trennscharf ist, also auch zutreffende Vorhersagen
darüber macht, unter welchen Bedingungen die gleichen Fakten nicht
auftreten dürfen. Schließlich gilt die Regel: Von zwei Erklärungen,
die diese Voraussetzungen erfüllen, ist im Zweifelsfall ("ceteris
paribus") die einfache zu bevorzugen.
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Bereits in der Antike entstanden, ausgehend von Platon, dem wichtigsten
Schüler des Sokrates, dialektische Techniken zum Erarbeiten von rationalen Konsens.
(Dialektik steht hier nicht, wie das Wort heute oft verstanden wird,
für trickreiche Methoden, andere über den Tisch zu ziehen, sondern
bezeichnet die Kunst, über gemeinsamen Erkenntnisfortschritt Probleme
zu lösen und Entscheidungen vorzubereiten.) Die Dialektik zählte in der Antike zum
Grundbestand höherer Bildung; sie wurde bis ins Mittelalter mit
großer Sorgfalt gepflegt, ist heute aber weitgehend verloren gegangen.
Dem ehemaligen Jesuitenpater Rupert Lay (siehe Literaturempfehlung)
kommt das große Verdienst zu, diese Techniken für heutige Leser
aufbereitet und in seinen Seminaren wieder belebt zu haben. Dazu
zählt insbesondere die Technik der Konstruktion von Bedingungskatalogen
(die so genannte
"Fahnenbildung") und der Einsatz formaler Logik zur Prüfung
von Schlüssen.
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Literatur:
Lay, Rupert (1989): Kommunikation für Manager; Econ Taschenbuch
(Keine leichte Kost, aber eine lohnende Auseinandersetzung für
jeden, der an klarem, sauberem Denken interessiert ist. Der ehemalige
Jesuitenpater hat die fast verloren gegangenen Techniken der rationalen
Konsensbildung für die heutige Zeit aufbereitet, fordert seinen
Lesern aber ein gewisses Stehvermögen ab. Das Buch enthält zahlreiche
methodische Beispiele aus den Bereichen Führung, Politik und Ethik.) |
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| © 2002 Winfried Berner - vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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