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Neu von Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Macht: Voraussetzung für erfolgreiches Change Management |
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Macht ist das Tabuthema der Wirtschaft – weit vor Gehältern,
Sex und Politik. Das gestörte Verhältnis zur Macht reicht bis weit
in die Vorstandsetagen hinein, und es hat schwer wiegende Konsequenzen.
Denn natürlich verschwindet die Bedeutung von Macht nicht durch deren Tabuisierung. Sie entgleitet dadurch nur jeder rationalen Kontrolle – und
damit zugleich auch jeder Professionalisierung. Die Folge ist genau
das, was die ängstliche Tabuisierung vermeiden wollte: unkontrollierte
und unbeherrschte Macht, mit der ständigen Gefahr des Machtmissbrauchs. |
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Befragt man Manager, wie wichtig ihnen Macht und Einfluss sind,
erhält man zwei völlig gegensätzliche Antworten: So gut wie jedem
sagt, es sei ihm wichtig, Einfluss zu haben. Zugleich behauptet
fast jeder, dass ihn Macht überhaupt nicht interessiere oder, noch distanzierter, dass er mit diesem Begriff "nichts anfangen könne". Fragt man
nach, wo denn den Unterschied zwischen beiden liegt, kommen die
meisten in Verlegenheit. Sie erkennen die Nachbarschaft, können
aber nicht viel mehr sagen als dass das eine wünschenswert und das
andere "pfui" ist. |
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Macht? - "Kein Interesse"
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Das erfrischende Gegenstück zu diesem allgemeinen Herumgeeier lieferte Alfred Herrhausen, der frühere Vorstandssprecher der Deutschen Bank, als er in einem Fernsehinterview gefragt wurde, wie er zum Thema Macht stehe. Knapp und klar kam seine Antwort: "Positiv." Ein anderer Vorstandsvorsitzender, der nicht namentlich zitiert
werden möchte, meinte trocken: "Über Macht spricht man nicht – Macht
hat man!" Was auf den interessanten Aspekt hinweist, dass die Tabuisierung
von Macht selbst ein machtpolitisches Instrument ist: Wer Macht
hat, ist nicht unbedingt interessiert an einer breiten Diskussion
über dieses Thema. Sie würde ihm nur einen erhöhten Begründungs-
und Rechtfertigungsbedarf auferlegen. |
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Deshalb hat eine so deutliche Aussage wie die von Herrhausen Seltenheitswert;
die meisten Top Manager halten es für klüger, sich in Sachen Macht
bedeckt zu halten. Der Preis der Tabuisierung ist, dass dabei auch
die Reflexion über das Thema auf der Strecke bleibt, mit der Folge,
dass der Umgang mit Macht oftmals recht ungeschickt und unprofessionell
ist. Häufig entspringt er mehr persönlichen Dominanzreflexen als
einer bedachten Handlungsstrategie. Professionisierung erfordert
Nachdenken – und Selbstreflexion. |
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Was eigentlich ist Macht? |
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In einem ersten Anlauf könnte man definieren: Macht ist die Fähigkeit,
Menschen zu veranlassen, Dinge zu tun (oder zu unterlassen), die
sie von sich aus nicht getan (oder unterlassen) hätten. Doch diese
Definition ist zu weit gefasst: Sie träfe zum Beispiel auch auf
Überzeugung, Überredung, Manipulation, Betrug, Belehrung oder die
Vereinbarung von Zielen oder Regeln zu. Denn sie alle veranlassen
Menschen, Dinge zu tun, die sie von sich aus nicht getan hätten
– aber auf sehr unterschiedliche Art und Weise: Belehrung durch sachliche Information
über mögliche Folgen; Zielvereinbarungen durch den Aufbau eines Gefühls der Verpflichtung ("Commitment"); Manipulation durch suggestive Gestaltung
der Situation; Betrug durch die, wie es das Strafgesetzbuch
unnachahmlich formuliert, "Vorspiegelung
falscher Tatsachen". |
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Also müssen wir weiter eingrenzen: |
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Macht ist die Fähigkeit, Menschen zu zwingen, Dinge zu tun (oder
zu unterlassen), die sie von sich aus nicht tun (bzw. unterlassen)
würden. |
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"Zwingen" steht dabei sowohl für die Drohung mit Nachteilen oder
anderen unerwünschten Konsequenzen (bzw. für das Wahrmachen dieser
Drohung) als auch für das Versprechen (oder In-Aussicht-Stellen)
möglicher Vorteile: positive und negative Sanktionen – "Zuckerbrot
und Peitsche". Dies muss nicht durch offene Kommunikation geschehen:
Machtausübung liegt auch dort vor, wo die Drohung oder Verheißung
unausgesprochen im Raum steht und der Macht Ausübende sich stillschweigend
auf die Phantasie, d.h. auf die Ängste und Hoffnungen derjenigen
verlässt, deren Handeln er beeinflussen möchte. Diese stille Machtausübung
kommt in Unternehmen sehr viel häufiger vor als offene Drohungen
und Versprechungen. |
Positive und negative
Folgen
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In ihrer leisesten und wichtigsten Form, die der Harvard-Professor John Kotter in seinem Buch Power and Influence brillant beschreibt, ist das Element des Gezwungen-Seins kaum noch zu spüren: Man gewährt jemanden Unterstützung, weil er ein hohes Ansehen genießt, weil man an anderer Stelle vielleicht auf seine Unterstützung angewiesen sein wird und weil man sich daher sein Wohlwollen sichern will. Die alten Römer hatten dafür den Begriff "Do ut des" – "ich gebe, damit du gibst". Man könnte fast bezweifeln, dass dieses gegenseitige Geben und Nehmen überhaupt noch etwas mit Macht zu tun hat, doch die "Gegenprobe" erbringt in den meisten Fällen ein klares Ergebnis: Würde man einem anderen Menschen die gleiche Unterstützung gewähren, wenn der deutlich weniger Reputation und Einfluss hätte? Falls nein, hat die Kooperation wohl doch etwas mit dessen "Macht" zu tun. |
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Kooperation mit angesehenen Partnern
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Macht lebt von Kooperation |
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Wichtig ist zu sehen, dass der Zwang, der mit der Ausübung von Macht zu tun hat, nur sehr selten absoluten Charakter
hat. Er ist deshalb auf das Mitspielen des Gegenübers angewiesen.
Selten haben wir es im Geschäftsleben mit so brachialem Zwang zu
tun wie bei der pistolengestützten Forderung: "Geld oder Leben!"
Doch selbst in diesem Fall spekuliert der Räuber darauf, dass der
andere aus blanker Todesangst kooperiert, statt zu sagen: "Ach, wenn Sie mich
erschießen, dann habe ich endlich Ruhe – und sie die Polizei
auf dem Hals. Sie wissen ja: Die Aufklärungsquote bei Mord liegt bei über 99 Prozent. Aber ich mache Ihnen einen Angebot im Guten: Sie lassen mich in
Ruhe, dafür kommen Sie nicht in den Knast!" |
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Absoluter Zwang ist
selten |
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Auch wenn diese Reaktion zugegebenermaßen etwas krass
ist, macht das Beispiel doch deutlich, dass Zwang immer davon lebt, dass der
andere mitspielt – entweder aus Angst oder in der Hoffnung auf die
Erfüllung seiner Wünsche. Und dass der, der den Zwang auszuüben versucht, in unerwartete Schwierigkeiten geraten kann, wenn sich sein "Opfer" nicht verhält wie erwartet.
Aber woher kommt die Bereitschaft, bei Zwang "mitzuspielen"? Die Antwort lautet: Angst macht "ichbezogen" – sie lenkt die Aufmerksamkeit
auf die eigene Person und darauf, sich vor der momentanen Bedrohung zu retten.
Ähnlich wirken starke Hoffnungen und Wünsche. Darunter leidet die
Fähigkeit (bzw. die Bereitschaft), sich in die andere Seite hineinzudenken.
Je mehr sie unter Druck stehen, desto mehr schauen die meisten Menschen nur noch auf sich selbst und darauf, wie sie ihre Haut retten können: Sie
kooperieren aus Angst davor, dass die Drohung wahrgemacht wird. Über die Interessen und
Alternativen der anderen Seite denken sie gar nicht mehr nach;
infolgedessen übersehen sie, dass der "Mächtige"
von ihnen oftmals genau so abhängig ist wie sie von ihm. |
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Es ist erstaunlich, welche Bedeutung solche ichhaften Ängste und
Hoffnungen auf die Anpassungsbereitschaft von Führungskräften und
insbesondere auf die von aufstiegshungrigen Nachwuchskräften haben.
Im vertrauten Kreis beklagen sie oft heftig den massiven Anpassungsdruck,
der vom Unternehmen ausgeübt werde, und erklären wortreich,
dass ihnen keine andere Wahl bliebe als die (Über-)Anpassung, weil sie
sonst schwerste Karrierenachteile erleiden müssten. Dass es
im gleichen Unternehmen oft sehr erfolgreiche Personen gibt, die
eine sehr viel höhere Konfliktbereitschaft gegenüber Kollegen
und Vorgesetzten an den Tag legen, kann diese Gewissheit nicht
erschüttern; der Hinweis darauf löst allenfalls Wut aus. Es darf einfach nicht wahr sein, dass man auch anders erfolgreich sein kann. Im schlimmsten Fall wirken
sie sogar durch Intrigen und Heckenschüsse gegen mutigere Kollegen daran mit, den
Wahrheitsgehalt ihrer "Theorie" zu beweisen. |
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Ichhafte Anpassungs-bereitschaft
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Um die innere Logik dieser aggressiv verteidigten Überanpassung zu verstehen, muss man
sich fragen, welchen Nutzen dieses Verhalten hat und was die Alternativen
wären. Würden die betreffenden Personen ihren Glauben aufgeben,
müssten sie entweder den einen oder anderen Konflikt riskieren –
oder sich ihren Mangel an Mut eingestehen. Wer aber Konflikte riskiert,
riskiert auch Niederlagen. Also ist die Vermeidung der Auseinandersetzung
bei gleichzeitiger Dramatisierung der Gefahr oftmals die bequemere,
weil weniger bedrohliche Lösung. |
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Macht lebt von denen, sie sich ihr unterwerfen, mindestens ebenso
wie von denen, die sie ausüben. Nur weil die einen mitspielen, haben
die anderen Macht. |
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Die Unterwerfung beginnt immer im Kopf, das heißt mit der Art, wie
ein Mensch die gegebene Situation wahrnimmt und interpretiert, welche
Ängste und Katastrophen-Phantasien
er dazu entwickelt. Ein Beispiel dafür war ein gehobenen Hotel, in dem wir vor einigen Jahren Urlaub gemacht haben.
In diesen Haus waren die Machtverhältnisse auf den Kopf gestellt; die Mitarbeiter machten ohne Rücksicht auf die Gäste, wozu sie gerade Lust hatten.
Der Hotelier, den ich darauf ansprach, zeigte sich zutiefst davon überzeugt, den Mitarbeitern nichts abverlangen
zu dürfen, weil sie "in der heutigen Zeit" sonst sofort weg seien.
Er verhielt sich ähnlich wie die zuvor beschriebenen Aufsteiger:
Er klagte wortreich über die Ungerechtigkeit der Welt und ging zugleich jedem
Konflikt aus dem Weg. Mit der Folge, dass sein Hotel trotz guter
Lage, gelungener Gestaltung und attraktiven Angeboten weit hinter
seinen Möglichkeiten zurückblieb und -bleibt – der Preis seiner
ängstlichen Konfliktvermeidung. |
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Machtverhält-nisse
im Kopf
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Ähnlich viele Führungskräfte in Großunternehmen und im öffentlichen
Dienst: Sie beteuern ständig, gegenüber Leistungsverweigerern
unter ihren Mitarbeitern nichts machen zu können, weil ihnen das Arbeitsrecht und der Betriebs- oder Personalrat nicht die geringste Möglichkeit zu wirksamen Sanktionen gebe. Und selbstverständlich
behalten sie mit dieser Vorhersage immer recht – weil sie getreulich
ihre eigene Prophezeiung erfüllen. Das Insistieren auf ihrer Machtlosigkeit
erspart ihnen die Auseinandersetzung – und damit erstens den Konflikt,
zweitens das Risiko einer Niederlage, und drittens – die Notwendigkeit,
Farbe zu bekennen und sich einer lange vermiedenen Auseinandersetzung zu stellen. Denn die betreffenden Mitarbeiter oder der Betriebsrat könnten sie ja fragen, wieso sie so lange nichts unternommen haben, wenn das Problem tatsächlich so groß ist wie sie behaupten. |
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Viele Menschen denken beim Thema Macht in erster Linie an Machtmissbrauch
- manche mit Beispielen aus Politik und Geschichte im Hinterkopf,
manche mit Gedanken an eigene Erfahrungen. In der Tat kann Macht
benutzt werden, um sich ungerechtfertigte Vorteile zu verschaffen,
um hemmungslose Ego-Trips auszuleben, um Kritik und unerwünschte
Meinungen zu unterdrücken, um Gegner zu vernichten und vieles andere
mehr. |
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Dennoch ist Macht – und die Bereitschaft, von ihr bei Bedarf Gebrauch
zu machen – erforderlich, um notwendige Veränderungen voran zu treiben,
die im übergeordneten Interesse notwendig sind, aber nicht den Beifall
aller Betroffenen und Interessengruppen finden; dies gilt innerhalb
von Unternehmen genauso wie in der Politik. Denn tiefgreifende Veränderungen,
die oftmals erforderlich sind, um die Wettbewerbsfähigkeit und damit
die Zukunft zu sichern, lassen sich ohne die Bereitschaft zum Einsatz
von Macht nicht realisieren – jedenfalls nicht in vernünftiger Zeit. |
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Durchsetzen von Veränderung |
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Die Alternative zum Einsatz von Macht sind Verhandlungen, das heißt
die zeitaufwändige Suche nach einem Kompromiss, die oftmals beim
kleinsten gemeinsamen Nenner endet. Langsame und halbherzige Veränderungen
reichen aber in vielen Märkten nicht aus, um auf die Dauer wettbewerbsfähig zu bleiben.
Da Unternehmen sehr viel direkter im Wettbewerb stehen als Staaten,
können sie sich die in der Politik vorherrschende Stagnation bei
Strafe ihrer Existenz nicht leisten. |
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Wer erfolgreiches Change Management auch bei konfliktträchtigen
Themen betreiben will, darf daher um das Thema Macht keinen Bogen
machen. Das beginnt damit, dass er sich darüber Gedanken machen
sollte, aus welchen Quellen er im
Bedarfsfall wie viel Macht mobilisieren kann. Wichtig ist dabei
ein reflektierter, verantwortungsbewusster und konstruktiver Umgang
mit Macht, denn wo Macht ist, besteht immer auch die Gefahr des
Machtmissbrauchs. |
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© 2001, 2008 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen. |
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