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Wahrnehmung: Das unsichere Fundament unseres Handelns

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Wahrnehmung schafft Realität. Denn unser Handeln orientiert sich nicht daran, wie die Welt ist, sondern daran, wie wir sie wahrnehmen. Je präziser unsere Wahrnehmung, desto besser die Basis für ein erfolgreiches Handeln. Eine unvollständige oder verzerrte Wahrnehmung führt fast zwangsläufig zu ungeeignetem Handeln – gerade im Change Management, weil man in diesen komplexen Prozessen in der Regel zu wenig direktes Feedback erhält, um Fehleinschätzungen rasch erkennen und korrigieren zu können. Mit anderen Worten, die Qualität unserer Wahrnehmung hat entscheidenden Einfluss auf die Qualität unseres Handelns.

  • Wahrnehmung schafft Realität
  •     Ihren XING-Kontakten zeigen

    Die Hoffnung, dass wir die Realität objektiv wahrnehmen könnten, hat der griechische Philosoph Sokrates (470 – 399 v. Chr.) schon vor mehr als 2400 Jahren zunichte gemacht. Er stellte fest, dass die Wahrheit dem menschlichen Erkenntnisvermögen prinzipiell unzugänglich ist; nur bei unmittelbar beobachtbaren Sachverhalten ("Die Blume ist rot") könnten wir zweifelsfrei feststellen, ob eine Aussage wahr oder falsch ist.

  • Keine objektive Erkenntnis
  • Der Konstruktivismus bietet keine Hilfe

     

    Noch ein Stück radikaler ist der moderne Konstruktivismus. Er betrachtet alles, was wir wahrnehmen und für Realität halten, als bloße Konstrukte unseres Wahrnehmungsapparats. Dass wir einen Gegenstand für rot halten, liegt aus radikal-konstruktivistischer Sicht nicht etwa daran, dass er tatsächlich rot ist, sondern daran, dass er (a) bestimmte Lichtfrequenzen reflektiert, die (b) bei uns einen Wahrnehmungseindruck auslösen, zu dem (c) die Konvention besteht, ihn als "rot" zu bezeichnen. Nach Auffassung der Konstruktivisten sagt dies jedoch nichts (!) über den wahrgenommenen Gegenstand aus, sondern spiegelt lediglich die Charakteristika unseres Wahrnehmungsapparates und unsere sozialen Konventionen wider. Es könne gut sein, argumentieren sie, dass andere Lebewesen den gleichen Gegenstand völlig anders wahrnehmen. Streng genommen könnten wir noch nicht einmal sicher sein, dass andere Menschen angesichts einer roten Blume oder Ampel die gleiche Farbwahrnehmung hätten wie wir – wir wissen lediglich, dass sie dafür das Wort "rot" verwenden.

  • Der radikale Konstrukti-
    vismus
  • Das ist nun in der Tat radikal gedacht, und es ist überdies kaum zu widerlegen. Doch für die Praxis ist es nicht sonderlich hilfreich – im Gegenteil: Wenn man diesen Gedanken ernst nimmt, mündet er absolute Rat- und Hilflosigkeit. Denn wenn alles, was wir "für wahr nehmen", in Wirklichkeit nur ein Artefakt, also ein Kunstprodukt unseres Wahrnehmungsapparats ist, dann bricht unsere gesamte Orientierung zusammen, und ist nicht mehr möglich, sinnvoll und zielgerichtet zu handeln. In dieser Not ist es ein – schwacher – Trost, dass sich selbst radikale Konstruktivisten im Alltag sehr viel pragmatischer verhalten als es ihre Lehre suggeriert: Sie kaufen Autos, obwohl sie sich über deren Existenz und Erscheinungsform in keiner Weise sicher sein können, überprüfen vorher ihren Kontostand, obwohl der ohne Zweifel nur ein Kunstprodukt sozialer Konventionen darstellt, ja, sie halten sogar an roten Ampeln und vermeiden es, vor heranrasenden Lastwagen die Straße zu überqueren. Insofern passt der hübsche Spott, dass trotz aller Skepsis gegenüber unserer Wahrnehmung eine einzige Wespe genüge, um einen ganzen Saal voll radikaler Konstruktivisten in helle Aufregung zu versetzen.

  • ... und der praktische Verrat an ihm
  • Das Infragestellen der unmittelbaren Wahrnehmung ist zwar ein nettes Gedankenspiel, aber praktisch eher unnütz. Es problematisiert Dinge, die in Wirklichkeit unproblematisch sind, und lenkt damit von den eigentlichen Problemen unserer Wahrnehmung ab. Denn die Frage, welche Farbe eine Blume hat oder ob eine Wespe im Raum ist, führt in der Realität äußerst selten zu Problemen. Wirkliche Schwierigkeiten macht das sokratische Problem, dort zu verlässlichen (bzw. möglichst "wahren") Aussagen zu kommen, wo sich doe Dinge nicht unmittelbar beobachten lassen. Denn in diese Kategorie fallen unglücklicherweise fast alle Aussagen, die von praktischer Bedeutung sind: sowohl Bewertungen ("Ist es gut oder schlecht, in dieser Situation offen zu kommunizieren?") als auch Aussagen über Zusammenhänge (wie zum Beispiel zwischen Lob und Tadel und der Leistung) und daraus abgeleitete Prognosen, weiterhin auch alle Aussagen über Vergangenheit (d.h. Erinnerungen) und Zukunft (Prognosen). Hier bewegen wir uns, so sicher wir uns subjektiv sein mögen, tatsächlich immer auf schwankendem Grund.

  • Nicht direkt beobachtbare Dinge
  • Der Konstruktivismus vermittelt den Eindruck, dass sämtliche möglichen Wahrnehmungen und Deutungen einer Realität prinzipiell gleichberechtigt nebeneinander stünden, da sie ja alle bloß Erzeugnisse unseres Wahrnehmungsapparats sind. Was die "Berechtigung" betrifft, mag das so sein, aber daraus folgt keineswegs, dass jegliche Wahrnehmung und Deutung der Realität auch für die Praxis gleichwertig ist. Denn das Kriterium der Praxis ist nicht die Richtigkeit (der "Wahrheitsgehalt") einer Erkenntnis, sondern ihre Brauchbarkeit, das heißt ihre Nützlichkeit als Orientierung für das eigene Handeln. So mag es erkenntnistheoretisch völlig in Ordnung sein, das oberste Licht einer Verkehrsampel als "grün" anzusehen – wer daraufhin jedoch losfährt, dürfte trotzdem allerlei Probleme bekommen. Da unsere Wahrnehmung keine zweckfreie Veranstaltung ist, sondern in erster Linie dazu da ist, unserem Handeln Orientierung zu liefern, bemisst sich die Güte unserer Wahrnehmung daran, wie gut sie sich in der Praxis bewährt, das heißt daran, wie gut sie uns ein zielgerichtetes und erfolgreiches Handeln ermöglicht.

  • Kriterium praktische Bewährung
  • Der komplexe Weg von der Wahrnehmung zum Handeln

     

    Wie wichtig die Güte der Wahrnehmung ist, wird deutlich, wenn man sich den Weg von der Wahrnehmung zum Handeln einmal "in Zeitlupe" anschaut. Wie die Grafik zeigt, ist das ein vielstufiger, weitgehend unbewusster Ablauf, der meist in Sekundenbruchteilen, manchmal aber auch über Wochen durchlaufen wird:

  • Von der Wahrnehmung zum Handeln
  • Neue Realität

    Abb.: Unsere Wahrnehmung bestimmt unser Handeln

     

    Jede noch so banale Alltagssituation überschwemmt uns mit einer unglaublichen Flut an optischen, akustischen und sonstigen Reizen, die wir unmöglich vollständig aufnehmen, verarbeiten und speichern können. In einer unglaublichen Leistung konstruiert unser Gehirn daraus im Prozess der Wahrnehmung einfache, praktisch verwertbare Erkenntnisse. So erkennen wir trotz unterschiedlicher Lichtverhältnisse, Geräusche, Temperatur, Perspektive, trotz anderer parkender und fahrender Autos und anderer Menschen unzweifelhaft eine uns vertraute Straße. Und nicht nur das, sondern wir entdecken in dem ganzen Durcheinander auch auf der anderen Straßenseite auch noch einen Bekannten, den wir lange nicht gesehen haben. Schlagartig entsteht in unserem Kopf etwas, was die frühe Gestaltpsychologie ein "Figur-Grund-Phänomen" genannt hat: Der Bekannte wird Vordergrund, alles andere – Straße, Autos, Menschen – wird Hintergrund.

  • Wahrnehmen heißt filtern
  • Schon hier ist deutlich zu erkennen, dass unsere Wahrnehmung keine passive Abbildung der Realität ist, sondern eine aktives, gefiltertes Exzerpt aus der angebotenen Datenflut. Gut möglich, dass ein anderer Mensch die gleichen Reize völlig anders gefiltert hätte – vielleicht wäre seine "Figur" vor dem gegebenen Hintergrund eine attraktive Frau, ein Luxuswagen oder ein an der Leine zerrender Schäferhund geworden, vielleicht auch die Auslage in einem Schaufenster, die Speisekarte eines Restaurants oder die dunklen Gewitterwolken am Himmel. Mit anderen Worten, wir nehmen die Realität nicht passiv auf, sondern erzeugen aus dem Rohmaterial, das die Realität uns anbietet, aktiv unsere eigene Welt.

  • Aktive Auswahl
  • Die Bewertung des Wahrgenommenen ist stark von unserer Persönlichkeit und unserer momentanen Verfassung geprägt. Klar, dass ein Mensch auf den Bekannten auf der anderen Straßenseite völlig unterschiedlich reagiert, je nachdem, ob er ein bisschen Zeit hat oder unter massivem Zeitdruck steht. Ebenso wichtig aber ist, ob er ihn selbstsicher wahrnimmt ("Wie schön!"), defensiv ("Und wenn er/sie mich gar nicht mehr erkennt?!") oder skeptisch ("Vielleicht verliere ich nur meine Zeit!"). Aus unterschiedlichen Bewertungen resultieren zwangsläufig unterschiedliche Gefühle: Mal Freude, mal Angst vor Ablehnung, mal Vorbehalte. Das ist eine extrem wichtige Feststellung, die große praktische Tragweite hat: Unsere Emotionen sind keine direkte Reaktion auf unsere Wahrnehmungen, sondern die Folge der Gedanken (= Bewertungen), die wir uns hierzu machen. Das heißt in der Konsequenz: Wenn wir die gleiche Situation anders bewerten würden, entwickeln wir zwangsläufig auch andere Gefühle. Oder, noch anders: Wenn wir eine Situation falsch bewerten, entwickeln wir zwangsläufig auch "falsche" Gefühle, das heißt, Gefühle, die uns in die falsche Richtung lenken.

  • Von der Bewertung zum Gefühl
  • Denn unterschiedliche Gefühle lösen ganz unterschiedliche "innere Reaktionen" und Handlungsimpulse aus. Im ersten Fall, wo sich unser Spaziergänger über das Wiedersehen mit dem Bekannten freut, wird seine spontane Tendenz in Richtung sofortiger Kontaktaufnahme gehen, im zweiten, wo er unsicher ist, eher zu vorsichtigem Taktieren, das primär das Risiko eines peinlichen Erlebnisses vermeiden will; im dritten wäre sie möglicherweise schwankend und halbherzig. Mit dem jeweiligen Handlungsmotiv im Bauch schauen wir nun in unseren "Werkzeugkasten", also in unser Repertoire an einschlägigen Handlungsoptionen. Daraus wählen wir die Option aus, die uns für die gegebene Situation und unsere unausgesprochenen Ziele am geeignetsten erscheint. Für die Auswahl sind einerseits die vermuteten Erfolgsaussichten maßgeblich, andererseits spielen Normen, Werte (wie z.B. Fairness) und auch die persönliche Risikobereitschaft eine wichtige Rolle. Sobald wir unsere Entscheidung getroffen haben, handeln wir – wobei auch Nichtstun (wie zum Beispiel, wegzuschauen oder so zu tun, als hätten wir den anderen nicht bemerkt) eine Form des Handelns ist.

  • Vom Impuls zur Handlung
  • Das Handeln wiederum, gleich wie mutig oder halbherzig es war, schafft eine neue Realität. Durch die eigene Aktion hat sich die Situation verändert – vielleicht nur geringfügig, vielleicht grundlegend. Diese neue Realität wird zum Ausgangspunkt sowohl für die Wahrnehmung, die Bewertungen und Gefühle sowie die Handlungen unseres Gegenübers als auch für den eigenen. Denn unsere Wahrnehmung geht ja weiter – wir sehen, wie das Gegenüber auf unseren "Spielzug" reagiert, und seine Reaktion ist für uns entweder erwünscht und plausibel, oder wir versuchen, sie durch einen erneuten Spielzug im gewünschten Sinne zu verändern. Mit anderen Worten, der gerade beschriebene Prozess von der Wahrnehmung zum Handeln findet in jeder Situation bei allen beteiligten Personen in rasendem Tempo immer und immer wieder statt.

  • Neue Realität
  • Die Qualität der Wahrnehmung ist entscheidend

     

    Was aber hat bei alledem den größten Einfluss auf das Resultat, also auf unser Handeln? – Je genauer man hinsieht, desto deutlicher wird, dass der Schlüssel zum Handeln ganz am Anfang liegt, nämlich in den ineinander verwobenen Teilprozessen von Wahrnehmung und Bewertung. Alles, was danach kommt, läuft mit beinahe zwangsläufiger Konsequenz und Folgerichtigkeit ab: Die Bewertung löst zwangsläufig bestimmte Gefühle aus, die Gefühle zwangsläufig bestimmte Handlungsimpulse, die uns wiederum zwangsläufig zur Prüfung der einschlägigen Handlungsoptionen (und nur dieser!) veranlassen. Aus diesen Optionen wird vorhersagbar diejenige ausgewählt, die der handelnden Person vor dem Hintergrund ihrer Wahrnehmung und Bewertung der Situation am geeignetsten erscheint. Und dann wird eben – durch Tun oder Unterlassen – gehandelt. Woraus zwangsläufig eine neue Situation entsteht.

  • Schlüsselrolle der Wahrnehmung
  • Diese Feststellung hat erhebliche Tragweite. Sie bedeutet nichts anderes als:

    Die Qualität unserer Wahrnehmung ist der Schlüssel zur Qualität unseres Handelns.

    Wenn wir eine Situation falsch, verzerrt, einseitig wahrnehmen, wenn wir einen wesentlichen Aspekt übersehen oder nicht "für wahr haben" wollen, wenn wir unseren Vorurteilen erlauben, unseren Blick auf die Realität zu verstellen, dann geht zwangsläufig auch unser Handeln an der Situation vorbei. Wenn wir beispielsweise jemanden, der aus Angst in den Widerstand gegangen ist, fälschlich als verstockt oder "politisch motiviert" ansehen, dann können wir bei der Auswahl der Handlungsoptionen noch so sorgfältig und geschickt vorgehen; dennoch werden wir immer nur nach Handlungsoptionen suchen, die darauf zielen, einen verstockten oder politisch motivierten Gegner zum Einlenken zu zwingen. Weil diese Maßnahmen die vorhandenen Ängste nicht auflösen, sondern verstärken, wird all unser Handeln die Situation eher verschlechtern als verbessern. Im Grunde ist das wie beim Hemdenknöpfen: Hat man einmal falsch angefangen, kann man noch so folgerichtig und konsequent weitermachen, es kommt nichts Brauchbares mehr dabei heraus.

  • Qualität der Wahrnehmung entscheidend
  • Im unmittelbaren Dialog haben wir zumindest noch die Chance, entstandene Fehlinterpretationen und Missverständnisse zu erkennen und korrigieren. Beispielsweise sehen wir aus der unmittelbaren Reaktion, dass das Gegenüber eine Bemerkung in den falschen Hals bekommen hat, und können sofort etwas tun, um den falschen Eindruck zurechtzurücken. Im Change Management hingegen (und generell beim Führen größerer Unternehmen bzw. Bereiche) ist die Gefahr von Missdeutungen und Fehleinschätzungen deutlich größer, weil man nicht mehr mit allen Beteiligten im direkten Dialog steht, sondern auf punktuelle Eindrücke, Berichte Dritter und intuitive Einschätzungen angewiesen ist. Da man hier meistens kein direktes Feedback bekommt, steigt das Risiko, dass man die Situation unwidersprochen fehlerhaft einschätzt und infolgedessen auch falsch handelt.

  • Gefahren für das Change Management
  • Für Unternehmensführung und Change Management ist die Qualität der Wahrnehmung daher viel zu wichtig, um sie sich selbst zu überlassen und auf bloße "Intuition" zu vertrauen. Um die eigene Wahrnehmungsfähigkeit und -bereitschaft zu entwickeln, ist dreierlei erforderlich: Erstens muss man wissen, wie der Filterungsprozess bei der Wahrnehmung funktioniert und welche typischen Risiken dabei bestehen. Zweitens sollte man die eigenen typischen "Filterungsmuster" kennen und verstehen lernen. Denn wer weiß, nach welchen Regeln er filtert, kann diesen Verzerrungen ein Stück weit entgegenwirken. Wer etwa weiß, dass er dazu neigt, Dinge zu dramatisieren, kann sich ein bisschen bremsen – wer sich als "Verharmloser" erkannt hat, kann kritischen Signalen bewusst mehr Aufmerksamkeit widmen. Drittens ist es notwendig, seine eigenen Ängste, Verletzlichkeiten und ichhaften Tendenzen zu kennen und abzubauen. Denn offen für andere kann man nur sein, wenn man nicht ständig mit sich selbst und den eigenen Wünschen und Ängsten beschäftigt ist und das Geschehen ständig defensiv filtert. Die Empfehlung der modernen Psychologie kehrt letztlich also zurück zu den alten Griechen: "Gnothi seauthon – Erkenne dich selbst!"

  • Wahrnehmungs-fähigkeit verbessern


  • Selbstreflexion
  • Die Gesetzmäßigkeiten der Filterung oder: Selektive Wahrnehmung

     

    Wie sehr sich die Wahrnehmung der Realität mit den Betrachtungsperspektive verändert, hat der Begründer der modernen Sozialpsychologie Kurt Lewin (1890 – 1947) in seinem frühen Essay "Kriegslandschaft" (1917) beschrieben. Darin berichtet er, wie sich seine Wahrnehmung als Teilnehmer des Ersten Weltkriegs mit der Annäherung an die Front veränderte: "Die Friedenslandschaft ... schien sich nach allen Seiten gleichmäßig zu erstrecken"; sie war "rund, ohne vorn und hinten". Dagegen erlebte er die Kriegslandschaft "gerichtet": "Nach der Frontseite scheint die Gegend irgendwo aufzuhören; die Landschaft ist begrenzt". Zugleich ändern Felder, Wälder und Dörfer, sobald sie zur "Kriegslandschaft" werden, ihren Charakter: "Ihre wesentlichen Eigenschaften sind die Möglichkeit oder Unmöglichkeit, sie vom Feinde aus einzusehen, der Schutz, den sie gegen Infanterie- und Artilleriewirkung geben, ihre Eigenschaften als Schussfeld ..." Mit anderen Worten, die gleiche objektive Realität – Hügel, Dörfer, Felder – wird je nach Kontext und Perspektive völlig unterschiedlich wahrgenommen.

  • Unterschiedliche Be-Deutungen der gleichen Realität
  • Ähnliches erleben wir in unzähligen Alltagssituationen: Wer mit beinahe leerem Tank unterwegs ist, hat keinen Blick mehr für die reizvolle Landschaft, für eindrucksvolle Gebäude, nicht einmal mehr für attraktive Menschen am Straßenrand – er sucht nur noch, und zwar mit wachsender Anspannung, nach einer Tankstelle. Je länger die Warnlampe schon leuchtet, desto größer wird der Druck. In solchen Situationen verengt sich die Wahrnehmung; man bekommt zunehmend den Eindruck, dass akkurat jetzt sämtliche Tankstellen vom Erdboden verschwunden sind: "Es ist wie verhext: Ausgerechnet wenn man eine sucht, ist keine da!" Im Grunde ist das bereits eine milde Form von Paranoia, also eine wahnhaft veränderte Verzerrung der Realitätswahrnehmung.

  • Durch Interessen und Bedürfnisse gefiltert
  • Trotzdem ist selektive Wahrnehmung nichts Schlechtes – im Gegenteil: Es ist ausgesprochen nützlich, sich in einer Situation, wo man dringend tanken muss, auf die Tankstellensuche zu konzentrieren und sich nicht von den Attraktionen am Wegesrand ablenken zu lassen. Auch für Soldaten aller Zeiten dürfte es ein Selektionsvorteil gewesen sein, die Landschaft im Sinne von Kurt Lewin als "gerichtet" anzusehen, sich also klar bewusst zu sein, wo die Frontlinie verläuft und aus welcher Richtung Speere, Pfeile, Kanonenkugeln oder MG-Feuer kommen. Die Fähigkeit, selektiv wahrzunehmen, kann ein großer Vorteil sein – jedenfalls so lange, wie sie auf ein sinnvolles sachliches Ziel ausgerichtet ist.

  • Der Nutzen selektiver Wahrnehmung
  • Selektive Wahrnehmung orientiert sich immer an dem (bewussten oder unbewussten) Ziel, das für die handelnde Person in der jeweiligen Situation im Vordergrund steht. Für den Soldaten ist das naheliegenderweise das Überleben, für den beinahe "trockenen" Autofahrer das Tanken. Doch können hier wie dort Ereignisse eintreten, die diese ursprünglichen Ziele entweder verändern oder überlagern – und damit auch die Filterungsrichtung der Wahrnehmung. Für den Soldaten des Ersten Weltkriegs könnte dies der Befehl gewesen sein, eine feindliche Stellung zu stürmen, oder auch die Information, dass der Feind seine Stellung geräumt hat. Für den Autofahrer kann es zum Beispiel ein wichtiger Anruf auf dem Handy sein oder eine kritische Verkehrssituation, die ihn zwingen, seine Aufmerksamkeit wenigstens vorübergehend auf ein anderes Ziel auszurichten.

  • Ausrichtung am wichtigsten aktuellen Ziel
  • Tendenziöse Wahrnehmung

     

    Kontraproduktiv wird selektive Wahrnehmung dann, wenn sie sich nicht an den aktuellen sachlichen Zielen bzw. der jeweiligen Aufgabe orientiert, sondern an sachfremden Aspekten. Das wäre zum Beispiel dann der Fall, wenn unser Autofahrer bemerkte, dass ihn ein anderer Wagen überholen will, dies nicht ertragen könnte und sich deshalb trotz beinahe leeren Tanks auf ein Wettrennen einließe. Oder wenn er an einer Tankstelle vorbei fährt, weil er empört ist, dass dort die Preise so hoch sind. Kontraproduktiv ist selektive Wahrnehmung beispielsweise auch dann, wenn ein Top Manager oder ein Change Manager in einer verzwickten Situation all die Informationen ausblendet, die zusätzliche Irritationen bedeuten würden, weil sie nicht seinen Erwartungen oder Vorurteilen entsprechen.

  • Orientierung an sachfremden Aspekten
  • Alfred Adler (1870 – 1937), der Begründer der Individualpsychologie, hat hierfür den Begriff der "tendenziösen Wahrnehmung" (ursprünglich: "tendenziöse Apperzeption") geprägt. Er sah in ihr den Versuch, sich selbst und die Welt so sehen, wie es dem eigenen Weltbild sowie den eigenen Ängsten und Bedürfnissen entspricht. (Im Grunde lieferte er damit das psychologische Gegenstück zu der eingangs erwähnten "Aporie des Sokrates": Nach Adler sind wir nicht dazu in der Lage, die Welt ungefiltert zu erkennen, das heißt, unabhängig von unserer eigenen Sichtweise, unserer "privaten Logik".) Als klassische Beispiele für tendenziöse Wahrnehmung beschrieb Adler die Abwertung des anderen Geschlechts, aber auch die (unbewusste) Veränderung von Erinnerungen, bei der manche (irritierende) Dinge weggelassen und andere (wünschenswerte) hinzugefügt werden. Tendenziöse Wahrnehmung steht letztlich auch hinter Minderwertigkeitsgefühlen, das heißt hinter der ängstlichen Annahme, den Anforderungen des Lebens nicht gewachsen zu sein (was häufig in die Verweigerung bestimmter Lebensaufgaben mündet).

  • "Tendenziöse Apperzeption"
  • Aber wenn man die Wahrheit nicht erkennen kann, wie kann man dann wissen, was tendenziöse und was "richtige" Wahrnehmung ist? Eine ebenso einfache wie kluge Heuristik hat hier der Individualpsychologe Fritz Künkel (1889 – 1956) eingeführt, nämlich die Unterscheidung zwischen "sachbezogenem" und "ichhaftem" Handeln: Betrachten wir eine gegebene Situation primär aus der Perspektive, was wir tun können, um eine positive Weiterentwicklung zu fördern ("sachbezogen"), oder schauen wir in erster Linie "ichhaft" darauf, wie wir selbst dastehen und wie wir uns möglichst eindrucksvoll darstellen können ("Wie war ich, Doris / Karin?")? Tatsächlich produzieren Menschen um so mehr Reibungsverluste, je mehr sie ihre Wahrnehmung (und damit auch ihr Handeln) nicht an der "Sache", also an der jeweils gestellten Aufgabe ausrichten, sondern an der Geltung, Wirkung und Absicherung der eigenen Person.

  • Sachbezogen oder "ichhaft"
  • Letztlich nimmt jeder Mensch tendenziös wahr, weil er alles, was er hört und sieht, vor dem Hintergrund seiner Persönlichkeit, seiner Einstellung zu anderen Menschen und seiner bewussten und unbewussten Ziele filtert. In jeder beruflichen, privaten und politischen Situation mischen sich in der Wahrnehmung realitätsbezogene mit ichhaften ("neurotischen") Komponenten, doch das Mischungsverhältnis ist sowohl von Person zu Person als auch von Situation zu Situation unterschiedlich. Je ängstlicher und "ichhafter" ein Mensch ist, desto stärker bestimmen diese Tendenzen auch seine Wahrnehmung. Umgekehrt nehmen wir eine Situation umso tendenziöser wahr, je mehr sie an unsere persönlichen Angstbereiche rührt. Wenn jemand zum Beispiel zu Autoritätsangst neigt, wird er eine Präsentation vor dem Vorstand ichhafter und tendenziöser wahrnehmen als ein anderer, der ein eher gelassenes Verhältnis zu Ranghöheren hat. Und noch mehr: Schon die extreme Überhöhung von Autoritäten, die die Autoritätsangst sowohl auslöst als auch ausmacht, ist Ausdruck tendenziöser Wahrnehmung.

  • Persönliche Tendenzen
  • Das heißt in der Konsequenz, dass wir in all jenen Situationen besonders tendenziös und damit fehlerhaft wahrnehmen, in denen unsere Angstbereiche berührt sind und wir unter Druck kommen. Je zahlreicher und größer also die Angstbereiche, desto häufiger sind Stresssituationen, und desto ausgeprägter sind Ichhaftigkeit und tendenziöse, das heißt verzerrte Wahrnehmung.

  • Unter Druck
  • Persönlichkeitsentwicklung für Change Manager

     

    Gerade für (externe wie interne) Change Manager hat dies große Bedeutung, denn sie sollten dazu in der Lage sein, auch unter erheblichem Druck sachbezogen und möglichst wenig "ichhaft" wahrzunehmen und zu handeln. Wenn sie in kritischen Situationen nach dem Auftraggeber schielen, irritierende Informationen oder Beobachtungen nicht zur Kenntnis nehmen oder aus Harmoniebedürfnis Konflikte verharmlosen oder ihnen aus Ängstlichkeit aus dem Weg gehen, dann büßen sie auch bei höchster fachlicher Qualifikation viel von ihren positiven Wirkungs- und Einflussmöglichkeiten ein. Das Gleiche gilt, wenn sie sich in persönliche Rangeleien hineinziehen lassen, sich an unsauberen Spielchen beteiligen oder sonst wie ihre persönlichen Interessen und Bedürfnisse höher stellen als die Sache.

  • Anforderungen an Change Manager
  • Ichhaftigkeit und tendenziöse Wahrnehmung lassen sich nicht völlig ausschalten, da wir unsere Persönlichkeit ebenso wenig ablegen können wie unsere Lebensgeschichte. Sie lassen sich aber entschärfen, und zwar auf doppelte Weise: Zum einen durch persönliche Weiterentwicklung, zum anderen durch die Nutzung des Potenzials von Gruppen.

  • Entschärfung
  • In dem Ausmaß, wie wir unsere persönlichen Angstbereiche und Verfärbungsmuster erkennen, ihren lebensgeschichtlichen Hintergrund verstehen und manche einseitigen Betrachtungsweisen überwinden, sind wir ihnen nicht mehr ausgeliefert. Es ist durchaus möglich, durch folgt demnächst Selbstreflexion und systematische Persönlichkeitsentwicklung die eigenen Angstbereiche (und damit die unbewussten Ziele der eigenen Wahrnehmungstendenzen) kennenzulernen und schrittweise abzubauen. Der beste Weg dazu ist eine Coaching- oder folgt demnächst Supervisionsgruppe unter kompetenter Leitung. Selbstreflexion im Alleingang bringt in aller Regel nicht viel, weil es uns ohne die Reflexion eines Coaches und/oder einer Gruppe kaum möglich ist, unsere blinden Flecken zu erkennen.

  • Die eigenen Tendenzen beherrschen lernen
  • Der andere, ergänzende Weg, der eigenen tendenziösen Wahrnehmung entgegenzuwirken, ist, die eigene Sichtweise so oft wie möglich mit anderen Menschen abzugleichen – und zwar möglichst offen und neugierig. Spannend sind dabei vor allem die Punkte, wo die Sichtweisen auseinander gehen, denn dort, wo die Meinungen übereinstimmen, kann man nicht viel lernen – dort haben entweder alle recht oder keiner. (Erinnern wir uns an Sokrates: Die hundertprozentige Übereinstimmung zahlreicher Menschen ist ebenso wenig ein Wahrheitsbeweis wie die Inbrunst der eigenen Überzeugung.) Wo die Meinungen hingegen auseinandergehen, sind Sie möglicherweise tendenziöser Wahrnehmung auf der Spur, entweder bei Ihnen oder bei anderen (oder bei beiden). Deshalb lohnt es sich, den festgestellten Unterschieden, statt sie zu verwischen und zuzukleistern, mit den Methoden der rationalen Konsensfindung nachzuspüren und gemeinsam zu prüfen, welche Perspektiven sich mit Gründen erhärten lassen und welche einer Prüfung nicht standhalten. Gewonnen hat in diesen Fällen nicht, wer recht hatte, sondern wer am meisten dazulernt. Und das ist der, der am ehrlichsten die eigene Wahrnehmung überprüft und neue Einsichten annimmt.

  • Abgleich in der Gruppe
  • Quellen:

    Adler, Alfred (1927): Menschenkenntnis; Fischer Taschenbuch Verlag

    Lewin, Kurt (1917): Kriegslandschaft; Werkausgabe, Band 4: Feldtheorie

  • Literatur
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