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Verstand und Gefühl: Wie Logik und Intuition zusammen passen

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Im Change Management, diesem Schnittpunkt von Ökonomie und Psychologie, treffen Welten aufeinander: Auf der einen Seite nüchterne, zahlenorientierte "Verstandesmenschen", auf der anderen intuitive, kommunikative "Gefühlsmenschen" – entsprechend groß ist das Potenzial für Missverständnisse und Komplikationen. Das beginnt mit der zentralen Frage, worauf es ankommt, um Veränderungen herbeizuführen: Auf intuitives Gespür und gute Kommunikation oder auf nüchterne Fakten und klare Messgrößen. Doch bei einer falschen Alternative gibt es keine richtige Wahl.

  • Intuition oder Fakten?
  •     Ihren XING-Kontakten zeigen

    Ein populärer Scheingegensatz

     

    Es entspricht unserer abendländischen Denktradition, Verstand und Gefühl, Rationalität und Emotionalität als Gegensätze zu sehen. Demnach sind die einen eben eher rational, die anderen eher emotional:

  • Falscher Gegensatz
  • Falscher Gegensatz

     


    Diese Gegenüberstellung ist eine Denkfalle: Ein falsches Denkmodell, das unweigerlich zu falschen Schlüssen führt. Denn das Gegenteil von "rational" ist eben nicht "emotional", sondern "irrational. Und das Gegenteil von "emotional" ist durchaus nicht "rational", sondern emotionslos. Anders als die unselige Gegenüberstellung suggeriert, schließen sich Verstand und Gefühl nicht aus – es ist sehr wohl möglich, eine sehr gut begründete (also rationale) Position mit großer (emotionaler) Leidenschaft zu vertreten. Und es ist ebenso möglich, ohne jede Gefühlsregung völlig irrationale Dinge in den Raum zu stellen. (Probieren Sie's, es geht ganz einfach: Behaupten Sie ohne jegliche innere Anteilnahme, dass die Erde eine Scheibe ist, die von der Sonne umkreist wird.)

  • Vorsicht Denkfalle!
  • Rationalität und Emotionalität

  • Rationalität und Emotionalität sind vereinbar
  • Da Rationalität und Emotionalität zwei getrennte Dinge sind, ist auch die gängige Unterscheidung in "Gefühlsmenschen" (die es nicht so sehr mit Logik und analytischem Denken haben) und "Verstandesmenschen" (die etwas kühl und unsensibel sind) durchaus anfechtbar. Denn aus der Tatsache, dass jemand kalt ist wie ein Eisblock, folgt nicht, dass er auch nur einen Funken Verstand besitzt. Umgekehrt ist die Tatsache, dass jemand nicht bereit oder nicht in der Lage ist, sein Gehirn zu benutzen, noch lange kein Nachweis von Gefühlstiefe. Die Aussage "Wissen Sie, ich bin einfach ein sehr emotionaler Mensch!" gerät damit in den Verdacht, eine Ausrede für die mangelnde Bereitschaft, seinen Kopf anzustrengen, zu sein. So wie sich umgekehrt auch die Hoffnung, dass mangelnde Sensibilität ein Indiz für analytische Stärken wäre, allzu oft als unbegründet erweist.

  • "Emotionalität" als Ausrede
  • Komplementäre Erkenntnisformen

     

    Sehr viel sinnvoller ist, Rationalität und Intuition als komplementäre, sich ergänzende Erkenntnisformen zu betrachten, die unterschiedliche Stärken, aber auch unterschiedliche Schwächen haben. Gerade wegen dieses Ergänzungspotenzials darf man weder das eine noch das andere ausblenden, wenn ein vollständiges Bild bekommen und bestmögliche Entscheidungen treffen möchte. Gerade in Veränderungsprozessen sind beide Ebenen ständig von Bedeutung. Deshalb ist das Change Management auf die Verbindung beider Perspektiven angewiesen; wer sich hier einseitig entweder nur auf die Ratio oder nur auf die Intuition verlässt, kommt schnell in eine Sackgasse.

  • Komplementäre Stärken und Schwächen
  • Statt zwischen den beiden einen Gegensatz zu konstruieren, hat der Verhaltensforscher Konrad Lorenz (1903 – 1989) vorgeschlagen, die Intuition als die stammesgeschichtlich ältere Form von Intelligenz anzusehen. Danach wären unsere Gefühle die Essenz der Lernerfahrungen, die die Gattung Mensch im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte gemacht hat. Womit sie auf der einen Seite den unschätzbaren Vorteil hätten, über die individuelle Lebenserfahrung hinauszureichen, auf der anderen aber mit dem Risiko behaftet wären, uns zuweilen in die Irre zu führen, weil wir heute ja unter völlig anderen Umständen leben und arbeiten als die lange Kette unserer Vorfahren über die letzten zehn-, zwanzig oder fünfzigtausend Jahre.

  • Ergänzungs-
    potenzial
  • Stärken und Grenzen von Emotionalität und Intuition

     

    Zu den großen Stärken der Intuition zählt, dass sie uns schnelles Handeln ermöglicht, dass sie uns bei Entscheidungen Gewissheit vermittelt und dass sie Begeisterung mobilisieren kann. Wenn es zum Beispiel darum geht, eine Situation in Sekundenbruchteilen einzuschätzen und sofort zu handeln, ist der analytische Verstand ein viel zu schwerfälliges Instrument – das geht überhaupt nur intuitiv. Der Haken ist, dass diese intuitiven Entscheidungen nicht zwangsläufig optimal sind.

  • Intuition ist fehlbar
  • Wenn Sie zum Beispiel mit dem Auto in einer Kurve ins Rutschen kommen, werden Sie intuitiv sofort vom Gas gehen – und damit rein physikalisch die Schleuderbewegung verstärken, weil durch die Bremswirkung des Motors die Vorderräder stärker belastet, die Hinterräder aber entlastet werden, sodass sie an Haftung verlieren. Es ist äußerst mühsam, sich gegen seine intuitiven Impulse anzutrainieren, im ersten Schreck nicht vom Gas zu gehen, sondern stattdessen auszukuppeln. Denn intuitiv macht Auskuppeln überhaupt keinen Sinn, bedeutet es doch, noch mehr Kontrolle abzugeben, wo wir sie doch gerade zurückgewinnen wollen. Sehr wohl aber macht es physikalisch Sinn, denn es entlastet die Räder von Motoreinflüssen und stellt so ihre maximale Haftreibung für die Seitenführung zu Verfügung. Hier macht sich das hohe stammesgeschichtliche Alter der Intuition nachteilig bemerkbar: Dieses Orientierungssystem wurde einfach für andere Lebensverhältnisse "konstruiert" als die, unter denen wir uns heute bewegen.

  • Beispiel schleuderndes Auto
  • Auch im sozialen Kontext ist Intuition durchaus kein unfehlbarer Ratgeber. So zielen zum Beispiel die meisten Manipulationstechniken darauf ab, bei den Adressaten "falsche Intuitionen" zu wecken und sie so zu Entscheidungen zu verleiten, die sie mit klarem Kopf nicht getroffen hätten ( Stichwort Intuition). Auch in Situationen, wo wir verunsichert sind oder massiv unter Druck stehen, kann uns die Intuition leicht fehlleiten – wird sie uns doch mit großer Wahrscheinlichkeit nahelegen, uns von dem momentanen Stress zu befreien, statt sich danach auszurichten, was für die Gestaltung der Gesamtsituation das Richtige ist. Generell kann man sagen: Je mehr wir in einer Situation mit uns selbst beschäftigt ("ichbezogen") sind, desto problematischer wird es, blind auf den Rat der Intuition zu vertrauen.

  • Irreführung durch Intuition
  • Und schließlich sind Intuition und Emotionalität keine große Hilfe dabei, den optimalen Weg zu einem Ziel zu bestimmen, Krisen zu bewältigen oder dauerhafte Orientierung zu vermitteln. Denn Gefühle haben oftmals eine kurze Halbwertszeit: Sie entstehen aus einer Situation heraus, und wenn sich die Verhältnisse nach einer Weile geändert haben, ist oftmals auch die hohe intuitive Plausibilität der ursprünglichen Entscheidung verflogen. Das sind dann die Situationen, wo man sich ein paar Wochen oder Monaten nach dem Start eines Vorhabens hilflos fragt. "Warum zum Teufel haben wir uns auf diese Geschichte eingelassen?!"

  • Kurze Halbwertszeit
  • Aus all diesen Gründen wäre es töricht, naiv darauf zu vertrauen, dass uns die Intuition unfehlbar in die richtige Richtung weisen wird, wenn wir nur darauf verzichten, sie durch "linkshirniges Denken" zu stören. Doch heißt das nicht, dass die Ratio die bessere Alternative wäre – sie ist sondern "nur" das nützliche Gegenstück zur intuitiven Erkenntnis.

     

    Stärken und Grenzen von Logik und Rationalität

     

    Die Stärke des logischen Denkens liegt darin, Fakten zusammen zu tragen, vorhandene Erfahrungen auszuwerten, Zusammenhänge zu überprüfen und Gründe und Gegengründe gegeneinander abzuwägen. Es ist eine wertvolle Hilfe, um zu beurteilen, welche Mittel Erfolg versprechend sind, um ein angestrebtes Ziel zu erreichen, und um Zielkonflikte frühzeitig zu erkennen.

  • Stärken
  • Doch auch die Ratio hat eine ganze Reihe von Schwachpunkten, die es ratsam erscheinen lassen, sich nicht ausschließlich auf sie zu verlassen:

  • Schwachpunkte
  • 1.

    Denkfehler. Auch bei noch so sorgfältigem Arbeiten gibt es keine Gewähr dafür, alles Wesentliche bedacht und richtig bewertet zu haben. Zwar kann man mit den Techniken der rationalen Konsensfindung einiges dafür tun, alle verfügbaren Informationen auszuschöpfen und so der Wahrheit möglichst nahe zu kommen. Dennoch bleibt es bis heute bei der Aporie des alten Sokrates, der vor 2400 Jahren erkannt hat, dass wir Menschen, außer bei Gegenständen der unmittelbaren Beobachtung, außerstande sind, die Wahrheit zu erkennen.

  • Denkfehler
  • 2.

    Komplexität. Der menschliche Verstand leistet, sofern wir uns die Mühe machen, ihn zu benutzen, recht brauchbare Arbeit bei der Bewältigung geringer bis mäßiger Komplexität. Wächst die Komplexität jedoch an, stößt er rasch an Grenzen: Wir verlieren den Überblick, saufen in Details ab und übersehen wichtige Stellgrößen. Das einzig wirksame Gegenmittel ist genau das, was gute Manager und Berater teils intuitiv, teils aufgrund langjähriger Schulung tun, nämlich bewusste und aktive Komplexitätsreduktion. Komplexität zu reduzieren, heißt konsequente Priorisierung: sich aufs Wesentliche zu konzentrieren und Unwesentliches unbeachtet zu lassen. Je mehr man aber reduziert, desto größer wird die Gefahr, auch Wesentliches außer Acht zu lassen. Mit dem Risiko, dass der hübsche Satz von Henry Louis Mencken wahr wird: "Für jedes Problem gibt es eine einfache Lösung – klar, einleuchtend und falsch."

  • Komplexität
  • 3.

    Ungewissheit. Alle wesentlichen Entscheidungen im Leben sind Entscheidungen unter Ungewissheit. Schon weil sie sich in aller Regel auf die Zukunft beziehen, wissen wir bei wichtigen Fragen nie alles, was wir wissen müssten, um eine optimale Entscheidung zu treffen. Wir sind also immer auch auf Annahmen, Mutmaßungen, Wahrscheinlichkeitsschätzungen und "Business Judgement" angewiesen.

  • Ungewissheit
  • 4.

    Orientierungslosigkeit. Rationalität ist auf außerrationale Ziele angewiesen. Die einzige Möglichkeit, Ziele rational zu begründen, ist durch Rückgriff auf übergeordnete Ziele. Irgendwann kommt man dabei an einen Punkt, den man nicht weiter begründen kann. Dort muss man sich für oder gegen ein übergeordnetes Ziel entscheiden – was am Ende ausschließlich eine Sache des Gefühls, des Wollens, der Intuition ist.

  • Orientierungs- defizit
  • 5.

    Energiemangel. "Rationalät erzeugt keine Energie", hat Michael Löhner das Problem präzise auf den Punkt gebracht. Nach einer langen, sorgfältigen analytischen Diskussion kann es sein, dass man genau weiß, was richtig wäre zu tun, aber nicht die geringste Motivation verspürt, es auch anzupacken.

  • Energiemangel
  • Konsequenzen für das Change Management

     

    Offensichtlich haben also sowohl der Verstand als auch die Intuition wichtige Vorzüge, aber auch gravierende Schwachpunkte. Zum Glück ergänzen sie sich. Es kommt also darauf an, Rationalität und Intuition so zusammen zu führen, dass man nicht ihre Schwächen kombiniert, sondern ihre Stärken. Genau der falsche Weg ist es, erst eine intuitive Entscheidung "aus der Hüfte" zu treffen und dann den Verstand zu benutzen, diese Entscheidung nachträglich zu rechtfertigen und "rational" zu begründen. Sehr viel sinnvoller ist, zunächst im Zuge einer rationalen Konsensbildung alle Möglichkeiten des Verstandes auszureizen – und dann eine intuitive Entscheidung zu treffen.

  • Der Trick liegt in der Verbindung
  • Erfolgreiches Change Management ist auf beides angewiesen: Es bedarf der Ratio, also der analytisch sauberen Fundierung von Strategie und Veränderungskonzept, weil es sonst in der Gefahr ist, "mit Volldampf in die falsche Richtung" zu marschieren. Doch rationale Einsichten bleiben folgenlos, wenn sie nicht von einem emotionalen Konsens getragen und mit Entschlossenheit, Intuition und Leidenschaft in die Tat umgesetzt werden. "Rationalität erzeugt keine Energie": Wenn man alle der Gründe und Gegengründe sorgfältig durchdrungen hat, weiß man zwar mit größtmöglicher Genauigkeit, was zu tun sinnvoll wäre, verspürt aber nicht die geringste Lust, es auch wirklich anzupacken.

  • Rationaler und emotionaler Konsens
  • Emotionale Energie

     

    Um nicht bloß "Einsicht ohne Folgen" zu produziert – wie viele Beratungsstudien, die ohne Umsetzung in Tresoren verschwinden –, ist es daher von entscheidender Bedeutung, dass das Top Management auch einen emotionalen Konsens herbeiführt, indem es konsequent die Führung des Veränderungsprozesses übernimmt, die Führungsmannschaft wie die Belegschaft von dem Vorhaben überzeugt und sich entschlossen an die Realisierung der Veränderungsziele macht. Führung von Veränderungsprozessen bedeutet am Ende nichts anderes als die Übermittlung emotionaler Energie: Sie bedeutet den Mut, seinen Willen – der hoffentlich rational abgesichert ist – überzeugend zu vermitteln. Dafür ist es von großem Nutzen, wenn das Top Management eine über den Tag hinausreichenden Idee anzubieten hat, die rationalen und emotionalen Konsens auf anschauliche Weise zusammenführt und um deren Willen es sich lohnt, die ganzen Widrigkeiten eines großen Veränderungsvorhabens durchzustehen.

  • Emotionale Energie
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