Bestandsaufnahme: Weshalb Sie auf einer sorgfältigen Problemanalyse
bestehen sollten
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Nur wenn man das Problem wirklich verstanden hat, hat man die
Chance, eine funktionierende Lösung zu entwickeln. Je komplexer
das Problem, desto unwahrscheinlicher ist, ohne wirkliches Verstehen
der Zusammenhänge ein Lösungskonzept zu finden, das hinterher auch
wirklich funktioniert. Eine mangelhafte Bestandsaufnahme ist daher
eine der häufigsten Ursachen, weshalb vor allem interne Projekte
scheitern. Denn wenn die analytischen Hausaufgaben nicht gemacht
sind und die Lösung am Kern des Problems vorbei geht, hilft auch
größter Einsatz bei der Umsetzung nicht.
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Eine gute Bestandsaufnahme zu machen, ist in erster Linie ein psychologisches
Problem – insbesondere für interne Projektteams. Während externe
Berater zu sorgfältigen
Analysen schon deshalb stark motiviert sind, weil dies für sie die
einzige Chance ist, das Unternehmen und seine Problemlage zu verstehen,
haben Interne das entgegengesetzte Problem: Sie kennen das Unternehmen
nur allzu gut und sind der festen Überzeugung, alles Wesentliche
über das Problem längst zu wissen. Und natürlich haben sie längst
konkrete Lösungsideen im Kopf. Infolgedessen sind sie sich schnell
einig: "Lasst uns keine Zeit mit umständlichen Analysen verlieren!
Wir wissen doch alle, wo der Hase im Pfeffer liegt!"
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"Wir kennen
das Problem!"
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Vorsicht, Falle!
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Je vertrauter wir mit einer Sache sind, desto sicherer sind wir,
alles Wesentliche bereits zu wissen, und desto überflüssiger erscheint
es uns daher, noch Zeit und Energie für Analysen aufzuwenden. Leider
spielt uns dabei unser Gehirn einen Streich: In der Regel wissen
wir tatsächlich viel über das fragliche Problem, aber längst nicht
alles. Unser Gehirn ist aber so konstruiert, dass es aus unvollständigen
Daten ein vollständiges Bild erzeugt. Diese Eigenschaft hat im täglichen
Leben viele Vorteile, aber sie macht es uns sehr schwer zu erkennen,
wann wir unvollständige Informationen haben. Stattdessen sind wir
uns in solchen Fällen sicher, dass unsere Informationen entweder
(so gut wie) vollständig sind – oder dass zumindest das (vermeintlich)
wenige, was uns fehlt, das Bild nicht verändern würde und daher
unwesentlich ist.
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Doch aus Gewissheit folgt keine Wahrheit. Unsere felsenfeste Überzeugung,
alles Wesentliche zu wissen, sagt leider überhaupt nichts über den
Wahrheitsgehalt ebendieser Überzeugung aus. Auf die tiefe Kluft
zwischen Wahrheit und Gewissheit hat schon der alte Sokrates aufmerksam
gemacht: Wahrheit liegt dann vor, wenn eine Aussage mit der Realität
übereinstimmt. Gewissheit hingegen ist ein psychischer Zustand,
nämlich die Unfähigkeit, eine Einschätzung noch zu bezweifeln ( Rationalität).
Unglücklicherweise haben wir keine Übung damit, zwischen Wahrheit
und Gewissheit zu trennen. Die Verwechslung von Gewissheit mit Wahrheit
ist jedoch die Grundlage vieler folgenschwerer Fehler.
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Verwechslung von
Gewissheit mit Wahrheit
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Das Dumme ist: Gegen das sichere Gefühl, alles Wesentliche über
ein Thema bereits zu wissen, kann man sich nicht wehren. Es wird,
wenn man genügend Erfahrung (= Zeit) mit einer Materie gesammelt
hat, zur unbezweifelbaren "psychologischen Tatsache". Unsere einzige
Chance diesen "Sog der Gewissheit" ist, im Wissen über diesen Mechanismus
ein Stück "Distanz zur eigenen Gewissheit" (Michael Löhner) aufzubauen
und uns bewusst zu entscheiden, der Realität wenigstens noch eine
kleine Chance gegen unsere Überzeugungen zu geben. Denn:
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Distanz zur eigenen
Gewissheit
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Nur wer das Problem wirklich verstanden hat, hat die Chance,
eine tragfähige Lösung zu finden.
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Gerade bei der Arbeit mit internen Teams ist wichtig, für die Bestandsaufnahme
Untersuchungsmethoden zu wählen, die über die Alltagsbeobachtungen
des Teams hinausgeht. Schon die einfachste Form, das Zählen – etwa
in Form einer Häufigkeitsverteilung – bringt immer wieder Überraschungen.
So wussten die Mitglieder einer Versandabteilung aus langjähriger
Erfahrung, dass es in ihrem Geschäft relativ viele "Ausnahmen von
der Regel" gab. Aber sie waren doch überrascht, als eine Auszählung
über drei Wochen ergab, dass die zwei häufigsten Ausnahmen häufiger
vorkamen als die Regel – dass also der definierte "Regelfall" statistisch
eine Ausnahme war.
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Ein bewährter Tipp ist weiter, konsequent das "Niemandsland" zu
erforschen. Wenn ein internes Projektteam gut zusammengestellt ist,
sitzt sehr viel Know-how über das fragliche Thema am Tisch – aber
keiner hat wirklich das Gesamtbild. Der eine weiß alles darüber,
wie die Auftragsannahme funktioniert, der nächste kennt Disposition
und Arbeitsvorbereitung bis ins Detail, der dritte die Produktion,
der vierte die Logistik ... Aber was genau zwischen Auftragsannahme
und Dispo / AV passiert oder wie der Übergang von der Produktion
in die Logistik funktioniert, das weiß keiner so richtig. Genau
in diesen Niemandsländern stecken aber häufig die Probleme. Präzise
Beschreibungen des Durchlaufprozesses (samt der Erfassung von Liege-
und Bearbeitungszeiten) bringen hier oftmals neue Erkenntnisse –
und damit Ansatzpunkte für neue Ideen und Lösungswege.
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Hypothesengetriebene Bestandsaufnahme statt übereifriger Faktenhuberei!
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Die Analyse von Daten ist kein Selbstzweck – man muss sich also
hüten, fleißig und pflichtbewusst alle Daten zu erfassen und zu
analysieren, die einem in den Sinn (oder zwischen die Finger) kommen.
Schließlich gibt es unendlich viele Daten auf der Welt – schon in
einer einzigen Abteilung weit mehr, als man je erfassen, geschweige
denn korrelieren könnte (und sollte). Das heißt, es hat überhaupt
keinen Sinn, ziellos auf Verdacht Daten zu erheben. Zahlen, Daten
und Fakten sollen Fragen beantworten – die Antworten, die sie liefern,
können nur so gut sein wie die Fragen, die gestellt wurden.
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Gute Fragen setzen eine Hypothese voraus, also eine Vermutung über
das Bestehen von Zusammenhängen. Entscheidend ist nicht, ob sich
die Hypothese am Ende als richtig erweist – viel wichtiger ist,
dass sie bei der gezielten Überprüfung von Zusammenhängen hilft
– und zwar mit Fakten, nicht mit Reden. Gleich was dabei an Resultaten
herauskommt, es führt immer zu neuen Erkenntnissen und damit zu
einem besseren Verständnis dessen, wie das Gesamtsystem funktioniert.
Und genau das, ein genaues Verstehen der Zusammenhänge, ist Voraussetzung
für die Entwicklung praxistauglicher Lösungen.
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Hypothesen formulieren
und prüfen
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Gute Hypothesen entstehen aus der Mischung von Vertrautheit und
Distanz, von Neugier und Erfahrung. Sie können von einzelnen Personen
kommen, aber auch aus der Diskussion von Teams entstehen. Für letzteres
ist eine möglichst heterogene Zusammensetzung des Projektteams nützlich:
Wenn die einen relativ neu sind und die anderen große Erfahrung
haben, die einen in die eine Richtung und die anderen in die andere
Richtung denken, ist das Team zwar schwerer zu leiten, zugleich
aber vergrößert dies sein kreatives Potenzial erheblich. Wichtig
ist in jedem Fall, dass genügend Leute im Team sind, die sich die
Fähigkeit bewahrt haben, noch zu staunen, und nicht so "abgeklärt"
(oder abgestumpft) sind, dass sie alles für normal halten müssen.
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Heterogenität fördert
kreative Hypothesen
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Im Offenlegen und Überprüfen der unterschiedlichen Sichtweisen
liegt auch der Ansatz, wie man interne Teams trotz aller anfänglichen
Widerstände für eine sorgfältige Bestandsaufnahme gewinnen kann.
Denn im Zweifelsfall hat zwar jedes einzelne Teammitglied eine klare
Vorstellung, wie die Situation ist, wo es hakt und was man tun könnte,
um es zu verändern – nur sind das in den seltensten Fällen dieselben
Vorstellungen. Wenn Sie die Teammitglieder also dazu veranlassen,
zu beschreiben, wie sie die Dinge sehen, wo sie die Probleme lokalisieren
und welche Ansatzpunkte für Lösungen sie im Kopf haben, wird daraus
fast zwangsläufig eine kontroverse Diskussion entstehen.
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Unterschiedli-che Sichtweisen offenlegen
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Der entscheidende Schritt ist nun, diesen Meinungsstreit (der so
auch in der Kantine stattfinden könnte, ohne irgendwelche Folgen
zu haben) in empirisch überprüfbare Hypothesen zu übersetzen: "Welche
Fakten müssten festzustellen sein, wenn Ihre Sichtweise richtig
ist?" oder auch: "Welche Fakten sollten nicht oder nur sehr selten
anzutreffen sein, wenn Ihre Sichtweise richtig ist?" Auf diese Weise
entsteht aus der Diskussion, ob eine Bestandsaufnahme überhaupt
erforderlich ist, unmerklich das Konzept für ihre Durchführung.
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Von Sichtweisen zu
Hypothesen
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Grundstrategie einer guten Bestandsaufnahme
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1. Erst mal schauen, was los ist ("Realität erkunden")
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Mit den Leuten reden / unterschiedliche Perspektiven
kennen lernen
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2. Aus Beobachtungen / Hinweisen Ideen über Zusammenhänge
ableiten ("Hypothesen entwickeln")
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Nicht Lösungsideen, sondern Verstehen des
Problems
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Diskutieren, streiten, Sichtweisen gegenüberstellen
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3. Schauen, ob die Ideen stimmen ("Hypothesen
testen")
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Überprüfbare Vorhersagen aus Hypothesen ableiten
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Der Realität eine Chance gegen die eigenen
Theorien geben!
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4. Erklärungen ableiten ("Systemverständnis entwickeln")
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Bei Eintreffen der Vorhersagen sind die Hypothesen
wahrscheinlich richtig
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Bei Nichteintreffen der Vorhersagen Ansatzpunkte
für neue Ideen / Zusammenhänge
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5. Beobachtungen, Befunde und Erklärungen aufbereiten
("Präsentieren")
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© 2002
Winfried Berner - vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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