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Neu von Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Leitbild und Führungsgrundsätze: Weshalb sie nichts verändern
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Obwohl ich als Berater viele Unternehmen von innen kenne, wüsste
ich kein einziges zu nennen, in dem die Einführung eines Leitbilds
oder von Führungsgrundsätzen eine greifbare positive Wirkung gehabt
hätte. Das liegt weder an einem Mangel an gutem Willen noch an groben
handwerklichen Fehlern. Es liegt daran, dass auch die sorgfältigste
Beschreibung, wie man die Welt gerne hätte, nicht bewirkt, dass
die Welt so wird. Im günstigsten Fall werden Leitbilder, Führungsgrundsätze
etc. schlicht ignoriert, im ungünstigeren richten sie sogar Schaden
an.
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Es wäre überzogen, daraus, wie es zuweilen geschieht, die Schlussfolgerung
abzuleiten, dass man eine Unternehmenskultur
überhaupt nicht verändern könne. Es gibt zahlreiche Beispiele dafür,
wie sich im Laufe von Veränderungsprozessen auch Unternehmenskulturen
nachhaltig verändert haben – bei Großkonzernen ebenso wie im Mittelstand
und im öffentlichen Bereich. Doch in aller Regel geschah nicht über
Leitbilder und Führungsgrundsätze, sondern über konkrete, geschäftsbezogene
Veränderungsziele
wie Kundenorientierung, Kostensenkung,
Ablaufoptimierung, Qualitäts-Kampagnen oder Programme
zur Steigerung der
Mitarbeiterqualität.
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Wege zur Kultur-
veränderung
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Das "Regenmacher-Syndrom"
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Der Grund, weshalb Leitbilder und Führungsgrundsätze in aller Regel
im Niemandsland enden, ist, dass es zwar oftmals einen "starken
Anfang" gibt, aber danach keine wirkliche Fortsetzung. Im Grunde
wird hier sehr häufig Management-Voodoo betrieben:
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Abb.: Regenmacherei im Management |
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Magisches Denken (Voodoo / abergläubisches Handeln) liegt dann
vor, wenn zwischen dem eigenem Handeln und dem gewünschtem Ergebnis
kein schlüssiger Wirkzusammenhang besteht. Zwar ist die Wahrscheinlichkeit,
dass es regnet, tatsächlich um so größer ist, je länger man den
Regentanz durchhält. Das liegt aber nur daran, dass die Regenwahrscheinlichkeit
um so mehr steigt, je mehr Zeit verstreicht. (In London hat man
damit oft schon innerhalb von Stunden Erfolg, in Niederbayern kann
es einige Tage dauern, und in manchen Dürregebieten muss man einige
Monate durchhalten. Erstaunlicherweise werden Regentänze aber um
so seltener aufgeführt, je schneller sie Erfolg hätten.)
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Das Problem mit der Unternehmenskultur ist, dass die gewünschten
Veränderungen – im Gegensatz zum Regen – nicht von alleine kommen,
wenn man die Leute nur lange genug mit Freiübungen beschäftigt.
Im Gegenteil: Je länger die Beschwörungen dauern, desto mehr Unzufriedenheit
und Zynismus entsteht. Das läuft meistens in fünf Phasen ab:
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Kultur ändert sich
nicht von allein
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1.
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Begeisterung: Die Leute hören die wohlklingenden
Grundsätze, finden sie gut und projizieren ihre unerfüllten Hoffnungen
und Wünsche hinein.
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2.
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Erwartung: Sie warten darauf, dass die Führungsmannschaft
ihre Erwartungen zu erfüllt.
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3.
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Ernüchterung: Je länger sie warten, desto
mehr schlägt die Hoffnung und Vorfreude in Enttäuschung um.
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4. |
Verbitterung: Wenn die Diskrepanzen von einigen vorwitzigen Mitarbeitern zur Sprache gebracht werden, erklärt das Management, dass sie zu viel und Falsches in die Leitsätze hineininterpretiert hätten. Daraufhin fühlen sich die Leute auf den Arm genommen und ziehen sich zurück.
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5.
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Zynismus: Nach einigen solchen Erfahrungen hat das Leitbild jede "Leitwirkung" verloren und taugt nur noch für sarkastische Sprüche hinter vorgehaltener Hand.
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Das fortgeschrittene Stadium einer solchen Krise kann man in Unternehmen
beobachten, die vor einiger Zeit ein Leitbild oder Führungsgrundsätze
eingeführt haben. Fragt man die Mitarbeiter danach, erntet man oftmals
äußerst unwirsche Reaktionen: "Lassen Sie mich bloß damit in Ruhe!"
Häufig werden dann bei jedem neuen (echten oder vermeintlichen)
Regelverstoß voller Sarkasmus jene Programmsätze, bei denen die
größten Enttäuschungen sitzen, zitiert. "We care for the individual",
flüsterte man sich auf den Fluren eines Beratungsunternehmens zu, wenn,
um knappe Kundentermine zu halten, wieder einmal private Verabredungen
abgesagt und Wochenenden durchgearbeitet werden müssen. Die Oberzyniker setzten noch eins drauf und behaupten, dass dies selbstverständlich
aus reiner Fürsorglichkeit geschehe, um die jungen und unreifen
Mitarbeiter so vor den Anfechtungen des Münchner oder Düsseldorfer
Nachtlebens zu schützen.
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Enttäuschung und
Zynismus
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Programmsätze sind Projektionsflächen
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Zur finalen Stufe von Eskalation von Unzufriedenheit und gegenseitiger
Entfremdung kommt es, wenn die Diskrepanz zwischen Worten und Taten
bei einer vermeintlich passenden Gelegenheit offen zur Sprache gebracht
wird. Das Management ist dann nicht selten überrascht, erschrocken
oder gar entsetzt darüber, welche Dinge in die Leitsätze "hineininterpretiert"
werden. Um sich von dem Druck "überzogener" Erwartungen an ihr Führungsverhalten
zu entlasten, versuchen sie dann oft, diese "Fehlinterpretationen"
sofort zu korrigieren. Wobei sich das eigene Unbehagen und – ansatzweise
– schlechte Gewissen leicht in überzogenen Formulierungen niederschlägt,
die weitere Kränkungen auslösen. Wie etwa, dass "We care for the
individual" selbstverständlich nicht heiße, dass ein Beratungsjob
mit einem Beamtenverhältnis oder einer beschützenden Werkstatt gleichzusetzen
sei und dass man "ein Mindestmaß an Leistungsbereitschaft" in einer
Beratungsfirma schon erwarten müsse.
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Damit ist die Sache endgültig gelaufen. Die verletzende Betonung
von Selbstverständlichkeiten und der Anspruch, letztinstanzlich
zu entscheiden, was richtige und was Fehlinterpretationen sind,
gibt den Mitarbeitern das Gefühl, mit der ganzen Aktion verschaukelt
worden zu sein. Ohnmächtig und wütend ziehen sie das Fazit: "Sie
drehen eben doch wieder alles so hin, wie es ihnen passt." Und wenden
sich verärgert, gekränkt und getäuscht ab. Mit anderen Worten: In
diesem Fall bringt der Regentanz keinen Regen, sondern noch größere
Dürre.
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Dass das Leiden an Leitsätzen über einzelne schlecht gelaufene
Einzelfälle hinaus reicht, sieht man daran, dass einige besonders
"beliebte" Formulierungen längst zum Running Gag geworden sind.
Betriebsräten aller
Herren Länder sträuben sich die Nackenhaare, wenn es wieder einmal
heißt, dass der Mensch irgendwo im Mittelpunkt stünde. Der Ärger
über solche Sprüche hat sich längst in zahlreichen Parodien niedergeschlagen:
"Der Mensch steht im Mittelpunkt – und damit allen im Weg." Oder,
noch prägnanter: "Der Mensch ist Mittel. Punkt."
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Leitsätze oder Leidsätze?
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Was tun?
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Ich habe einige Zeit geglaubt und gehofft, dass dieses Problem
zu beheben wäre, wenn man die Leitsätze nur präzise genug formuliert
und sie zu nachprüfbaren Indikatoren konkretisiert. Heute bin
ich mir da nicht mehr so sicher. Zwar ist eine Konkretisierung ohne
Zweifel nützlich, weil sie sowohl den Mitarbeitern als auch der
Führungsmannschaft die extrem frustrierenden nachträglichen Diskussionen
um die Auslegung erspart. Je präziser man zu jedem Leitsatz festlegt,
was er genau bedeutet (und was nicht!) und woran man erkennt, ob
er erfüllt ist oder nicht, desto unwahrscheinlicher wird, dass es
zu grundlegend unterschiedlichen Deutungen kommt. Dennoch scheint
mir immer fraglicher, ob dies die Sache rettet.
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Präzisierung durch
Indikatoren
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Denn auch nach dieser Präzisierung bleibt das Problem, dass Leitbilder
und Führungsgrundsätze die Erwartungen enorm in die Höhe schrauben
– oft über das menschliche Maß hinaus. Je höher aber die Erwartungen,
desto größer das Potenzial für Enttäuschungen. Da Führungskräfte
auch "nur" Menschen sind, werden sie diesen überhöhten Maßstäben
auch bei redlichstem Bemühen nicht gerecht werden. Je umfassender,
vollständiger und herzergreifender die Leitsätze geraten sind, desto
mickriger fällt im Vergleich dazu die Realität aus – zumal viele
Führungskräfte angesichts eines Maßstabs, der ihnen einen heiligmäßigen
Lebenswandel abverlangen würde, resignieren
und sich gar nicht mehr um Verbesserungen bemühen.
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Überhöhte Erwartungen
und ihre Folgen
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Wenn das aber stimmt, dann ist es nicht damit getan, die Anforderungen
zu präzisieren; das würde sie nur noch einschüchternder machen.
Dann ist die einzig mögliche Konsequenz ein von Grund auf anderes
Vorgehen. Dann müssen wir uns von der Vorstellung verabschieden,
in einem Anlauf eine Gesamtlösung schaffen zu können, die dann ein
für allemal (oder wenigstens für ein paar Jahre) Geltung hat. Wenn
Leitbild und Führungsgrundsätze nicht bloß Marketing sein, sondern
die Kultur und das Verhalten wirklich und dauerhaft verändern sollen, ist ein
sequentielles, schrittweises Herangehen erforderlich, und damit
zugleich die Konzentration auf einige wenige, aber zentrale Schwerpunkte.
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Konzentration statt
Universallösung
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Darüber hinaus erfordert es ein ernsthaftes und stringentes Vorgehen
– nicht bloß einen starken Anfang, dem es an einer vergleichbar überzeugenden
Fortsetzung fehlt, sondern Umsetzung mit langem Atem. Normalerweise,
wenn man im Business etwas verändern will, schreibt man ja auch
keine Programmsätze, sondern man definiert Ziele
und Maßnahmen und legt Termine für die Überprüfung der Zielerreichung
fest. Warum sollte man diese bewährte Vorgehensweise nicht auch
auf die Veränderung von Unternehmenskultur übertragen? Würde man
die Führungsgrundsätze beispielsweise die in die Leistungsbeurteilung für Führungskräfte
integrieren, würde das allen Beteiligten einen hohen Grad von Ernsthaftigkeit signalisieren.
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Das kann weitere Konsequenzen haben. Möglicherweise stellt sich
heraus, dass manche Ziele in den Bereichen Führung und Zusammenarbeit
durch die Vorgesetzten nicht oder nur unvollständig beurteilt werden
können. Dann müssen eben andere geeignete Controlling-Methoden gefunden
werden. Mag sein, dass dann konsequenterweise eine Vorgesetztenbeurteilung oder ein 360-Grad-Feedback eingeführt werden müssen. Doch auch das kann man ja machen, und
man wird es tun, wenn man es mit den Zielen wirklich ernst meint.
Wer vor solchen Umsetzungsschritten zurückschreckt, weil sie aus
seiner Sicht zu viel Aufwand sind oder zu viel Unruhe bringen, sollte
besser ganz die Finger von der Sache lassen – zu groß ist die Gefahr,
die Loyalität der Mitarbeiter unnötig
zu strapazieren und am Ende, wie oben gesehen, nur Zynismus zu produzieren.
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Bereitschaft zur
Konsequenz
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Nach meinen Erfahrungen solch programmatische Aussagen, wie sie
sich in Leitbildern und Führungsgrundsätzen versammeln, am ehesten
dann Akzeptanz, wenn sie im Laufe einer echten Kulturveränderung eingeführt werden, und zwar relativ spät (!) in diesem Prozess.
Dann haben die Mitarbeiter bereits wahrgenommen, dass etwas in Bewegung
ist, sich damit auseinandergesetzt, wie es sie selbst und ihre Vorgesetzten
betrifft, und erste Umstellungen in ihren Gewohnheiten
vorgenommen. Wenn das geschehen ist, werden realitätsnah formulierte,
nicht allzu sehr idealisierende Leitsätze als Bestätigung und Bekräftigung
des eingeschlagenen Wegs verstanden und akzeptiert.
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Leitsätze als Bekräftigung
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©
2002 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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