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Neu von Winfried Berner:
"Change!" 15 Fallstudien zu Sanierung, Turnaround, Prozessoptimierung, Reorganisation und Kulturveränderung
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Winfried Berner:
"Bleiben oder Gehen"
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Unternehmerisches Denken: Der zweifelhafte Nutzen einer romantischen
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Seit einiger Zeit ist es schick, dass jede Firma und jede Behörde
ihre Mitarbeiter zu "unternehmerischem Denken" erziehen will. Zwar
kann kaum jemand sagen, was das eigentlich sein soll und woran man
es, sollte es denn vorliegen, erkennt – da aber sowieso alle dafür
sind, stört das niemanden. Manche Fanatiker möchten, was sie für
unternehmerisches Denken handeln, mit Systemen fördern, die den
individuellen Ergebnisbeitrag bis zum letzten Mitarbeiter und mittelfristig
wohl bis zu dessen Kniescheibe herunterbrechen, und ihn mit "variablen
Gehaltsbestandteilen" belohnen, ohne zu bemerken, dass alleine schon
diese Wortwahl ein immerwährendes Treuegelöbnis zur Bürokratie ist.
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Fragt man nach, was unternehmerisches Denken denn eigentlich bedeuten
solle, erntet man oftmals verwirrte Blicke und nach kurzem Zögern
die Tautologie-verdächtige Definition, es heiße, zu denken wie ein
Unternehmer. Nun könnte man pedantisch einwenden, dass das Denken
so lange nichts nützt wie es sich nicht in Handeln übersetzt. Zu
handeln wie ein Unternehmer aber, müsste das nicht heißen, die vermeintliche
Sicherheit einer Festanstellung hinter sich zu lassen, ein Geschäftskonzept
zu entwickeln und sich selbständig zu machen? In diesem Fall könnte
man den Erfolg der Erziehung zum unternehmerischen Handeln leicht
daran messen, wie viele Mitarbeiter innerhalb von, sagen wir, zwei
Jahren kündigen und sich selbständig machen.
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Handeln wie ein Unternehmer?
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Klingt super – aber was bedeutet es eigentlich?
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Aber so war es natürlich nicht gemeint, wird sofort eilfertig versichert.
Vielmehr sollten die Mitarbeiter dazu motiviert werden, so zu handeln,
als ob es sich bei dem Unternehmen um ihr eigenes Geschäft handele.
Nun könnte man es für moralisch bedenklich halten, auf diese Weise
die Grenzen zwischen "Mein" und "Dein" zu verwischen; andererseits
sollte es nicht so schwierig sein, die Mitarbeiter zum Beispiel
zu beherzten Privatentnahmen aus "ihrem Geschäft" zu motivieren.
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Als ob es das eigene
Geschäft sei?
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Aber zu früh gefreut: So ist es "selbstverständlich" auch nicht
gemeint. Vielmehr gehe es, wie im nächsten Anlauf erklärt wird,
darum, die Risikobereitschaft
der Mitarbeiter zu fördern. Doch auch hier gibt es Einwände: "Einer
der größten Mythen über Unternehmer ist, dass sie risikofreudig
wären," meint dazu Prof. William A. Sahlmann. "Alle vernünftigen
Menschen suchen Risiken zu vermeiden." (zit. nach Kubr, Th. u.a.:
Planen, gründen, wachsen; 1997). In der Tat zeigt die empirische
Forschung zum menschlichen Risikoverhalten,
dass Unternehmer mit ihrem eigenen Geld wesentlich vorsichtiger
umgehen als angestellte Manager (vergl. z.B. Thaler, R., 1994).
Was Vor- und Nachteile haben kann, aber einfach eine Tatsache ist.
Wie ein Unternehmer zu denken, hieße demnach, weniger Risikobereitschaft
an den Tag zu legen, nicht mehr.
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Aber das ist wahrscheinlich auch nicht gemeint. Angesichts dieser
Wirrsal muss man fast die Frage stellen, ob Unternehmer überhaupt
unternehmerisch denken. Immerhin entwickeln manche von ihnen Produkte
von fraglichem Marktwert, entscheiden über wichtige Fragen nicht
auf der Basis einer sauberen Kalkulation, sondern aus dem Bauch
heraus, versägen die Finanzierung ihres Unternehmens, machen selbstmörderische
Preise, um Aufträge zu ergattern, bauen verschachtelte Konglomerate,
die irgendwann zusammenbrechen ... Wie unternehmerisch denken solche
Unternehmer eigentlich?
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Denken Unternehmer
unternehme-
risch?
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Klarheit statt Parolen
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Wenn man den Begriff "Unternehmerisches Denken" nutzbringend verwenden
will, ist es zwingend erforderlich, ihn zu operationalisieren. Das
heißt, man müsste ihn so in beobachtbare, nachprüfbare Indikatoren übersetzen, dass für Mitarbeiter
wie Vorgesetzte unzweifelhaft klar ist, was damit gemeint ist. Es
ist jedoch fraglich, ob sich die Mühe lohnt – im Grunde handelt
es sich dabei nur um eine romantisierende Metapher, die Mitarbeitern
sagen soll, dass sie mitdenken und sich von "wahrem Unternehmertum"
– was auch immer das sein mag – eine Scheibe abschneiden sollten.
Wahrscheinlich wäre es daher sinnvoller, diesen Begriff fallen zu
lassen und stattdessen gleich direkt zu sagen, was man am Status
Quo auszusetzen hat und welche konkreten Verhaltensänderungen man
von Mitarbeitern und Führungskräften möchte.
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Es ist nicht nur unsinnig, sondern schädlich, große Aktionen um
eine Metapher zu veranstalten, die zwar sehr dynamisch klingt, aber
beliebig interpretierbar und letzten Endes recht inhaltsarm ist.
Denn wenn man nicht angeben kann, was man erreichen möchte, kann
man auch nicht feststellen, ob man es erreicht hat. Vor allem aber
ist unentscheidbar, ob die eingesetzten Mittel überhaupt geeignet
sind, das vage Ziel herbeizuführen. Das ist fatal, denn die Kosten
wie auch die Risiken und Nebenwirkungen der eingesetzten Mittel
muss man dennoch tragen.
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Mehr Irritation als
Nutzen
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So stellt sich ernstlich die Frage, ob ein zeit- und kostenaufwändiges
Controlling-System, das Transparenz bis auf Mitarbeiterebene schafft,
tatsächlich geeignet ist, so wünschenswerte Eigenschaften zu fördern
wie Eigenverantwortlichkeit oder die Bereitschaft,
Eigeninteressen
zugunsten des Ganzen zurückzustellen. Denn wenn der Beitrag, den
der Einzelne zum Erfolg seiner Kollegen leistet, nicht genau so
transparent wird wie sein eigenes Ergebnis, dann werden die Mitarbeiter
daraus ihre Lehren ziehen und unter lauten Lippenbekenntnissen zur
gegenseitigen Unterstützung konsequent ihr eigenes Ergebnis optimieren.
"What gets measured gets done" – im Guten wie im Bösen.
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Falls es unter der Flagge des unternehmerischen Denkens tatsächlich
darum gehen sollte, Eigenverantwortlichkeit und Beitragsbereitschaft zu fördern, wäre es erstens zweckmäßig,
das auch so zu nennen, statt es hinter wohlklingenden Nebelschwaden
zu verbergen – das würde die Kommunikation erleichtern und für mehr
Deutlichkeit sorgen.
Zweitens würde es sich dann lohnen, vor dem Einleiten irgendwelcher
Aktionen einmal zu untersuchen, was diesen wichtigen Werten denn
heute im Wege steht. Und drittens müssten dann Maßnahmen und Messgrößen entwickelt werden, die geeignet
sind, genau diese (!) Werte transparent zu machen und zu fördern.
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©
2002 Winfried Berner – vollständige oder auszugsweise Wiedergabe, gleich in welcher Form, honorarpflichtig und nur mit vorheriger schriftlicher Genehmigung / Zitate im üblichen Umfang mit Quellenangabe gemäß wiss. Zitationsregeln zulässig. Näheres siehe Nutzungsbedingungen.
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