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Euphemismen: Die Flucht vor der Wahrheit – und der Verantwortung

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Euphemismen sind Schönfärberei auf Wortebene: Der Versuch, eine hässliche Wahrheit – etwa, dass Mitarbeiter ihre Jobs verlieren werden – durch sprachliche Kosmetik weniger hässlich erscheinen zu lassen. Statt von Entlassungen spricht man dann von "Freisetzungen" – und hofft, dass, wenn es nicht mehr so hässlich klingt, auch die Reaktionen weniger heftig ausfallen werden. Doch dieser Versuch geht ins Leere, denn nicht die Worte sind hässlich, sondern die Tatsachen, für die sie stehen. Und so kommt, was kommen muss: Worte wandeln ihre Bedeutung, und schon bald klingt "Freisetzungen" um keinen Deut besser als "Entlassungen" – eher noch hässlicher, weil der Beigeschmack der versuchten Sprachmanipulation mitempfunden wird.

  • Schönfärberei auf Wortebene
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Interessant in diesem Zusammenhang, dass das Wort Entlassungen, das heute in manchen Kreisen verpönt ist, seine Karriere selbst als Euphemismus begonnen hat. Denn "Entlassung" war ursprünglich kein arbeitsrechtlicher Terminus, sondern bezeichnete die Beendigung eines Gesprächs durch den Ranghöheren. In älteren Büchern liest man oft noch Formulierungen wie: "Der Meister entließ mich mit den Worten ..." Damit war das Gespräch beendet – wurde aber möglicherweise schon am nächsten Morgen wieder aufgenommen. Genau diese Assoziation des Nicht-Endgültigen machte das Wort "Entlassung" als schönfärberische Umschreibung für Kündigung attraktiv. Doch ging dieser Beiklang im Laufe der Jahre in dem Ausmaß verloren, wie das Wort zum Synonym für Kündigung wurde.

  • Der tiefe Fall des Wortes "Entlassungen"

Ein ähnliches Schicksal wird bald auch dem Wort "Freisetzung" widerfahren; man darf jetzt schon gespannt sein, wie dann die schönfärberische Umschreibung für "Freisetzungen" lauten wird.

 

Wenn Euphemismen und anderer manipulativer Sprachgebrauch überhaupt eine Wirkung haben, dann dort, wo die Adressaten mit der Materie nur oberflächlich vertraut sind und sie ihr keine große Bedeutung beimessen. Ob von "Kernkraftwerken" oder "Atomkraftwerken" gesprochen wird, das mag für die gefühlsmäßige Bewertung mäßig interessierter Laien durchaus eine Rolle spielen. Doch je tiefer jemand die Materie durchdringt, desto mehr schwindet die Beeinflussungswirkung euphemistischer Bezeichnungen. Da sich Mitarbeiter mit "Freisetzungen" aber üblicherweise sehr intensiv befassen, ist die Hoffnung, dass sie dieses Wort weniger erschrecken würde als "Entlassungen", im Grunde naiv.

  • Wirkungslose Manipulation

Achselzuckend fügen sich die Mitarbeiter dem von der Geschäftsleitung gewünschten "Double-Speak", solange es um nebensächliche Themen geht – dann spricht "man" halt nicht mehr von "Problemen", sondern von "Herausforderungen". Doch je gewichtiger die Themen sind, desto störender, irritierender und ärgerlicher wird die Differenz zwischen dem, was man sagt (bzw. sagen muss), und dem, was man meint. Diese "verordnete Schizophrenie" entfremdet die Mitarbeiter dem Unternehmen und mindert ihre Loyalität. Was deshalb eine gewisse Brisanz hat, weil Euphemismen und andere Formen von Schönfärberei ja gerade bei heiklen Themen gern benutzt werden.

  • Verordneter Double-Speak

Schönfärberei ist mehr als eine schlechte Angewohnheit: Sie ist verräterisch und in ihrer Wirkung im Unternehmen destruktiv. Verräterisch deshalb, weil sie deutlich macht, dass das Management sich, wenn es kritisch wird, nicht zu seiner Verantwortung bekennt, sondern versucht, die Folgen des eigenen Handelns zu verharmlosen. Genau wie viele Straftäter durch das Verharmlosen und Herunterspielen ihrer Tat zeigen, dass sie nicht die Verantwortung für ihr Handeln übernehmen wollen, drücken sich auch etliche Führungskräfte vor der Last der Verantwortung, die in unangenehmen Entscheidungen liegt. Das ist keine Gleichsetzung von Personalabbau mit Straftaten; zweifellos gibt es Situationen, in denen Personalabbau zwingend erforderlich ist, und es gibt auch Situationen, in denen er nicht "sozialverträglich" (im Grunde auch ein Euphemismus) umzusetzen ist. Die bittere Parallele liegt im Ausweichen vor der Verantwortung, die im Verwenden von Ausflüchten und Verharmlosungen ebenso zum Ausdruck kommt wie in Euphemismen und Schönfärberei.

  • Verlust an Glaubwürdigkeit

Destruktiv ist die Wirkung von Beschönigungen, weil gerade die Verharmlosung bei den Betroffenen Zorn und ohnmächtige Wut auslöst. Naheliegend, dass der Betriebsrat in solchen Fällen wütend fordert, das Management möge nicht herumsülzen, sondern wenigstens den Mut haben, sich dazu zu bekennen, dass es Hunderte von Menschen auf die Straße setzt (was wiederum eine Dramatisierung ist, denn "auf der Straße" sitzen die Leute nun auch wieder nicht). Die Wut wiederum kann sich in destruktivem Handeln niederschlagen, etwa in einer gewissen Verweigerungshaltung, zuweilen auch in aktiver und bewusster Schädigung des Unternehmens, also in Sabotage. Dieses Zusammenspiel von Verharmlosung und Dramatisierung erschwert und behindert jede konstruktive Bewältigung der Krise.

  • Potenziell destruktive Wirkung

Gravierende Auswirkungen hat diese Tendenz zu Schönfärberei und Verharmlosung auch auf den Führungsnachwuchs. Da sie es zu etwas bringen wollen, orientieren sich karrierehungrige Aufsteiger stark am Top Management und versuchen, die Spielregeln zu herauszufinden, die für das Vorwärtskommen wichtig sind. Infolgedessen übernehmen viele von ihnen – oftmals allzu bereitwillig – den "Double-Speak", den ihnen Teile des Top Managements vorleben. Damit werden sie einerseits zu Vorreitern der Schönfärberei, andererseits gewöhnen sie sich eine Sprache (und damit auch ein Denken) an, das mittelfristig ihre Glaubwürdigkeit und damit ihr Führungspotenzial in Frage stellt. Wer seine Nachwuchskräfte entwickeln will, sollte ihnen deshalb ein Vorbild dafür sein, auf Schönfärberei zu verzichten und gerade bei unangenehmen Themen Klartext zu reden.

  • Gedankenlose Nachahmung schlechter Vorbilder
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